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Rezension: Dario Azzellini (2018) »Vom Protest zum sozialen Prozess«

Rezension: Dario Azzellini (2018). Vom Protest zum sozialen Prozess. Betriebsbesetzungen und Arbeiten in Selbstverwaltung, VSA, Hamburg 2018.

In seiner Dissertation über Venezuela untersuchte Dario Azzellini die soziale Transformation und die kommunalen Räte im Spannungsfeld zwischen Selbstorganisation und Staat. Nun hat er sich dem internationalen Phänomen der “Rückeroberten Betriebe unter Arbeiter*innenkontrolle” (RBA) zugewandt. Die Leitfrage der Flugschrift lautet: “Ist es möglich, im Kapitalismus ‘anders’ zu arbeiten und damit die Perspektive einer demokratischen und solidarischen Gesellschaft jenseits des Kapitalismus aufzuzeigen und zu eröffnen?” (7)

Um dem nachzugehen hat Azzellini Feldforschung in dutzenden RBA weltweit betrieben. Anschaulich werden verschiedene Erfahrungen in Europa, im Mittelmeerraum, den USA und in Lateinamerika beschrieben, um daraus anschließend Gemeinsamkeiten abzuleiten. Da es sich bei drei der vier Kapitel um Überarbeitungen bereits erschienener Artikel handelt, wiederholen sich manche Sätze. Dies stört jedoch nicht weiter.

Im Gegensatz zu den Betriebsbesetzungen der 70er Jahre befindet sich die Arbeiter*innenbewegung seit der Durchsetzung des Neoliberalismus in der Defensive. Die Beteiligten sind weder besonders links noch haben sie Erfahrung mit Selbstverwaltung: “Da sind Leute dabei, die früher Berlusconi oder Lega Nord gewählt haben und heute hier sind um eine Fabrik zurückzugewinnen. Wenn du das denen vor sechs Jahren erzählt hättest, hätten die gesagt: ‘Wer? Ich? Bist du irre?’” (103)

Die Besetzungen sind eine spontane Reaktion auf eine Verlagerung oder Schließung eines Betriebs, um den Abtransport der Maschinen zu verhindern. Zunächst beschränken sich die Forderungen meist auf eine Weiterführung des Betriebes durch die Eigentümer*innen oder die Zahlung ausstehender Löhne und Abfindungen. Wie Azzellini anhand der Beispiele zeigt, entwickeln die Belegschaften im Verlauf des Kampfes ein kollektives Bewusstsein und kämpfen schließlich für die Übernahme des Betriebes in Arbeiter*innenkontrolle. Dieser politisierende soziale Prozess des Klassenkampfes unterscheidet RBA von traditionellen Genossenschaften, was auch zu anderen Resultaten führt. Genossenschaften hinterfragen selten das Privateigentum an Produktionsmitteln, denn das individuelle Eigentum begründet das Recht auf Partizipation an der Entscheidungsfindung und an der Verteilung der Gewinne. Traditionelle Genossenschaften verfügen über höhere interne Lohnunterschiede, haben oft Angestellte, die keine Mitglieder sind und werden meist nicht von den Arbeiter*innen selbstverwaltet. Die Genossenschaft neigt dazu sich von anderen Genossenschaften getrennt zu sehen und sich der Marktlogik anzupassen.

Im Prozess der Umwandlung zu einer RBA ändert sich hingegen fast alles. Der Unternehmenszweck der Steigerung des Profits wird durch das Wohlbefinden der Arbeiter*innen ersetzt. Arbeitssicherheit wird zur Priorität und Arbeitsunfälle gehen zurück. Die Produktion wird umgestellt, die Zuliefer*innen und Kund*innen ändern sich. In allen untersuchten Fällen spielen bei der Produktionsumstellung auch ökologische Kriterien eine Rolle. Durch den gemeinsamen Kampf der Arbeiter*innen um ihren Betrieb entwickeln sich neue solidarische soziale Beziehungen und es werden Verbindungen zur Nachbarschaft, zu sozialen Bewegungen und zu anderen RBA geknüpft. Es gibt in RBA keine individuellen Besitzanteile und keine externen Investor*innen. Alle wesentlichen Entscheidungen trifft die regelmäßige Vollversammlung. Kleinere RBA entscheiden tendenziell nach dem Konsensprinzip, in größeren RBA wird häufiger durch große Mehrheiten entschieden. Das bisherige “Regime der Angst” (Vio.Me Arbeiter Makis Anagnostou), die Überwachung durch Vorgesetzte, Kameras und Stechuhren, wird ersetzt durch die Selbstverpflichtung der Arbeiter*innen. Daraus resultiert eine enorme Freisetzung menschlicher Kreativität. In der großen Mehrheit der RBA findet eine gewisse Rotation der Aufgaben statt und das damit erlernte Wissen über die Funktionsweise des Betriebes verbessert die kollektive Entscheidungsfähigkeit. In den RBA verdienen alle Arbeiter*innen das gleiche oder es gibt nur geringe Gehaltsunterschiede. Wie die mittlerweile jahrelange Erfahrung mit hunderten RBA zeigt, gelingt es den meisten RBA ihre egalitäre und demokratische Struktur auch dauerhaft zu erhalten.

Die Arbeit in RBA wird von Azzellini als Commons bzw. als “Keimform” (92) von Commons begriffen. Die zentralen Prinzipien treffen zu, doch der Druck, sich dem Kapital anzupassen ist stets vorhanden und zwei der sieben Erfolgskriterien nachhaltiger Commons nach Ostrom gelten nur bedingt: Mindestens für die Zeit der Illegalität fehlt es an staatlicher Anerkennung sowie an geeigneten Konfliktlösungsmechanismen mit dem Staat. Die rechtliche Unsicherheit und die Schwierigkeiten an das nötige Kapital zu gelangen stellen für RBA die größten Probleme dar. Bei den meisten RBA erfolgt nach entsprechenden Protestkampagnen irgendwann eine Intervention des Staates, sei es die Enteignung der Kapitalist*innen, eine direkte Finanzierung oder Bürgschaften. Trotz der Schwierigkeiten mit denen RBA zu kämpfen haben, weisen sie eine “längere Lebensdauer als herkömmliche Betriebe” (138) auf, wie eine Untersuchung in Argentinien gezeigt hat.

Im letzten Kapitel verknüpft Azzellini schließlich die RBA mit den Platzbesetzungen der neuen globalen Bewegungen sowie mit den räteartigen Formen kollektiver Selbstverwaltung in Chiapas, Venezuela und Kurdistan. Diese Verbindung wirkt zwar zunächst etwas konstruiert, bietet aber eine interessante Perspektive. Die Anbindung an Räte könnte für selbstverwaltete Betriebe eine Möglichkeit eröffnen, ihre Abhängigkeit vom Markt zu überwinden. Wie Azzellini auf kompakten 152 Seiten mit viel Empirie überzeugend darlegt, sind RBA also Realutopien im besten Sinne, sie bieten praktische Lösungen an und sind gleichzeitig der Vorschein auf eine befreite Gesellschaft. Ihm gelingt es, das Potential von RBA deutlich zu machen ohne die Widersprüchlichkeiten zu vernachlässigen. Damit RBA dem Kapital wirklich gefährlich werden können, wäre meines Erachtens allerdings nicht nur eine Einbettung in andere Kämpfe, sondern auch eine systematische staatliche Unterstützung notwendig.

“Vor 30 Jahren kam ich als letztes Rad am Wagen hierher – und jetzt diese Fabrik gemeinsam mit anderen selbst zu verwalten, das ist ein Ziel zu erreichen. Das ist das Höchste für einen ausgebeuteten Arbeiter, dass man sagen kann, jetzt beutet mich niemand mehr aus, jetzt ist es meins – endlich fühle ich mich daheim.” (107)

Kategorien: Medientipp, Praxis-Reflexionen

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26. August 2018, 08:18 Uhr   0 Kommentare

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