CyberSyn — Realsozialismus in Echtzeit

geschrieben von Stefan Meretz am 22. November 2008, 17:58 Uhr

CyberSyn-Kontrollraum -- klicken zum Vergrößern [1]Vor ziemlich genau 35 Jahren wurde der Realsozialismus in spe zerschlagen — in Chile. Kurz nach dem Putsch in Chile am 11. September 1973 zerstörten Militärs das CyberSyn-Kontrollzentrum (links im Bild). Ein neuer Anlauf zu einer sozialistischen Ökonomie war zerschlagen, die »Chicago-Boys« [2] hielten Einzug, und das neoliberale Experiment begann.

Die Art des Scheiterns des chilenischen Sozialismusanlaufs — ein gewalttätiger Abbruch — ist geeignet, allerlei Phantasien, was da hätte noch kommen können, zu mobilisieren. CyberSyn ist Teil der Projektionen.

Was ist CyberSyn?

CyberSyn (Cybernetic Synergy) war ein Projekt der Allende-Regierung in Chile (1970-1973), das eine zentrale Wirtschaftssteuerung auf Basis eines Fernschreiber-Netzwerkes anstrebte. In der Hauptstadt Santiago stand ein Mainframe-Rechner mit dem die bedeutenden Unternehmen des Landes sternförmig »verbunden« waren. Die Daten — sieben Kennziffern — wurden per Hand in den Zentralrechner eingegeben, der auf dieser Grundlage dann Prognosen errechnete und die Datenbasis für steuernde Maßnahmen lieferte. Im zentralen »Operationsraum« (ein Begriff aus der Kriegsführung) saßen maximal sieben Personen — was als optimale Gruppengröße für kreative Prozesse angesehen wurde — und diskutierten und entschieden die Maßnahmen.

Das Besondere war die in Software implementierten kybernetischen [3] Regelkreise und Bayesischen Filterverfahren [4]. Ziel war es, die Nachteile der Zentralverwaltungswirtschaften (Sowjetunion etc.) zu überwinden. Diese wurde vor allem in der großen Trägheit der steuernden Direktiven gesehen, die zudem oft falsch waren, weil zu wenige und oft nicht die richtigen Informationen rechtzeitig vorlagen. CyberSyn sollte einen real-funktionierenden Sozialismus mit einer Planung »in Echtzeit« möglich machen.

Kaskadierte Eskalation -- klicken zum Vergrößern [5]Ursprünglich war geplant, sukzessive in allen Betrieben ud Branchen Operationsräume einzurichten. Entscheidungen sollten nicht nur zentral, sondern in einem vierstufigen Verfahren auch lokal, sektoral oder branchenbezogen getroffen werden. Dabei gibt es ein kaskadiertes Eskalationsschema, wonach jeweils die nächst höhere Steuerungsebene eingreifen kann, wenn die untere Ebene nicht innerhalb einer festgesetzen Frist reagiert (siehe die nebenstehende Skizze von Stafford Beer [6], dem Architekten von CyberSyn). Zu dieser flächendeckenden Ausbaustufe kam es jedoch aufgrund des Putsches nicht mehr. CyberSyn kam so nie richtig zum Einsatz. Das Fernschreibernetz bewährte sich jedoch beim Transport-Boykott der Fuhrunternehmer von 1972, wo es der Regierung gelang, die verbliebenen geringen Transportkapazitäten so zu koordinieren, dass eine Grundversorgung der blockierten Hauptstadt aufrecht erhalten werden konnte.

Bewertung

CyberSyn ist gescheitert, nach Aussagen von Stafford Beer wegen der ökonomischen Subversion durch die CIA. Das ist sicher richtig. Die Frage ist heute jedoch: Hätte es funktionieren können?

Paul Cockshott und Allin Cottrell meinen »ja«. In ihrem Buch »Alternativen aus dem Rechner« [7] (das ich immer noch nicht gelesen habe, ts) widmen sie der »ökonomischen Kybernetik in Chile« allerings gerade mal zweieinhalb Seiten. Ich meine: Kommt drauf an, was man als »funktionieren« verstehen möchte. Versteht man darunter, die kapitalistische Warenwirtschaft möglichst effizient zu beeinflussen, dann könnte das kybernetische Steuerungsmodell der bloß dirigistischen Planwirtschaft überlegen sein. Versteht man darunter jedoch die Überwindung des Kapitalismus und seine Ersetzung durch eine andere, bessere Form der »Ökonomie«, dann sehe ich keine Chance.

Das Projekt CyberSyn und generell die sozialitische Regierung Allendes ging davon aus, dass Wirtschaft nun mal Wirtschaft sei — es käme darauf an, wer sie kontrolliert und welche Motive sich durchsetzen. Gemäß damaliger Vorstellungen können das entweder Privateigentümer (Motiv: Profit) oder der Staat (Motiv: Gemeinwohl) sein. Erstes wurde im damaligen Verständnis »Kapitalismus« genannt, zweites zumindest der Möglichkeit nach »Sozialismus«. Ich fürchte daran hat sich bis heute auch nicht viel geändert.

Beide Sichtweisen gehen von der grundsätzlichen Neutralität der Warenwirtschaft aus. Dem ist jedoch nicht so. Die Warenwirtschaft als solche erzeugt bereits ein marktvermitteltes kybernetisches Regelsystem, in dessen Zentrum der Verwertungszwang steht. Egal, wer es tut (privater Unternehmer oder Staat) und egal, was dieser Agent tut: Es muss sich rechnen. Die Verwertungslogik und damit auch das Profitmotiv ist in die Warenwirtschaft eingeschrieben. Man wird es auch durch Planung nicht los und kann es höchstens kaschieren oder missachten (bei Strafe des Bankrotts).

Interessant ist nun aber dennoch, dass der Kybernetik des Marktes mit dem CyberSyn-Konzept eine informationelle Kybernetik der Austarierung zur Seite gestellt wurde. Allerdings ist jedes informationelle kybernetische Abbild bestenfalls eine angenäherte Simulation der wirklichen Verhältnisse. Wenn nun die vollständige — weil reale — Kybernetik des Marktes systemlogisch zyklisch Krisen hervorbringt, wäre die interessante Frage, ob man diese Krisen »ausregulieren« könnte oder ob aufgrund der Kopplung zweier getrennter kybernetischer Regelkreise sogar krisenverschärfende Rückkopplungen möglich sind. — Angesichts der aktuellen Finanzkrise, die auch als Regulationskrise reflektiert wird, könnte das doch eine interessante Forschungsfrage sein.

Die These einer möglichen »Ausregulierung« zyklischer Krisen setzt aber eben jenes als Vorannahme voraus: Die Krise ist stets nur zyklisch, aber niemals systemisch. Kapitalismus als Pendel. Ich denke jedoch, dass die Annahme nicht (mehr) zu halten ist. Die Finanzkrise ist heute nicht nurmehr als zyklische, sondern vor allem als Systemkrise [8] zu begreifen. Systemkrisen, also Krisen der auf Ware und Wert beruhenden Regulationsform selbst, lassen sich jedoch nicht mehr »ausregulieren«. Regulieren lässt sich immer nur mit den vorgegebenen Mitteln (im wesentlichen über den Preis), die Mittel selbst können nicht »reguliert«, sie können nur gewechselt werden.

Was erforderlich wäre, ist ein Systemwechsel, also ein Wechsel der Regulationsform selbst. Mit der »Peer-Ökonomie« [9] liegt ein alternativer Vorschlag auf dem Tisch. Es handelt sich hierbei um eine »aufwandsregulierte« Produktionsweise, die man durchaus mit kybernetischen Ansätzen abbilden könnte. Die kybernetischen »Steuerinstanzen« sind allerdings hier die Menschen selbst. Und das ist meiner Meinung nach der einzige Ansatz, der überhaupt sinnvoll ist.


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[1] Bild: http://www.keimform.de/wp-content/uploads/2008/11/cybersyn.jpg

[2] »Chicago-Boys«: http://de.wikipedia.org/wiki/Chicago-Boy

[3] kybernetischen: http://de.wikipedia.org/wiki/Kybernetik

[4] Bayesischen Filterverfahren: http://de.wikipedia.org/wiki/Bayesscher_Filter

[5] Bild: http://www.keimform.de/wp-content/uploads/2008/11/cybersyn-algedonics.png

[6] Stafford Beer: http://de.wikipedia.org/wiki/Stafford_Beer

[7] »Alternativen aus dem Rechner«: http://www.keimform.de/2008/07/12/geplanter-kapitalismus/

[8] Systemkrise: http://www.krisis.org/2008/weltmarktbeben

[9] »Peer-Ökonomie«: http://www.keimform.de/tag/peer-economy/

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