Auf der Suche nach dem Neuen im Alten

Kategorien: Commons, Eigentumsfragen, Lernen, Theorie

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22. Februar 2018, 10:47 Uhr   1 Kommentar

1 franziska (03.03.2018, 11:49 Uhr)

((Es sind über 3 Std Vortrag und Interviews anzuhören gewesen; da mag es erlaubt sein, etwas länger zu antworten. Mein Beitrag sollte ausserdem auch als Fortsetzung der Debatte zu Bennis 42 Thesen drüben verstanden werden.))

Mein Kommentar zu den Vorträgen hat (wie andre meiner Kommentare bei keimform) einen Mangel: Was ich sage, läuft wesentlich darauf hinaus, dass etwas für die Ebene, auf der geredet wird, Wesentliches FEHLT. Dies sollte nicht als äusserliche Mäkelei genommen werden; sondern als Aussage über den Gegenstand, über den auch die Vortragenden sprechen. Dieser Aussage kann natürlich widersprochen werden: Nein, aus denundden Gründen ist das, was du, franziska, hier miterwähnt haben möchtest, nicht wichtig und sollte daher weggelassen werden. Die Kontroverse, um die es hier geht, ist also eine auf die Sache bezogene, es geht drum, was alles zum Thema, diesem Gegenstand gehört, und was nicht.

Folgendes fehlt in eurer Darstellung (dh in allen drei Vorträgen), nach meiner Auffassung:
1. Die materiellen Anforderungen, die eine modern-arbeitsteilige, weltweit vernetzte, ständig umgewälzte und sich ausdifferenzierende Produktionsweise an „ihre“ Vergesellschaftung stellt, werden von euch nicht bedacht. Anders ausgedrückt, die (re)produktive PRAXIS, die da kollektiv organisiert werden soll, ist von euch kategorial nicht mal im Ansatz erfasst. (Vielleicht gerade mal noch kommt in den Blick: es gibt eine Care-Sphäre, häusliche Reproduktion. Die gibt es; aber was gibt es nicht NOCH alles, das funktionieren muss?)
Die „materiellen Voraussetzungen“ dafür, dass wir uns PippiLangstrumpf-mässig die Welt machen können, wie sie uns gefällt, sind angeblich da.
Ach ja?
Bedürfnisgerechte Produktion?
Naturgerechte Produktion?
Verständigungs-, vermittlungs- und organisierbarkeits-gerechte Produktion?
Einfach „da“? Womöglich „längst“?

2. Dementsprechend einfach fällt in eurer Darstellung die Besetzung der von Stefan eingeführten Kategorien „Elementarform“ und „Vermittlung“ aus. Ihr nehmt dabei lebens- und anschauungsnah in den Blick, was in der bürgerlichen Ökonomie, sehr abstrakt, als die Wirtschafts-Aktivität eines „Haushalts“, mit der doppelten Rolle von „Arbeitnehmer“ und „Verbraucher“, beschrieben wird: Der Haushalt tauscht (seine Ware) Arbeitsleistung gegen (Einkommen gegen) Konsumgüter; der (gigantische) Rest ist „Vermittlung“, und geht uns offenbar weiter nicht an. Diese Darstellung wird nichtmal der Vielfalt an Arten gerecht, wie die Einzelnen schon nur als „Haushalte“, Familien usw in „die Gesellschaft“ eingebunden sind: als Rechtssubjekte und Eigentümer, Vermögensbesitzer, Verkehrsteilnehmer, Leistungsempfänger aus der öffentlichen Infrastruktur (Ver- und Entsorgung), Träger einer „Nationalität“, Sozial- und Krankenversicherte und potentielle Patienten und Arbeitslose oder -unfähige, Wähler, Zentralbankgeld-Benutzer, Berufstätige, Medienrezipienten, (über)durchschnittlich Gebildete uswusw
Die bürgerliche Soziologie (Systemtheorie) sieht hier überall „Elementarformen“ und Vermittlungen am Werk; vor allem das Zusammenspiel, die Integration all dieser Funktionsbereiche unterliegt dann nochmal einer (höchst prekären) Meta-Vermittlung.
Als ganz allgemein „Berufstätige“ (Zuständige, Entscheidungsbefugte) sind ALLE Einzelnen natürlich irgendwo in DIESEN, weit jenseits der Haushalts- und Privatsphären angesiedelten Raum der „Vermittlungen“ zwischen all den ANDERN Funktionssphären (ausser der „Wirtschaft“) der modern-bürgerlchen Weltgesellschaft eingebunden. Aber das Gesamt dieser Vermittlungen (schon „der Weltwirtschaft“, geschweige des gesamten Rests) entzieht sich den Einzelnen in geradezu grotesker Weise.  

3. Wenn nun diese gigantische Vielfalt als solche von eurer kritischen Theorie (oder der der Transformation und Utopie) nicht in Betracht gezogen wird, kann auch die Frage erst garnicht gestellt werden: Ob die Vermittlung überhaupt auch nur IN den materiell-funktionellen Einzelsphären (etwa „der Wirtschaft“) gelingt, geschweige denn irgendeine Integration auf der Globalebene. Die Frage stellt sich euch nicht, weil NEBEN eure konkrete Analyse in immerhin Elementarform und Vermittlungsebene die dogmatische Behauptung tritt: Vermittlung gelingt immerhin, und zwar bürgerlich (Ausbeutung gelingt, Konkurrenz gelingt, Exklusion gelingt usw). Das grössenwahnsinnige Versprechen von Liberalen, dass ihre Vergesellschaftungsmechanik (Medien, Institutionen, Normen) mit dem Ineinandergreifen von Märkten, Öffentlichkeit, Zivilgesellschaft, Politik, Recht, Sicherheitsorganen und all den vielen andern eigengesetzlich verfassten „Subsystemen“ die materielle Aufgabe der weltweiten Vergesellschaftung der herrschenden modern-arbeitsteiligen und ständig neue Technologien hervorbringenden und anwendenden Produktionsweise meistert – dies Versprechen wird von euch schlicht geglaubt: Vergesellschaftung, die schlechte, bürgerliche, exklusionslogische zumindest, ist immerhin da, ist einfach vorhanden, kann nicht nicht sein. (Sie ist DA, so wie die „materiellen Voraussetzungen2 einfach DA waren, vgl. Punkt 1).

4. Diesem einfach „an sich“ bestehenden und versprochenen Substrat „Gesellschaft“ (sie kann angeblich nicht nicht sein; was für ein verhängnisvolles Versprechen auch der mraxistischen Tradition!) soll also nur seine schlechte kapitalistische Form ausgezogen werden wie ein Kleid, und ein besseres angezogen: Inklusion, Commons, nichtkonditionierte, selbst-auswählende Arbeitsorganisation usw. sind dann Wunsch-Kategorien. Nicht in Betracht kommt, aufgrund der schon erwähnten Defizite: a) dass Inklusionslogik eine existenzielle Notwendigkeit sein könnte, die Formel „die Entwicklung jedes Einzelnen ist die Bedingung der Entwicklung aller“ die materielle Elementar- und Fundamental-Anforderung an funktionierende Vergesellschaftung auf modern-arbeitsteiligen Grundlagen schlechthin darstellt, und nichts weniger ist als ein Luxusziel. Zugleich wird b) überhaupt nicht begriffen, was es materiell bedeutet, dieser elementaren Anforderung gerecht zu werden: Dass genau dieser Sachverhalt den Common(al)ismus womöglich auf einen extrem prekären und schmalen Entwicklungspfad zwingt, in dem jeder nächste Erweiterungs-Schritt mit grösster Sorgfalt und Umsicht stattfinden muss: Bedürfnis-gerecht, natur-gerecht, vermittlungs-gerecht produzieren ist demnach eine epochal neue, und völlig ungelöste MATERIELLE AUFGABE.
Anm. Man könnte die Common(al)ismus-Formel „die Entwickung jedes und jeder Einzelnen als Bedingung der Entwicklung aller“ geradezu generell als Kandidaten für Vergesellschaftung, gelingende Vermittlung (Koordination; Synchronisation…) ansehen. Frage: Worin besteht überhaupt, ganz allgemein (über alle historischen Epochen hinweg), Vergesellschaftung usw überhaupt? Ist das theoretisch eigentlich beantwortet?
 
5. Man könnte von daher sagen: Ihr wisst nicht, wie recht wir Common(al)istinnen haben.
Noch schlimmer: Wenn ihr es begreift, werdet ihr zurecht zutiefst erschrecken über die epochale Aufgabe, die sich da, man möchte sagen: unbarmherzig, stellt. Wenn die Lösung nicht in absehbarer Zeit gelingt, steht im besseren Fall Absturz in Barbarei und Rückfall in historisch überwundene Zustände an; im schlimmeren Fall tatsächlich das ENDE DER GESCHICHTE.
Anm. Die Frage: „Wer ist eigentlich warum für Common(al)ismus prädestiniert? Warum orientieren sich die einen darauf, und soviele andre nicht?“ – die gehört dann eigentlich an vorderster Stelle in eine Transformtaionstheorie. Warum stellt ihr sie nie?  

Der schlimmste Mangel an allem, was bei keimform derzeit geschrieben wird, scheint mir darum zu sein, dass ihr eure eigne Denk-Tätigkeit nicht wirklich ernstnehmt; es scheint nicht viel von euch abzuhängen. Es gibt aber weltweit nicht soviele, die materiell die Chance haben, auf dem Feld Haltbares zu erarbeiten, auf dem wir hier theoretisch (geschweige denn produktions- und gemeinschafts-praktisch) tätig sind. Die Chance kann auch vertan werden.

Anm. Ich habe für mich die Variante CommonALismus gewählt (in Analogie zu KommunALismus), um anzudeuten, dass hier der Aufbau planmässig aus kleinen Einheiten, Communen, wenn man so will, heraus stattfindet – und nicht als irgendwie unbestimmt grosses Aggregat von „möglichst vielen“. Die gemeinsame Wurzel Common- im Gegensatz zu Kommun- soll andeuten, dass hier die Marxsche Kommunismusformel (mit den Ergänzungen, die Stefan in seinem Vortrag macht, und die ich allesamt richtig und wichtig finde) VON ANFANG AN Kriterium aller Kollektiv-Einrichtung ist, und nicht etwa irgendwann später, wenn irgendwelche Voraussetzungen erfüllt sind, Mein Zusatz: Nicht als Wunsch; sondern als unabdingbare, epochale NOTWENDIGKEIT.

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