Fetisch »Geistiges Eigentum«

geschrieben von Stefan Meretz am 14. Oktober 2006, 15:46 Uhr

Dekonstruktiver Aufkleber der »Streifzüge«In loser Folge will ich die Artikel meiner Kolumne »Immaterial World« [1] in der Wiener Zeitschrift »Streifzüge« [2] Revue passieren lassen und nachschauen, ob und wie über die angesprochenen Themen online diskutiert [3] wurde. Die erste Folge erschien vor über zwei Jahren im Juli 2004 unter der Überschrift »Geistiges Eigentum – Rechtsfetisch sui generis« [3].

Das »Geistige Eigentum« bzw. englisch »intellectual property« ist eine total merkwürdige Sache: Es ist etwas, dass nur durch »Anerkennung« existiert. Raimund Köhn nennt das frei nach Kant »intelligibel« [4], ich habe es einen »Rechtsfetisch sui generis [5]« genannt, übersetzt in etwa: Ein Fetisch, der in sich letzte Begründung und also auf nichts Drittes zurückführbar ist. Natürlich braucht es zur Durchsetzung ein Machtmonopol, also den Staat, worauf Hans-Gert Gräbe hinweist. Doch, was es heißt, nicht dem Fetisch »Geistiges Eigentum« zu huldigen und den Staat Staat sein zu lassen, kann man in Brasilien [6] beobachten. Da sind die Deutschen wohl wohl »am fetischistischsten« auf der Welt.

Verstehbar wird »Geistiges Eigentum« einzig im Zusammenhang mit der Verwertungslogik, denn Verwertung setzt Exklusion Anderer von der Nutzung voraus. Dabei ist es eben unerheblich, ob es dem Gut ja gar nichts antut, wenn die Welt darauf zugreift – im Gegenteil, viele hätten dann was davon. Diese Vielen sollen jedoch nichts davon haben, damit ein paar Wenige das Gut via Verkauf auf einem Markt in Geld verwandeln und dieses in ihre Taschen leiten können. – Einem Außerirdischen muss dieses Verhalten in etwa so absurd anmuten wie wir heute vielleicht das Durchstechen von Puppen mit Nadeln zwecks Übertragung der Puppenqualen auf einen realen Menschen als bloße »Fetischhandlung« betrachten. Ja, eben.

Dennoch, so mahnt Hans-Gert Gräbe, solle ich nicht durch »Verteufelung der Wertform« gleich »das Kind mit dem Bade« ausschütten. Nun ja, einen Fetisch »Geistiges Eigentum« treibt man nicht mit einem Fetisch »Teufel« aus, schon recht. Aber das meinte er wohl nicht. Sondern »lebendiges Wissen« sei nun stets, also immer, »eine knappe Ressource« (hä?), was logischerweise dazu führen muss, dass sich eine Gesellschaft Bewertungs- und Steuerungsinstrumente überlegen muss. – Aha, noch so ein Fetischbegriff: »Knappheit«. Aber der kommt dann erst in Folge 2 [7] meines Review-Streifzugs durch die immaterielle Welt dran.

Auffällig ist schon, dass kurzerhand bestimmte historisch besondere Erscheinungen mit dem Schlenker »ist nun mal so« zur Natur erklärt werden. Haha, das „is-so“-Argument! Darüber machen wir uns in der Familie immer lustig, wenn einer von uns in seiner oder ihrer Argumentationsnot darauf zurückgreift: »Is-so – Ich schrei‘ sonst!«. So bekommen einige Menschen die Panik, wenn ich ihnen – zunächst ja mal nur als Gedankenform – den Wert wegnehme und behaupte: Dann hätten wir schlicht viele Probleme nicht – dafür allerdings andere. Nach meiner Auffassung geht »Keimformdenken« nur durch gedankliches Wegnehmen von Fetischen, um sich dann der Frage zuzuwenden: »Ok, Fetisch weg, was nun?« Immerhin nimmt uns so ein Fetisch eine Menge »Gedankenarbeit« ab, aber er macht uns auch denkfaul – läuft ja alles so schön automatisch.


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URLs in diesem Beitrag:

[1] Kolumne »Immaterial World«: http://www.opentheory.org/immaterial_world/

[2] Zeitschrift »Streifzüge«: http://www.streifzuege.org/

[3] online diskutiert: http://www.opentheory.org/immaterial_world_01/text.phtml

[4] »intelligibel«: http://de.wikipedia.org/wiki/Intelligibel

[5] sui generis: http://de.wikipedia.org/wiki/Sui_generis

[6] Brasilien: https://keimform.de/2006/eindruecke-von-der-wos-4/

[7] Folge 2: http://www.opentheory.org/immaterial_world_02/text.phtml

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