Eindrücke von der WOS 4

geschrieben von Stefan Meretz am 22. September 2006, 22:48 Uhr

Zwei Tage konnte ich an der Konferenz „Wizards of OS 4“ teilnehmen, und ich war sehr positiv überrascht. Heise brachte bisher diese Berichte [1], die ganz gut widerspiegeln, was diskutiert wurde. Aus meiner Sicht nun ein paar subjektive Ergänzungen.

Wovon wir auf der 1. Oekonux-Konferenz in Dortmund noch phantasiert haben, ist inzwischen Wirklichkeit geworden: Die Ideen Freier Software haben wurden in vielen anderen Bereichen der Gesellschaft übernommen, und das global. So wie Die GNU GPL für den Bereich der Software ein wichtiger Trigger und Freiraumschaffer war, so sind es die CreativeCommons-Lizenzen für Inhalte beliebiger Art. Inzwischen werden vom CC-Projekt 140 Millionen Backlinks zur Website gezählt. Was GPL für Software ist CC für den Kulturbereich. Freie Kultur war daher auch eines der meist genannten Schlüsselbegriffe auf der WOS4. Wenn man es sich als Zwiebelschalenmodell vorstellen will, dann haben wir damit nun die zweite Schale erreicht. Die dritte Schale, und das wurde ein einigen Stellen deutlich, wird der Kern der gesellschaftlichen Produktion sein – so meine steile These:-)

Welche Indizien habe ich dafür gefunden?

Beispiel 1: RO/RW-Gesellschaft

Lawrence Lessig hat auf der WOS4 einen wirklich beeindruckenden Vortrag gehalten (ich wünschte, ich könnte das auch so gut). Titel: „The Read-Write Society“. Mit Hilfe der Filesystem-Metapher „read-only“ (RO) und „read-write“ (RW) hat Lessig die Geschichte der bürgerlichen Gesellschaft Revue passieren lassen und entlang der 4 Dimensionen Arbeit, Kultur, Nochwas (vergessen) und Politik klassifiziert. Hinsichtlich der Kultur – und nur diese Dimension betrachte er im weiteren Verlauf – war die Gesellschaft des 19. Jh. eine RW-Gesellschaft, in der grundsätzlich alle Bürger „schreibend“ Zugriff auf die Gesellschaft hatten, also Kultur erzeugt haben. Na ok, da fallen mir einige Einwände ein, aber sei’s drum. Das 20 Jh. wurde hingegen zur RO-Gesellschaft gemacht, in der zu faulen Couch-Potatos degenerierten Konsumenten nur das vorgegebene Angebot schluckten. Prodej ready made . Mächtige Hebel sind hierbei die Regelungen um das sog. „Geistige Eigentum“, v.a. das Copyright. Im Internet tobt der Kampf zwischen RO und RW, wobei die großen Content-Konzerne die Menschen zu passiven Konsumenten machen wollen. Aber, so die These, das 21. Jh. bringt die Wende zurück zu einer RW-Kultur, in der die Menschen selbst wieder zu Produzenten ihres (kulturellen) Lebens werden. Kern dieser RW-Kultur sei das Remixing, also die Verwendung von kulturellen Produkten für die Erzeugung neuer Kulturprodukte. – Die vielen Beispiele auf der Konferenz zum Beispiel aus Brasilien waren auch wirklich beeindruckend.

Oder dieses Beispiel: „Read my lips“ [2] – wirklich köstlich.

Oder das hier: „Jesus must survive“ [3]

Komisch fand ich die Rede vom „zurück“ zu einer RW-Kultur. Lessig sprach auch davon, dass einige Kulturen die Chance hätten – jetzt mal in meinen Worten – direkt vom 19. ins 21. Jahrhundert zu springen ohne den Quatsch mit Copyright etc. überhaupt erst anzufangen. Hm, na ja, ist da was dran? Deskriptiv schon. So berichten bei einem anderen Panel Leute aus Brasilien (das so etwa wie „Gastland-Status“ auf der WOS hatte – ich springe etwas), dass sich die Kids in den Favelas keine Sekunde mit Urheberrechten beschäftigen würde, wenn sie ihre Musik machen und auf den Straßen (und nur dort) verkaufen. Und wenn dann europäische Musiker/innen sich die Musik holen und ebenfalls remixen und dann verwerten, sei das auch ok. Publikumsfrage: Ist das nicht Kulturimperialismus? Antwort: Nein, Kultur bedeutet immer andere Kulturprodukte zu verwenden. Deswegen gäbe es in Brasilien auch keinen Begriff von „Piraterie“ (außer vielleicht bei den Musikkonzernen, die dort natürlich auch sind).

Zurück zu Lessig. Seiner RO/RW-Analogie folgend wollte ich von ihm wissen, ob er ähnliche Entwicklungen auch bezüglich der anderen von ihm genannten Dimensionen sähe – insbesondere bezüglich „Arbeit“. Ob es denn darum ginge, für eine freie RW-Kultur ein entsprechendes gesellschaftliches freies RW-Betriebssystem bereitzustellen? Leider hat er die Frage nicht wirklich verstanden, so ist das mit Analogien. Die Antwort war sehr allgemein, und schnell ist er von der Dimension „Arbeit“ zur Dimension „Politik“ gesprungen, weil er dort mehr Beispiele parat hatte. Ok, auch hier wird die „dritte Schale“ im Denken noch kommen – erinnert mich, dass ich dann mein Urheberrecht geltend mache, wenn es soweit ist;-)

Beispiel 2: Abschluss-Panel „Brazil, the Free Culture Nation“

Mit dabei Claudio Prado, Chef der Abteilung für Digitale Kultur im brasilianischen Kulturministerium (geleitet von Gilberto Gil), der sich selbst einen „Hippie“ nennt. Es gibt ein nettes Abstract (und Film) [4] dazu. Ich dachte, dass ich mich verhört hatte, als Prado sagte (sinngemäß), dass es nicht darum gehe, „Arbeit“ und „soziale Sicherheit“ für die Menschen zu schaffen, denn das würde es ohnehin nicht mehr geben: „Jobs and employment are things of the 20th century. The future has nothing to do with employment.“ Deswegen sei das Ziel: „Jumping von the 19th century to the 21th century bypassing the bullshit of the 20th century.“ Es ginge darum, die Menschen zu befähigen autonom zu handeln und sich die Technologie anzueignen, um von der Regierung unabhängig zu werden. Es sei zwar schizophren, wenn als Regierungsvertreter das sage, aber es ginge ihm darum, die Regierung überflüssig zu machen. – Whow, nicht schlecht!

Volker Grassmuck, der Maintainer der WOS, griff die Idee auf und sagte, dass damit das Thema der WOS 5 gefunden wäre. Na mal sehn, was er darunter versteht;-) Wenn es gut läuft, dann meint er auch die „dritte Schale“ der Zwiebel, also die Frage der gesellschaftlichen Produktion nicht nur kultureller, sondern aller Güter für das Leben der Menschen – jenseits von Regierungen, Jobs und sozialer Sicherheit von oben, wie wir sie einmal kannten.

Ok, ich höre hier auf. Es gab noch viel mehr spannende Diskussionsrunden auf der WOS. Die Konferenz hätte mehr Besucherinnen und Besucher verdient, aber dazu waren die Eintrittspreise schlicht viel zu hoch (60 EUR für drei Tage, ermäßigt die Hälfte).

Wenn sich die WOS wirklich der „dritten Zwiebelschicht“ annimmt, dann wäre es eine gute Sache, die nächste OX-Konferenz mit der WOS zusammen zu machen. Aber das ist nur eine Phantasie…


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[1] diese Berichte: http://www.heise.de/newsticker/search.shtml?T=WOS+4

[2] „Read my lips“: http://www.atmo.se/zino.aspx?articleID=399

[3] „Jesus must survive“: http://www.metacafe.com/watch/63576/jesus_must_survive/

[4] Abstract (und Film): http://wiki.whatthehack.org/index.php/How_we_hacked_a_project_into_the_Ministry_of_Culture_in_Brazil

[5] : https://keimform.de/2006/eindruecke-von-der-wos-4/?share=email

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