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Emergenz und Blockchain

Streifzuege 70[Kolumne Immaterial World in der Wiener Zeitschrift Streifzüge]

Den Begriff Emergenz betrachte ich seit jeher mit Skepsis. Ist nicht erklärbar, warum und wie aus einem Prozess etwas hervorgeht, so wird die Erklärungslücke mit dem Hinweis auf „Emergenz“ zugedeckt. Dabei gibt es tatsächlich systemische Ganzheiten, bei denen nicht kausal bestimmt werden kann, wie diese aus ihren Elementen entstehen. Die Gesellschaft ist so ein Beispiel. Das Handeln der Einzelnen ist möglichkeitsoffen, und trotzdem ergibt es ein stabiles, kohärentes Ganzes. Irgendwie emergent halt. Alles, was gebraucht wird, wird gemacht – und überfordert langfristig auch die planetaren Grenzen nicht. Letzteres würde zumindest für eine commonistische Gesellschaft gelten, die Geld, Tausch, Markt, Staat und Herrschaft nicht mehr kennt.

Emergenz bedeutet auch im Commonismus, dass sich – vergleichbar der „unsichtbaren Hand“ (Adam Smith) bei der Marktvermittlung – gesellschaftliche Kohärenz „hinter dem Rücken“ (Karl Marx) der Akteure herstellt, dies allerdings nicht blind und unverstehbar, sondern in bewusstem Handeln und voller Transparenz. Emergenz ist verstehbar. Der gesellschaftliche Prozess der verteilten Selbstplanung kann dirigiert werden, ohne jedoch der Illusion zu unterliegen, eine komplette Gestaltung und Steuerung der gesellschaftlichen Verhältnisse sei möglich.

Jeder Versuch einer Vollplanung des gesellschaftlichen Ganzen, gar von einer zentralen Position aus, mündete zwangsläufig in totalitären Herrschaftsformen. Jede Zentralinstanz bräuchte Herrschaftsmittel, um den Plan durchzusetzen – unvereinbar mit einer freien Gesellschaft. Wie aber die gesellschaftliche Transparenz herstellen, um adaptive Momente in die verteilte Selbstplanung einbringen zu können? Traditionell ist das Aufgabe der Politik, doch für den Commonismus nehme ich an, dass die politischen Funktionen der systemischen Ausrichtung und Adaption keiner gesonderten Sphäre angehören, sondern in den gesellschaftlichen Vermittlungsprozess eingebettet sind. Da es kein vermittelndes Abstraktum (Geld) außerhalb der Bedürfnisvermittlung gibt, hat eine selbstständige Instanz (Politik) der Umverteilung und Prioritätensetzung keine eigene Funktion. Adaption und Priorisierung sind dagegen über das gesellschaftliche Netzwerk verteilte Aufgaben.

An dieser Stelle kommt eine Technologie ins Spiel, die derzeit einen rasanten Aufstieg erlebt: die Blockchain. Blockchain wurde durch die Kryptowährung Bitcoin bekannt. Es ist im Kern ein lineares Register, das Transaktionen von Akteuren in einem Journal transparent erfasst. Jeweils nachfolgend angefügte Blöcke bestätigen über ein kryptografisches Verfahren die Richtigkeit der vorausgehenden Blöcke. Das Journal kennt keinen singulären Ort und auch keine zentrale Verwaltung, sondern ist über das Internet verteilt gespeichert. Es gehört allen und wird von allen verwaltet.

Durch die kryptografische Verkettung von Blöcken in einem Journal, das die Transaktionen speichert, werden nachträgliche Änderungen verhindert und zeitliche Reihenfolgen von Transaktionen sicher und nachvollziehbar abgebildet. Blockchain ist eine Art globales verteiltes Betriebssystem für Vereinbarungen zwischen Peers. Diese können ihre Verabredungen selbst gestalten und benötigen keine Intermediäre (Banken, Anwälte etc.) mehr. Spezielle Anwendungen, die auf dem verteilten Blockchain-Journal laufen, bieten allen einen transparenten Zugriff auf die Vereinbarungen. Blockchain-Systeme könnten Verträge ablösen, ohne dass Vereinbarungen an Verbindlichkeit einbüßen, die heute noch über Recht und Staat hergestellt werden muss.

Diese Verbindlichkeit kann durch Transparenz, soziale Beeinflussung und durch Abstimmungen mit den Füßen erreicht werden: Wer für alle einsehbar Vereinbarungen häufig nicht einhält oder nur zu Lasten einer Seite umsetzt, wird seltener Kooperationspartner*innen finden, die neue Vereinbarungen eingehen wollen. Auf diese Weise findet die Inklusionslogik des Commonismus ihre operable Basis: Zuverlässiges inkludierend-kooperatives Verhalten verstärkt sich selbst. Wer gut kooperiert, mit dem wollen viele kooperieren und erreicht schneller, dass die eigenen Bedürfnisse befriedigt werden.

Trotz Allgemeinheit des Blockchain-Protokolls ist es nicht erforderlich, alle gesellschaftlichen Bereiche darin zu erfassen, da vor allem die meisten interpersonalen Beziehungen völlig ohne transparente Dokumentation auskommen. Geeignet ist Blockchain vor allem für transpersonale Vermittlungen, bei der sich Unbekannte mittels Transparenz eine Vertrauensbasis auf Augenhöhe – von Peer zu Peer – schaffen können. Das unterscheidet sich komplett vom heutigen Einsatz etwa bei Bitcoin, bei dem jede monetäre Transaktion gespeichert wird.

In interpersonalen Beziehungen ist Vertrauen die entscheidende Basis für Verabredungen. Die Beteiligten kennen einander, haben Vorerfahrungen gemacht oder kennen jemanden, der den Verabredungspartnern vertraut. Interpersonale Vertrauensnetze lassen sich jedoch nicht einfach auf eine gesellschaftliche Größenordnung ausdehnen. Transpersonale Vertrauensnetze brauchen eine sichere und transparente Dokumentation, wer wem vertraut. Sie müssen überprüfbar sein. So funktioniert im Grunde das Vertrauen, das wir alle in die Zertifikate zur Verschlüsselung von Webseiten geben.

Eine solche Rolle könnte Blockchain bei transpersonalen Verabredungen über alle Aspekte der Herstellung unserer Lebensbedingungen spielen, bei denen wir unser Gegenüber, die Peers oder Institutionen, nicht mehr persönlich kennen. Vertrauen und Zuverlässigkeit werden so zu emergenten und verständlichen Phänomenen in einer Gesellschaft, in der es sinnvoll ist, die Bedürfnisse der anderen in das eigene Handeln miteinzubeziehen. Die „anderen“ sind auch die uns nachfolgenden Generationen, so dass auch die Einhaltung der planetaren Grenzen zu unserem Bedürfnis wird.

Bitcoin ist zum Spielcasino verkommen, doch wenn die zugrundeliegende Technologie der Blockchain aus ihren monetären Fesseln herausgelöst wird, kann sie zur Basis zuverlässiger transpersonaler Vereinbarungen in einer freien Gesellschaft werden. Geld, Tausch, Markt, Staat und Herrschaft können wir uns dann ersparen.

Kategorien: Eigentumsfragen, Theorie

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11. April 2018, 08:23 Uhr   5 Kommentare

1 Benni Bärmann (11.04.2018, 15:45 Uhr)

Das verteilte Vertrauen gibt es auch schon beim Web of Trust von PGP und co. Dazu braucht man keine Blockchain. Verteilte Datenbanken sind auch ein alter Hut. Tatsächlich gibt es bisher keine Anwendung für Blockchain außer Erzeugung von Spekulationsobjekten (ala Bitcoin) und gigantischem Energieverbrauch (http://www.faz.net/aktuell/finanzen/digital-bezahlen/bitcoin-eine-transaktion-kostet-30-euro-strom-15282063.html). Das ganze ist ein absurder Hype erzeugt von verzweifeltem Kapital auf der Suche nach Anlagemöglichkeiten und ganz sicher nichts was unsere Probleme löst.

2 Stefan Meretz (12.04.2018, 09:53 Uhr)

@Benni: Das verteilte Vertrauen schon, aber nicht die verteilte Transparenz. Wenn du zwei alte Hüte kombinierst, kommt manchmal was neues raus.

Und das mit den Stromkosten ist richtig, hat aber damit zu tun, dass wahnwitziger Weise alle monetären Transaktionen abgebildet werden müssen (und das noch nicht mal immer klappt, vgl. orphaned blocks). Wenn wir uns das Geld und die damit verbundenen Transaktionen sparen, also 99%, dann stehen Aufwand und Nutzen auch wieder im angemessenen Verhältnis. Ist aber auch nur eine Vermutung.

Generell gilt: gesellschaftliche Vermittlung kostet Aufwand, und die Frage ist, wie wir den minimieren könnten. Der Kapitalismus ist hier ein mega-aufwändiges System. Die Fokussierung auf den Stromverbrauch von Bitcoin ist da schon fast eine Ablenkung…

3 Benni Bärmann (12.04.2018, 22:59 Uhr)

verteilte Transparenz hat man einfach wenn man Dinge ins Netz stellt. Ich sehe nicht was da neues mit machbar sein sollte, was jetzt nicht auch machbar ist ohne diesen riesigen Overhead. Und ohne das alle Transaktionen abgespeichert werden ist es halt keine Blockchain mehr, das hat nix mit der Geldanwendung zu tun. Und ja, gesellschaftliche Vermittlung ist aufwendig. Nur vermittelt Blockchain halt nix. Im besten Fall kriegt man damit irgendeine Art Social Score hin ala China nur ohne Staat, was für mich auch eher dystopisch klingt als erstrebenswert.

Naja, ich schlage vor, wir warten einfach mal den Hypecycle ab. Ich wette in spätestens 5 Jahren ist Blockchain tot.

4 Stefan Meretz (18.04.2018, 10:03 Uhr)

Ins Netz stellen reicht eben nicht, weil es keine Sicherheit, keine Nachvollziehbarkeit und damit keine Transparenz gibt, wann wer was reingestellt hat. Das ist z.B. das Problem bei Patenten oder anderen Veröffentlichungen, bei denen das klar sein muss.

Es hat mit Geld oder genauer: mit Tausch zu tun, dass du alle Transaktionen speichern musst. Bei Vereinbarungen ohne Tausch (-ketten), ist das nicht notwendig. Du kannst doch andere Transaktionsketten definieren als nur Tausch. Also ja: Ohne das alle Transaktionen gespeichert werden, ist es keine Blockchain. Ist aber die Frage, was du als Transaktion setzt.

5 Christian Siefkes (20.04.2018, 19:29 Uhr)

@Stefan:

Ins Netz stellen reicht eben nicht, weil es keine Sicherheit, keine Nachvollziehbarkeit und damit keine Transparenz gibt, wann wer was reingestellt hat. Das ist z.B. das Problem bei Patenten oder anderen Veröffentlichungen, bei denen das klar sein muss.

Also wenn es um „Sicherheit“ und „Nachvollziehbarkeit“ geht, würden doch kryptografische Signaturen reichen: Die zwei (oder mehr) an einer Vereinbarung beteiligten Parteien (also Projekte o.ä.) unterzeichnen diese jeweils mit ihrem privaten Schlüssel, was jede_r anhand ihres öffentlichen Schlüssels überprüfen kann. Wenn sie ein Datum in die unterzeichnete Vereinbarung eintragen, kann auch jeder überprüfen, wann sie unterzeichnet wurde. Sie veröffentlichen diese Vereinbarung dann entweder sofort oder auch später auf einer ihrer Websites oder irgendwo anders — wann und wo sie das tun, ist völlig egal, da jede_r dank ihrer Signatur nachvollziehen kann, wer sie wann geschlossen hat. Wenn sich also eine der Parteien von der anderen im Stich gelassen fühlt, könnte sie die Vereinbarung auch im Nachhinein öffentlich machen und das (überprüfbar) anprangern. Oder, wenn sofortige Transparenz gewünscht ist, wird die Vereinbarung sofort nach Abschluss veröffentlicht — das wäre aber den Beteiligten überlassen, und warum auch nicht?

Das Datum könnten die Beteiligten natürlich kollektiv fälschen, wenn sie sich einig sind — bei Dokumenten zulasten Dritter (wie etwa Patente, bei denen es auf „wer hatte die Idee zuerst“ ankam) könnte das ein Problem sein, aber sowas willst du ja nicht wirklich beibehalten, oder? Wenn es nur darum geht, dass eine Partei später ggf. einen Vereinbarungsverstoß der anderen anprangern könnte, ist nicht einzusehen, warum sie vorab kollektiv eine falsche Eintragung vornehmen sollten, insofern wäre dieser Fall unproblematisch.

Also public-key-Kryptografie braucht es für Nachvollziehbarkeit, eine Blockchain aber nicht.

Eine ganz andere Frage ist noch, was du dir von dieser öffentlichen Anprangerbarkeit von Vereinbarungsverletzungen eigentlich versprichst. Es gilt ja durchaus gute Gründe, warum Vertragsverstöße heute vor Gericht verhandeln werden, wenn sich die Beteiligten sonst nicht mehr einigen können — dieses kann tiefer in die Materie eindringen und hat im Regelfall auch mehr einschlägiges Know-how, als das einem Laienpublikum möglich ist. Also ob es wirklich ein zivilisatorischer Fortschritt wäre, wenn es in seriösen Konflikten künftig darum ginge, wer die öffentliche Meinung auf die eigene Seite ziehen kann, statt dass ein Gericht das letzte Wort hat? Ich wäre mir da nicht so sicher.

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