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	<title>keimform.de &#187; Praxis-Reflexionen</title>
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	<description>Auf der Suche nach dem Neuen im Alten</description>
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		<title>Eine Besetzung und eine Diskussion</title>
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		<pubDate>Fri, 27 Apr 2012 14:02:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Franz Nahrada</dc:creator>
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		<description><![CDATA[In Wien hat sich eine Landbesetzung ereignet, in deren Verlauf ein 3 ha großes Gelände besetzt wurde, das einer landwirtschaftlichen Hochschule als Versuchsgarten diente und wegen der Pachtkosten und vielleicht auch des Desinteresses der Universität an die Bundesimmobiliengesellschaft zuirückgegeben werden sollte. Nach einer Woche wurde das Gelände nicht ganz friedlich geräumt, paradoxerweise weil Angriffsziel weniger [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>In Wien hat sich eine Landbesetzung ereignet, in deren Verlauf ein 3 ha großes Gelände besetzt wurde, das einer landwirtschaftlichen Hochschule als Versuchsgarten diente und wegen der Pachtkosten und vielleicht auch des Desinteresses der Universität an die Bundesimmobiliengesellschaft zuirückgegeben werden sollte. Nach einer Woche wurde das Gelände nicht ganz friedlich geräumt, paradoxerweise weil Angriffsziel weniger die Besetzer als eine schon lange dort tätige Gruppe aus Universitätsangehörigen und lokalen Anwohnern war, die durch die Besetzung selbst eher überrumpelt waren, von der Universität aber so bequem mit &#8220;entsorgt&#8221; werden konnten. Zwischen mir und Andreas Exner entspann sich eine Kontroverse über den Sinn solcher Besetzungen, die vielleicht über das Lokale hinaus einige allgemeine Problematiken anspricht. </p>
<p><iframe src="http://www.youtube.com/embed/7eU7tWXiu-g" frameborder="0" width="560" height="315"></iframe></p>
<p>&#8220;Am Morgen des 26. April kamen von der Universität für Bodenkultur beauftragte Securitys und forderten die Aktivist_innen auf, das am Tag des kleinbäuerlichen Widerstands, am 17. April, besetzte Gelände in Wien Jedlersdorf zu verlassen. Eigentlich wollten die Besetzer_innen der Aufforderung Folge leisten. Als dann aber mit Kettensägen und Baggern begonnen wurde, die Gemeinschaftsgärten des einstigen Boku-Vorzeigeprojekts „Großstadtgemüse“, die in jahrelanger Arbeit von Studierenden und Personen aus der Umgebung aufgebaut und gepflegt worden waren, zu zerstören, versuchten Besetzer_innen einzugreifen. Sie bildeten Blockaden, die von Securitys gewaltsam aufgelöst wurden. Die Polizei beobachtete die Gewaltanwendungen, griff aber nicht ein. Gegen Mittag verließen die letzten Besetzer_innen das Gelände, nachdem sie so viel Setzlinge wie möglich in Sicherheit gebracht haben. Währenddessen riss ein Bagger Gewächshäuser und Bauwägen buchstäblich in der Luft, wurde unter Berufung auf einen Auftrag der Universität für Bodenkultur (!!) soviel wie möglich an Gartenfläche, Pflanzen und Beeten zerstört.&#8221;</p>
<p>Ein Blogeintrag von mir</p>
<p><a href="http://transitionaustria.ning.com/profiles/blogs/fehler-korrigieren-bevor-ihre-konsequenzen-schmerzhaft-erfahren-w" target="_blank">http://transitionaustria.ning.com/profiles/blogs/fehler-korrigieren-bevor-ihre-konsequenzen-schmerzhaft-erfahren-w</a></p>
<p>führte zu einer Kontroverse, die sicher zu interessanten Antworten herausfordert:</p>
<p><a href="http://transitionaustria.ning.com/profiles/blogs/warum-besetzung-solila-und-die-vielen-schichten-einer-h-chst" target="_blank">http://transitionaustria.ning.com/profiles/blogs/warum-besetzung-solila-und-die-vielen-schichten-einer-h-chst</a></p>
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		<title>Occupying the Commons</title>
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		<pubDate>Fri, 30 Mar 2012 05:03:39 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Meretz</dc:creator>
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		<description><![CDATA[The following documentary about the occupation of the Teatro Valle in Rome, the oldest theater in Italy, is part of a project to the study the practice of the Commons. The aim of the project is to explore the connection between the occupation movements of 2011 &#38; 2012 with the paradigm of the commons. Read [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>The following documentary about the occupation of the Teatro Valle in Rome, the oldest theater in Italy, is part of a project to the study the practice of the Commons. The aim of the project is to explore the connection between the occupation movements of 2011 &amp; 2012 with the paradigm of the commons.</p>
<p><iframe title="YouTube video player" class="youtube-player" type="text/html" width="549" height="339" src="http://www.youtube.com/embed/2GIODnGx41s" frameborder="0" allowFullScreen="true"> </iframe></p>
<p>Read more about the relationship between occupation movements and the commons in an <a href="http://www.commonssense.it/s1/?page_id=938">interview with Saki Bailey</a>, director of the documentary.</p>
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		<title>Die soziale Steuerung von Open Source (Teil 8)</title>
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		<pubDate>Sun, 18 Mar 2012 06:12:53 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Meretz</dc:creator>
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		<description><![CDATA[[Letzter Teil des Interviews mit George Dafermos: Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5, Teil 6, Teil 7] Neal Gorenflo: Manche Leute behaupten, dass die FOSS-Community wenige originelle Produkte hervorbringt, sondern vor allem gut darin ist, freie Versionen von privatwirtschaftlich produzierten innovativen Produktion zu entwickeln. Wie siehst du das? Das ist tatsächlich [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="right" style="margin-left: 8px;" title="George Dafermos" src="http://keimform.de/wp-content/uploads/2012/03/george-dafermos.jpg" alt="" width="128" height="128" align="right" />[Letzter Teil des Interviews mit George Dafermos: <a href="../2012/2012/2012/2012/2012/2012/die-soziale-steuerung-von-open-source-teil-1/">Teil 1</a>, <a href="../2012/2012/2012/2012/2012/die-soziale-steuerung-von-open-source-teil-2/">Teil 2</a>, <a href="../2012/2012/2012/2012/die-soziale-steuerung-von-open-source-teil-3/">Teil 3</a>, <a href="../2012/2012/2012/die-soziale-steuerung-von-open-source-teil-4/">Teil 4</a>, <a href="../2012/2012/die-soziale-steuerung-von-open-source-teil-5/">Teil 5</a>, <a href="../2012/die-soziale-steuerung-von-open-source-teil-6/">Teil 6</a>, <a href="http://keimform.de/2012/die-soziale-steuerung-von-open-source-teil-7/">Teil 7</a>]</p>
<p><em>Neal Gorenflo: Manche Leute behaupten, dass die FOSS-Community wenige originelle Produkte hervorbringt, sondern vor allem gut darin ist, freie Versionen von privatwirtschaftlich produzierten innovativen Produktion zu entwickeln. Wie siehst du das?</em></p>
<p>Das ist tatsächlich ein weit verbreiteter Irrtum. Manche glauben, dass FOSS-Techniken nur Reimplementierungen von in proprietären Programmen schon umgesetzten Funktionen sind. Dabei betrachten sie aber nur einige Projekte und übersehen, wie reichhaltig und vielseitig das FOSS-Ökosystem insgesamt ist. Dieses Vorurteil habe ich zum Beispiel von mehreren Akademiker_innen aus den Sozialwissenschaften gehört. Warum denken sie das? Weil sie ihre Computer im Wesentlichen zum Schreiben wissenschaftlicher Texte und zur Vorbereitung von Vorträgen und Vorlesungen verwenden. Bei „Software“ denken sie daher an Microsoft Office und ähnliche Produkte. Aus ihrem Wissen, dass Microsoft Office älter als OpenOffice ist, leiten sie dann ab, dass FOSS generell nur schon vorhandene Funktionalität reimplementiert. Aber das ist eine unzulässige Verallgemeinerung aufgrund einer viel zu kleinen Anzahl betrachteter Fälle.</p>
<p>Das World Wide Web ist die allererste voll funktionsfähige Implementierung eines Hypertextsystems (zuvor gab es nur Vorstellungen davon, wie solche Systeme eventuell funktionieren könnten). Es ist vielleicht die wichtigste FOSS-Innovation, wenn man seinen Einfluss auf unser Leben betrachtet. Seine Kernbestandteile waren von Anfang an Open Source und seine Entwicklung lebte von den Beiträgen einer lose verbundenen Community von Enthusiast_innen aus aller Welt. Weitere Beispiele – auch wohlbekannte – sind leicht zu finden: Es war und ist bis heute Microsoft, das die Funktionen des Mozilla-Browsers nachahmt. (Mozilla verwendete beispielsweise Browser-Tabs schon Jahre vor Microsofts Internet Explorer.)</p>
<p>Ein anderes Beispiel sind Gnutella und Freenet, die ersten komplett dezentralisierten Peer-to-Peer-Systeme. Oder BitTorrent, dass das Filesharing revolutioniert hat und von mehr Menschen genutzt wird als Facebook und YouTube zusammen. BIND, die am häufigsten eingesetzte DNS-Software, und Sendmail, über das die Mehrheit aller Mails verschickt wird, haben ihre jeweiligen Anwendungsgebiete nicht nur neu geschaffen, sondern dominieren sie bis heute. Auch wenn man sich Software mit begrenzteren Zielgruppen betrachtet, kann man erkennen, wie reichhaltig und vielfältig FOSS ist. Viele von IT-Expert_innen in ihrer täglichen Arbeit eingesetzte FOSS-Tools haben kein proprietäres Gegenstück. Ganz zu schweigen von der meiner Ansicht nach größten Innovation von FOSS: der Prozess, in dem sie entwickelt wird – eine Produktionsweise, die sich von der in der proprietären Softwareindustrie zuvor verwendeten radikal unterscheidet.</p>
<p><em>Neal Gorenflo: Die wechselseitigen Beziehungen zwischen FOSS und der Marktwirtschaft sind komplex und nuancenreich. Was sind diesbezüglich die verbreitetsten Missverständnisse?</em></p>
<p>Häufig wird FOSS für unvereinbar mit der Marktwirtschaft gehalten. Dieses Missverständnis resultiert aus der Annahme, dass FOSS durch die freie Zirkulation im Internet entwertet wird, da sie nicht mehr auf dem Softwaremarkt ge- und verkauft werden kann. Manche Leuten denken, dass man mit frei geteilten Produkten kein Geld verdienen kann. Sie übersehen dabei, dass ein wichtiger Teil der Marktwirtschaft in der Bereitstellung von Dienstleistungen liegt und dass sich der Dienstleistungssektor sehr wohl um ein frei verfügbares Produkt herum entwickeln kann. Firmen wie IBM, das seine ehemaligen Produktionsstätten ausgelagert und sich zum Beratungsunternehmen gewandelt hat, stellt FOSS vor keine Probleme. Im Gegenteil ist die Anpassung von FOSS an die Bedürfnisse von Firmenkunden das Herz ihres Wirtschaftsmodells geworden.</p>
<p>In einer Dienstleistungsgesellschaft ist es sinnvoll, ein Produkt zu verschenken, um auf dieser Grundlage allerlei profitable Dienstleistungen anbieten zu können. So unterstützt FOSS die SaaS-Industrie (SaaS: <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Software_as_a_Service">Software als Dienstleistung</a>). Für Firmen, die FOSS zur Entwicklung eigener Softwareprodukte verwenden, gilt im Grunde dasselbe. Diese Firmen nehmen die mittels Peer-Produktion entwickelte Funktionalität als mächtigen Ausgangspunkt für die Erstellung ihrer eigenen Produkte. Viele Anbieter von Statistiksoftware machen es beispielsweise so.</p>
<p>Das einzige Missverständnis, das vielleicht <em>noch</em> weiter verbreitet ist, ist die Annahme, dass FOSS mit der Marktwirtschaft perfekt harmoniert. Marktwirtschaft kann nur aufrecht erhalten werden, wenn die Produktionsweise auf den Austausch auf dem Markt ausgerichtet ist. Sie setzt voraus, dass für den Markt produziert wird statt für unmittelbaren Nutzen. Hingegen ist FOSS das Ergebnis einer Produktionsweise, die auf die Bedürfnisbefriedigung der Produzent_innen selbst abzielt. FOSS wird entwickelt, um benutzt und nicht, um verkauft zu werden. Zu FOSS-Projekten trägt man bei, weil man ein konkretes Anliegen hat oder ein Problem lösen will, und macht das Ergebnis darüber hinaus für andere frei verfügbar.</p>
<p>Diese Praxis bildet den Kern einer Ökonomie des Teilens. Deren Grundprinzip besteht darin, das, was man über die persönlichen Bedürfnisse hinaus produziert, frei mit anderen zu teilen. Das steht natürlich im Widerspruch zu der marktwirtschaftlichen Notwendigkeit, Mehr-Produkte zu horten und zu verwerten. FOSS eröffnet durchaus einige unternehmerische Möglichkeiten. Die langfristige Ausweitung der für FOSS charakteristischen Produktionsweise – und der darauf aufbauenden Ökonomie des Teilens – steht aber im Gegensatz zur organisatorischen Logik der Marktwirtschaft und untergräbt so ihre Grundlagen.</p>
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		<title>Die soziale Steuerung von Open Source (Teil 7)</title>
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		<pubDate>Fri, 16 Mar 2012 05:59:48 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Meretz</dc:creator>
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		<description><![CDATA[[Fortsetzung des Interviews mit George Dafermos: Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5, Teil 6] Neal Gorenflo: Auf welche Initiativen oder Veranstaltungen würdest du verweisen, um zu veranschaulichen, wie die soziale Produktion von Software die allgemeine Kultur beeinflusst? Das ist ein Thema, was David Bollier in Viral Spiral untersucht hat, aber mich [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="right" style="margin-left: 8px;" title="George Dafermos" src="http://keimform.de/wp-content/uploads/2012/03/george-dafermos.jpg" alt="" width="128" height="128" align="right" />[Fortsetzung des Interviews mit George Dafermos: <a href="../2012/2012/2012/2012/2012/die-soziale-steuerung-von-open-source-teil-1/">Teil 1</a>, <a href="../2012/2012/2012/2012/die-soziale-steuerung-von-open-source-teil-2/">Teil 2</a>, <a href="../2012/2012/2012/die-soziale-steuerung-von-open-source-teil-3/">Teil 3</a>, <a href="../2012/2012/die-soziale-steuerung-von-open-source-teil-4/">Teil 4</a>, <a href="../2012/die-soziale-steuerung-von-open-source-teil-5/">Teil 5</a>, <a href="http://keimform.de/2012/die-soziale-steuerung-von-open-source-teil-6/">Teil 6</a>]</p>
<p><em>Neal Gorenflo: Auf welche Initiativen oder Veranstaltungen würdest du verweisen, um zu veranschaulichen, wie die soziale Produktion von Software die allgemeine Kultur beeinflusst? Das ist ein Thema, was David Bollier in <a href="http://www.viralspiral.cc/">Viral Spiral</a> untersucht hat, aber mich interessiert, welche direkten Verbindungen du zwischen diesen Communities und anderen Lebensbereichen siehst.</em></p>
<p>Der Einfluss der peerproduzierten Software ist so weitreichend, dass es nahezu unmöglich ist, ihre breite kulturelle Wirkung nicht zu bemerken. Peerproduzierte Software war die wesentliche Inspirationsquelle, die Jakubowskis vorher erwähntes globales Dorf geprägt hat. Sie war ein Einfluss für das weltweite Netzwerk der unabhängigen Medienzentren Indymedia, die 1999 mit dem Ziel ins Leben gerufen wurden, die Aktionen der Antiglobalisierungsbewegung zu koordinieren. Peerproduzierte Software hat – über Weblogs – das Feld des Journalismus revolutioniert. Sie hat Gemeinschaftsanstrengungen wie das Humangenomprojekt inspiriert, die die Vorgehensweise der pharmazeutischen Industrie neu erfinden. Sie hat den Open-Source-Ansatz bei der Entwicklung stofflicher Produkte angeregt, auch bekannt als Open Design. Sie hat eine ständig steigende Anzahl von Firmen veranlasst, mit Modellen von „Open Innovation“ und „Nutzer_innen-Innovation“ zu experimentieren und dadurch die Teilhabe der Endnutzer_innen im Entwicklungsprozess vorangetrieben.</p>
<p>Und es gibt noch mehr, viel mehr. Die gegenwärtig populärste Enzyklopädie ist die Wikipedia, die von Nutzer_innen geschaffene Enzyklopädie im Internet. Immer mehr Universitäten bringen ihr Bildungsmaterial (wie Skripte und Studienpläne) online, um es für alle zugänglich zu machen, die Zugang zum Internet haben. Ein bekanntes Experiment ist die OpenCourseWare des MIT. Das gleiche geschieht mit wissenschaftlichen Periodika – in so genannten Open-Access-Journalen veröffentlichte Artikel sind für alle frei erhältlich, nicht nur für Akademiker_innen. Ähnliche molekulare Prozesse sind im künstlerischen Bereich im Gange: Die Freie Kulturbewegung setzt sich für die freie Verfügbarkeit von Kulturgütern ein. Alle diese Initiativen und Projekte sind auf irgendeine Art vom FOSS-Erfolg inspiriert oder beeinflusst. Sie entleihen sich einige oder alle der FOSS-Prinzipien und wenden sie auf einen anderen Kontext an. Die Liste ist unglaublich lang. Sicherlich, einige Ideen – wie das Free Beer, dessen Rezept frei erhältlich ist, damit es die Nutzer_innen abwandeln und weiterverteilen können – mögen eine geringere kulturelle Auswirkung haben als etwa das RepRap-Projekt, das einen 3D-Drucker entwickelt, der etwa so groß ist wie ein PC und dem Leuten ermöglichen soll, die meisten Dinge des täglichen Lebens zu Hause herzustellen. Aber wenn wir die Gesamtheit dieser Ansätze betrachten, dann sehen wir deutlich, wie tief die kulturellen Auswirkungen peerproduzierter Software sind.</p>
<p><img class="center" title="Wikimedia" src="http://keimform.de/wp-content/uploads/2012/03/wikimedia-opensource.jpg" alt="" width="480" height="359" align="middle" /></p>
<p><em>Der Wikimedia-Tisch bei der Open-Source-Konferenz 2011 in Prag. Foto: Packa. Nutzung unter Creative-Commons-Lizenz.</em></p>
<p>Meiner Meinung nach besteht der kombinierte Effekt all dieser Projekte darin, eine Kultur des Experimentierens und des Do-It-Yourself hervorzubringen. Peer-Produktion ist der Vorläufer einer neuen Kultur, die Leute ermutigt darüber nachzudenken, wie eine Gesellschaft basierend auf den Prinzipien der Peer-Produktion organisiert sein könnte. Wir beobachten, dass das auch schon passiert. Konzepte wie Open-Source-Steuerung und Open-Source-Demokratie (die unter anderem Douglas Rushkoff propagiert) läuten die Totenglocke für traditionelle Parteipolitik, indem sie eine breite und direkte Teilhabe am politischen Leben einfordern.</p>
<p><em>Neal Gorenflo: Welche Zukunft siehst du für Freie und Open-Source-Software? Welches sind die internen und externen Gefahren für ihre Vitalität, und welche neuen Bedingungen könnten Produktion und Nutzung ausweiten?</em></p>
<p>Ich bin überzeugt, dass sich das Open-Source-Modell weit über die Softwareindustrie hinaus ausdehnen und auf diese Weise die Reichweite dezentraler Gemeinschaftsproduktion revolutionieren wird. Das ist keine Vorhersage, sondern es geschieht bereits. Zu den Antriebskräften, die diesem Prozess Schub verleihen, gehört die Ablehnung reglementierter Arbeitsumgebungen und Lohnarbeit, wie die Aktivitäten einer zunehmenden Zahl von Menschen zeigen. Das Bild des „Unternehmensmenschen“ stößt junge Leute zunehmend ab. Also entscheiden sie sich für etwas anderes. Einige leben vom Wohlfahrtsstaat (in Ländern wie Schweden oder den Niederlanden, wo das möglich ist); andere versuchen sich als Mikro-Unternehmer_innen, entweder in der formellen oder informellen Wirtschaft. Die gemeinsame zugrunde liegende Motivation ist, der Entfremdung der Arbeit zu entkommen. Sie möchten Prozess und Inhalt ihrer Arbeit so umgestalten, dass sie mit ihren Wünschen nach flachen Hierarchien übereinstimmt und Aufgaben umfasst, durch welche sie sich selbst ausdrücken und ihre individuelle Persönlichkeit entwickeln können.</p>
<p>Die FOSS-Entwicklung wird sehr stark durch solche Wünsche vorangetrieben. Wenn sich Leute an FOSS-Projekten beteiligen, dann weil sie es kreativ, angenehm und erfüllend finden. FOSS-Forscher_innen wie Pekka Himanen haben absolut recht, wenn sie die „Hacker-Ethik“ von FOSS-Entwickler_innen als der dominanten Arbeitsethik im Kapitalismus – der berühmten „protestantischen Ethik“ – diametral entgegengesetzt ansehen. Im Gegensatz zur protestantischen Betonung einer Arbeitsdisziplin als Pflicht, feiert die Hacker-Ethik den Spaß und die Autonomie der intrinsisch motivierten Aktivitäten. Daher ist es nicht weiter überraschend, warum sie eine zunehmende Zahl von Leuten reizt, die von der Arbeitsrealität innerhalb der Unternehmenshierarchien desillusioniert sind.</p>
<p>Ich glaube nicht, dass es etwas der Dynamik von FOSS Inhärentes gibt, was ihre Vitalität untergräbt. Die Schlüsselrolle der FOSS-Community bei der fortlaufenden Entwicklung des Internets zeugt von ihrer inneren Dynamik und Nachhaltigkeit. Die FOSS-Vitalität wird eher durch externe Faktoren bedroht. Gesetzgebungen, die das Herumbasteln mit Technologie kriminalisiert, unterdrücken das Motiv des Experimentierens und beschränken letztlich die Beteiligung von Endnutzer_innen und Hobbyist_innen. Die Unterhaltungsindustrie mit den Film- und Musikkonzernen als Speerspitze hat in den letzten 15 Jahren eine harte Lobbyarbeit in diese Richtung betrieben, und wahrscheinlich werden die Unternehmen der Unterhaltungselektronik bald hinzukommen. Drakonische Durchsetzungsregimes des geistigen Eigentums haben den gleichen Effekt: Sie entmutigen dezentrale Entwicklung und beschränken die Beteiligung von Endnutzer_innen und Hobbyist_innen. Obwohl die wissenschaftliche Erkenntnis ihrer schädlichen Auswirkungen auf Innovationen weit verbreitet ist, hat dies den politischen und legislativen Prozess bislang nicht beeinflussen können. In jedem Fall wird sich der Konflikt zwischen der Community der FOSS-Projekte und dem kulturell-industriellem Komplex zuspitzen und in verschiedenen Formen auftreten. Er wird nicht nur in der legislativen Arena ausgetragen, sondern auch in den kulturellen und wirtschaftlichen Bereichen.</p>
<p>[<a href="http://keimform.de/2012/die-soziale-steuerung-von-open-source-teil-8/">Teil 8 und Schluss</a>]</p>
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		<title>Die soziale Steuerung von Open Source (Teil 6)</title>
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		<pubDate>Wed, 14 Mar 2012 06:48:50 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Meretz</dc:creator>
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		<description><![CDATA[[Fortsetzung des Interviews mit George Dafermos: Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4, Teil 5] Neal Gorenflo: Was könnten ortsgebundene Communities, die nach einer Peer-Ökonomie streben, von den Communities lernen, die Software mittels Peer-Produktion herstellen? Welche Hindernisse siehst du bei der Übertragung der Online-Ökonomie in einen Offline-Kontext wie eine Stadt? Die Communities der Peer-Produktion [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="right" style="margin-left: 8px;" title="George Dafermos" src="http://keimform.de/wp-content/uploads/2012/03/george-dafermos.jpg" alt="" width="128" height="128" align="right" />[Fortsetzung des Interviews mit George Dafermos: <a href="../2012/2012/2012/2012/die-soziale-steuerung-von-open-source-teil-1/">Teil 1</a>, <a href="../2012/2012/2012/die-soziale-steuerung-von-open-source-teil-2/">Teil 2</a>, <a href="../2012/2012/die-soziale-steuerung-von-open-source-teil-3/">Teil 3</a>, <a href="../2012/die-soziale-steuerung-von-open-source-teil-4/">Teil 4</a>, <a href="http://keimform.de/2012/die-soziale-steuerung-von-open-source-teil-5/">Teil 5</a>]</p>
<p><em>Neal Gorenflo: Was könnten ortsgebundene Communities, die nach einer Peer-Ökonomie streben, von den Communities lernen, die Software mittels Peer-Produktion herstellen? Welche Hindernisse siehst du bei der Übertragung der Online-Ökonomie in einen Offline-Kontext wie eine Stadt?</em></p>
<p>Die Communities der Peer-Produktion lehren uns, dass es unterschiedliche Wege gibt, menschliche Arbeit – und allgemeiner: menschliche Aktivitäten – zu organisieren. Peer-Produktion organisiert Enthusiasmus, nicht Gehorsam. Es zeigt sich, dass Manager_innen und Aufseher_innen nicht erforderlich sind. Auch wenn Hunderte von Personen teilnehmen, können diese in einem nicht-hierarchischen Rahmen koordiniert werden. In der Tat gibt es kaum ein Prinzip des traditionellen Business-Mangements, dem das lebende Beispiel der Peer-Produktions-Projekte nicht widerspricht.</p>
<p>Um eine Idee von den Schwierigkeiten zu bekommen, die die Umsetzung des Peer-Produktionsmodells auf den Kontext einer Stadt zur Folge haben würde, müssen wir auf die Bedingungen schauen, die diese Praktiken ermöglicht. Erstens liegt die Peer-Produktion außerhalb des Reichs der notwendigen Arbeit: Der Lebensunterhalt der großen Mehrheit der FOSS-Entwickler_innen hängt nicht von der FOSS-Tätigkeit ab, an der sie freiwillig in ihrer Freizeit teilnehmen. Zweitens sind die Produktionsmittel hochgradig verteilt: Die Kosten eines Computerkaufs sind unbedeutend im Vergleich zum Aufbau einer Autofabrik. Die Werkzeuge und Maschinen, die in den meisten Industriezweigen benutzt werden, sind überaus teuer und daher für die meisten Leute nicht zugänglich. Es ist offensichtlich, wie schwer es ist, diese Bedingungen auf die ganze Bevölkerung einer Stadt auszuweiten. Unabhängig von ihren eigenen Zuschreibungen basiert unsere Gesellschaft auf erzwungener Arbeit. Die meisten Leute arbeiten in Jobs, die sie nicht mögen, nur um Geld zu verdienen, das sie für Nahrung, Wohnung und Kleidung brauchen. Anstatt Arbeit also als kreative Aktivität zu erfahren, nehmen sie die Institution der Arbeit als Notwendigkeit wahr, nicht als freie Wahl.</p>
<p>Im Gegensatz dazu gedeiht die Peer-Produktion auf der Grundlage freiwilliger Beteiligung. Das deutet darauf hin, dass die Verwirklichung des Peer-Produktionsmodells im Kontext einer Stadt eine radikale Veränderung der Mentalität und eine komplett neue Logik der Organisation erfordern würde – ähnlich dem, das einige Theoretiker_innen und Forscher_innen der Peer-Produktion „Hackerethik“ nennen: eine Ethik, die kreative Aktivität als Selbstzweck zelebriert und die Prinzipien von Selbstbestimmung und Selbstentfaltung als fundamental für die Organisation menschlicher Aktivitäten auffasst. Kurz: Eine peerproduzierende Stadt ist ohne eine Art Ethik des Selbermachens undenkbar. Sie kann nur einer Situation entspringen, in der Menschen Dinge herstellen, weil sie sie benutzen wollen, und nicht, weil man ihnen das sagt oder sie dafür bezahlt. Das mag unrealistisch klingen, aber es wurde immer wieder mit großen Erfolg gewagt, allerdings in einem etwas kleineren Maßstab als dem einer modernen Metropole.</p>
<p>Nimm zum Beispiel den lebendigen Stadtbezirk Kreuzberg in der Mitte von Berlin und Christiania in Kopenhagen. Während die Gemeindebehörden beide Viertel größtenteils dem Verfall überließen, nahmen es einige Leute auf sich, ihnen wieder neue Impulse zu geben. Leere und baufällige Gebäude wurden besetzt und renoviert und auf diese Weise wieder bewohnbar gemacht. Alle Arten von Infrastrukturen – von Elektrizität und Wasser bis hin zu Gemeindediensten für diejenigen, die nicht mehr gut für sich alleine sorgen können – wurden aus eigener Kraft und von Grund auf ohne die Unterstützung lokaler Behörden aufgebaut. Wenn etwa ein Haus einer Renovierung bedurfte, wurde keine Firma gerufen, sondern die Besetzer_innen holten sich die Hilfe ihrer Freund_innen und Nachbar_innen und machten es selbst. Nur durch eine solche allgemeine Praxis sozialer Selbstverwaltung und gegenseitiger Hilfe kann eine peerproduzierende Stadt geschaffen werden.</p>
<p>Der Unterschied zwischen diesem Paradigma einer Organisation von unten und dem dominanten Modell sozialer Organisation ist gewaltig. Das gleiche kann in Bezug auf das Eigentum in der Peer-Produktion und in dem heute gesellschaftlich vorherrschenden Modell gesagt werden. Die Schaffung einer peerproduzierenden Stadt setzt voraus, dass technische Infrastrukturen für alle Stadt-Bewohner_innen frei verfügbar sind. Zudem erfordert sie einen Übergang vom exklusiven Eigentumsregime zu Strukturen, die auf kollektivem Besitz und struktureller Gemeinschaftlichkeit basieren. Da die Einrichtung einer peerproduzierenden Gesellschaft einen derart radikalen Machtwechsel bedeutet, ist sicherlich zu erwarten, dass Versuche in diese Richtung auf starken politischen Widerstand maßgeblicher Kreise treffen werden. Soviel ist sicher. Doch trotz der politischen Widerstände, die den Drang zur Universalisierung bremsen können, zeigt die Peer-Produktion die Dynamik einer Idee, deren Zeit gekommen ist. Während vor hundert Jahren die Offline-Anwendung der Peer-Produktion im Wesentlichen auf einige berufliche oder wissenschaftliche Verbände beschränkt blieb, wird der Schwung ihrer Umsetzung im Offline-Bereich heute von einer sprießenden Fülle von Experimenten gespeist.</p>
<p><img class="center" title="Basteln" src="http://keimform.de/wp-content/uploads/2012/03/open-source-ecology-480x359.jpg" alt="" width="480" height="359" align="middle" /></p>
<p><em>Mitglieder von Open Source Ecology bauen einen RepRap-3D-Drucker. Foto: <a href="http://openfarmtech.org/index.php/File:Reprap5.jpg" target="_blank">Marcus Calabresus</a></em><em>. Nutzung unter Creative-Commons-Lizenz.</em></p>
<p>Man betrachte zum Beispiel die weitreichenden Konsequenzen solcher Vorhaben wie Marcin Jakubowskis <a href="http://opensourceecology.org/">Global Village</a>, ein Versuch zum Aufbau eines peerproduzierenden Dorfes im ländlichen Missouri. Kurz gesagt, besteht Jakubowskis Global Village aus einer Gruppe von Leuten, die gewillt und entschlossen sind, eine autonome und unabhängige geografische Community ohne Lohnarbeit und hierarchische Organisation aufzubauen. Als erstes haben sie ein Stück Land gekauft. Dann begannen sie, all die Materialien und Werkzeuge herzustellen, die man braucht, um ein Dorf aufzubauen – was Jakubowski „global village construction set“ nennt, also alles von Ziegeln und Bulldozern bis zu CNC-Fräsen und 3D-Druckern. Der Punkt ist nun, dass dieses prototypische Dorf bislang sehr gut funktioniert. Und der Erfolg hat eine Reihe ähnlicher Initiativen quer durch Europa hervorgebracht, was der Vision eines peerproduzierenden Dorfes eine konkrete Realität gibt.</p>
<p>[<a href="http://keimform.de/2012/die-soziale-steuerung-von-open-source-teil-7/">Teil 7</a>]</p>
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		<title>Die soziale Steuerung von Open Source (Teil 5)</title>
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		<pubDate>Mon, 12 Mar 2012 06:38:29 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Meretz</dc:creator>
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		<description><![CDATA[[Fortsetzung des Interviews mit George Dafermos: Teil 1, Teil 2, Teil 3, Teil 4] Michel Bauwens: Bitte nenne uns einige Details Deiner Einsichten in Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen den FLOSS-Stiftungen. Angesichts der gegenwärtigen Entwicklung von Open Hardware: In welchem Ausmaß bewegt sich die Logik der Peer-Produktion von Software in das Feld von Open Hardware? Siehst [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="right" style="margin-left: 8px;" title="George Dafermos" src="http://keimform.de/wp-content/uploads/2012/03/george-dafermos.jpg" alt="" width="128" height="128" align="right" />[Fortsetzung des Interviews mit George Dafermos: <a href="../2012/2012/2012/die-soziale-steuerung-von-open-source-teil-1/">Teil 1</a>, <a href="../2012/2012/die-soziale-steuerung-von-open-source-teil-2/">Teil 2</a>, <a href="../2012/die-soziale-steuerung-von-open-source-teil-3/">Teil 3</a>, <a href="http://keimform.de/2012/die-soziale-steuerung-von-open-source-teil-4/">Teil 4</a>]</p>
<p><em>Michel Bauwens: Bitte nenne uns einige Details Deiner Einsichten in Ähnlichkeiten und Unterschiede zwischen den FLOSS-Stiftungen. Angesichts der gegenwärtigen Entwicklung von Open Hardware: In welchem Ausmaß bewegt sich die Logik der Peer-Produktion von Software in das Feld von Open Hardware? Siehst du die Herausbildung vergleichbarer sozialen Dynamiken und Institutionen oder gibt es Unterschiede? Gibt es auch Open-Hardware-Stiftungen, die eine ähnlichen Rolle spielen?</em></p>
<p>Die meisten großen FOSS-Projekte haben Stiftungen gebildet, um administrative Aufgaben zu bewältigen, die nicht direkt mir dem Entwicklungsprozess der Produkte verbunden sind. So organisiert zum Beispiel die FreeBSD-Stiftung Konferenzen und Entwickler_innen-Treffen und ist für die finanziellen (z.B. Spenden sammeln) und rechtlichen Aspekte des FreeBSD-Projekts sowie für Firmenkontakte zuständig. Andere FOSS-Stiftungen spielen eine etwas größere Rolle bei der Projekt-Steuerung: Die Apache-Stiftung (ASF) etwa ist eine FOSS-Stiftung, die für die nahezu 100 Projekte, die unter der Schirmherrschaft von Apache laufen, die Meta-Steuerung übernimmt. Das bedeutet nicht, dass die Stiftung versucht, den Entwicklungsprozess der Projekte zu beeinflussen. Vielmehr stellt sie sicher, dass die Projekte in Bezug auf einige grundlegende organisatorische und rechtliche Aspekte des übergreifenden Apache-Projekts gemeinsam vorgehen. Die Aufgaben der Free Software Foundation (FSF) sind noch umfangreicher und umfassen auch die Organisation von aktivistischen Kampagnen für die Rechte der Technik-Nutzer_innen. Ich kenne keine Open-Hardware-Stiftungen mit ähnlichen Funktionen, es ist aber möglich, das es welche gibt.</p>
<p>Obwohl wir die zukünftige organisatorische Form von Open-Hardware-Projekten nicht genau voraussagen können, würde ich erwarten, dass sich ähnliche Institutionen in diesem Bereich herausbilden, da die normativen Prinzipien, die ihrer Entwicklung zugrunde liegen, weitgehend die gleichen sind. Institutionen erwachsen aus Prinzipien und wirken darauf hin, sie fortzuführen. Und bisher unterscheiden sich die Prinzipien, die die Entwicklung von Open Hardware durchziehen, nicht von jenen, die die FOSS-Entwicklung antreiben. Wie FOSS veranschaulicht auch Open Hardware eine Produktionsweise, die weder auf Tausch auf dem Markt ausgerichtet ist, noch von Management-Hierarchien gesteuert wird. Daher wird auch die Open-Hardware-Community ziemlich wahrscheinlich Institutionen hervorbringen, die ihre Unabhängigkeit von Management-Hierarchien bewahrt und sie vor kommerzieller Übernahme schützt.</p>
<p>Die Hauptdifferenz zwischen FOSS und Open Hardware betrifft eher die Einfachheit, mit der digitale Produkte wie Software im Vergleich zu physischen Produkten verändert und weiterverbreitet werden können. Bis auf Weiteres verhindert dieser Faktor die Übernahme des verteilten FOSS-Entwicklungsmodells über das Stadium des Designs hinaus in das der Herstellung, da materielle Produkte nicht komplett digitalisiert werden können. Aber der kombinierte Effekt der Ausbreitung fortgeschrittener Vervielfältigungstechnologien durch FabLabs und der schnellen Entwicklung von Desktop-Fabrikationssystemen wie RepRap, die sich die Ablösung großräumiger teurer industrieller Infrastrukturen zum Ziel gesetzt haben, wird es schließlich genauso einfach und billig machen, ein Rad zu modifizieren wie ein Stück Software.</p>
<p>[<a href="http://keimform.de/2012/die-soziale-steuerung-von-open-source-teil-6/">Teil 6</a>]</p>
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		<title>Die soziale Steuerung von Open Source (Teil 4)</title>
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		<pubDate>Sat, 10 Mar 2012 06:24:24 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Meretz</dc:creator>
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		<description><![CDATA[[Fortsetzung des Interviews mit George Dafermos: Teil 1, Teil 2, Teil 3] Michel Bauwens: Welche Beziehung siehst du zwischen der Peer-Produktion und der aufkommenden Ökonomie des Teilens, einschließlich der gemeinschaftlichen Nutzung, die das Hauptthema von Shareable ist? Sind beide Ausdruck von etwas noch Breiterem? Ich denke nicht, dass gemeinschaftliche Nutzung oder die Ökonomie des Teilens [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="right" style="margin-left: 8px;" title="George Dafermos" src="http://keimform.de/wp-content/uploads/2012/03/george-dafermos.jpg" alt="" width="128" height="128" align="right" />[Fortsetzung des Interviews mit George Dafermos: <a href="../2012/2012/die-soziale-steuerung-von-open-source-teil-1/">Teil 1</a>, <a href="../2012/die-soziale-steuerung-von-open-source-teil-2/">Teil 2</a>, <a href="http://keimform.de/2012/die-soziale-steuerung-von-open-source-teil-3/">Teil 3</a>]</p>
<p><em>Michel Bauwens: Welche Beziehung siehst du zwischen der Peer-Produktion und der aufkommenden Ökonomie des Teilens, einschließlich der gemeinschaftlichen Nutzung, die das Hauptthema von <a href="http://www.shareable.net/">Shareable</a> ist? Sind beide Ausdruck von etwas noch Breiterem?</em></p>
<p>Ich denke nicht, dass gemeinschaftliche Nutzung oder die Ökonomie des Teilens etwas neues ist. Bücher aus der Bibliothek auszuleihen hat eine Jahrtausende lange Tradition. Und es sind nicht nur Bibliotheken. Das Konzept der „Umsonstläden“ ist sehr alt: Leute bringen Dinge, die sie weggeben wollen, etwa Kleidung und Möbel, und andere können sie umsonst mitnehmen. Was ich wichtig finde, ist das breite Spektrum von Motivationen, das hinter der Ökonomie des Teilens steht. Für manche Menschen ist das Teilen ein Lebensprinzip, ein moralischer Wert an sich. Für andere ist es lediglich bequem – für sie ist es wichtig, Zugang zu Ressourcen zu bekommen, wenn sie sie brauchen, anstatt sie tatsächlich besitzen zu müssen. Das steht hinter dem Aufstieg und Erfolg solcher kommerziellen Dienste wie Car-Sharing.</p>
<p><img class="center" title="zipcar" src="http://keimform.de/wp-content/uploads/2012/03/zipcarback-480x322.jpg" alt="" width="480" height="322" align="middle" /></p>
<p><em>In Portland können an speziell markierten Parkplätzen Car-Sharing-Autos ausgeliehen werden, für die es in der ganzen Stadtmitte freie und exklusive Parkmöglichkeiten gibt. Foto: <a href="http://www.flickr.com/photos/jason-rodriguez/3845086031/" target="_blank">Lightpattern Productions</a></em><em>. Nutzung unter Creative-Commons-Lizenz.</em></p>
<p>Tatsächlich ist die Geselligkeit in unseren genetischen Code fest eingeschrieben. Sie ist auch eine starke Kraft hinter der gemeinschaftlichen Nutzung und der Ökonomie des Teilens. Ein Fußballspiel in einem leeren Stadion zu verfolgen macht keinen Spaß und eine Kneipentour ohne Begleitung auch nicht. Das ist im Wesentlichen auch der Grund für den Erfolg von Buchclubs, Lesegruppen und ähnlichen Initiativen: Sie verwandeln das Lesen von Büchern in eine kollektive Aktivität, wodurch es interessanter wird und viel mehr Spaß macht. Ähnliches kann über das Wohnen gesagt werden: Viele Leute, insbesondere jüngere, wenden sich kollektiven Formen des Zusammenlebens zu, weil sie das Alleinleben nicht ausstehen können. Ein weitere häufige Motivation ist die gegenseitige Hilfe durch gemeinsames Nutzen von Ressourcen, sichtbar etwa bei den Computerclubs der 1980er und 1990er (wie dem legendären <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Homebrew_Computer_Club">Homebrew Computerclub</a>) und den <a href="http://de.wikipedia.org/wiki/Hackerspace">Hackerspaces</a> (auch bekannt als Hacklabs und Makerspaces) heute.</p>
<p>Meiner Meinung nach wurde die Ökonomie des Teilens seit Anbeginn der Zivilisation von einigen grundlegenden menschlichen Bedürfnissen und Wünschen hervorgerufen und umgekehrt. Das bedeutet nicht, dass sie nichts mit der Peer-Produktion zu tun hat, im Gegenteil. Peer-Produktion verstärkt die gemeinschaftliche Nutzung und die Ökonomie des Teilens, und zwar auf zweierlei Weise. Sie schafft und entwickelt technische Infrastrukturen, die zunehmend mehr Aktivitäten und die Kontexte, in denen sie stattfinden, in Peer-Aktivitäten umwandelt. Veranschaulichen kann man dies am Beispiel der Nutzer_innen von P2P-Filesharing-Netzwerken, die den Konsum von Kulturgütern wie Musik als Peer-Aktivität neu definiert haben.</p>
<p>Noch leichter sichtbar ist aber die andere Weise, in der die Peer-Produktion die Ökonomie des Teilens vorantreibt, nämlich durch die Anreicherung der Commons. Wenn wir die Commons als eine geteilte ökonomische Infrastruktur denken, dann können wir klar sehen, wie die Peer-Produktion die Ökonomie des Teilens von den Zwängen befreit, die ihr lange Zeit durch das Regime exklusiver Eigentumsrechte auferlegt waren.</p>
<p>Es ist unbestreitbar richtig, dass sowohl die Ökonomie des Teilens als auch die Peer-Produktion konkrete Ausdrücke eines alternativen Pfades ökonomischer Entwicklung sind – allgemeiner, eines alternativen Modells sozialer Organisation –, was uns in die Lage versetzt, Probleme auf neue Weise zu betrachten und zu lösen. Die Ökonomie des Teilens ist untrennbar mit einem Modus der Vergesellschaftung in Bezug auf die Austausch- und Konsumprozesse verbunden, der gegenseitige Unterstützung und Sozialität befördert. Und die Peer-Produktion stellen einen Modus der Vergesellschaftung im Produktionsprozess her, der durch Spontanität, durch die Informalität gegenseitiger Freundschaften und durch kommunale Beziehungen charakterisiert ist. In Worten der klassischen politischen Philosophie können wir sagen, dass beide Ausdruck einer Negation der dominanten Formen sozialer Beziehungen in der Gegenwart sind.</p>
<p>[<a href="http://keimform.de/2012/die-soziale-steuerung-von-open-source-teil-5/">Teil 5</a>]</p>
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		<title>Die soziale Steuerung von Open Source (Teil 3)</title>
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		<pubDate>Thu, 08 Mar 2012 06:09:04 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Meretz</dc:creator>
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			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="right" style="margin-left: 8px;" title="George Dafermos" src="http://keimform.de/wp-content/uploads/2012/03/george-dafermos.jpg" alt="" width="128" height="128" align="right" />[Fortsetzung des Interviews mit George Dafermos: <a href="../2012/die-soziale-steuerung-von-open-source-teil-1/">Teil 1</a>, <a href="http://keimform.de/2012/die-soziale-steuerung-von-open-source-teil-2/">Teil 2</a>]</p>
<p><em>Michel Bauwens: Peer-Produktion umfasst Communites von Beitragenden, die zum Teil dafür bezahlt werden und zum Teil nicht, gemeinnützige Vereinigungen wie die FLOSS-Stiftungen sowie beteiligte Unternehmen. Wie sind die Beziehungen zwischen diesen drei Gruppen? Gibt es einen Punkt, wo die Rolle der Unternehmen die P2P- und Commons-Dynamiken so stark verzerrt, dass man nicht länger von Peer-Produktion sprechen kann?</em></p>
<p>Ihrem Wesen nach ist Peer-Produktion eine Produktionsweise, die weder auf den Markttausch abzielt, noch durch Firmenhierarchien gesteuert wird. Daher unterscheidet sich die Peer-Produktions-Projekten zugrunde liegende Motivation wie auch die Ausrichtung der Produktion in solchen Projekten radikal von den Merkmalen profitorientierter Unternehmen. Obwohl viele zu FOSS-Projekten Beitragende in der IT-Industrie arbeiten – und einige von ihnen von ihrem Brötchengeber für ihre FOSS-Entwicklung bezahlt werden – ist die Teilnahme an FOSS-Projekten in der Regel freiwillig und unbezahlt.</p>
<p>Es ist daher sinnvoll, die Beziehungen der in deiner Frage erwähnten drei organisatorischen Einheiten wie folgt zu betrachten: Eine Peer-Produktions-Community stellt ein Produkt her, das – aufgrund der allgemeinen Freiheit es zu nutzen, zu modifizieren und weiter zu verteilen – Firmen anzieht, die es entweder intern nutzen oder es auf dem Markt kommerziell verwerten wollen. Um zur fortwährenden Entwicklung eines solchen Produkts beizutragen, geben einige dieser Unternehmen der Community etwas zurück, zum Beispiel in Form von Geld oder Ausstattung. Andere bieten prominenten FOSS-Entwickler_innen einen bezahlten Job, um im Grunde weiterhin dasselbe zu machen, was sie bis dahin auch als Freiwillige getan haben. FLOSS-Stiftungen nehmen dabei oft eine vermittelnde Rolle zwischen Projekten und Firmen ein. Sie bieten Firmen einen Kommunikationskanal, um mit der Community Kontakt zu halten.</p>
<p>Ich denke, wir können dann nicht länger von Peer-Produktion sprechen, wenn es keine Peer-Steuerung oder kein Peer-Eigentum mehr gibt. Wenn Aufgaben von den Teilnehmenden nicht mehr selbst ausgewählt, sondern ihnen von einer Management-Hierarchie zugewiesen werden, wenn der Management-Prozess nicht kollektiv ist, sondern auf der Trennung zwischen denen basiert, die die Entscheidungen treffen, und jenen, die die Arbeit machen, dann ist das keine Peer-Produktion mehr.</p>
<p>Wir können auch nicht von Peer-Produktion außerhalb der Commons sprechen, das heißt, wenn der Produktionsprozess zu einem Produkt führt, das nicht für alle frei verfügbar ist, die es nutzen wollen. Daher können Unternehmen gut zu den Commons beitragen (zum Beispiel, indem sie, wie viele Software-Unternehmen, intern entwickelte Software unter FOSS-Lizenzen freigeben) oder Peer-Produktions-Communities unterstützen (so wie einige Softwareunternehmen Code zu FOSS-Projekten beitragen), aber sie können den Peer-Produktions-Prozess nicht managen. Jeder Versuch wird heftigen Widerstand der Beteiligten hervorgerufen. Selbst wenn ein Unternehmen ein solches Projekt mit dem Ziel starten würde, die Regelung der Produktion über das Netzwerk hinweg zu verteilen, würde jeder Versuch einer plumpen Kontrolle der Entwicklung zweifellos von der Teilnahme abschrecken und das Peer-Produktions-Modell auf diese Weise zerstören.</p>
<p>[<a href="http://keimform.de/2012/die-soziale-steuerung-von-open-source-teil-4/">Teil 4</a>]</p>
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		<title>Die soziale Steuerung von Open Source (Teil 2)</title>
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		<pubDate>Tue, 06 Mar 2012 06:50:03 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Meretz</dc:creator>
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		<description><![CDATA[[Fortsetzung des Interviews mit George Dafermos: Teil 1] Michel Bauwens: Charles Leadbeater hat in We Think eine sehr starke Aussage über die Steuerung von Open-Source- und kollaborativen Online-Communities formuliert: „Unter keinen Umständen handelt es sich dabei um egalitäre selbstgesteuerte Demokratien“. Glaubst du, dass das stimmt – warum oder warum nicht – und wie sollen wir [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p><img class="right" style="margin-left: 8px;" title="George Dafermos" src="http://keimform.de/wp-content/uploads/2012/03/george-dafermos.jpg" alt="" width="128" height="128" align="right" />[Fortsetzung des Interviews mit George Dafermos: <a href="http://keimform.de/2012/die-soziale-steuerung-von-open-source-teil-1/">Teil 1</a>]</p>
<p><em>Michel Bauwens: Charles Leadbeater hat in <a href="http://www.bookzilla.de/shop/action/productDetails/7893645/charles_leadbeater_we_think_1861978375.html">We Think</a> eine sehr starke Aussage über die Steuerung von Open-Source- und kollaborativen Online-Communities formuliert: „Unter keinen Umständen handelt es sich dabei um egalitäre selbstgesteuerte Demokratien“. Glaubst du, dass das stimmt – warum oder warum nicht – und wie sollen wir die Peer-Steuerungs-Praktiken solcher Communities beurteilen? Kannst du uns etwas über deine Sicht auf die Spannung zwischen Gleichheit und Hierarchie in der Peer-Produktion erzählen? Was hältst du von dem Konzept des „gütigen Diktators“?</em></p>
<p>Ich habe Leadbeaters Buch nicht gelesen, aber ähnliche Argumente wurden auch von anderen geäußert. Gewöhnlich ist der Tenor des Arguments, dass informelle Formen der Organisation – wie sie in vielen Projekten der Peer-Produktion zu finden sind – für die Bildung von administrativen Klüngeln anfällig sind und dadurch den Nährboden für Korruption und Machtmissbrauch bereiten.</p>
<p>Klüngel können jedoch in allen Lebensbereichen gefunden werden. Viele soziologische Studien haben gezeigt, dass die Klüngelbildung auch für bürokratische Organisationen typisch ist, trotz aller geschriebenen Regeln und formalen Posten. Am wichtigsten ist jedoch, dass die Probleme, die diese Kritik den (oft informellen) Formen der Organisation von FOSS-Projekten zuschreibt, in formalen Organisationen viel verbreiteter und destruktiver sind. Formale „demokratische“ Organisationen wie Gewerkschaften und politische Parteien (auch solche, die egalitäre Ideale verkünden), ganz zu schweigen von gewählten Regierungen, sind Brutstätten der Korruption und Willkür beim Ausführen ihrer administrativen Befugnisse. Das sollte aber nicht so aufgefasst werden, dass alle Formen der kollektiven Organisation dazu verurteilt sind, in Korruption und Machtmissbrauch zu versinken.</p>
<p><a href="http://keimform.de/wp-content/uploads/2012/03/gnu-linux-480x373.png"><img class="right" title="GNU-Linux" src="http://keimform.de/wp-content/uploads/2012/03/gnu-linux-480x373-300x233.png" alt="" width="300" height="233" align="right" /></a>Der Wunsch nach gelebter Demokratie ist nicht vergeblich. Das Problem ist vielmehr, dass wirkliche Demokratie, also die soziale Form der Regelung und Steuerung durch unmittelbare Teilhabe aller Community-Mitglieder am Prozess der Formulierung von Problemen und der Aushandlung von Lösungen, unerreichbar wird, sobald die Gruppe in eine Fraktion gespalten wird, die entscheidet und befiehlt, und eine andere, die gehorcht. Solche Strukturen sprechen dem Begriff der Demokratie hohn. Dies müssen wir bedenken, um abschätzen zu können, wie demokratisch die Communities der Peer-Produktion wirklich sind. Wir sollten uns ansehen, wie Entscheidungen getroffen werden: Basiert die Entscheidungsfindung auf direkter Teilhabe aller Community-Mitglieder oder ist sie in den Händen einiger weniger konzentriert, die über den Rest im Namen einer wirklichen oder eingebildeten Community bestimmen? Das ist die Schlüsselfrage. Aus dieser Perspektive betrachtet läuft die soziale Regelung und Steuerung in Peer-Produktions-Communites oft viel demokratischer ab als in traditionellen „demokratischen“ Organisationen.</p>
<p>Das Konzept des gütigen Diktators ist sehr interessant, und es illustriert die Spannung zwischen Hierarchie und Gleichheit in der Peer-Produktion ganz gut, worauf sich deine Frage ja bezieht. Lass es mich anhand eines Beispiels erläutern. Der archetypische gütige Diktator ist Linus Torvalds, Gründer und Leiter eines wohlbekannten FOSS-Projekts: Linux. Torvalds ist der „Diktator“ von Linux in dem Sinne, dass er die höchste Autorität inne hat, wenn es darum geht zu entscheiden, welche Codebeiträge Bestandteil der offiziellen Linux-Version werden. Seine Autorität wird nicht über die Linux-Entwickler_innen, sondern über ihre Beiträge ausgeübt. Er kann ihnen nicht sagen, was zu tun ist, wie es zu tun ist oder wann es zu tun ist. Das ist der Grund, warum sein Einfluss auf das Verhalten der einzelnen Entwickler_innen marginal ist, wie einige Studien festgestellt haben (zum Beispiel Ruben van Wendel de Joodes Dissertation <a href="http://repository.tudelft.nl/assets/uuid:297bc2ff-956b-436b-addb-98eb1d4a3b4f/tpm_wendel_20050926.pdf" target="_blank">Understanding Open-Source Communities: An Organizational Perspective</a>).</p>
<p>Damit Torvalds Entscheidungen als berechtigt angenommen werden, müssen sie mit dem Konsens der beteiligten Entwickler_innen übereinstimmen, wie er sich auf den Linux-Mailinglisten zeigt. Es ist nichts ungewöhnliches für ihn, unter dem Druck anderer Entwickler_innen eine Entscheidung zurückzunehmen. Seine Position basiert auf der Anerkennung seiner Eignung durch die Community der Linux-Entwickler_innen, weshalb seine Autorität permanent unter einem Widerrufsvorbehalt steht. Seine Rolle ist nicht die eines Bosses oder Managers im üblichen Sinne. Letztlich entspringt die Richtung des Projekts aus der kumulativen Synthese der durch die individuellen Entwickler_innen beigetragenen Änderungen.</p>
<p>Zusammenfassend lässt sich sagen, dass die Spannung zwischen Hierarchie und Gleichheit mit dem Grad der Kontrolle zu tun hat, die Projekt-Administratoren über die von der Basis der Entwickler_innen beigetragenen Änderungen ausüben. Stärker ausgeprägt ist diese Spannung in Projekten, die – wie Linux – eine/n Entwickler_in (oder eine Untergruppe von Entwickler_innen) dazu berechtigen, die Code-Beiträge der Entwickler_innen-Community zu akzeptieren oder zurückzuweisen. Andere große FOSS-Projekte – FreeBSD zum Beispiel – erlauben es ihren Entwickler_innen, Änderungen direkt in die Codebasis einzupflegen, ohne sie durch den Filter eines Gatekeepers zu schleusen. Folglich ist die genannte Spannung in diesen Projekten wesentlich geringer.</p>
<p>[<a href="http://keimform.de/2012/die-soziale-steuerung-von-open-source-teil-3/">Teil 3</a>]</p>
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		<title>Die soziale Steuerung von Open Source (Teil 1)</title>
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		<pubDate>Sun, 04 Mar 2012 06:47:38 +0000</pubDate>
		<dc:creator>Stefan Meretz</dc:creator>
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		<category><![CDATA[Praxis-Reflexionen]]></category>
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		<description><![CDATA[Quelle: Shareble, aus dem Englischen übertragen von Stefan Meretz und Christian Siefkes. Einige Begriffe haben im Deutschen keine direkte Entsprechung. Der Begriff „governance“ umfasst allgemein die Art und Weise der sozialen Regelung und Steuerung von Organisationseinheiten, im Falle der Peer-Produktion von Communities. Hier wird die lange Fassung „soziale Regelung und Steuerung“ oder abkürzend „soziale Steuerung“ [...]]]></description>
			<content:encoded><![CDATA[<p>Quelle: <a href="http://www.shareable.net/blog/governance-of-open-source-george-dafermos-interview">Shareble</a>, aus dem Englischen übertragen von Stefan Meretz und Christian Siefkes. Einige Begriffe haben im Deutschen keine direkte Entsprechung. Der Begriff „governance“ umfasst allgemein die Art und Weise der sozialen Regelung und Steuerung von Organisationseinheiten, im Falle der Peer-Produktion von Communities. Hier wird die lange Fassung „soziale Regelung und Steuerung“ oder abkürzend „soziale Steuerung“ oder einfach nur „Steuerung“ verwendet.</p>
<p><img class="right" style="margin-left: 8px;" title="George Dafermos" src="http://keimform.de/wp-content/uploads/2012/03/george-dafermos.jpg" alt="" width="128" height="128" align="right" /></p>
<h3>George Dafermos im Interview</h3>
<p>Während der Begriff der Peer-Produktion nach den Pionierarbeiten von Yochai Benkler und dem offensichtlichen Erfolg von Open-Source-Software wohl bekannt ist, ist die soziale Regelung und Steuerung dieser Communities in weit geringerem Maße Gegenstand von Debatten und Studien. Doch die Untersuchung der sozialen Steuerungsmechanismen ist wesentlich, da es keine wirkliche Peer-Produktion geben kann, wenn die Verteilung der Ressourcen nicht Ergebnis der sozialen Beziehungen selbst ist, sondern von kommerziellen Interessen und Herrschaft bestimmt wird. Tatsächlich treten viele kommerziell getriebene und gemanagte Projekte als Open Source auf, aber wenn sie auf klassische Weise gemanagt werden, ist das Potenzial für soziale Veränderungen ziemlich begrenzt. <a href="http://hyperdrome.net/people/dafermos" target="_blank">George Dafermos</a> von der Technischen Universität Delft ist einer der wenigen Forscher, der sich auf die soziale Regelung und Steuerung von Communities Freier Software spezialisiert und klarere Kriterien für echte Peer-Produktion vorgeschlagen hat.</p>
<p><em>Michel Bauwens: Du bist in der P2P-Community für deine Forschungen zur sozialen Steuerung in Free / Libre and Open Source Software (FOSS oder FLOSS) Projekten bekannt. Bitte erzähle uns für diejenigen, die mit deinem Werk nicht vertraut sind, von deinem Hintergrund und deinen Forschungen.</em></p>
<p>Meine Reise ins Milieu der Freien und Open Source Software (FOSS) umfasst schon mehr als ein Jahrzehnt. Ich habe als Forscher an mehreren FOSS-Studien teilgenommen, von denen die Untersuchung <a href="http://flosshub.org/sites/flosshub.org/files/dafermoslinux.pdf" target="_blank">Management and Virtual Decentralised Networks: The Linux Project</a> vielleicht die bekannteste ist – eine der ersten Analysen großer FOSS-Projekte aus organisatorischer Perspektive. Ich verstehe mich als Copyleft-Aktivist und habe als Berater für Fragen der FOSS-Lizensierung zu einigen Projekten beigetragen. In den letzten fünf Jahren haben sich meine Forschungsarbeiten jedoch auf die Organisation der Entwicklung von FreeBSD – einem der größten und ältesten FOSS-Projekte – konzentriert, und derzeit erstelle ich an der Technischen Universität Delft meine Dissertation zu diesem Thema. Wie andere Sozialwissenschaftler_innen betrachte ich FOSS als neu entstehendes Paradigma für die Organisation kollektiver Aktivitäten und als Labor für dezentrale experimentelle Technologie-Entwicklung ist.</p>
<p><em>Michel Bauwens: In der P2P-Stiftung unterscheiden wir Peer-Produktion, Peer-Steuerung und Peer-Eigentum. Würdest du dieser Dreiteilung zustimmen, und ist es eine angemessene Einschätzung zu sagen, dass du einer der wenigen Forscher_innen bist, die sich auf die Peer-Steuerung von Communities der Peer-Produktion spezialisiert haben? Stimmst du zu, dass es in solchen Communities eine spezifische Art und Weise der Steuerung gibt, und wie hängt Peer-Steuerung mit Demokratie zusammen?</em></p>
<p>Bei der Erforschung der Peer-Produktion ist der Ansatz der P2P-Stiftung ohne Zweifel extrem nützlich, da er die Aufmerksamkeit auf die Schlüsseldimensionen des Phänomens lenkt. Was die Peer-Produktion von anderen Produktionsweisen abhebt, ist ihre Art von Steuerung und Eigentum. Um es anders auszudrücken: Was bei diesem Phänomen so besonders ist, ist die Weise, wie Menschen an der Produktion eines Guts teilhaben und ihre Anstrengungen kollektiv organisieren, sowie die Weise, in der die so entstehenden Produkte verteilt werden. Peer-Produktion ist offensichtlich durch eine bestimmte Art und Weise der Regelung und Steuerung charakterisiert, die auf einer Selbstauswahl der Aufgaben durch die Teilnehmer_innen beruht, die kollektiv und konsensorientiert Entscheidungen treffen. Und das hat natürlich eine verblüffende Ähnlichkeit mit dem Konzept direkter Demokratie.</p>
<p>Bezüglich der Frage, ob sich nur wenige Forscher_innen auf die Praktiken der Peer-Steuerung konzentrieren, würde ich sagen, dass – auch wenn sich im Vergleich zur Untersuchung der Steuerung traditioneller Organisationen nur wenige Forscher_innen diesem Thema widmen – Peer-Produktion heute kein exotisches Forschungsfeld mehr ist. Die Anzahl der Sozialwissenschaftler_innen, die sich mit Peer-Produktion beschäftigen, ist in den letzten 10 Jahren kontinuierlich gestiegen. Ohne Zweifel verbreitet sich das Bewusstsein des diesbezüglichen Forschungspotenzials in der wissenschaftlichen Gemeinschaft.</p>
<p>[<a href="http://keimform.de/2012/die-soziale-steuerung-von-open-source-teil-2/">Teil 2</a>]</p>
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