Die lange Welle bricht

geschrieben von Benni Bärmann am 26. September 2008, 10:33 Uhr

Ich beschäftige mich ja seit einiger Zeit [1] mit der Theorie der langen Wellen [2]. Ursprünglich wurde mein Interesse geweckt durch Überlegungen, dass es eine langfristige Auswirkung von Moores Law auf die gesamte Wirtschaft [3] – und nicht nur den IT-Sektor – geben könnte. Meine erste These war, dass Moores Law [4] das Ufer ist an dem die lange Welle bricht, ich hab das damals ökonomische Singularität genannt.

Ich bin dann zwischenzeitlich davon wieder abgekommen, weil bis vor kurzem die lange Wellen Voraussage [5] einfach zu gut auf die Wirklichkeit gepasst hat. So schrieb Joshua Goldstein 2005:

„Historically, interest in long waves has waxed and waned, with greatest interest during bad times when the idea of a cycle suggest a brighter future. During good times, interest in cycles diminishes, since a cycle theory suggests that the good times will not last. This, sadly, is exactly the conclusion I draw regarding the good times of the 1990s. I hope I am wrong, but the long wave sequence leads to the depressing thought that the peace and prosperity of the 1990s may be the best conditions we are going to see for decades. I have elsewhere pointed to the dangers of a coming up-tick in inflation as the costs of the War on Terror begin to hit home in the coming years.“

Was erstaunlich korrekt ist und schon aus seinen Vorrausagen in den 80er-Jahren ableitbar. Doch dann geht es weiter:

„On the bright side, the war danger that I associate with the 2020s is still decades away, and perhaps tractable as world politics evolves. Meanwhile there could be much economic growth still to enjoy, at least for those with long-term fixed-rate mortgages who will be positioned to ride out a new round of inflation.“

Und das ist genau der Punkt an dem ich jetzt glaube, dass es so nicht mehr stimmen kann. „Meanwhile there could be much economic growth still to enjoy“ ist einfach aus der aktuellen Lage sehr unwahrscheinlich, denn seit ein paar Tagen wird immer absehbarer dass der globale Kapitalismus gerade in eine Krise schlittert die mindestens so groß ist wie die Weltwirtschaftskrise in den 30er Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts.

Also ist vielleicht doch was dran an meiner ursprünglichen These: Moores Law erfasst immer größere Bereiche der Wirtschaft und bricht damit die lange Welle. Manchmal ist der erste Gedanke wohl doch der beste.

Diese Frage ist für uns von enormer Wichtigkeit weil es darum geht über welchen zeitlichen Rahmen wir hier eigentlich reden. Geht es darum innerhalb von 5 Jahren eine neue Gesellschaft bauen zu können/wollen/müssen oder doch eher um 500 Jahre? Daraus folgt natürlich enorm viel für unsere persönliche Betroffenheit. Das ist der Punkt an dem sich Theorie und Praxis gute Nacht sagen. Wenn sich nun aber an Moores Law die lange Welle bricht heißt das wohl, dass sich in den nächsten 50 (oder gar 5?) Jahren entscheidet, wie die nächsten 500 Jahre aussehen werden. (Was im übrigen auch das ist, was Wallerstein [6] aus einer anderen Perspektive vertritt.)


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[1] seit einiger Zeit: http://www.keimform.de/2008/05/23/long-cycles-zwischenstand/

[2] Theorie der langen Wellen: http://aymargeddon.de/laboratorium/index.php/Benutzer:Benni/Konspekt_Goldstein_1988

[3] langfristige Auswirkung von Moores Law auf die gesamte Wirtschaft: http://www.opentheory.org/infokapitalismus/text.phtml?action=hideall&xid=936599013&lang=de

[4] Moores Law: http://de.wikipedia.org/wiki/Mooresches_Gesetz

[5] lange Wellen Voraussage: http://www.joshuagoldstein.com/jgkond.htm

[6] Wallerstein: http://www.keimform.de/2008/07/19/utopistik/

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