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Weitere Gedanken zu den Freund*innen

In den letzten Beiträgen habe ich mich mit dem Text der Freund*innen auseinandergesetzt. Wenn ich gute Texte lese, dann bringen die mich selbst weiter zum Nachdenken, darum hier zwei Gedankenbewegungen die aus dem Lesen und Reflexion hervorgingen. Sie sind sehr kurz und eher als Diskussionsanstoß gedacht. Die eine betrifft das Verhältnis von Utopietheorie und transformierender Praxis, der andere die utopische-inhaltliche Frage wer, wo im Commonismus Entscheidungen fällt.

Utopie – Produkt der Gedanken oder der Bewegung?

Da die freie Gesellschaft nicht durch die Entwicklungsgesetze der Geschichte verbürgt ist, wird sie nicht von der Bewegung automatisch hervorgebracht. Das Verhältnis von Bewegung und freier Vergesellschaftung ist problematisch und darum notwendiges Feld von Reflexion und Theorie. Aber die Utopietheorie der Freund*innen durchzieht der Unmut einer Verselbständigung der Theorie. Sie sorgen sich um eine Theorie, welche sich von der Praxis entfernt, diese zurücklässt, im schlimmsten Fall zu ihrem Hemmnis wird, wenn sie der Praxis eine falsche Richtung empfiehlt oder gar vorschreibt. Gleichzeitig wäre es jedoch eher positiv würde sich die Theorie von einer Praxis entfernen, welche die falschen Wege beschreitet. Einige Fragen treten aus diesem Verhältnis hervor: Bedarf die Theorie der Praxis als Grundlage? Falls ja, wie ist deren Verhältnis zu bestimmen? Was ist hier der Stellenwert von Theorie/von Praxis? Wann wir die Theorie praxisferne Reflexion, was Engels als Utopismus kritisierte? Macht dies die Theorie falsch, oder nur tendenziell uneinlösbar?

Theorie basiert immer auf unserer (Lebens-)Praxis, denn sie ist an unsere Erfahrung gebunden. Während eine positivistische (passender Begriff?) Theorie das Bestehende als das Wirkliche anerkennt, versucht eine kritische Theorie gerade das Gewordensein und damit die Veränderbarkeit des Bestehenden zu reflektieren. Sie steht somit in einem kritischen Verhältnis zur Praxis, sowohl zu geltenden wie auch zu einer transformierenden Praxis. Kritische Theorie beschreibt nicht nur was ist, sondern erklärt warum es so ist und öffnet somit auch den Raum das es anders sein könnte. Somit hat kritische Theorie notwendig einen überschreitenden, transzendierenden, spekulativen Gehalt. Aber wird dieser überschreitende Gehalt falsch wenn sich die Theorie weiter von der Praxis entfernt? Nicht notwendig, aber wahrscheinlicher da sich immer mehr Irrwege auftun? Ach … viele Köpfe haben zu diesem Verhältnis schon viel gesagt, wahrscheinlich lohnt es sich da nachzulesen. Aber vielleicht hat jemand hier ja noch spannende Gedanken.

Noch eine Notiz zum Abschluss: Viele unserer Gedanken kommen aus der Commons-Bewegung, aus der Praxis. Freiwilligkeit und kollektive Verfügung als Basis von Inklusionslogik sind Prinzipien die gerade in Commons praktiziert und thematisiert werden. Aber meist nur – notwendig gebrochen – im interpersonalen Rahmen. Wahrscheinlich ist in viel unserer theoretischer Bemühungen die treibende Frage: Wie können diese Praktiken, in welchen wir uns trotz der Brüche oft wohlfühlen, gesellschaftliche allgemein werden? Wie kann mehr von unserem Leben nach ihren Dynamiken funktionieren und diese Dynamiken weiter entfaltet werden? Dieser Erfahrungsschatz ist sowohl theoretisch als auch motivational sehr wichtig, aber wie behindert er auch unser Denken, unsere Theorie? Benni Bärmann hat in seinen letzten Artikel immer wieder darauf verwiesen, dass er meint wir sollen uns von einem transpersonalen Äquivalent zu unserem transpersonalen Commoning verabschieden … Wenn dies stimmt, verlangt dies wieder einen überschreitenden Schritt der Theorie.

Plen-O-Cracy, Do-O-Cracy oder was jenseits davon?

Die meisten Utopien sind Plen-O-Cracies: Verpflichtende Entscheidungen werden in bestimmten Versammlungen/Plena getroffen. Damit die Plenumsentscheidungen gültig und verpflichtend sind bedarf es Herrschaftsmittel und somit einer getrennten Institution der Herrschaft (Vgl. Buch). Eine Plen-O-Cracy ist somit auch ein Plan-O-Cracy: In Plena werden Pläne geschmiedet, an die sich die Leute gefälligst halten sollen. In kritischer Absetzung hiervon haben wir im Buch von deiner ‚eingebettet Allgemeinheit‘ gesprochen, in welcher verschiedene Plena nur Lösungsvorschläge entwickeln und anbieten, aber nicht durchsetzen können.

Hier kam die Überlegung und der Vorwurf auf, ob dies dann nicht eine Do-O-Cracy wäre: Nicht iwelche institutionell privilegierte Personen entscheiden, sondern die Tätigen (Doing). Ein illustrierendes Beispiel: Konfliktcommons bieten verschiedene Lösungen für die Verteilung des Stahls in Niedersachsen an, schlussendlich wählt das Stahl-Logistik-Commons eine Lösung aus und setzt sie um. Das niedersächsiche Stahl-Logisitik-Commons kann aber nicht getrennt von den Stahl-Herstellungs-Commons entscheiden: Wenn die Stahl-Herstellenden die Logistikentscheidungen öfters doof finden, werden sie ihre Kooperation einstellen und evtl. mit anderen Logistik-Commons kooperieren. Schlussendlich sind es also die Herstellenden nicht die Logistiker*innen die entscheiden. Aber auch die Stahl-Herstellenden werden nicht lang Stahl herstellen, wenn sie Entscheidungen treffen, welche jenen Commons doof finden, die sie mit Energie, Wasser, Werkzeuge, Schrauben, IT etc. versorgen. In einer hocharbeitsteiligen Gesellschaft gibt es also eine Unmenge von Tätigen, welche bei der Do-O-Cracy mitentscheiden können und falls sie unzufrieden sind die Kooperation aufkündigen können. Positiv interpretiert: Es gibt immer ein Haufen von Leuten, welche sich gegen blöde Lösungen stellen können, so dass sich wahrscheinlich wirklich die Lösung durchsetzen wird, die möglichst inkludierend ist. Es wird wohl auch meistens so sein, dass die Mitentscheidenden nicht immer ein eigenes Interesse an der Endentscheidung hat (bspw. die Werkzeugprogrammiererin in Kambodscha an der Stahlverteilung in Niedersachsen), so dass sie dann wohl wirklich die Entscheidung präferieren, welche am besten die Bedürfnisse Vorort inkludieren. Negativ interpretiert: Wenn die Exit/Kooperations-Abbruch-Strategie häufig gewählt wird, wird das System ganz schön volatil. Auch wird das Abstimmen wohl ganz schön kompliziert – aber das ist nicht wirklich negativ, da wir wohl ‚nur‘ tolle soziale Kommunikationsmittel herzustellen* brauchen welche uns die verschiedenen Bedürfnisse und Informationen zu koordinieren erlauben.

Noch ein weiteres Problem kommt mir so auf: Es reicht natürlich nicht wenn die ewige Do-O-Cracy-Kette von dem niedersächsischen Stahl sich entscheidet, wenn die Do-O-Cracy-Ketten von Beton, von Bau-Commons, von Energie, von X, Y und Z, nicht auch diese Entscheidung mittragen. Sonst hat das Schulbaucommons haufenweise Stahl, aber keine Schrauben. Hmm Hmm … wie kann deren Abstimmung funktionieren ohne dass sich ein Entscheidungsgremium gründet? Denn wäre es nicht das Passendste, dass sich die verschiedenen Do-O-Cracy-Ketten in einem Plenum treffen und die verschiedenen Lösungen diskutieren und sich für eine entscheiden? So ich höre hier unbefriedigenderweise mal auf und öffne die Diskussion 😉

Noch ein letzter Punkt, der ganz gut dazu passt: Ich finde tatsächlich die Frage welche die Freund*innen zur Grenzen der Dezentralisierung aufgeworfen haben noch spannend. Bspw. wenn sie schreiben die „Verwendung begrenzter Ressourcen [kann] […] nur zentral entschieden werden“ (36). Wir hatten diese Frage schon mal andiskutiert, aber sie bleibt spannend.

Kategorien: Arbeit & Freiheit, Commons, Theorie

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7. September 2018, 09:30 Uhr   19 Kommentare

1 Franz Nahrada (07.09.2018, 10:24 Uhr)

„Während eine positivistische (passender Begriff?) Theorie das Bestehende als das Wirkliche anerkennt, versucht eine kritische Theorie gerade das Gewordensein und damit die Veränderbarkeit des Bestehenden zu
reflektieren. Sie steht somit in einem kritischen Verhältnis zur Praxis,
sowohl zu geltenden wie auch zu einer transformierenden Praxis.

Kritische Theorie beschreibt nicht nur was ist, sondern erklärt warum es
so ist und öffnet somit auch den Raum dass es anders sein könnte. Somit
hat kritische Theorie notwendig einen überschreitenden,
transzendierenden, spekulativen Gehalt. „

Sehr gute Gedanken, Simon !

Ich habe das Problem damals mit dem Buch „Unsichtbare Intelligenz“ aufzuzeigen und zu beantworten versucht, in dem drei Modi des Denkens benannt sind, die sich dringend verständigen müssen.

Der kritisch – theoretische Modus, der utopisch – visionäre Modus und der wirkungsorientiert – pragmatische Modus. Ich denke mir, jede dieser Theorieformen hat ihre eigene Grammatik, ihren eigenen Schwerpunkt und Gegenstand, aber jede trägt auch einen Mangel in sich, der durch die beiden anderen ausgeglichen werden kann. Kritische Theorie muss sich notwendig gegen einen positiven Zukunftsentwurf sperren, da sie sich sonst selbst verrät. Sie sagt was ist, darf aber allerhöchstens andeuten was sein soll. Dass das zu wenig ist, haben wir schmerzhaft erfahren.

Ob die Alexandrinische Mustertheorie, für die ich mich schon länger interessiere, diese Theorieformen zusammenführen oder vereinigen kann, kann ich bis heute nicht mit Sicherheit sagen. Sie ist zweifelsfrei offen für eine visionäre Gestaltung, versucht diese aber immer wieder im Licht historischen Bewusstseins zu erden. Sie ist mit ebensolcher Sicherheit pragmatisch – wirkungsorientiert, will sie uns doch Werkzeuge der Gestaltung und auch Veränderung an die Hand geben.

Ob sie als kritische Theorie taugt, das würde ich gerne in einem Diskurs über Antimuster klären, ein Begriff der bei Alexander immer wieder auftaucht, um auf lebensfeindliche und beschränkende Strukturen hinzuweisen, aber nicht wohldefiniert ist.

Die wenigen Gedanken dazu habe ich hier notiert: http://theoriekultur.at/wiki?Die_Grammatik_einer_AntiMusterSprache.

2 Franz Nahrada (07.09.2018, 10:32 Uhr)

Auch die Gedanken zur Abstimmung der Commons und zu den Folgen einer Nichtabstimmung sind sehr wichtig. Christoph Spehr hat seinerzeit das Prinzip „Kooperation abbrechen“ hypostasiert, und Du schreibst richtig dass das Resultat ein hochgradig instabiles („volatiles“) System ist. Ich habe auch das Gefühl, dass da seither nicht richtig weitergedacht wurde. Spannend!

3 Annette (07.09.2018, 10:33 Uhr)

Da sind wir bei wichtigen Fragen, für die ich auch die Gedanken der Stigmergie nie als ausreichend empfunden habe. Heutige Produktionsprozesse sind vielfach vernetzt vermittelt, ehe da irgendwelche Bedürfnisse ins Spiel kommen. An meinem 3D-Oberflächenmessgerät meldet niemand ein individuelles „Bedürfnis“ an, aber es wird gebraucht  für die Optimierung von Reibungsoberflächen im Getriebe eines Windrads, das gebraucht wird für die Erzeugung von Strom für den Antrieb einer Maschine, die irgend was herstellt, aus dem dann irgendwann mal ein Produkt entsteht, nach dem jemand ein Bedürfnis angemeldet hat.

Anders formuliert habe ich auch schon oft gedacht: „Wenn die Exit/Kooperations-Abbruch-Strategie häufig gewählt wird, wird das System ganz schön volatil.“. Ich will mich nicht drauf einlassen, dass meine Kraft für Projekte verschwendet wird, die dann keinen Platz in diesem Vermittlungsnetzwerk bis hin zum wirklichen Nutzen finden, weil alles der Beliebigkeit anheim gestellt wird.

Wie es anders, besser gehen soll,weiß ich auch noch nicht. Das wissen zu wollen, gehört aber auch zu dem oft berechtigt abgelehnten „Ausmalen“. Vielleicht bietet ja das, was kapitalistisch jetzt unter Industrie 4.0 gemacht wird, soweit es gelingt, tatsächlich eine Basis, die wir jetzt noch gar nicht erahnen können?

4 franziska (08.09.2018, 07:18 Uhr)

Was an Praxis heute daist, hat eine lange Vorgeschichte und ist somit IMMER geworden. Menschliches Handeln, Regelsysteme, Praxis sind darüberhinaus IMMER änderbar (sonst ists kein Handeln, sondern was andres). Die Frage ist: ob es gute Gründe dafür gibt, etwas zu ändern. Wie ein Regelsystem, eine Handlungsweise historisch entstanden ist (und mit welchen Absichten, Gründen, aus welchen Ursachen) – das sagt aber nichts darüber, wie es ab jetzt weitergeht und weitergehen KANN.
Es könnte ja eine Sackgasse sein, in die dies So-Gewordene geführt hat. Da gehts dann, bei allem Gewordensein, leider NICHT weiter, solches Werden (eigentlich immer: Weiter-Tun), kann nur abgebrochen und durch etwas GANZ andres ersetzt werden.
——————–
Euer Denken hier so wie das vieler anderer Radikallinker (zB der Freund*innen), kreist, nicht erst seit heute, um Probleme der modern-globalen Arbeits- und Wissensteilung – Quelle unerhörter, nie dagewesener Produktivität und Wirkmacht. In euern Versionen einer Transformation gehört das zum Nicht-zu-Transformierenden; die Transformation soll ja nur sein eine in den Beziehungen der aufgeteilt (divided) Arbeitenden (vor allem eine Änderung in der Art, wie sie zur (transpersonalen?) „Beziehung“ des Teilens (share) der Zwecke kommen, denen die Auf-Teilung der Arbeiten dienen soll.)

Aber anders, als im Buch in der von mir bereits zitierten Fussnote 32, S.158/9 behauptet, war die Arbeits- geschweige denn Wissensteilung und ihre Notwendigkeiten kaum je ein Thema für ernstzunehmende Radikallinke: Sie ist das so gut wie komplett Invariante und unverändert zu Übernehmende. Grade auch und besonders dann, wenn wir uns „die Welt machen, wie sie uns gefällt.“
Wo kämen wir auch hin, wo sie sich grad so grossartig und unter unsäglichen Opfern*) entwickelt hat! Obwohl man vom „Reich der Notwendigkeit“ spricht, scheint da fraglos ein, für manche gar DER Inbegriff von (technischen) Möglichkeiten eröffnet (im Sinn von: Wir können alles. Ausser alles.):

Ökologie ist nur eine Frage von Emissionsfiltern (ganz abstrakt verstanden) – eine BioTechnologie-Frage.
Bedürfnis-Bezogenheit ist eine Frage der Ergonomie (ebenso) – eine Psycho- und Physio-Technologie-Frage.
Und Vergesellschaftbarkeit… nun, darüber wird ja hier nachgedacht – über die Optimierung der Sozialtechnologie (geschickte Wahl der -cracies).

*) „Improvement“, aach, das ist ja NUR „Profit“-bezogen und -geschuldet; die Etymologie beweist es.
—————————–
Es ist nur so:
Ich kenne nicht EINEN Konflikt, in mir selbst, meinem persönlichen Umfeld, der Nachbarschaft, der engeren und weiteren, schliesslich auf kommunaler bis nationaler und internationaler Ebene, der IM KERN nicht darauf zurückgeht, dass Leute (sofern sie, mehr (seltener) oder weniger (häufig) kompetent) verschiedene Meinungen haben darüber: WAS zu tun zweckmässig ist, und WIE es getan werden sollte. Das „von wem, für wen“ ist dem immer schon unter- und eingeordnet: als Teil zweckmässiger Organisation der anstehenden Arbeiten. Nur: Was ist „zweckmässig“?

Kapitalismus offenbart, unter diesem Gesichtspunkt, eine ganz ungewohnte Seite: Er vereinfacht so schön. Ja! Ja! – es geht NUR um den Profit, wo, wie auch immer er erwirtschaftet wird. Da weiss man immerhin, was zu tun ist.
Wehe, wenn dieser Vorwand wegfällt.
Ein brodelnder Abgrund an Entscheidungs-Notwendigkeiten tut sich auf.
Und an Einigungs-, Planungs-, Zusammenhangs-Übersichts-Gewinnungs-Notwendigkeiten.
Man kann viel gegen Kapitalismus sagen, aber… DAS erspart er seinen Bewohnern dann doch: Verantwortung für den zweckmässigen Zusammenhang ihrer Einzelarbeiten.
Mit andern Worten: er verschleiert die Tatsache, dass das Problem UNLÖSBAR sein könnte.
Aber wir haben ja noch: Stigmergie, Logistik-Commons, Do-cracies, Industrie 4.0, KI, und Unmassen an Rechenleistung.

Wir schaffen das.
(Schon.)
(Noch.)

(Irgendwie.)

5 Benni Bärmann (08.09.2018, 17:29 Uhr)

@franziska: Wie ich es die ganze Zeit sage: Es geht darum mindestens so viele Menschen zu koordinieren wie der Kapitalismus (also fast alle) aber dabei weniger destruktiv zu sein. Dass das schwierig ist, ist klar. Aber wieso sollte es unmöglich sein?

6 Perikles (08.09.2018, 18:08 Uhr)

Ich meine ebenfalls, dass die Idee jedwede Kooperation aufzukündigen und dann schlichtweg neue einzugehen zwar in der Theorie sympathisch und sinnvoll klingt, in der gesellschaftlichen Praxis so nicht hinhaut. Jedenfalls nicht in ihrer absoluten Anwendung. 

Es gibt genügend ökonomische Zusammenhänge (vertikal wie inter-regional) wo einfach eine Notwendigkeit der Zusammenarbeit besteht will man nicht eklatant auf bestimmte Güter und Dienstleistungen verzichten und ganze infrastrukturelle Zusammenhänge abreißen lassen.

Ich halte ebenso viel von Freiwilligkeit und würde mir wünschen sie wäre überall möglich, aber auch eine nachkapitalistische Gesellschaft bedarf womöglich Sanktionsmechanismen um gemeinsam vereinbarte Verbindlichkeiten einzuhalten. Ob dies zwangsläufig einen Staat im Sinne eines Gewaltmonopols nach sich ziehen muss wäre eine andere Frage. Es ließen sich hier durchweg andere Organisationsformen denken. Eine Überlegung dazu findet sich hier: https://de.wikipedia.org/wiki/Functional_Overlapping_Competing_Jurisdiction)

Franziska verweist korrektweise auf die zahlreichen Probleme der Koordination die auftreten wenn Märkte entfallen. Ob eine Wirtschaft die vollends ohne Märkte auskommt vor dem Hintergrund der modernen Produktions- und Verteilungszusammenhänge überhaupt machbar ist lässt sich bisher nicht bestimmen. Zweifel daran sind jedoch äußerst berechtigt. 

Richtigerweise wird eine nachkapitalistische Ökonomie nicht Ergebnis spontaner Zusammenschlüsse am hypothetischen „Tag X“ sein können. Es bedarf also einer experimentellen Herangehensweise. Die entsprechenden Versuche müssen hierbei groß genug sein um gesellschaftliche (und nicht nur gemeinschaftliche!) Aussagekraft zu haben, andererseits klein genug um im Fall des Scheiterns nicht zu chaotischen Zusammenbruchs- und Zersetzungsprozessen zu führen. 

Mir scheint obendrein, dass Simon die Machtfrage zu sehr ausblendet. Man wird nicht einfach um politische Fragen herumkommen und an Staat und Kapital „vorbeiwirtschaften“ können. 

Ob andererseits das von Franziska beschriebene „Ganz Andere“ überhaupt denkbar und machbar ist, daran habe ich sehr starke Zweifel.

Ich schrieb bereits anderswo: Wir müssen eben stets mit den Mitteln auskommen, die uns heute zur Verfügung stehen und unter verlässlichen Umständen angewendet werden können. Die neuen Verhältnisse entstehen durch schrittweisen sozialen Wandel sowie die Ausbreitung und Entfaltung neuer Arten des praktischen Handelns, die wiederum nur dann planvoll und wie gewünscht eingeführt werden können, wenn sie klar umschrieben werden können. 

Insgesamt müssen wir die nachkapitalistisch-herrschaftsfreie Gesellschaft mit den Mitteln der alten errichten, da wir keine anderen Mittel zu handhaben wissen. Wenn wir mit den alten Mitteln jedoch neue Ergebnisse erzielen wollen, kommt es darauf an, die Kombinationen und Umstände zu verändern, unter denen sie angewandt werden.

Etwas anderes als die Kombination des uns Bekannten ist – meines Erachtens zumindest – gar nicht denkbar. Zumindest nicht im praktisch-brauchbaren Sinn.

7 Wal Buchenberg (09.09.2018, 10:31 Uhr)

Mein Senf zu den ersten Tagen einer nachkapitalistischen Wirtschaft:
Alle die für eine umwälzende Veränderung unbedingt ein Krisenszenario voraussetzen (benötigen?), können nicht weiter denken, als bis zu Notversorgung, Lebensmittelmarken, Schwarzmärkten und Hunger. Das
sind denkbar schlechte Voraussetzungen für unsere Emanzipation, weil jede große Katastrophe unser Tun und Lassen unter hundert Zwänge stellt. Mit freiem Willen und unseren langen Wunschzetteln für die nachkapitalistische Gesellschaft wäre es erst einmal Essig.

Meine Vorstellung, wie die große Umwälzung stattfinden könnte:Die jetzigen Belegschaften erklären ihre Geschäftsführung für abgesetzt, und setzen ihren Betriebsrat als provisorische Geschäftsführung ein. Die monatliche Betriebsversammlung übernimmt alle bisherigen Rechte der Kapital-/Aktieneigner.
Die Rechte der Kapitaleigner bleiben bis zu einer endgültigen gesetzlichen Klärung („Enteignung“, „Entschädigung“ etc.) ausgesetzt.

Das wäre die (vorläufige) Aneignung der Produktionsmittel durch die Belegschaften. Produktionstechnisch könnte erst mal alles so weiterlaufen wie bisher: Wir hätten weiter Wasser, Elektrizität, Wärme, Müllentsorgung etc.

Die Bauern könnten/müssten mit Industriegütern für Lebensmittellieferungen „bezahlt“ werden.

Klar ist, dass jeder Betrieb auf eine lange Kette von Zulieferungen angewiesen ist. Die soll/darf erstmal nicht durchtrennt werden.

Heißt: die bestehenden Zulieferverträge gelten erstmal (im eigenen Land ohne Bezahlung) weiter.

Erst dann kann/muss man auf kommunaler Ebene überlegen: Was fehlt uns? Was brauchen wir nicht? Was wollen wir anders machen?
Radikale Linken kennen den Begriff „Doppelherrschaft“. Wichtiger ist zu wissen, was eine „Doppelwirtschaft“ ist:

Doppelwirtschaft heißt: Geldlose Wirtschaft durch Vertrag/bloße Abmachung
(„Wir machen das, ihr das“) plus geldliche Wirtschaft, wo immer man weiter mit Kapitalisten Geschäfte machen muss. Ein gewisser Teil des gemeinschaftlichen Arbeitsprodukts muss daher als Ware verkauft werden, aber wertmäßig nur so viel, wie auch als Ware eingekauft werden muss. Mehr gibt es über die ersten Tagen und Wochen der nachkapitalistischen Wirtschaft nicht zu wissen.

Das wird nicht einfach, aber die Leute hätten die geistigen und materiellen Mittel – und vor allem die freie Zeit!! – zur (allmählichen) Lösung ihrer Fragen und Wünsche.
Gruß Wal

8 franziska (09.09.2018, 10:53 Uhr)

Vorab, s.o.: Eine Möglichkeit („…UNLÖSBAR sein könnte“) ist keine „Tatsache“, ich ändere diesen Satz in meinem letzten Beitrag daher in:
„Der Kapitalismus wird unbesehen für Koordinationsprobleme (und andre) verantwortlich gemacht, die womöglich aus den Prinzipien selbst resultieren, nach denen wir modern-arbeitsteilige Reproduktion und Fortschritt (um das veraltende Traditionswort „Produktivkraftentwicklung“ zu vermeiden) derzeit denken – auch als Radikallinke.“

Das heisst nicht: dass die gegenwärtigen Beziehungen in Wirklichkeit garnicht problematisch wären, im Gegenteil: Diese Beziehugsweisen kommen dann noch zu allem andern (das nach ihrer „Abschaffung“ oder „Aufhebung“ bleibt) dazu: Machtgefälle. Massen von Leuten (die meisten davon obendrein mehr oder weniger stark physisch und psychisch angeschlagen), mit historisch zurückgebliebenen und/oder zurückgefallenen Standpunkten. Das Gebirge aufgehäufter, da aufgeschobener Probleme.

Aber da ist eben noch was andres, und Leute wie ich (für die Befürwortung radikaler Eigentumsfreiheit immer schon selbstverständlich war) sehen das als den Elefant im Raum (UNSERM, radikallinken Diskursraum): das moderne Weltverhältnis selbst. Bei Benni gab es dafür in seiner Epochen-Systematik einen Namen, da, wo es um die kommunistische Weise der Koordination gehen sollte: Wissensgesellschaft. Genau darum geht es: Ob das moderne Wissen überhaupt verarbeitet, und insofern eben auch: vergesellschaftet werden kann. Aber selbst das ist nur eine Frage unter mehreren, ich sehe mindestens zwei weitere, nämlich: Ob das Wissenserwerbs-Projekt der Moderne (selbst in seiner fortgeschrittensten Form) nicht ein mörderisches Loch, ein unbehebbares Defizit aufweist, indem es das (immer auch praktische) Kategoriensystem, mit dem die Biosphäre erschlossen werden müsste, schlichtweg nicht gedacht (bewusst, explizit gemacht) hat. Angefangen bei uns selbst – als Teil dieser Biosphäre, die wir technisch derzeit nicht, womöglich AUS PRINZIP NIE, werden „kontrolliert“ simulieren können. Das ist die zweite, und vielleicht die bei weitem drängendere Frage: Ob wir das alles, was uns („uns“, „hier“, unter ziemlich welt-besten Bedingungen) modern zugemutet werden soll, eigentlich noch verkraften.

Man möchte meinen, dass hier Berge von Theorie vorliegen müssten; aber was wir stattdessen haben, ist die schlichte Versicherung, man möchte fast sagen: das Versprechen (beileibe nicht Stefans und Simons, sondern beinah aller Radikallinker, die was auf sich halten): Wir machen uns (spätestens dann!) die Welt, wie sie uns gefällt. (Es wird schwierig. ABER… (irgendwie… schon…))

Ich sehe also einen Problem-Elefant/Loch, ein Ungetüm an Herausforderung; und die Andern hier… (abgesehen von Franz oder HHH; vielleicht Annette; Christian, wos ums Klima geht)… sehen nichts; nichts von Belang, für sie, für uns.
————————-
Und es gibt NOCH eine solche Fundamental-Differenz im Problem-Befund, die „Beziehungen“, die zu allem dazukommen; auch so ein Fall von „schwierig, aber irgendwie wird das schon (bald)“.
Ich habe keine solche Nah-Erwartung; und zwar selbst für den so gut wie auszuschliessenden Fall, dass plötzlich auf „uns“ (Linksradikale) alle („System“-)Hoffnungen gesetzt würden: Wir müssten sie ja enttäuschen.
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Einen Trost gäbe es: Genau dass beide Problemberge zusammentreffen, entlastet uns. Wir (aber sind wir überhaupt noch ein „Wir“?) werden noch lange für uns bleiben; wir müssen nicht nur, wir können uns die nötige Zeit lassen, wir versäumen nichts; da draussen wartet niemand auf uns.

Mein Vorschlag liegt doch längst auf dem Tisch (in meiner Umgebung wird er auch ausgeführt). Wir gehen aufs Land, wir bauen eine menschen-, natur-, vergesellschaftungsgerechte Produktionsweise, anfangend von den nächst- und erst- zu lösenden Reproduktionsaufgaben (renaturierende Landwirtschaft (glaubt bloss nicht, die gibts schon), Haushaltsführung; radikal naturverträgliches Renovieren und Bauen (gibts erst recht nicht) usw). Bedürfnisgerecht heisst immer auch: genug freie Zeit, um die Innen- wie die Aussenbeziehungen immer besser zu begreifen und (darum, soweit möglich) beeinflussen, gestalten zu können. Und… Eigentumsüberträge in Gestalt von Schenkungen (es sind nicht wenige, zB kinderlose 68er, die dazu bereit wären; wenn ein Projekt nur Sinn machen würde) werden noch lange dazu gehören.
So einfach, so schwer könnte die Lösung sein.
((Wal hat gepostet, während ich geschrieben habe, es ist leider noch nicht berücksichtigt. Oder… eben doch.))

9 ricardo (09.09.2018, 13:54 Uhr)

@Perikles: „Es bedarf also einer experimentellen Herangehensweise. Die
entsprechenden Versuche müssen hierbei groß genug sein um
gesellschaftliche (und nicht nur gemeinschaftliche!) Aussagekraft zu
haben, andererseits klein genug um im Fall des Scheiterns nicht zu
chaotischen Zusammenbruchs- und Zersetzungsprozessen zu führen.“

So sehe ich das auch und das wäre auch sowohl eine wissenschaftliche
Herangehensweise, wo die erarbeiteten Kategorien und Hypothesen
kommunististischer/kommunalistischer Reproduktion überprüft werden
könnten, als auch, falls sich die Theorie bewährt, Keimform und
Fanal der neuen Reproduktionsweise. Und das genau ist doch franziskas
Ansatz: das schrittweise, von einem status quo ausgehende vorsichtige
Vorgehen, die Erprobung und Entfaltung praktischen Handelns (s. u.)
auf der Grundlage von Wissen, Verstand und der auf Konsens
erarbeiteten Zielsetzungen hinsichtlich Lebensbedingung, disposible
time und Mehrprodukt. Und das kann weder die politische Ökonomie der Commons, noch der MLer, noch anderer Utopisten leisten.

@Wal: Du willst die große Umwälzung und schlägst voluntaristisch anzustrebende Normen vor, wie die Aneignung der Produktionsmittel, die dir als passend hierfür erscheinen. Wer sich allerdings nur auf Normen ohne
Bedingungen stützt, bzw. ohne zuvor die Grundkategorien
gesellschaftlicher Reproduktion geklärt zu haben, rechnet entweder
mit allseits höchst einsichtigen und verständigen Menschen, welche zudem, zumindest mehr als halbwegs, die die übernommene komplexe Produktionsweise verstanden und im Griff hätten oder derjenige ist
in dieser Hinsicht ein bisschen dumm, weil ansonsten ein solches Vorgehen
früher oder später zum Zwang führt, damit die Menschen unter den
von den Normen gesetzten Formen funktionieren. Bestehst du aber auf
ersterem, verharren deine Gedanken auf ewig im Reich der Utopie,
denn Formen mögen regeln und organisieren und damit auch gewisses
routinierte Verhaltensweisen hervorbringen, nur das Wissen um das
Verstehen der Kerninhalte, wie die den Menschen unter gegebenen
Bedingungen genehmste Art und Weise ihrer Reproduktion, wird dabei
nicht gelernt. Deshalb ist dein Konzept zum furchtbaren Scheitern
verurteilt und davon ist abzuraten.

10 Benni Bärmann (09.09.2018, 13:55 Uhr)

@franziska:

„Wir gehen aufs Land“

Über die Hälfte der Menschheit lebt in der Stadt. Wenn die alle aufs Land gehen, wird es da sehr ungemütlich. Das löst überhaupt kein Problem sondern schafft viele neue.

11 franziska (09.09.2018, 15:28 Uhr)

@Benni: Ich rede nicht von „denen“, und hab auch einen Grund genannt: „Die“ wollen nicht, massenhaft nicht; und, Masse oder nicht, die Produktionsmethoden sind auch nicht da. Ist auf einmal das ganze Fünfschritt-Modell obsolet? Oder ist das ohnehin nicht deins? Dann… für dich und für

@Perikles und Wal: Christian hats vorhin bei Simon+Stefan festgestellt, ich sehe es ebenso bei euch: Unvermittelt wird einfach unterstellt:
1. es wird die ganz grosse Krise geben (das Szenario ist erwartbar),
2. es wird nicht eine weitere krienhafte Zuspitzung sein, sondern danach geht Kapitalismus nicht mehr (nie mehr! versprochen!),
3.a. weil die Leute ihn nicht mehr wollen, oder
3.b. mit ihm evidentermassen nicht mehr können, und
4. spätestens dann wollen sie alle  einen Nicht-Staatssozialismus,
5. in dessen Gestaltung sie, im Gegensatz zu uns, dann einig sind, oder in den kurzen Laufzeiten einig werden, bevor alles anfängt in Chaos zu versinken.

((Beinah klassisch wird in den Szenarien die kollektive Lenkung der Investitionen und der Fortschritts-Richtung und -Geschwindigkeit unterschlagen, man könnte auch noch die Umfänge von „Sozial-„, Reserve- und Reparaturfonds hinzunehmen, in die wirklich 100k Sachfragen eingeschaltet sind. Wer soll die alle kennen? Geschweige denn… die Lösungsvorschläge machen, sichten, darüber entscheiden, vor allem: Prioritäten setzen? Die Experten für all das Verschiedene, untereinander? Sind wir das nicht ALLE… Experten für irgendwas, und für alles andre nicht? Also wer soll die Prioritäten setzen?
Aber bevor wir dahin kommen, sollten erstmal die Beweise für Positionen 1ff vorgelegt werden.))

Und nochmal @Benni:
Sei sicher, es wird so oder so auch in den Städten sehr, sehr ungemütlich. Ich habe die Probleme der kapitalistischen Spätmoderne 2018 nicht gemacht, und meine Lösungsvorschläge werden mit Sicherheit nicht übernommen, nämlich in jeder Generation ab jetzt durch planmässige Kinderlosigkeit um mindestens den Faktor 10 zu reduzieren. Wir haben soviel Probleme zu lösen, für ordentliches Aufwachsenlassen von Kindern haben die meisten ohnehin keine Zeit. In einer Welt von 7 Milliarden kann man seinem Nachwuchs ohnehin keine attraktiven Angebote machen.

Die andern wollen nicht mit uns; dann werden sie sich mit ihren Problemen eben allein herumschlagen müssen. Und wir… müssen dafür sorgen, dass uns die Schäden, die dabei unvermeidlich herauskommen, nicht allzusehr schädigen. Die Keimform stabil aufbauen, „präfigurativ“, wie die Freundinnen sagen, ist das beste, was WIR für alle tun können.

Es ist nicht so, dass ich nicht meinerseits Argumente für die je anderslautende Prognose 1-5 hätte. Ich fange aber auch keine Debatten in diesem Format an, ohne sicher zu sein, dass der TE damit einverstanden ist. Nebenbei ist das auch einer der Gründe, warum ich sehr zögere, das Angebot einer Diskussion der Buch-Inhalte anzunehmen.  Ich fürchte, die würde Ausmasse annehmen, die den Autoren nicht mehr genehm sind. Davon ab, schreibe ich ja auch privat. Andres Format, selbes Problem.

12 Perikles (09.09.2018, 18:07 Uhr)

Einige weiterführende lose Gedanken zum Thema: 

Ich denke die Kernfrage dreht sich darum welche Produktionsmittel überhaupt übernommen werden können oder ob es darum gehen müsste, wie Franziskas Ausführungen suggerieren, dass alles was auf Grundlage der Moderne und des Kapitalismus entstanden ist unbrauchbar sei und einige Pioniere neu anfangen müssten eine völlig neue „Produktionsarchitektur“, wie sie es nennt, aufzubauen. 

Auch wenn ich sehe und in der Erkenntnis mitgehe, dass zu wenige Linke sich mit den Problemen der Moderne herumschlagen, halte ich es für äußerst fraglich ob es wünschenswert ist mit einigen Pionieren Landkommunen aufzubauen die dann versuchen alles von vorn aufzubauen, weil angeblich nichts brauchbar wäre und ohnehin nicht kontrollierbar, da es einer Allumsicht jedes Individuums über den gesamten Produktionsprozess bedürfe.

Es ist fraglich ob es diese Allumsicht geben kann oder der Dynamisierungs- und Spezialisierungsgrad er Moderne vollends überwunden werden kann. Wenn nicht, wäre die Frage wie darauf zu antworten wäre.

Ich halte es für ein wenig seltsam und beinah zynisch wenn es von Franziska irgendwie sinngemäß heißt: „Ach, die anderen wollen sowieso nicht an den Landkommune-Experimenten mitmachen und müssen dann eben sehen wie sie in ihren Städten klarkommen, die keine Zukunft darstellen können“.

Ich für meinen Teil habe meine Zweifel daran ob die Zukunft auf dem Land entschieden wird und es nicht gerade darum ginge sich die Grundversorgung anzueignen die sich in den städtischen Agglomerationen anfinden, was natürlich machtpolitische Fragen aufwirft.

Wenn es also primär (hier sehe ich noch einen Konsens zwischen allen hier Diskutierenden gegeben) um den Aufbau einer „sozialen Infrastruktur“ (Joachim Hirsch) im Sinne einer für alle zugänglichen, kostenfreien (oder zumindest kostengünstigen) Grundversorgung geht, von welcher der restliche Produktionsprozess „aufgerollt“ werden könnte, dann werden Millionen und Milliarden von Menschen m.E. kaum versorgt werden können indem auf jeglichen erreichten Entwicklungsgrad industrieller Produktion verzichtet werden kann. Ebenso wenig halte ich es für denkbar im Schnellverfahren diesbezüglich eine völlig neue Industrie hochzuziehen.

Wenn ich von notwendigen Experimenten schreibe: „Es bedarf also einer experimentellen Herangehensweise. Die entsprechenden Versuche müssen hierbei groß genug sein um gesellschaftliche (und nicht nur gemeinschaftliche!) Aussagekraft zu haben, andererseits klein genug um im Fall des Scheiterns nicht zu chaotischen Zusammenbruchs- und Zersetzungsprozessen zu führen“, dann habe ich damit auch Projekte bezüglich der städtischen Grundversorgung vor Augen, die vor dem Hintergrund der bestehenden Industrie agieren (und  wohl dennoch Diskussionen der industriellen Umwandlung führen müssen).

Ein solches Projekt käme wohl nicht um eine politische Bewegung umhin die eine finanzielle Besserstellung der Städte und Gemeinden fordert. In vielen Fällen setzt das aber eine Kommunalisierung und Demokratisierung von Produktionsmitteln voraus.

Dabei halte ich den Demarchie-Entwurf John Burnheims für aktuell, sofern es wohl weiterhin einer funktionalen Differenzierung von Versorgungs- und Entscheidungskörperschaften bedarf wenn es – zumindest im großen Stil – kein Zurück hinter einen gewissen Komplexitäts-/Differenzierungsgrad der Moderne geben kann und eine Allgemeinüberschaubarkeit des gesamten Produktions- und Verteilungsprozesses für jedes Individuum nicht umsetzbar sein mag: 

„Demarchy is an alternative to electoral democracy based on a network of numerous decision-making groups. Each group deals with a specific function, such as transport, land use or health services in a local area. The membership of each body is chosen randomly from all who volunteer to be on it.“ (https://www.uow.edu.au/~bmartin/pubs/89demarchy.html)

So wäre es möglich, dass immer mehr Aufgaben der kommunalen Grundversorgung von territorial unterschiedlich großen, sich überlappenden Körperschaften erledigt werden – ähnlich den Special-Purpose Districts in den USA (https://de.wikipedia.org/wiki/Special-purpose_district) Diese Körperschaften bestünden im Fall der Demarchie aus ausgelosten freiwilligen Bewerberinnen und Bewerbern. 

Ein politisches Zentrum wäre, vorausgesetzt das Verfahren stellt sich als zufriedenstellend funktionsfähig heraus, zunehmend unnötiger. Eine offene Frage ist jedoch die Koordination der Körperschaften untereinander, womit wieder einige von Franziskas Fragen aufgeworfen wären.

Dennoch wäre ein erster Schritt zu mehr spezifischer Selbstverwaltung gemacht ohne dass ein sich als Souverän verstehendes Kollektiv jegliche Sachentscheidung per Abstimmung oder Großversammlung entscheiden müsste.

13 Perikles (09.09.2018, 18:18 Uhr)

PS: Dem bisherigen Debattenstand zufolge finde ich die Überlegungen (und wohl bereits auch praktischen Projekte) der Initiative „Neustart Schweiz“ sehr inspirierend. Dort ist auch von „Nachbarschaften als Commons“ die Rede. Die Idee gründen auf den Überlegungen des unter dem Autorennamen P.M. bekannten Hans E. Widmer. Auf der Webseite von Neustart Schweiz heißt es beispielsweise: 

„Eine städtische Nachbarschaft von rund 500 Mitgliedern wäre verbunden mit einem Landwirtschaftsland, das höchstens 40 km weit entfernt liegt. Die Stadtbewohner bilden eine vertraglich gesicherte Gemeinschaft mit den Landbewohnern, die das Landstück bestellen.Berücksichtigt man den Verbrauch fossiler Energiequellen, so ist die Energiebilanz industrieller Landwirtschaftsgrossbetriebe negativ, es werden insgesamt mehr Kalorien verbraucht als erzeugt. Diese Form der Landwirtschaft hat daher keine Zukunft, wenn wir den CO2Ausstoss zurückfahren und den Klimawandel wirklich vermeiden wollen.

Nachhaltige Landwirtschaft bedeutet arbeitsintensive, biologische Mischkulturen – so genannte Permakultur. Diese Form der Landwirtschaft gilt als unrentabel. Wenn die Nachbarschaften jedoch direkt beliefert werden, sind die wahren Kostentreiber in Weiterverarbeitung, Distribution und Vermarktung eliminiert. Und so wird Permakultur wirtschaftlich interessant, auch für kleinere Höfe. Denn mehrere Landwirtschaftsbetriebe können kooperieren, um zusammen eine Vielfalt an Grundlebensmitteln zu erzeugen: Gemüse, Früchte, Getreide, Beeren, Eier, Milch und so weiter.Innerhalb der Nachbarschaften werden Lebensmitteldepots angelegt, die Gemeinschaftsküchen, Restaurants und einzelne Haushalte versorgen.“ 

Quelle: https://neustart-schweiz.ch/idee/

14 Benni Bärmann (09.09.2018, 18:32 Uhr)

@franziska: Ok, das ist also so eine Art Malthussianismus von links?

15 Perikles (09.09.2018, 18:42 Uhr)

@Benni.
Ich würde Franziskas Ausführungen nicht gleich als Malthusianismus abwerten. Es ist doch einfach so, dass es zunehmend um Konsumverzicht gehen muss, wenn immer mehr Menschen meinen nach dem Lebensstandard des globalen Nordens bzw. der „westlichen Welt“ leben wollen und können, da der Planet es nicht überstehen würde wenn 7 Milliarden Menschen (oder gar mehr) so leben würden. Die momentane westliche Konsum-Menge ist – wenn man ökologische Kriterien heranzieht – eben nicht global verallgemeinerbar.  
Eine sinkende Geburtenrate täte der Ökosphäre gut und ließe mehr Spielraum eines „verschwenderischen Lebensstils“ wenn die Weltbevölkerung beispielsweise nur noch 2 bis 3 Milliarden Menschen betragen würde.

16 franziska (09.09.2018, 19:12 Uhr)

@Benni: Wir könnten, zumal dann, wenn wir (dann, die Menschen, alle zusammen) sie MACHEN, die Geschichte auch beenden. Warum wollen wir, dass sie fortgesetzt wird? Warum wollen, wir, dass Leben sich wiederholen und darin vielleicht Chancen wahrgenommen werden, die (bei ansonsten indifferenten Unterschieden) die davor Lebenden noch nicht wahrnehmen konnten, aber lohnend fänden? Ich würde das, wenn schon, die materialistische (also rationelle) Version dessen nennen, was in Religionen als Weiterleben fantasiert wurde. Materialistinnen haben (selbst wenn sie körperlich ihren Beitrag leisten) keine „eignen“ Kinder – Kinder „gehören“ (wenn man davon reden will) ohnehin niemand speziell. Umgekehrt: Alle später Kommenden haben alle früher Lebenden als Vorfahren – kulturell, historisch. Was bestenfalls vererbt wird, ist der erreichte historische Stand; das ist, was – abgesehen vom sachlichen Mittelapparat – in einem beliebigen Leben an Wissen und Erfahrung verarbeitet werden kann, bevor, in diesem Leben (und dem aller Zeitgenossen) auf befriedigende und glückliche Weise darüber hinausgegangen wird. Wieviele es sein sollten, denen dieses Angebot, die (Erfahrungs)Geschichte vom erreichten Stand aus fortzusetzen, gemacht wird, hängt genau davon ab: ob es absehbar für alle auf befriedigende und glückliche Weise möglich ist.
Ich glaube nicht, dass du diese Überlegungen bei Malthus findest.
Sie führen im übrigen mal wieder zu weit, und sind trotzdem nicht wirklich angemessen darzustellen. Also nur, um dir mal die Richtung anzuzeigen, in die die Erwiderung auf deinen (ich finde: ziemlich reflexhaften; das war schon oben bei den Städtern so) Vorwurf gehen könnte.

@Perikles: Vor solchen Grössenordnungen liegen mindestens 10 oder 20 Produktions-Erweiterungsetappen – wenn man, wie ricardo es beschreibt, die Produktionsweise sorgfältig nach Kriterien der Lebbarkeit, kollektiven Steuerbarkeit, objektiven Zuverlässigkeit, Robustheit (und noch einigen andern) aufbauen möchte. „Arbeitsintensiv“ ist ein Mangel dem abgeholfen werden sollte, eine eingerichtete renaturierte (natur-ähnlich sich selbst erhaltende, aber raffiniert gesteuerte) Nahrungsmittelproduktion ist NICHT arbeitsintensiv, und nicht-erfüllende Verausgabung kostbarer Lebenszeit inkaufzunehmen ist KEIN Entwicklungsziel. Permakultur ist in alternativen Kreisen ein Mythos und Hype, es sind dabei zahllose Probleme ungelöst. Fürs biologische Bauen und Renovieren gilt ähnliches.

Aufbau heisst: Etwas funktioniert wirklich gut und bewährt sich; und dann sind da Reserven an Zeit und Musse und Interesse; dann kommt der nächste Schritt. Die Kollektive arbeiten nicht nur an ihrer (beschränkt autarken) Reproduktion, sondern vor allem am Begreifen ihrer Stellung zu den Andern da draussen (woraus dann auch praktische Schritte folgen). Das soll ständig nebenher laufen. Und den Leuten soll es gut gehen dabei. Wie DAS gehen soll, ist vielleicht das derzeit grösste Rätsel. 

@alle: Ich möchte das oben zur Rechtfertigung meines „sektiererischen“ keimform-Aufbau-Projekts Angeführte nochmal durch eine früher von mir vorgeschlagene Formel ausdrücken: Nicht „wir“ (die sich so einzurichten lernen) schliessen andre aus; DIE wollen nicht mit uns. Und wir haben nicht die Mittel, ihnen den Weg zu unserm Standpunkt zu bahnen. Selbst wenn wir ihn rekonstruiert hätten. Was wir (wie so vieles andre im Moment) nicht mal im Ansatz geleistet haben.

17 Wal Buchenberg (10.09.2018, 09:05 Uhr)

@franziska: „Nicht „wir“ (die sich so einzurichten lernen) schliessen andre aus; DIE wollen nicht mit uns. Und wir haben nicht die Mittel, ihnen den Weg zu unserm Standpunkt zu bahnen.“Das ist selbststilisiertes, „heldisches“ Opfertum. Niemand schließt dich und deine Landkommune aus. Dass du nur wenige Mitstreiter findest, ist eine völlig andere Sache. Mach du deine Landkommune mit den „Willigen“ und berichte öffentlich darüber! Andere formen Keime oder lassen Formen keimen. Meine eigene Vorstellung wie und wohin ein Weg vom Kapitalismus weg möglich ist, habe ich oben vorgestellt.  Außerdem gibt es ja noch die Genossenschaftsbewegung und etliches mehr.Warum kann man sich nicht auf sein/ihr Ding konzentrieren, ohne andere Konzepte schlecht zu reden und ohne andere Leute auf den eigenen Standpunkt bringen zu wollen?  Keines dieser  Konzepte schließt andere aus. Keines dieser Konzepte muss auf einen einzigen Standpunkt geschrumpft werden.

18 franziska (10.09.2018, 11:37 Uhr)

@Wal: Was du sagst, ist absolut selbstverständlich. Meine Vokabel „Ausschluss, ausschliessen“ bezog sich auf den emphatischen Begriff „Inklusion“ von Stefan und Simon. Es gibt also zwei Verständnisse des Gegensatzes zu „Ausschluss“: Das Andre-nicht-Ausschliessen, und: das Andre-Einschliessen-(wollen). Das Angebot mitzumachen ist immer da (wer will, kann sich über die Kontakt-Email auf meiner Seite jederzeit an mich wenden.) Dass ich derzeit keinen Grund habe zu erwarten, dass viele Leute sich beteiligen, heisst nicht, dass ich irgendetwas von irgendjemandem schlechtrede (ich hab zum „Kritisieren“ ohnehin ein…eher gebrochenes Verhältnis).Etwas andres ist der Versuch der Verständigung unter Leuten, die sich über mögliche Entwicklungen Klarheit verschaffen wollen (eventuell auch darüber, wie weit die überhaupt gehen kann). Wenn ich da in analytischer (also Verstehens-)Absicht genau werden, und begründet pessimistische Prognosen in der ein oder andern Richtung ausspreche, trete ich nicht denen mit der schlechten Prognose in den Weg, ich rede ja in dem Moment über sie, nicht mit ihnen (dränge ihnen, ungefragt, meine Prognose oder Überlegungen nicht auf). Ich vertraue da in gewissem Mass darauf, dass die andern hier ebenso wie ich das Klärungsinteresse vorübergehend (wenigstens hier, in diesem Format) in den Vordergrund stellen, und allgegenwärtige Empfindlichkeiten für die Zeit ausserachtlassen.

19 Benni Bärmann (10.09.2018, 11:50 Uhr)
@franziska: Mehr Menschen haben mehr Möglichkeiten zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse, weil Menschen gesellschaftliche Wesen sind. Deswegen strebe ich an, dass es möglichst viele Menschen gibt, die ein möglichst gutes Leben haben, weil ich davon profitiere. Sicherlich gibt es begrenzte Ressourcen, aber die gab es in Ostafrika auch und trotzdem hat der Mensch die Welt besiedelt, auch in Gegenden, die überhaupt nicht seinen biologischen Möglichkeiten entsprechen. Deswegen Weltraumkommunismus. Die Dorfidylle kann es ja trotzdem geben, für die, die das mögen.

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