Peer-Kooperation heute: Die workstation Berlin

geschrieben von Christian Siefkes am 16. November 2008, 16:47 Uhr

Ausstellung zum 10-jährigen Jubiläum der workstation [1]Bei dem kürzlich in Potsdam stattgefundenen Forum „Krise als Chance“ [2] hatten die Veranstalter/innen sich so viel vorgenommen, dass leider kaum Zeit für Diskussion blieb. Deshalb war die Diskussion über mein Peerconomy-Modell schon wieder vorbei, bevor sie richtig angefangen hatte (obwohl wir sie hinterher in kleinerer Runde fortgesetzt haben). Das war schade. Schön war aber, dass ich dort ein spannendes Projekt kennengelernt habe, nämlich die workstation Berlin [3]:

Die workstation Ideenwerkstatt Berlin e.V. beschäftigt sich seit 1998 kritisch und unkonventionell mit den Themen Arbeit, Existenzsicherung und Lebensgestaltung. An der Schnittstelle von Kunst, Kultur und Sozialem entwickeln Betroffene zusammen mit uns und Entscheidungsträgern individuell und gesellschaftlich tragfähige Lebensentwürfe. Dabei setzen wir uns nicht nur kritisch mit dem bestehenden Erwerbssystem und dem tradierten Arbeitsbegriff auseinander, sondern zeigen Alternativen auf und leben und realisieren diese in diversen Projekten. Nach unserem Motto „Mach doch, was du willst!“ steht dabei die Frage im Mittelpunkt, wie jedeR einzelne sich Arbeit für sich wünscht und wie sich dies umsetzen lässt. Die workstation arbeitet so auf einen langfristigen und nachhaltigen Bewusstseins- und Gesellschaftswandel hin, um der Stigmatisierung und Ausgrenzung Erwerbsloser, den Absurditäten (Überarbeitung, ungleiche Ressourcenverteilung) der Arbeitsgesellschaft, entgegenzuwirken. (Selbstdarstellung [4])

Auch wenn die workstation sich nicht explizit kapitalismuskritisch gibt, bemüht sie sich um ein Zurückdrängen der Geldlogik und der Abhängigkeit vom Markt:

In modernen Gesellschaften sind wir daran gewöhnt, unsere Bedürfnisse über den Markt zu stillen. Die Logik des Marktes – Waren und Dienste zu nutzen und diese mit Geld zu entlohnen – ist fest in uns eingeschrieben. Doch dieser ökonomische Kosmos und die sich darin befindenden Akteure sind das Produkt besonderer historischer Umstände. Der Tausch findet in Form einer rationalen Logik statt, die von Gesetzen anderer Art beherrscht wird. […]

Im Kontext der workstation haben Geld und Geldwesen einen veränderten Wert gegenüber dem tradierten Gebrauch und sind nur eine gleichwertige Ressource neben den vielen anderen dieser Welt. Der Umgang mit Ressourcen ist generell maßvoll und bewusst, gearbeitet wird mit einer Kombination der Ressourcen und entsprechend ihrer situativen Verfügbarkeit. Das Ziel wird jeweils über den Weg erreicht, welcher gerade gangbar ist. Zeit, Geld, Sachmittel, soziale Kompetenz, Wissen, Erfahrungen, Kontakte, Räume, eigenes Energiepotenzial und Anerkennung sind gleichwertige Mittel, mit denen Tätigkeiten ermöglicht werden. (Quelle [5])

Die workstation ist bei vielen Freien Projekten involviert, etwa bei der Berliner Freifunk-Community [6], die ein Freies Funknetz [7] organisiert, und bei den Interkulturellen Gärten Friedrichshain-Kreuzberg [8] sowie diversen anderen [9] Interkulturellen Gärten [10] (community gardens – „Das Konzept der Interkulturellen Gärten besteht darin, Brachflächen in Gemeinschaftsgärten zu verwandeln, in denen Menschen unterschiedlicher kultureller Herkunft Nahrungsmittel anbauen und viele Aspekte ihres Alltags miteinander teilen können.“)

Zudem ist die workstation an sympathischen arbeitskritischen Projekten wie der Absageagentur [11] beteiligt; und sie betreibt einen Medienraum mit dem sprechenden Namen “Linux works!” [12], in dem regelmäßige Treffen von Linux-Interessent/innen stattfinden, die das Freie Betriebssystem kennenlernen und sich aneignen wollen.

Auch die AG /unvermittelt [13], über die Stefan schon berichtet [14] hat, geht auf eine Initiative der workstation zurück.

Ein weiteres Projekt sind die Kunst-Stoffe [15], eine „Zentralstelle für wiederverwendbare Materialien“:

Kunst-Stoffe ist ein Sammel- und Umverteilungszentrum für Rest-, Abfall- und Ausschussprodukte, die sich für eine Weiternutzung als ‚Materialien für Kultur‘ eignen. Dazu zählen Farben, Stoffe, Folien, Metall, Holz, Fliesen, Knöpfe und vieles anderes. Materialien, die für ihren Besitzer den Wert verlieren – weil sie nicht mehr zu den wirtschaftlichen Zielen beitragen, für den einmaligen Gebrauch waren oder kein Platz mehr für sie ist – werden in unseren Lagern gesammelt. Dort sind sie für gemeinnützige Kultur- und Bildungsarbeit zugänglich.

Das passt doch gut zu dem kürzlich vorgestellten [16] Ansatz der Berliner Künstlerin Folke Köbberling, die „die Stadt als Ressource“ zu nutzen – und tatsächlich haben die Kunst-Stoffe Folkes Ansatz aufgegriffen und wollen ein Portal für Umsonstmaterialien [17] aufbauen.

Die workstation versteht sich explizit als „Open Source-Konzept [18]“:

Idee und Philosophie der workstation können nicht unrechtmäßig angeeignet und kommerzialisiert werden, sondern nur von Menschen oder Institutionen, die dafür offen sind, praktiziert werden. Es ist wünschenswert, dass unser Konzept sich verbreitet: Wenn es erfolgreich praktiziert wird – jedeR entwickelt sich seine/ihre adäquate workstation –, führt es zu einem enormen Lernerfolg und Kompetenzgewinn bei denen, die sich den Prozessen von Selbstorganisation und Handlungskompetenzerwerb geöffnet haben. […] Die Idee und das Konzept der workstation sind also „open source“. Es geht uns um den freien Zugang zu gemeinschaftlichem Wissen und um Beteiligung verschiedener Personen und Organisationen an den unterschiedlichen Projekten von/mit/um workstation. Gerade dadurch wird es möglich, dass das Konzept von workstation jeweils entsprechend weiterentwickelt werden kann, dadurch Veränderungen offen steht und letztlich auch nur im Wandel seiner Gestalt fortbestehen kann.

In ihrem Vortrag auf dem Potsdamer Forum knüpfte Frauke Hehl, die Leiterin der workstation, auch immer wieder an meinen vorher gehalten Vortrag an und betonte, dass in ihren eigenen Aktivitäten allerhand Ansatzpunkte einer Peer-Ökonomie [19], in der die commonsbasierte Peer-Produktion [20] verallgemeinert wird, vorweggenommen würden. In der Tat – ein äußerst vielseitiges und spannendes Projekt!


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URLs in diesem Beitrag:

[1] Bild: http://workstation-berlin.org/workstation/10-jahre-workstation/

[2] Forum „Krise als Chance“: http://www.keimform.de/2008/10/29/forum-in-potsdam-alternativen-organisieren/

[3] workstation Berlin: http://workstation-berlin.org/

[4] Selbstdarstellung: http://workstation-berlin.org/workstation/kurze-selbstdarstellung/

[5] Quelle: http://workstation-berlin.org/workstation/existenzsicherung-durch-mischfinanzierung/

[6] Berliner Freifunk-Community: http://berlin.freifunk.net/

[7] Freies Funknetz: http://de.wikipedia.org/wiki/Freies_Funknetz

[8] Interkulturellen Gärten Friedrichshain-Kreuzberg: http://www.tourists.de/garten/

[9] diversen anderen: http://workstation-berlin.org/projekte/stadtentwicklung/

[10] Interkulturellen Gärten: http://de.wikipedia.org/wiki/Internationaler_Garten

[11] Absageagentur: http://www.absageagentur.de/

[12] “Linux works!”: http://workstation-berlin.org/projekte/computer-und-internet/linux-works/

[13] AG /unvermittelt: http://unvermittelt.net/

[14] berichtet: http://www.keimform.de/2008/04/19/unvermittelt-netzwerken/

[15] Kunst-Stoffe: http://www.kunst-stoffe-berlin.de/

[16] kürzlich vorgestellten: http://www.keimform.de/2008/11/04/peer-kunst-bericht-aus-linz/

[17] Portal für Umsonstmaterialien: http://www.kunst-stoffe-berlin.de/ressourcestadt.htm

[18] Open Source-Konzept: http://workstation-berlin.org/workstation/workstation-open-source-konzept/

[19] Peer-Ökonomie: http://peerconomy.org/wiki/Main_Page

[20] commonsbasierte Peer-Produktion: http://en.wikipedia.org/wiki/Commons-based_peer_production

[21] : https://keimform.de/2008/die-workstation-berlin/?share=email

[22] : https://keimform.de/2008/die-workstation-berlin/?share=facebook

[23] : https://keimform.de/2008/die-workstation-berlin/?share=twitter

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