Open Source Jahrbuch: Das erste Kapitel

geschrieben von Christian Siefkes am 25. März 2007, 19:44 Uhr

Der Untertitel des aktuellen Open Source Jahrbuch [1] ist mir erst beim Ansehen der Print-Version aufgefallen: Zwischen freier Software und Gesellschaftsmodell. „Gesellschaftsmodell“ klingt ja viel versprechend ūüôā — leider allerdings ist im Buch au√üer dem Artikel von Franz Nahrada und vielleicht dem von Gundolf S. Freyermuth (dazu je unten mehr) nicht viel zu finden, was diesem Anspruch gerecht werden k√∂nnte.

√úberhaupt kann ich allen, die das Buch nicht bestellen wollen oder k√∂nnen, nur den Download der PDF-Version [2] empfehlen, da die inhaltliche Gliederung des Buchs in der Online-√úbersichtsseite v√∂llig verloren geht. Insgesamt hat das Buch 7 Kapitel, die f√ľr uns interessantesten Artikel d√ľrften wohl v.a. in Kapitel 1 („Das Prinzip Open Source“) und 2 („Open-Source-√Ėkonomie“) zu finden.

Vorangestellt gibt es noch Stallmans „Warum ‚Open Source‘ das Wesentliche von ‚Freier Software‘ verdeckt“ [3] (leider nur das √ľbliche, wie erwartet) und eine Replik von Matthias B√§rwolff, einem der Herausgeber des Jahrbuchs. B√§rwolffs Artikel √ľber „Die √∂konomischen Grenzen freier Software“ [4] (S. 9) beginnt mit Worten:

Wenn die Freiheit des Einzelnen und die prinzipielle Unverletzlichkeit des Eigentums das Fundament unserer Gesellschaft bilden sollen, so geh√∂rt dazu zweifellos auch die Freiheit, anderen sein Eigentum oder Rechte daran in freundlicher Absicht weiterzugeben. Die Freiheit, von der Richard Stallman in seinem Artikel „Warum ‚ÄėOpen Source‚Äô das Wesentliche von ‚ÄėFreier Software‚Äô verdeckt“ spricht, hat also wahrlich nichts mit Kommunismus zu tun, sondern mit genau den b√ľrgerlichen Freiheiten, die wir auch den Ackermanns dieser Welt zubilligen.

Hehe — eine explizitere Best√§tigung f√ľr Sabine Nuss‘ [5] Thesen ist wohl kaum vorstellbar ūüėČ Der Artikel endet dann auch, wenig √ľberraschend, mit dem Fazit dass „die [kommerziell] erfolgreichsten Modelle in der Softwareindustrie Hybriden aus Freiheit und Nicht-Freiheit sind“.

Eine √§hnlich beschr√§nkt innerkapitalistische Fragestellung (wie kann man mit Open Source/offener Innovation am besten Geld verdienen?) hat auch der Artikel „Interaktive Wertsch√∂pfung — Produktion nach Open-Source-Prinzipien“ [6] (S. 87) von Frank Piller, Ralf Reichwald und Christopher Ihl. Wobei bei solchen „gemischten“ Ans√§tzen sowohl die Beitragenden als auch die Nutzer/innen letztlich „die Dummen“ sind, weil die Rechte f√ľr eine Innovation doch wieder bei der Firma landen. Aber dass einige Leute eine Idee haben, wie sie reich werden wollen, hei√üt ja gl√ľcklicherweise noch nicht, dass der Rest der Menschheit sie dabei unterst√ľtzen m√ľsste ūüėČ

Sehr viel spannender ist Gundolf S. Freyermuths umfangreicher Essay „Offene Geheimnisse — Die Ausbildung der Open-Source-Praxis im 20. Jahrhundert“ [7] (S. 17). Freyermuth liefert eine interessante Interpretation der Geschichte des PCs und des Internets, in der er klar macht, dass es eben meist nicht kommerzielle Interessen waren, die diese Entwicklungen vorangetrieben haben, sondern Bastler und Technikbegeisterte, denen es zun√§chst um den Gebrauchs- [8] und nicht um den Tauschwert [9] ihrer Innovationen ging. Die kommerziellen Player, so dominant sie sp√§ter auch erscheinen m√∂gen, sind erst im Nachhinein auf den Zug aufgesprungen, oder die Bastler haben im Lauf der Zeit bemerkt, dass sie mit ihren Ideen eben auch Geld verdienen k√∂nnen, und dadurch ver√§nderte sich ihre Perspektive.

Freyermuth vertritt auch eine beschr√§nkte Form der Keimform-These, denn er weist darauf hin, dass neue Produktionsmethoden, die zun√§chst in den jeweils neuartigsten Branchen entwickelt und erprobt werden (wie eben heute die Open-Source-Praktiken in der Softwareentwicklung) sp√§ter oft zur insgesamt dominierenden Produktionsweise aufsteigen. Zudem charakterisiert er sechs Innovationen, die er in den Praktiken der Freien Softwareentwickler und „Hacker“ [10] sieht:

  1. Selbstermächtigung der Nutzer
  2. Nutzergetriebene Evolution offener Standards
  3. Produktionsgemeinschaft der Gleichen
  4. Geistiges Gemeineigentum
  5. Vernetztes Wissensarbeiten
  6. Konkurrierende Kollaboration

W√§hrend sich Freyermuth mit der Vergangenheit besch√§ftigt, geht es Franz Nahrada um die Zukunft. In seinem Artikel „Piazze telematiche, Video Bridges, Open Coops — der m√ľhsame Weg zu den Globalen D√∂rfern“ [11] (S. 103) stellt er die Frage, wie die Produktionsweise freier Software auf materielle G√ľter ausgedehnt werden kann. Seine Antwort, die „Idee der Globalen D√∂rfer“ finde ich allerdings nach wie vor nicht so ganz √ľberzeugend. In dem Text wirft er noch alle m√∂glichen Zutaten — wie Telelearning, Handwerk in vernetzten Kleinbetrieben, Produktion in niedrigen St√ľckzahlen, intelligentes √∂ko-logisches Design — in den Pott. Ob aus diesem Mischmasch ein schmackhafter Eintopf werden kann? Ich habe da so meine Zweifel… Aber dass dank Franz diese Frage in dem Jahrbuch √ľberhaupt gestellt wird, ist schon mal erfreulich ūüôā

Ein weiterer interessanter Artikel aus dem 1. Kapitel ist „Pharmaforschung mit Open-Source-Methoden“ [12] (S. 73) von Janet Hope, in dem die Autorin Ans√§tze zur Entwicklung von Arzneimitteln gem√§√ü Open-Source-Prinzipien beschreibt und diskutiert. Ein immens wichtiger Bereich, wo das Versagen der kapitalistischen Produktionsweise besonders deutlich ist, weil Armutskrankheiten, die v.a. in der Dritten Welt auftreten, in der heutigen Pharmaforschung — mangels zahlungskr√§ftiger Patienten — weitgehend vernachl√§ssigt werden. Hopes Artikel macht allerdings klar, wie schwierig die Integration offener Modelle sein kann, wenn man die Pharmagiganten trotzdem ins Boot holen will.

Soweit f√ľr heute zum Kapitel 1 („Das Prinzip Open Source“). Demn√§chst will ich mir noch Kapitel 2 („Open-Source-√Ėkonomie“) vornehmen…


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[1] aktuellen Open Source Jahrbuch: http://www.keimform.de/2007/03/21/das-neue-open-source-jahrbuch-ist-da/

[2] Download der PDF-Version: http://www.opensourcejahrbuch.de/download/jb2007/

[3] „Warum ‚Open Source‘ das Wesentliche von ‚Freier Software‘ verdeckt“: http://www.opensourcejahrbuch.de/portal/article_show?article=osjb2007-00-02-stallman.pdf

[4] „Die √∂konomischen Grenzen freier Software“: http://www.opensourcejahrbuch.de/portal/article_show?article=osjb2007-00-03-baerwolff.pdf

[5] Sabine Nuss‘: http://copyriot.in-berlin.de/

[6] „Interaktive Wertsch√∂pfung — Produktion nach Open-Source-Prinzipien“: http://www.opensourcejahrbuch.de/portal/article_show?article=osjb2007-01-05-pillerreichwaldihl.pdf

[7] „Offene Geheimnisse — Die Ausbildung der Open-Source-Praxis im 20. Jahrhundert“: http://www.opensourcejahrbuch.de/portal/article_show?article=osjb2007-01-02-freyermuth.pdf

[8] Gebrauchs-: http://www.freie-gesellschaft.de/wiki/Gebrauchswert

[9] Tauschwert: http://www.freie-gesellschaft.de/wiki/Tauschwert

[10] „Hacker“: http://www.freie-gesellschaft.de/wiki/Hackerethik

[11] „Piazze telematiche, Video Bridges, Open Coops — der m√ľhsame Weg zu den Globalen D√∂rfern“: http://www.opensourcejahrbuch.de/portal/article_show?article=osjb2007-01-06-nahrada.pdf

[12] „Pharmaforschung mit Open-Source-Methoden“: http://www.opensourcejahrbuch.de/portal/article_show?article=osjb2007-01-04-hope.pdf

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