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Was sind und warum gibt es Elementarformen?

In der Diskussion über meine 42 Thesen ist mir klar geworden, dass die Bestimmung der Elementarform einer Gesellschaft für mich noch nicht klar genug war. Es wurde auch gefragt, wofür man so etwas überhaupt braucht. Ich versuche mich nun diesen Fragen zu nähern. Dabei muss ich ausholen um den philosophischen Hintergrund deutlich zu machen vor dem eine solche Elementarformtheorie überhaupt Sinn ergibt. Wenn man den nicht teilt, kann man vermutlich dann auch mit der daraus entstandenen Theorie nicht viel anfangen.

  1. Als erstes halte ich fest, dass der Ausgangspunkt von dem ich hier schreibe der einer materialistischen Weltsicht ist. Im gesellschaftstheoretischen Kontext bedeutet dass, dass ich es für möglich erachte, die wesentlichen Eigenschaften einer Gesellschaft aus ihren materiellen Existenzbedingungen abzuleiten.
  2. Das sind zuerst mal die stofflichen und energetischen Bedingungen (im Folgenden zusammenfassend stofflich genannt). Also solche Sachen wie unser Lebensraum Erde und sein Klima, stoffliche Eigenschaften der Dinge und des Menschen, die Naturgesetze oder die Position von Körpern im Raum.
  3. Nun ist es aber nicht so, dass sich die materiellen Bedingungen immer direkt aus den stofflichen ergeben. Es gibt eine Ebene von direkt abgeleiteten Phänomenen, dass sind solche, die nicht selbst stofflich sind, sich aber direkt auf Stoffliches beziehen. Zu nennen wären hier zum Beispiel Eigentumsverhältnisse, die zwar gesellschaftlichen Konventionen (z.B. in der Form des Rechts) entspringen, aber nicht selbst stofflich sind. Es gibt keine Eigenschaft eines Dinges, dass es zu Eigentum macht (anders als z.B. bei Besitz, wo die Eigenschaft, sich in meiner Verfügungsreichweite zu befinden, eine stoffliche ist), sondern Eigentum ist ein gesellschaftliches Verhältnis. Seine materielle Basis befindet sich nur in den Gehirnen von Menschen (und abgeleitet davon natürlich auch in Grundbüchern, Polizeikasernen und ähnlichem).
  4. Und schließlich gibt es noch eine indirekt abgeleitete Ebene in der gar keiner oder nur noch ein sehr schwacher Bezug zur Stofflichkeit vorhanden ist. Da reden wir dann über solche Phänomene wie „Liebe“, „Freiheit“, „Geschlecht“, „Ideologie“, „Ethik“ oder „Gott“.
  5. Fetischismus ist nun die Umkehrung dieses Verhältnisses. Wenn z.B. aus „Freiheit“ oder „Gott“ Eigentumsverhältnisse abgeleitet werden oder wenn abstrakte Eigentumsverhältnisse konkrete Besitzverhältnisse bestimmen sollen. Als gesellschaftstheoretischer Materialist bin ich hingegen der Ansicht, dass Besitz wichtiger ist als Eigentum und Eigentumsverhältnisse wichtiger als Religion oder Ethik. Damit ist natürlich nicht gemeint, dass immer _nur_ die materielle Grundlage zählt. Abgeleitete Phänomene gewinnen sehr schnell eine Eigendynamik und nur in speziellen Situationen ist es möglich die darunter liegende Struktur freizulegen. Wenn der König von der Revolution abgesetzt wird, wird schnell klar, dass seine Macht nicht wirklich von Gott kommt und wenn die Fabrik besetzt wird, wird auch klar, dass Besitz vor Eigentum geht, aber im Normalbetrieb bleibt der König von Gott eingesetzt und die Fabrik Eigentum.
  6. In diesem Sinn hat jede materialistische Gesellschaftstheorie einen Aufforderungscharakter: Legt die Basis frei! Sie ist also immer auch normativ und nicht nur deskriptiv und in diesem Sinne eine kritische Theorie. Affirmative materialistische Theorien lassen sich immer zurückführen auf einen nicht materialistischen Kern. Man denke zum Beispiel an so Sachen wie Soziobiologie, die sich materialistisch geben, ihrem Kern nach aber eben bestimmte materielle Faktoren wie die gesellschaftliche Natur des Menschen ignorieren. Eine affirmative materialistische Theorie könnte es erst in einer Gesellschaft geben, die sich ihrer materiellen Basis bewusst ist und die danach strukturiert ist, in der es also weder Eigentum noch Gott gäbe und in der Liebe, Geschlecht und Freiheit ihre Bedeutung komplett gewandelt hätten.
  7. Um sich der Frage der Elementarform zu nähern, muss man sich zunächst mal die Frage der gesellschaftlichen Natur des Menschen genauer angucken. Menschen und alles, was sie tun, ist immer gesellschaftlich. Wenn man es existentialistisch formulieren wollte: Wir sind verdammt zur Gesellschaftlichkeit. Diese Gesellschaftlichkeit stellt sich her durch jede einzelne interpersonale Handlung. Jedes Gespräch, jeder Tastendruck während ich diesen Text schreibe, jeder Gang in den Supermarkt und jede Kaufentscheidung dort ist ebenso von Gesellschaft mit determiniert, wie er diese auch mit gestaltet.
  8. Die Gesellschaft selbst ist aber eben genau nicht interpersonal, sie ist transpersonal, sie überschreitet also die direkten interpersonalen Handlungen aus denen sie erzeugt wird. Sprache ist mehr als der einzelne Sprechakt, Religion mehr als eine Predigt, Feudalismus mehr als der Ritterschlag und Kapitalismus mehr als ein Tauschakt (oder auch die Summe aller Tauschakte).
  9. Aus dieser Differenz ergibt sich die Notwendigkeit, dass bestimmte Handlungen in bestimmten Gesellschaften nahe gelegt sind und andere nicht. Jägerinnen und Sammler werden ihre Beute selten verkaufen, Bauern werden sich selten gegen den König erheben und Arbeiterinnen werden selten streiken. Wäre es anders, wäre die Gesellschaft in ihrer Existenz gefährdet und damit ihre Kohärenz, es käme also zu Hunger, Bürgerkrieg oder Revolution (ohne dass Hunger oder Krieg automatisch die Kohärenz gefährdet, oft wird sie dadurch auch erhalten). Die Gesellschaft als Ganzes wäre gefährdet, aber nicht notwendig alle Individuen darin. Im Gegenteil kann es sich sogar für Individuen so darstellen, dass ihr persönliches Wohlergehen nur durch Bruch mit der Kohärenz erreichbar ist.
  10. Es gab in der Geschichte lange mehrere parallele Gesellschaften, einfach weil die materielle Integration räumlich begrenzt war. Dabei ist die Existenz eines Weltmarktes alleine nicht ausreichend um von einer Weltgesellschaft zu sprechen. Erst wenn ein Abbruch der Beziehungen zu einem Zusammenbruch (also einer Dekohärenz) der einzelnen Gesellschaften führen würde, sind diese für unsere Fragestellung nicht mehr getrennt voneinander zu behandeln. Das schließt nicht aus, dass es dann auch weiterhin Konflikte geben kann, nur sind diese dann ihrem Wesen nach interne Konflikte und nicht mehr solche zwischen Gesellschaften. Der kalte Krieg im 20. Jahrhundert war in diesem Sinn vermutlich der letzte Konflikt zwischen Gesellschaften (und auch dieser hatte durch die atomare Auslöschungsdrohung bereits die Möglichkeit der beiderseitigen Dekohärenz), seit 1990 gibt es nur noch Weltbürgerkriege.
  11. Aus dem Materialismus ergibt sich, dass diese Kohärenz auf materieller Ebene hergestellt werden muss. Diejenigen interpersonalen Handlungen, die also auf materieller Ebene dazu beitragen, die transpersonale Kohärenz der Gesellschaft zu erhalten, nenne ich elementare Handlungen. Das wäre dann z.B. die Jagd, der Ackerbau (und die gewaltsame Aneignung seiner Produkte) oder der Tausch. Das was ich in These 15 der 42 Thesen noch „Elementarform“ genannt hatte, würde ich jetzt präziser als „elementare Handlungen“ bezeichnen.
  12. Um wirkliche transpersonale Kohärenz herzustellen zu können, müssen diese Handlungen aber im Rahmen einer Elementarform geschehen. Die Elementarform wiederum ist mehr als die Summe der elementaren Handlungen. Es sind die elementaren Handlungen im Rahmen einer gesellschaftlichen Bedeutungsstruktur. Nur so kann der Schritt auf die transpersonale Ebene gelingen. Der einzelne Tausch ist noch keine Elementarform, erst die Warenproduktion ist es, weil erst diese z.B. die Sphärentrennung ermöglicht oder das Eigentum legitimiert. Das Teilen ist noch keine Elementarform, die Commons sind es, weil sie durch Regeln und eine Gemeinschaft erst einen Verbund von Gleichen schaffen, der das Teilen nahelegt. Der einzelne Tribut ist noch keine Elementarform, erst das System von durch Gewalt abgesicherten persönlichen Loyalitäten ist es.
  13. In dem Sinn, dass sie die Transpersonalisierung der interpersonalen elementaren Handlungen ermöglichen, sind also alle Elementarformen immer transpersonal (anders als ich in These 19 von den 42 Thesen schrieb). In einem anderen Sinne bleibt These 19 aber weiterhin gültig. Transpersonalität ist ja im Kern die Verbindung von getrennten Menschen. Auch wenn man sich nie kannte, kann man über Sprache Verbindungen herstellen. Je größer eine Gesellschaft ist umso größer ist ihr Bedarf nach Transpersonalität. Dies führte bereits zur Zeit der Imperien zur Erfindung und stetigen Verfeinerung von Geld, Schrift, Verwaltung und Religion. Das Neue an der Elementarform der Ware ist also nicht ihre Transpersonalität, es ist die Materialisierung von Transpersonalität. Erst Warenproduktion ermöglicht es für Menschen zu produzieren, die von mir getrennt sind. In der Zeit der Imperien gab es das selbstverständlich auch, aber es war immer immateriell vermittelt. Die Bauern in Nordafrika produzierten für ihre römischen Abnehmer weil sie in ein hierarchisches gesellschaftliches Verhältnis eingebunden waren an dessen Spitze der göttliche Kaiser stand. Heute produziert die Industrie für den Markt und braucht dafür keinerlei imperiale Rechtfertigung mehr.
  14. Der Fetischismus der Ware besteht darin, die Beziehungen zwischen den Waren quasi-religiös an die Stelle der eigentlichen materiellen Beziehungen zwischen den Menschen zu setzen. Während in den Imperien noch der Imperator fetischisiert und von Gott eingesetzt oder selbst vergöttlicht wurde, obwohl er nur ein Mensch war, wird im Kapitalismus an seine Stelle die Ware (und davon abgeleitet das Geld und das Kapital) gesetzt. Dies gelingt aber nur durch eine Materialisierung der Transpersonalität. Die Abschöpfung des Mehrwerts wird nicht mehr durch eine göttliche Ordnung gerechtfertigt, sondern ergibt sich zusammen mit dem Warenfetisch aus den materiellen Beziehungen am Markt.
  15. In These 21 der 42 Thesen folgerte ich, dass die Elementarform des Kommunismus transpersonal und kollektiv sein muss. Mit der genaueren Bestimmung wissen wir jetzt also, dass die Elementarform des Kommunismus die Materialisierung der Transpersonalität von der kapitalistischen Elementarform übernehmen muss, aber die kollektive Aneignung von den Commons.

Ich hoffe dass mit dieser genaueren Bestimmung mein ursprünglicher Text verständlicher und kritisierbarer wird, weil klarer ist an welcher Stelle genau die Widersprüche auftreten. Danke an alle Diskutantinn_en, insbesondere an Franziska, Christian, Antje und Eva. Durch Diskussion mit euch konnte ich mir ein bisschen klarer werden, was ich meine.

 

Kategorien: Theorie

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12. März 2018, 12:30 Uhr   15 Kommentare

1 42 Thesen zu Geschichte, Weltraum und Kommunismus — keimform.de (12.03.2018, 12:35 Uhr)

[…] Update: Es gibt eine Weiterführung der Gedanken in diesem Artikel insbesondere zum Thema Elementarformen in denen ich einige der hier angeschnittenen Fragen noch mal präzisiert und teilweise auch korrigiert habe. Was sind und warum gibt es Elementarformen? […]

2 Hans-Hermann Hirschelmann (13.03.2018, 13:13 Uhr)

Zu nennen wären hier zum Beispiel Eigentumsverhältnisse, die zwar gesellschaftlichen Konventionen (z.B. in der Form des Rechts)
entspringen, aber nicht selbst stofflich sind. Es gibt keine Eigenschaft
eines Dinges, dass es zu Eigentum macht (anders als z.B. bei Besitz, wo
die Eigenschaft, sich in meiner Verfügungsreichweite zu befinden, eine
stoffliche ist), sondern Eigentum ist ein gesellschaftliches Verhältnis.
Seine materielle Basis befindet sich nur in den Gehirnen von Menschen
(und abgeleitet davon natürlich auch in Grundbüchern, Polizeikasernen
und ähnlichem).

Ich würde sagen:  Eigentum (Privat- oder Gemeineigentum), also das soziale Vermögen,  darüber (entsprechend der Eigentumsform) entscheiden (bzw. mitentscheiden) zu können, wer zu welchem Zweck (etwa privaten Konsum, tauschwertproduktiven Konsum in der Produktion oder zum Zwecke der Realisierung gesellschaftlich bzw. ökologisch bestimmter Ziele) über ein Nutzpotenzial / einen Gebrauchswert verfügen kann, ist in Rechtsbestimmungen und deren Mittel (wie Vereinbarungen, soziale Kontrollregularien, Grundbücher,  Polizei, Gefängnisse, aber auch kulturellen Erzeugnissen wie Fernsehkrimies) verankert, die allesamt die für die Eigentumsfrm spezifische materielle Grundlage  des sozialen Vermögens bilden (Marx nannte das allerdings ideologischen Überbau der jeweiligen realen Form von Arbeitsteilung  bzw. Vergesellschaftungs / Aneignungsform)    

3 Benni Bärmann (13.03.2018, 13:26 Uhr)

@hhh: ja, und?

4 Hans-Hermann Hirschelmann (13.03.2018, 13:41 Uhr)

Zum Punkt 5 Fetischismus: Dazu gehört das Phänomen des Begriffsfetischismus, wenn beispielsweise Rechtsverhältnisse als tatsächliches soziales Vermögen „wahrgenommen“ (für deren Realität gehalten) werden, etwa die Existenz „volkseigen“ genannter Betriebe – ganz jenseits der tatsächlichen (Mit-) Bestimmungsrealität / ttatsächlichen Verallgemeinerungsgrad des Mitbesimmungsvermögens. 

5 Benni Bärmann (13.03.2018, 13:48 Uhr)

again: ja, und? kannst du bitte deine beiträge am thema orientieren, sonst lösch ich die.

6 Hans-Hermann Hirschelmann (13.03.2018, 13:59 Uhr)

Ich denke nur laut – und hoffentlich produktiv – nach :-). Und?

Elementarformen kapitalistischer Produktion / Vergesellschaftung sind die typischen Mittel der privateigentümlichen Zweckbestimmung / Aneignung also private Selbstbereicherungsagenturen, die miteinander um die Möglichkeit der Befriedigung privateigentümlich bestimmter Aneignungsbedürfnisse konkurrieren,  Lohnarbeit, Produktion für den Markt zum Zwecke der Kaufkraftvermehrung und sowohl  Tausch- also auch Gebrauchswerte repräsentierende Waren, außerdem Geld als Mittel der Vermittlung von Produktonsaufwand, Bedürfnisbefrioedigung und nationalstaatliche Regulierung.

7 Hans-Hermann Hirschelmann (13.03.2018, 14:07 Uhr)

Warum so abfällig? Ich setze mich – wie ich meine konstruktiv – mit deinen Thesen auseinander. 

8 Benni Bärmann (13.03.2018, 14:27 Uhr)

Wenn man alles, was den Kapitalismus ausmacht in einen Topf wirft und es jetzt „Elementarform“ nennt, hat man genau nichts gewonnen und das hat auch nichts mit diesem Text zu tun.

9 Christian Siefkes (13.03.2018, 20:22 Uhr)

@Benni: Du machst hier viele spannende Punkte auf und ich finde, was du hier über Elementarformen schreibst, auch einleuchtender als das, was ich bislang dazu gehört habe.

Im Folgenden trotzdem ein paar Aspekte, wo ich gewisse Zweifel oder Einwände habe:

Es gibt keine Eigenschaft eines Dinges, dass es zu Eigentum macht (anders als z.B. bei Besitz, wo die Eigenschaft, sich in meiner Verfügungsreichweite zu befinden, eine stoffliche ist)

Mir ist auch sonst schon aufgefallen, dass sich aus unserem Slogan „Besitz statt Eigentum!“ die Vorstellung entwickelt zu haben scheint, dass Eigentum gesellschaftlich konstruiert und damit gesellschaftsabhängig ist, Besitz hingegen etwas vorgesellschaftlich „Natürliches“ (oder, in deiner Terminologie, „stofflich“). Ich würde das bestreiten wollen und darauf hinweisen, dass auch der Besitz, außer in ganz trivialen Fällen, einen gesellschaftlichen Aspekt enthält. Also wenn ich in einem Sessel sitze, dann „be-sitze“ ich in diesem Moment sicherlich den Sessel. Aber besitze ich damit auch das Zimmer, in dem der Sessel steht? Die Wohnung, zu der das Zimmer gehört? Das Haus, zu dem die Wohnung gehört? Etc.? Diese Frage lässt sich ohne Rückgriff auf gesellschaftliche Konzepte nicht beantworten — auch Besitz hat offensichtlich Grenzen, aber diese Grenzen werden gesellschaftlich gezogen.

Unser Standardbeispiel — eine Mietwohnung ist im Besitz der Mieterin, aber Eigentum des Eigentümers — ergibt sich direkt aus gesellschaftlich-rechtlichen Kategorien: Die Mieterin erwirbt ein Besitzrecht an der Wohnung (nicht aber an dem Haus, sofern dieses noch andere Wohnungen enthält), indem sie einen Mietvertrag unterschreibt und anschließend die vereinbarte Miete zahlt. Das Besitzverhältnis ist hier also Teil der Eigentumsverhältnisse und ohne diese gar nicht fassbar. In einer anderen Gesellschaft käme das Besitzrecht vielleicht auf andere Weise zustande — z.B. indem man in eine leerstehende Wohnung einzieht und sich dann um diese kümmert –, aber auch dann wären es gesellschaftliche Verhältnisse, die bestimmen, was unter welchen Umständen als wessen Besitz gelten kann.

Eine affirmative materialistische Theorie könnte es erst in einer Gesellschaft geben, die sich ihrer materiellen Basis bewusst ist und die danach strukturiert ist, in der es also weder Eigentum noch Gott gäbe und in der Liebe, Geschlecht und Freiheit ihre Bedeutung komplett gewandelt hätten.

Mir scheint, du unterliegst hier dem Fehlschluss, dass sich aus dem Sein ein bestimmtes Sollen ableiten ließe. Eine materialistische Position — die ich ebenfalls einnehme — ermöglicht erstmal nur die Erkenntnis, dass alle diese Konzepte (ganz oder teilweise) sozial konstruiert wurden und damit sozial veränderbar sind, also nicht (oder jedenfalls nicht komplett) „natürlich“ und damit gesellschaftlichen Diskussionsprozessen entzogen. Direkte normative Konsequenzen wie etwa „Weg mit dem Eigentum!“ ergeben sich daraus aber nicht — nur die Erkenntnis, dass solche Debatten gesellschaftlich geführt werden können, ohne dass der Materialismus aber gleich die EINE „richtige“ Antwort mitliefern könnte.

System von durch Gewalt abgesicherten persönlichen Loyalitäten

Das ist also die Elementarform, die du gemäß deinem vorigen Artikel nahezu allen nichtkapitalistischen sesshaften Gesellschaften (die kein Jägerinnen und Sammler und keine Hirtennomaden sind) zuordnen würdest? Ich finde das tatsächlich schon sehr viel überzeugender als die „gewaltsame private Aneignung und hierarchisches Kommando“ aus deinem vorigen Text und könnte mir vorstellen, dass diese Elementarform viele dieser Gesellschaften durchaus treffend charakterisiert.

Für all diese Gesellschaften scheint sie mir aber nicht zu passen. Was ist beispielsweise mit den antiken griechischen Stadtstaaten-Demokratien wie Athen? Diese basierten doch auf einem Raum der Freien und Gleichen (freilich nur Männer und unter Ausschluss aller Sklaven und „Ausländer“), die sich gegenseitig gerade nicht unterordnen mussten oder durften.

10 Hans-Hermann Hirschelmann (13.03.2018, 22:45 Uhr)

Wenn man alles, was den Kapitalismus ausmacht in einen Topf wirft und es jetzt „Elementarform“ nennt, hat man genau nichts gewonnen und das hat auch nichts mit diesem Text zu tun.

In diesem Text heißt es:

Der einzelne Tausch ist noch keine Elementarform, erst die Warenproduktion ist es

Und die Elemente, die diese ausmachen, sind nun einmal, Privateigentum an Produktionsmitteln und Lohnarbeit (zwei Klassen Produktions- bzw. Aneignungsvermögen), Produktion für den Markt, Konkurrenz, private Aneignung der Tausch- und Gebrauchswerte,  Staat.

Das Teilen ist noch keine Elementarform, die Commons sind es, weil sie durch Regeln und eine Gemeinschaft erst einen Verbund von Gleichen
schaffen, der das Teilen nahelegt

Ja, wobei nicht vergessen werden sollte, dass dabei nicht allein materieller Reichtum im Rahmen gemeinschaftlich gesetzter, angewendeter und kontrollierter Regeln verteilt würde, sondern auch die dafür aufzuwendenden Mühen, die Verantwortung für die Einhaltung verabredeter Standards sozialer oder ökologischer Natur usw.

(Öko-) kommunistische Aufhebung des von Marx (und Freund Engels) konstatierten Widerspruchs zwischen Gesellschaftlichkeit (zunehmend auch Weltgesellschaftlichkeit) kapitalistischen Produzierens und der privateigentümlichen Formen der Aneignung ist deshalb wesentlichHerstellung einer globalen Gesellschaftlichkeit, die auf Grundlage eines gemeinschaftlichen (auch weltgemeinschaftlichen) Ressourcen bzw. Nachhaltigkeitsmanagement funktioniert.

Aber ich will nun wirklich nicht länger stören. Bin schon wieder weg.

11 Benni Bärmann (14.03.2018, 10:24 Uhr)

@Christian:

1. Besitz und Eigentum: Ja, ich glaube, das ist hier noch zu vereinfachend dargestellt. Vielleicht gibt es da gar nicht diese scharfe Trennung, sondern eher ein Kontinuum. Am einen Ende dann der direkte stoffliche Besitz, weil ich etwas in der Hand halte, am anderen Ende das komplett abstrakte ideale kapitalistische Eigentum. Dazwischen gibt es viele Grautöne, von der Wohnung, die ich besitze, wenn ich regelmäßig in ihr wohne (und bei der gesellschaftliche Konventionen und Regeln dafür sorgen, dass ich gefragt werde, wenn jemand anders da auch wohnen will) oder natürlich auch Eigentumsformen, die zwar handelbar sind, aber doch ganz vielen Regeln unterliegen.

Dennoch denke ich am Grundgedanken ändert das nicht viel. Wenn man es als so eine Skala sieht wäre die emanzipatorische Forderung vielleicht einfach: Soviel Eigentum wie nötig und soviel Besitz wie möglich. (Und analog wäre es auch in vielen anderen Bereichen).

Also Zusammenfassend: Ja, es ist komplizierter, aber es ändert nichts an der Struktur des Arguments.

2. Affirmativer Materialismus: Ich sehe da jetzt keinen Widerspruch zu dem, was ich geschrieben hab. Ja, aus dem Sein folgt noch kein Sollen, aber aus dem Schein eben auch nicht. Erst letzteres wäre ja eine affirmative Theorie.

Auf jeden Fall unterliegen alle Begründungen, die nicht materialistisch sind, einer zusätzlichen Bringschuld.

3. Elementarform des imperialen Zeitalters: Hm, ich verstehe nicht ganz, wieso Du da jetzt so einen großen Unterschied zwischen den beiden Formulierungen siehst. Private (wenn nötig) gewaltsame Aneignung, persönliche Loyalität und Hierarchie gehören für mich alle gleichberechtigt dazu.

Die attische Demokratie oder auch die römische Republik sind Mischformen. Beide entstanden ja auch zu ihrer Zeit am Rande der damaligen imperialen Zentren und wurden erst später zu Zentren. Diese Bewegung gibt es immer wieder. Am Rande der Zentren bilden sich Mischformen der alten egalitäreren Gesellschaften mit den Imperien, die dann später selbst zu imperialen Zentren werden. Bei den Germanen am Rande des römischen Imperiums lässt sich das zum Beispiel schön sehen wie sich das über 4 Jahrhunderte entwickelt. Bei ihren ersten Kriegen mit den Römern hatten sie nur auf Zeit demokratisch gewählte Herzöge und am Ende hatten sie Erbmonarchien. Dazwischen liegen 4 Jahrhunderte intensiver Kontakt mit dem römischen Imperium inklusive so etwas wie „Entwicklungshilfe“, die schon damals wie heute in erster Linie aus Geldzahlungen an die Elite im Tausch gegen Wohlverhalten bestand.

12 Benni Bärmann (14.03.2018, 10:29 Uhr)

@HHH: Mindestens die Hälfte Deiner „Elemente, die Warenproduktion ausmachen“ sind Voraussetzungen oder Folgen dieser.

Ok, ich sehe das einfach als Konstatierung Deiner Ansicht, dass es sowas wie Elementarformen nicht gibt und Kapitalismus nur als Ganzes verstanden werden kann. Kann man ja vertreten. Wäre schön auch Argumente zu hören, aber muss ja nicht. Vielleicht lassen wir es wirklich besser dabei.

13 franziska (16.03.2018, 13:39 Uhr)

@Benni 12 Die HHH zugeschriebene „Konstatierung“verstehe ich nicht. Wieso bestreitet er den Elementarform-Begriff an sich, wenn er auf nötige innere Differenzierungen dieses Begriffs angesichts gegebner historischer Verhältnisse hinweist (der ist ja abstrakt genug!)?
Umgekehrt: Dient denn dein Elementarform-Konzept NICHT dem Zweck, „das Ganze des Kapitalismus“ zu fassen und dafür einen konzeptuellen Rahmen (der sogar noch auf frühere Epochen passt, und somit Vergleiche zulässt) zu finden?
Die Kontroverse mit HHH scheint mir im ersten Satz zutreffender ausgedrückt: Es geht (wie übrigens auch zwischen uns drüben bei Christian ) immer um die notwendigen und hinreichenden Voraussetzungen von Kapitalismus und (in ihm, erst in ihm, generalisierter) Warenproduktion.
EINE Kontroverse dreht sich also darum, wie reichhaltig der Katalog dieser Voraussetzungen ist – uU ärmer in früheren, reicher in späten und Reifephasen des mittlerweile globalisierten Kapitalismus (Mischformen, Ungleichzeitigkeiten neben, innerhalb der „dominanten“ Elementarform sind davon nochmal zu unterscheiden). Es hat sich ja viel erst entwickeln müssen: der Staat, die Zivilgesellschaft, die kapitalistischer Vergesellschaftung unter modernen Vorgaben entsprechenden Normen und auch dem allem gerecht werdenden Lebensformen, und ihre („ideologische“, „fetisch-hafte“) Begründung. In seinen unreifen, unentwickelten Vorformen konnte vieles davon noch keine Voraussetzung, so wie heute, sein. Reifung bestand uU in der historisch sich durchsetzenden (und praktisch umgesetzten) Erkenntnis: Dass es ohne die auf Kap. ausgerichteten Reform-Schritte in diesen Sphären (Staat usw) nicht weitergeht mit ihm – dass sie in eine stützende, mit Kap. zusammenarbeitende und schliesslich womöglich KONSTITUTIVE Rolle historisch allererst hineinwachsen mussten.
Etwa „der bürgerliche Staat“ (aber die andern nachfolgend eben auch; zT ist das noch im Gang).
Die Elementarform des Kap. hätte sich also im Zuge ihrer Reifung (so die Behauptung) um konstitutive Elemente angereichert, die anfangs erst noch eine untergeordnete Rolle gespielt haben (sodass das Ganze als „Mischform“ oder Nebeneinander auf Dauer inkompatibler, „ungleichzeitiger“ Elementarformen darstellt, worin die unzeitgemässen Beimengungen dazu bestimmt sind aufgegeben zu werden).
In einer Darstellung, die das durchgängig Gemeinsame aller Reifungs-Phasen ab Beginn des ersten Dominant-Werdens von Kapitalismus in einer oder mehrerer, da noch vor-industriellen Geselslchaft, in bestimmten Regionen usw benennt, werden die späteren Reife-Schritte nicht vorkommen (einiges von dem, was HHH anmahnt, vielleicht aber schon). In einer korrekten Beschreibung des aktuellen Stands der kap. Elementarform hingegen müssen sie erwähnt werden, wenn und soweit die historisch jüngeren Elemente beim erreichten Stand des Fortschritts kap. Vergesellschaftung weltweit spätestens HEUTE konstitutiv sind für die Erhaltung der beteiligten Menschengruppen und ihrer arbeitsteiligen Reproduktion auf dem erreichten kulturellen Stand, der also mitzureproduzieren ist.
Dabei kann es sein, dass der Kap. immer noch weiter „reift“ und, etwa, spät, eine ihm gemässe Ideologie, Legitimationsweisen, Moral usw ausbildet; während bereits kräftige Impulse auf seine Bestreitung, Kritik, Beendigung wirken, und das als Reaktion auf allgemein sichtbare, durch keinen weiterenreifungsschritt mehr behebbare Krisensymptome.
(Wie schwer es freilich ist, die korrekt zu erklären und auf einen ihnen notwendig zugrundeliegenden, und zugleich behebbaren Mangel zurückzuführen – das sieht man hier!)
  
Eine andre Frage (kontrovers oder nicht) ist: Wie man solchen uU korrekt erweiterten Reichtum an Bestimmungen im Begriff Elementarform, soweit er bisher entwickelt ist, unterbringen kann.
Auf der abstrakten Ebene, auf der der Begriff bislang eingeführt ist, habe ich versucht, hierzu ein paar konstruktive Vorschläge zu machen, und habe vor, das auch noch weiter auszuführen (vor allem mit Blick auf den verallgemeinerten Fetisch-Begriff, den ich grosso modo mit dem bereits im radikallinken Diskurs eingeführten „Idealismus“ identifiziere).

((Der Text erschien mir wieder mal zu lang, um hier noch als einfacher Kommentar gepostet zu werden.)) 

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