Die doppelte Radikalität von Keimformen

geschrieben von Benni Bärmann am 29. April 2008, 10:21 Uhr

Für mich liegt es auf der Hand: Der patriarchale Kapitalismus ist ein großer Scheiß und wir sollten ihn lieber heute als morgen loswerden. Um ihn loszuwerden braucht es Keimformen, die — obwohl systemtransformierend — selber auch im Kapitalismus funktional sind, also in der Lage sind ihn auszukooperieren [1]. Wegen dieser simplen Einsicht bin ich hier — ganz unabhängig von Detailstreits.

Komischerweise ist das scheinbar alles andere als einleuchtend für fast alle anderen Menschen. Ich mach mir immer mal wieder Gedanken darum, wieso das so ist. Ein Grund liegt sicherlich darin, dass die Lebenssituation der meisten Menschen nicht danach ist, weil sie entweder zu sehr vom System profitieren oder zu sehr von ihm mißbraucht werden. Darüber schrieb ich schon mal [2].

Es gibt aber meiner Meinung nach noch ein weiteres Problem: Das ist die doppelte Radikalität des Keimform-Ansatzes. Radikal sein — im Sinne des Hinterfragens von allgemein üblichem zu seinen Wurzeln — ist an sich schon eine Zumutung. Man muß sich gedanklich aus seinem üblichen Trott lösen und vermeintliche Wahrheiten kritisch betrachten. Das ist anstrengend und kostet Zeit und Energie. Dennoch gibt es ja noch verhältnismäßig viele Linksradikale (Nein, Rechtsradikale gibt es nicht wirklich) aber aus den genannten Gründen sind die schon eine verschwindende Minderheit. Deren Radikalität ist aber fast immer beschränkt auf die Analyse des Bestehenden. Jegliches Handeln wird dann in eben dieser Radikalität auf Kapitalismuskonformität abgeklopft. Logischerweise wird man dabei immer fündig werden, denn es gibt im Kapitalismus kein Handeln, dass nicht auch konform wäre. So bleibt diese einfache Radikalität zwangsläufig folgenlos. Ja, Folgenlosigkeit ist geradezu ihre Bedingung, denn jegliche Folge wäre ja gerade nicht mehr radikal in diesem einfachen Sinne.

Bis hierhin würden mir sicherlich noch viele radikale Linke zustimmen. Klar, man soll nicht nur die kritische Kritik kritisieren, sondern sich auch die Finger schmutzig machen, intervenieren, mit den Leuten auf gleicher Augenhöhe reden, usw… Das ist ein viel gelesenes und gehörtes Therorie-Fragment. Doch komischerweise verlässt an dieser Stelle diese Radikalen meist ihre Radikalität. Dann soll es auf die eine oder andere Weise dann doch die Agitation richten. Man müsse nur genügend Leute überzeugen und dann den Laden übernehmen. Viel gestritten wird dann eigentlich nur noch darüber, wie genau man viele Leute überzeugt. Die einen plädieren für professionelle Organisation (am Besten noch als Partei), die nächsten für Graswurzelbewegung und die übernächsten für Steine schmeißen. Sicherlich muß man Leute überzeugen, aber wenn der Kapitalismus nur ein Problem der bewußten Organisation wäre, das man per Willensakt aus der Welt schaffen kann, dann wäre er wohl niemals entstanden.

Demgegenüber beruht die doppelte Radikalität der verschiedensten Keimformansätze darin, die Erkenntnis ernst zu nehmen, dass es im Kapitalismus kein Handeln gibt, dass frei wäre von Systemkonformität. Das ist ja gerade ein Teil dessen, wieso wir ihn loswerden wollen. Die Kunst besteht nun darin im Detail zu zeigen, wo diese beiden Radikalitäten zusammenlaufen, obwohl sie sich an der Oberfläche zu widersprechen scheinen und dann danach zu handeln. Das ist doppelt mühsam — weil doppelt radikal — aber wir haben keine andere Möglichkeit als es zu versuchen.


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[1] auszukooperieren: http://www.keimform.de/2008/03/17/auskooperieren/

[2] schrieb ich schon mal: http://www.keimform.de/2007/10/08/birma-sein-und-keimform-bewusstsein/

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