Der alte Marx und die Probleme des Kapitalismus

geschrieben von Christian Siefkes am 17. Juni 2008, 12:46 Uhr

In einem seiner letzten Artikel [1] hat Stefan den jungen Karl Marx [2] lobend zitiert:

Marx geht hier von einem “menschlichen Wesen” aus, das unter den Bedingungen der Privatproduktion nicht zur Geltung kommen kann und dadurch sich selbst fremd werde. In der Entfremdung sieht Marx den Antrieb für die Aufhebung des (frühen) Kapitalismus.

Der alte Marx [3]Später hat Marx diese frühe Auffassung als idealistisch und idealisierend kritisiert (und damit immer auch normalisierend – wie geht man mit Menschen um, die dem postulierten “menschlichen Wesen” nicht entsprechen oder entsprechen wollen?). In seinen späteren Texten hat Marx es deshalb konsequent vermieden, überhaupt mit irgendwelchen Annahmen über ein “menschlichen Wesen” zu argumentieren (abgesehen von tautologischen [4] Annahmen wie dass Menschen so leben möchten, wie sie leben möchten, oder dass sie möglichst wenig von dem tun wollen, was sie nicht tun wollen).

Stefan kritisiert, dass dieser Verzicht auf ein postuliertes Menschenbild dazu führt, dass nicht mehr klar wird, warum man den Kapitalismus überhaupt überwinden solle. Eine positive “Quelle der Veränderung” könne “nur die entfaltete Individualität des Menschen sein”, die es (gemäß dem angenommenen Menschenbild) genießen, gemeinsam für andere zu produzieren und dabei deren Bedürfnisse zu befriedigen, wie das bei der freiwilligen Entwicklung Freier Software der Fall ist. Wenn es darum gehen soll, andere zu überzeugen, hat diese Argumentation allerdings einen doppelten Haken.

Zum einen funktioniert sie nicht, wenn mein Gegenüber davon überzeugt ist, nichts mehr zu genießen, als faul in der Sonne zu liegen und überhaupt nicht zu produzieren. Und zum anderen ist auch Lohnarbeit Produktion für andere – Produktion, die die Bedürfnisse anderer befriedigt. Andernfalls (wenn kein Gebrauchswert für andere produziert wird) scheitert der Verkauf der produzierten Waren, und die angestrebte Kapitalverwertung ist zur Kapitalvernichtung geworden. Warum diese Produktion für andere nur aufgrund der Tatsache, dass dafür Lohn bezahlt wird, zwangsläufig weniger befriedigend sein sollte, ist erstmal nicht gesagt und dürfte auch nicht in allen Fällen gelten. Wie also erklärt man Menschen, die mit ihrer Lohnarbeit durchaus glücklich und zufrieden sind und sie keineswegs als “entfremdet” empfinden, warum der Kapitalismus abgeschafft gehört?

Die Argumentation von Stefan bzw. dem jungen Marx hilft hier nicht weiter. Dabei gibt es diverse gute Gründe, die aber vor allem der ältere Marx herausarbeitet:

  1. Die Borniertheit (oder Indirektion): der Profit, nicht die Bedürfnisse bestimmen, was produziert wird und was nicht. Wessen Bedürfnisse sich nicht profitabel befriedigen lassen oder wer nicht hinreichend zahlungsfähig ist, hat Pech gehabt. Bedürfnisbefriedigung ist kein hinreichendes und im engeren Sinne (da sich Bedürfnisse auch erst erwecken oder verstärken lassen) nicht einmal ein notwendiges Kriterium für die Produktion.
  2. Der Fetischismus: die Verhältnisse im Kapitalismus erscheinen als systematisch verzerrt, Dinge und Beziehungen erscheinen als anders als sie sind. Insbesondere erscheinen die Beziehungen zwischen Personen (mir und den anderen Produzent/innen) als Beziehungen zwischen Dingen (den Waren, die wir produzieren oder die wir haben möchten, und dem Geld, das wir haben oder nicht haben), und andersherum. Dabei handelt es sich nicht um Irrtümer, sondern um reale Verzerrungen – reale Illusionen, die uns vorschreiben, wie wir uns verhalten müssen, und die unsere Handlungsspielräume bestimmen und beschränken.
    In Anlehnung an den Film War Games [5] könnte man sagen: “Wenn wir das Spiel durchschauen würden, würden wir aufhören es zu spielen” – letztlich ist die Unendlichkeit der Wertverwertung ja auch für die Kapitalist/innen selbst sinnlos. Aber nicht nur, dass die kapitalistische Realität es sehr schwer macht, diese realen Illusionen zu durchschauen – selbst wenn wir sie durchschauen, können wir dennoch nicht aufhören, uns am kapitalistischen Spiel zu beteiligen (sofern es uns nicht gelingt, ein alternatives ökonomisches System [6] aufzubauen, das uns das Überleben und die Befriedigung unserer Bedürfnisse ermöglicht), denn es handelt sich ja um reale Illusionen.
  3. Die Krisenhaftigkeit: ein dauerhaft reibungsloser Kapitalismus ist nicht möglich. Die unvermeidlichen zyklischen Krisen (die typischerweise etwa alle 10 Jahre auftreten) erzeugen nicht nur immer wieder verstärkt Not und Elend, sondern machen auch alle erkämpften Zugeständnisse und Errungenschaften prekär und vergänglich, da diese in Krisenzeiten leicht wieder beseitigt oder abgebaut werden können. Das macht Kämpfe um Verbesserungen innerhalb des Kapitalismus zwar nicht per se sinnlos, aber zur Sisyphosarbeit [7].
  4. Die Destruktivität: aufgrund der Spielregeln der kapitalistischen Konkurrenz (die alle zwingt, die Konkurrenz zu unterbieten oder zumindest mitzuhalten) und der Notwendigkeit zum möglichst weitgehenden und potenziell unbegrenzten Wachstums (um das akkumulierte Kapital jeweils erneut verwerten zu können), ist der Kapitalismus notwendigerweise destruktiv gegenüber den Arbeitskräften (den Menschen) und der Natur, die beide soweit es jeweils nur geht ausgebeutet werden müssen (oft bei Strafe des ökonomischen Untergangs für die Unternehmen, die bei dieser doppelten Ausbeutung weniger weit gehen als die anderen).
  5. Die Ausbeutung: Menschen, die ihre Arbeitskraft verkaufen, müssen grundsätzlich mehr/länger/härter arbeiten, als notwendig ist, um die Bedürfnisse zu befriedigen, die sie sich mittels des so verdienten Gelds befriedigen können. Diese zusätzliche Arbeit ist die Quelle des Mehrwerts [8] und damit des Profits – ohne sie würde sich kein/e Kapitalist/in für den Kauf der Arbeitskraft interessieren. Würde die Produktion auf nichtkapitalistische Weise organisiert, hätten die Menschen also entweder mehr Zeit für andere Dinge oder sie könnten sich zusätzliche Bedürfnisse befriedigen (selbst wenn der Charakter der Arbeit sich inhaltlich nicht ändern würde). Außerdem müssen sich Menschen, die ihre Arbeitskraft verkaufen, permanent den Zielen anderen Menschen unterordnen (bzw. dem ganz abstrakten und sinnfreien Zweck der Wertverwertung, der Verwandlung von Geld in mehr Geld).
    Sofern die Ausbeutung funktioniert (was im Allgemeinen der Fall sein dürfte), nimmt auch die gesellschaftliche Ungleichheit immer weiter zu, da sich bei den Geldbesitzer/innen immer mehr Mehrwert ansammelt. Schlimmer noch, als ausgebeutet zu werden, ist es unter kapitalistischen Verhältnissen allerdings, nicht ausgebeutet zu werden – ist man (mangels eigener Produktionsmittel) zum Verkauf der eigenen Arbeitskraft gezwungen, findet aber keinen Käufer (man ist für den kapitalistischen Produktionsprozess “überflüssig”), dann bleiben nur Hartz IV [9], Elend und Not.
  6. Die Tendenz des Kapitalismus zur Normierung und Normalisierung und dadurch zur Ausgrenzungen und Abspaltung des “Unnormalen” und nicht Passenden. Das kann sich äußern in der modernen Konstruktion des “Weiblichen” (dem abgespaltenen Bereich dessen, was sich nicht unmittelbar in die Verwertungslogik einpassen lässt), in der Normierung und Reglementierung der Sexualität und der Körper, und in der Psychiatrisierung derjenigen, die mit dem Verwertungszwang und der kapitalistischen Logik nicht klarkommen.
    Da der Kapitalismus aufgrund seines Fetischcharakters schwer zu durchschauen ist, führt verkürzte und irregeleite Kritik zudem immer wieder zu Ausgrenzung, Diffamierung und Verfolgung mutmaßlicher “Sündenböcke” (struktureller oder unmittelbarer Antisemitismus); und die permanente Notwendigkeit, mit anderen in Konkurrenz zu treten und sich mit anderen messen zu müssen, führt leicht dazu, sich vermeintlich unterlegene Menschengruppen herbeizureden, auf die man meint herabsehen zu können (Rassismus, Ausländer- und Frauenfeindlichkeit etc.). (Dieser Punkt taucht bei Marx selbst vielleicht noch weniger auf, er wurde aber von Autor/innen in seiner Tradition wie Roswitha Scholz [10] und Andrea Trumann [11] entwickelt.)

Also sechs gute Gründe für die Überwindung des Kapitalismus – Gründe, die auf die einen oder andere Weise alle treffen oder betreffen. Wem die nicht reichen, dürfte sich wohl auch durch weitere, letztlich spekulativ bleibende Argumente über die Natur des Menschen nicht umstimmen lassen…


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URLs in diesem Beitrag:

[1] einem seiner letzten Artikel: http://www.keimform.de/2008/06/12/karl-marx-ueber-freie-software/

[2] Karl Marx: http://de.wikipedia.org/wiki/Karl_Marx

[3] Bild: http://de.wikipedia.org/wiki/Bild:Marx_color.jpg

[4] tautologischen: http://de.wikipedia.org/wiki/Tautologie_%28Logik%29

[5] War Games: http://de.wikipedia.org/wiki/War_Games_%E2%80%93_Kriegsspiele

[6] alternatives ökonomisches System: http://peerconomy.org/wiki/Deutsch

[7] Sisyphosarbeit: http://de.wikipedia.org/wiki/Sisyphos#Sisyphosarbeit

[8] Mehrwerts: http://de.wikipedia.org/wiki/Mehrwert_%28Marxismus%29

[9] Hartz IV: http://de.wikipedia.org/wiki/Hartz_IV#Hartz_IV

[10] Roswitha Scholz: http://www.amazon.de/s?ie=UTF8&index=books-de&field-author=Scholz%2C%20Roswitha

[11] Andrea Trumann: http://www.theorie.org/index.php?p=2&isbn=3-89657-580-5

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