Bericht vom »Zivilisationssprung«

geschrieben von Stefan Meretz am 27. März 2007, 22:24 Uhr

»Keimformen«...

Vom 23. bis 25. März fand das lange »Zivilisationssprung«-Wochenende [1] in Hiddinghausen statt. Rund 30 Menschen fast aller Altersklassen genossen den Aufenthalt im unschlagbar schönen restaurierten Fachwerkhaus, in das Uli Frank und unverdient.de [2] immer wieder zu Veranstaltungen [3] einladen. Wie meist bei solchen Veranstaltungen läuft das wirklich Wichtige »nebenbei«, beim Essen, beim Spielen, im Garten, nachts zwischen 3:00 und 6:00 usw. Wenn ich jetzt mich jetzt trotzdem auf die beiden festen Programmpunkte konzentriere, dann entspricht das nur zum kleinen Teil dem Wochenende, das ohnehin jede/r anders erlebt hat (Kommentare als Ergänzungen erwünscht!).

Den Kapitalismus »(r)aus-rechnen« -- die Fünfstundenwoche

Darwin Dante -- kurz einfach: Dante -- ist vielen bekannt als Finder der Fünfstundenwoche [4]. Ich schreibe bewusst »Finder«, denn Dante ist wichtig, dass er nichts »erfindet«, sondern aufzeigt und beweist, dass eine Fünfstundenwoche möglich ist: Dante ist Ingenieur und argumeniert sehr explizit auf dieser Grundlage. Er rechnet vor, dass die Fünfstundenwoche funktioniert und fordert auf, diese Argumente zu überprüfen und ggf. zu widerlegen.

Ausgangspunkt ist die These, dass »heute 3/4 aller Weltbürger, Menschen im Alter zwischen 20 und 60 Jahren, von den notwendigen güterwirtschaftlichen Arbeiten durch die Geldwirtschaft ferngehalten werden« oder in etwas anderen Worten gesagt: Sie werden vom Kapitalismus ausgegrenzt und haben nicht die Chance, ihre individuellen Potenzen zu entfalten. -- Ich muss zugeben, dass klang für mich anfangs etwas nach »Arbeitsfetisch«, aber dem ist nicht so.

Grundlage der Berechnungen sind die Daten aus dem Statistischen Jahrbuch der BRD des Jahres 1988. Eine Aktualisierung wäre sicher einmal sinnvoll, aber an der grundlegenden Aussage würde sich nichts ändern, sie dürfte mit aktuellem Zahlenmaterial eher noch deutlicher ausfallen.

Dante geht folgende Argumentationsschritte (ich überspringe einige Teilschritte):

  • Die Geldwirtschaft ist nur notwendig, weil Güter künstlich knapp gehalten werden, um sie verwerten zu können. Würden alle arbeiten, die wollen, gäbe eine »Überproduktion«, also genug für alle. Dann könnte jedoch die Geldwirtschaft entfallen. Das wiederum würde eine riesige Menge unsinnig verausgabter Tätigkeiten (»Wasserkopf«) einsparen. Beschränkt man sich auf die gesellschaftlich notwendigen Arbeiten und setzt diese Einsparung in eine Arbeitszeitverkürzung für alle um, ergäbe sich eine Wochenarbeitszeit von 18,6 Stunden.
  • Die »Konsumgesellschaft« ist auf Verbrauch und Verschleiß angelegt. Würde die Güterproduktion auf Langlebigkeit ausgerichtet und der Einspareffekt (neben einer zusätzlichen Einsparung an notwendiger Primärenergie und anderer sekundärer Effekte) wiederum auf die notwendige Arbeitszeit pro Woche umgerechnet, dann ergäben sich nur noch 9,8 Stunden.
  • Nicht nur »Arbeitslose« werden gesellschaftlich von der produktiven Teilhabe ausgegrenzt, sondern auch Menschen mit Behinderungen, ältere Menschen und andere. Gäbe es die Form des »Kaputtarbeitens« nicht mehr und würden alle bisher aus dem produktiven Prozess ausgegrenzten Menschen einbezogen, so ergäben sich -- wiederum auf eine Wochenarbeitszeit umgerechnet -- nurmehr 6,9 Stunden.
  • Mit erweitertem Technikeinsatz (»Vollautomatisierung« -- aus der Perspektive von 1988 gesehen, was faktisch bereits erreicht ist) ließe sich der Wert weiter runterbringen auf 4,9 Stunden.

Der Beweis ist vollzogen, die Fünfstundenwoche ist machbar -- und das bei unverringertem Lebensstandard. Nun jedoch erst beginnen die für mich eigentlich interessanten Überlegungen. Denn eigentlich bedeutet eine Fünfstundenwoche faktisch eine Nullstundenwoche -- Arbeit als »Arbeit« wird es nicht mehr geben. Die gesamte Gesellschaft wird sich neu organisieren und ihre Tätigkeiten nur noch von den Bedürfnissen leiten lassen. Die gesellschaftlich notwendigen Tätigkeiten werden zum »Nebenprodukt« der allgemeinen menschlichen Lebenstätigkeit. -- Das ist eine »Utopie«, mit der ich mich sehr gut anfreunden kann.

Wir kommen wir dorthin? Nun, Dante setzt auf die Vernunft und die Überzeugungskraft der Argumente, auf Aufklärung und Demokratie. Hier gab es eine breite Palette an Einwänden, die ich schwer zusammenfassen kann. Sie reichten von einer Aufklärungskritik bis zur Meinung, dass ein Weg über Abstimmungen illusorisch ist. Sehr angenehm fand ich, dass Dante stets offen war für solche Kritiken und neue Perspektiven.

Der Kapitalismus entwertet sich selbst

Über meinen eigenen Beitrag zu berichten, fällt mit schwer. Ich konnte mir schlecht selbst zuhören;-) Außerdem war ich vorher ziemlich unsicher, ob ich meine doch ziemlich theoretischen Überlegungen mit allerhand begrifflichem Apparat überhaupt jemandem zumuten kann. Ein »rechnerischen Beweis« hatte ich nicht parat. Dennoch ging es mir auch um einen Beweis oder besser: Nachweis. Es ging mir darum zu zeigen, dass sich der Kapitalismus systematisch seine eigenen ökonomischen Grundlagen entzieht und dabei gleichzeitig noch in der alten Form die Grundlagen einer neuen Produktionsweise erzeugt.

Bislang hat die »Wertkritik« [5] argumentiert, dass die gesamtgesellschaftliche Wertsubstanz infolge der Einsparung von lebendiger Arbeitskraft in der Produktion zurückgeht, weswegen der Kapitalismus strukturell in eine Krise gerät. Dabei blieb jedoch ein wichtiger Bereich -- nämlich der der Wissens- und Kulturgüter -- außen vor. KritikerInnen der Wertkritik argumentierten häufig, dass es sich bloß um einen gesellschaftlichen Umgruppierungsprozess der wertschöpfenden Bereiche handelt: Was gestern noch die stoffliche Produktion lieferte, ist die Produktion nicht-stofflicher Wissens- und Kulturgüter gewandert.

In der neuen Ausgabe der Zeitschrift »krisis« [6] geht's genau um diese Frage. Ernst Lohoff hat hier wichtige neue Erkenntnisse geliefert, auf die ich mich beziehe. Mein Vortrag war ein Auszug aus meinem vorbereiteten Beitrag zu dem »krisis«-Heft [7], gewissermaßen als Bericht aus dem Labor. Es handelt sich um genau jenen Teil, den ich auch bereits hier auf keimform.de im Entwurf [8] zur Diskussion gestellt habe. Eine aktuelle Fassung online gibt's leider noch nicht -- das wird nachgeholt, sobald das »krisis«-Heft fertig ist.

Die vier Dimensionen von Gütern [9] Allgemeingut und Universalgut [10] Allgemeingüter und Universalgüter - Fazit [11] Universalgüter und Arbeit [12] Selbstverwertung und Selbstentfaltung [13]

Wie häufig, so habe ich auch dieses Mal Plakate erstellt, die ihr hier links sehen könnt (ein Klick auf die Bilder zeigt eine vergrößerte Version).

Die Überlegungen aus dem früheren Entwurf habe ich etwas weiter getrieben. Ich bin zu der Einsicht gekommen, dass Universalgüter -- also nicht-stoffliche und meist digital vorliegende Wissens- und Kulturgüter einschließlich Software -- ihren universellen Charakter unabhängig von der gesellschaftlichen Form besitzen. Das bedeutet, dass es egal ist, ob ein Universalgut frei oder in privatisierter Form als Bezahlgut nur eingeschränkt zugänglich ist: Der Charakter als Universalgut bleibt erhalten. Das unterscheidet das Universalgut von anderen Allgemeingütern: Werden diese privatisiert, werden sie zu Waren, und der Charakter als Allgemeingut geht verloren.

Universalgüter sind also paradox. Es sind einerseits keine Tauschgüter, denn sie können nur weitergegeben werden -- ein "Händewechsel" findet nicht statt. Damit sind sie folglich keine Waren, obwohl sie uns andererseits als Bezahlgüter in Warenform begegnen. Sie sehen so aus wie Waren, sie sind scheinbar knapp, doch schaut man genau hin, dann erkennt man, dass die Knappheit nur eine äußerliche Hülle darstellt, die ganz schnell abgestreift werden kann (keep on hackin'...).

Schon Karl Marx hat erkannt, dass solche universellen Güter nicht durch wertbildende "unmittelbare abstrakte Arbeit" entstehen, sondern durch "allgemeine Arbeit". Allgemeine Arbeit ist von vornherein gesellschaftliche Arbeit: Sie ist zwar Voraussetzung für kapitalistische Produktion, bildet jedoch keine Wertsubstanz. Marx' hatte als Beispiel die Wissenschaft vor Augen, das Gleiche gilt heute für alle Universalgüter.

Nun wird dennoch viel Geld mit (privatisierten) Universalgütern verdient -- wo kommt dann der Wert her, wenn nicht aus der Produktion des Gutes selbst? Er kommt aus anderer Wertproduktion oder dem Lohnarbeitseinkommen. Es wird also kein neuer Wert geschaffen, sondern vorhandener wird nur umverteilt. Diesen Prozess haben andere bereits früher (teilweise) erkannt und diese Einkünfte aus umgeleitetem Wert "Informationsrente" genannt.

Warum ist das überhaupt wichtig? Wenn die These zutrifft, dass Universalgüter in welcher Form auch immer "wertlos" sind, dann gilt das auch für proprietäre stofflose Güter wie etwa Software. Damit ist das Besondere von Freier Software nicht mehr (wie ich noch früher argumentierte), dass sie allein "wertfrei" ist. Das Besondere ist nun anders einzuschätzen: Freie Software entspricht hinsichtlich ihrer universellen Produktionsweise dem Charakter des universellen Gutes, sie ist die dem Produkt angemessene Produktionsweise.

In der alten kapitalistischen Produktionsweise entsteht demnach ein Gut, dass von seinem Charakter her über diese Produktionsweise hinausweist, aber gleichzeitig innerhalb der Produktionsweise funktional ist (z.B. Kosten einspart). Die Freie Software ist demgegenüber die dem Gut angemessenere soziale Form der Herstellung. Stimmt das, wird sie sich auch langfristig durchsetzen.

Das Neue entsteht nicht neben, sondern innerhalb des Alten. Dennoch gibt es keinen Automatismus, dass sich die neuen Formen auch tatsächlich durchsetzen. Das muss aktiv getan werden, nicht zuletzt auch deswegen, weil es keinesfalls ausreicht, nur einzelne Bereiche umzuwälzen und anzunehmen, der Rest könne so weiterlaufen.

Für die Diskussion habe ich das letzte, schon ältere Plakat zur Selbstentfaltung an die Wand gehängt. Denn nach meiner Meinung geht es darum, in allen gesellschaftlichen Bereichen die Punkte zu identifizieren, wo keimförmig Neues entsteht. Und es ist klar, dass dies immer damit zu tun hat, dass Menschen ihre individuellen Potenzen voll entfalten.

Dies haben uns nicht zuletzt die Kinder am Wochenende sinnlich vorgeführt:-)


Beitrag gedruckt von keimform.de: https://keimform.de

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URLs in diesem Beitrag:

[1] »Zivilisationssprung«-Wochenende: http://www.keimform.de/2007/03/02/zivilisationssprung/

[2] Uli Frank und unverdient.de: http://unverdient.de/

[3] Veranstaltungen: http://unverdient.de/uv/pmwiki/index.php?n=Unverdient.AktuElles

[4] Fünfstundenwoche: http://www.5-stunden-woche.de/

[5] »Wertkritik«: http://www.balzix.de/interview_was_ist_wertkritik_1998.html

[6] »krisis«: http://www.krisis.org/

[7] »krisis«-Heft: http://www.balzix.de/Voranzeige-krisis-31.html

[8] auf keimform.de im Entwurf: http://www.keimform.de/2007/01/22/rfc-universalgut/

[9] Bild: http://www.keimform.de/wp-content/uploads/2007/03/epochenwende_20070324_18.jpg

[10] Bild: http://www.keimform.de/wp-content/uploads/2007/03/epochenwende_20070324_19.jpg

[11] Bild: http://www.keimform.de/wp-content/uploads/2007/03/epochenwende_20070324_20.jpg

[12] Bild: http://www.keimform.de/wp-content/uploads/2007/03/epochenwende_20070324_21.jpg

[13] Bild: http://www.keimform.de/wp-content/uploads/2007/03/epochenwende_20070324_22.jpg

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