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Commons? Commonism!

Im sehr lesenswerten Commonsblog gibt es einen interessanten Grundsatzartikel [1] von Silke Helfrich. Gesucht wird dort die Gemeinsamkeit ganz unterschiedlicher Prozesse von Freier Software über Artenvielfalt bis hin zur Klimadebatte im Begriff der Commons oder Allmende [2]. Viele der Konflikte heutzutage lassen sich so verstehen als Konflikte um die institutionelle Ausgestaltung der Commons. Daran ist viel wahres und wir beackern das Thema ja auch oft. Dennoch habe ich wesentliche Kritik an diesem Vorgehen:

Obwohl der historische Begriff der Allmende nicht nur im Untertitel des Blogs prominent vertreten ist, mutet vieles seltsam unhistorisch an. Ist es nicht so, dass die Verwaltung der Commons genau deswegen zum Problem wird, weil wir in einer Gesellschaft leben, in der die Produktion unseres Lebens organisiert ist als die Produktion unabhängiger Eigentümer die sich erst über den Markt vermittelt? Wieso haben Allmenden früher lange funktioniert? Wieso waren sie lange so gut wie verschwunden kommen aber jetzt wieder ins Bewusstsein? Sind diese vielfältigen Probleme zu verstehen ohne diese Produktionsweise zu verstehen? Ich meine nein. Ich würde sogar noch weiter gehen: Wenn man diesen Aspekt aussen vor lässt sitzt man dem ganzen tief sitzenden Missverständnis in der Allmendedebatte auf. Diese wurde angestoßen durch einen biologistischen Artikel zum Thema „Tragik der Allmende [3]“ von Garrett Hardin. Seiner Meinung nach ist es ein unausweichliches Schicksal der Allmende überausgebeutet zu werden, weil jeder einzelne Nutzer für sich immer so viel wie irgend möglich rausschlagen wird. Diese von Hardin biologistisch gesetzte Annahme ist richtig allerdings nur in eben der Gesellschaft, in der nicht die Bedürfnisse ausschlaggebend für die Entnahme sind, sondern in der Bedürfnisse als potentiell unendlich gesetzt und gemacht werden. Hardin hat Recht, aber nur im Kapitalismus. Nur der Kapitalismus ist die Universalisierung der Gier, die den Commons notwendig den Garaus machen muss. Wenn man über Commons redet, aber über den Kapitalismus schweigt, wird also immer eine gute Portion Hardin mitschwingen.

Wenn man nun aber nach einer Produktionsweise sucht, die den Commons angemessen wäre, stößt man schnell auf die Peer-Production [4]. Diese wird üblicherweise beschrieben als auf die immaterielle Sphäre beschränkt. Sehr richtig beschreibt Silke Hefrich dagegen die vielfältigen Verschränkungen des Materiellen mit dem Immateriellen:

„Materielles und Immaterielles ist ineinander eingeschrieben. Pflanzen sind die Trägersubstanz der genetischen Information die sie bergen. Die Dekodierung – in traditionellen oder wissenschaftlichen Erkenntnissen – ihrer Heilkraft ist geknüpft an diese Pflanze und die in sie eingeschriebene Information. Der kulturelle und soziale Aspekt von Landschaft komponiert sich aus Anfassbarem: aus Wasser, Bergen, Erde, Bäumen aber auch aus Nichtanfassbarem: Dem Himmel über und der Stille um uns. Die Ideen sind fixiert zwischen Buchdeckeln, also auf dem Holz der Bäume, die für sie gefällt wurden. Selbst die These von der nahezu unbegrenzten Reproduzierbarkeit von Ideen und Information im digitalen Zeitalter findet ihre Grenze im Verbrauch von Ressourcen und Energie für Hardware und Übertragungswege. Inhalt ist immer “aufgesteckt” auf irgend etwas. Keine Idee ohne Substanz, die sie trägt.“

Wenn nun also Die Peer-Production, die den Commons angemessene Produktionsweise ist und die ansonsten hier und heute übliche Produktionsweise den Commons schadet, wäre doch die naheliegende Schlußfolgerung: Wir müssen uns auf die Suche machen nach einer Produktionsweise, die den Commons angemessen ist, dem Commonismus [5], materiell und immateriell. Diese Antwort bleibt (noch?) aus. Ein erster Ansatz Peer-Production auf materielle Güter auszuweiten, der noch immer viel zu wenig diskutiert wird, ist Christians Buch [6] zur Peerconomy.

Ich will noch auf einen anderen Aspekt aus dem genannten Artikel eingehen. Es wird dort betont, dass es nicht so sehr auf die Eigentumsordnung ankommt:

„Aus dieser Perspektive auf Konflikte zu schauen heißt oft, jenseits der bisweilen unfruchtbaren Polarisierung um Markt versus Staat, Öffentlich versus Privat, Kooperation versus Konkurrenz zu argumentieren. Jenseits von Markt und Staat, wie die Friends of the Commons sagen. Eine der wichtigsten Erkenntnisse der Commonstheorie lautet meines Erachtens: “government ownership, private ownership, and community ownership have all succeeded as well as failed to insure long term sustainable commons management”, so schreiben Ostrom und Laerhoven kürzlich als Resümee der Analyse institutioneller Erfahrungen im natürlichen Ressourcenmanagement.“

Dem kann ich nur zustimmen würde allerdings ergänzen, dass alle diese dort genannten Eigentumsformen ja nur Subformen der grundsätzlich im Kapitalismus üblichen Form des Eigentums sind. Auch das ist ja bekanntlich historisch gewachsen und nichts natürliches, wie wir von Sabine Nuss und Christian Schmidt gelernt [7] haben. Dass alle diese Subformen mit den Commons nicht zurechtkommen liegt genau daran. Dass sie alle eben doch manchmal zurechtkommen liegt daran, dass die Gier eben nicht universalisierbar ist und es deshalb im Kapitalismus, immer Ritze, Nieschen und Keimformen geben wird. Diese suchen sich dann die am ehesten passendsten Eigentumsformen, die es eben gibt. Das geht dann bei den Allmendebesetzungen der Digger [8] los und endet noch lange nicht bei den Copyleft-Lizenzen [9].