Auf der Suche nach dem Neuen im Alten
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Der Ausdehnungsdrang moderner Commons (5/5)

Transpersonales Commoning zur Weiterentwicklung der Keimformtheorie. (Volltext als pdf)

Dominanzwechsel 3: Politisches Commoning

Privater Ankauf von Produktionsmitteln durch Lohnarbeit und ihre Anwendung für Commoning ist ein Weg gesellschaftliche Produktionsmittel herzustellen. Wäre es aber damit möglich, das Commoning zur gesellschaftlich bestimmenden Produktionsweise zu machen, dann wäre jede Theorie zu den Tendenzen der kapitalistischen Produktionsweise Unsinn, das Kapital hätte sich nicht in immer weniger Händen zentralisiert und lohnabhängig zu sein wäre kein Zustand der Unterdrückung. Es braucht also Möglichkeiten zur direkten Überführung von kapitalistischem Eigentum, dafür also einen politischen Prozess, der aber auf Basis der Logik des Commonings neu gedacht werden muss. Meretz und Sutterlütti kritisieren zurecht Reform- und Revolutionsversuche, die „in der politischen Sphäre beginnen und von dort aus die gesamte Gesellschaft ergreifen“ (M/S, S.48) sollen und bringen es folgend auf den Punkt: „Es ist ein Widerspruch in sich: Der fremdbestimmende Staat soll Selbstbestimmung bringen“ (M/S, S.52). Politisches Commoning setzt daher, wie alle anderen Commoning-Prozesse, auf Ebene der anstehenden sinnlich-vitalen Bedürfnisse an, befriedigt diese aber auf andere Weise als die materielle Produktion.

Politisches Commoning ist immer die Ansprache des Staates, etwa in Form von Demonstrationen oder sozialen Ungehorsam, oder Tätigkeit als Teil des Staates selbst, um allgemeingültige Bedingungen zu erzeugen, in denen sinnlich-vitale Bedürfnisse direkt über Commoning befriedigt werden können. Politisches Commoning kann selbst nie direkt sinnlich-vitale Bedürfnisse befriedigen – staatliche Politik ist immer Herrschaftsausübung und damit nicht mit Commoning vereinbar -, sondern kann nur an der Überführung von kapitalistisch verwendeten Produktions- und Lebensmitteln zu gesellschaftlichen Mitteln mitwirken, also die allgemeine Deutung einzelner Dinge als Wert oder als Mittel zur Bedürfnisbefriedigung bestimmen. Der primäre Weg hierfür ist der Entwurf von Gesetzen und demokratische Aufklärung, damit diese in Kraft treten. Im Verlauf der kapitalistischen Entwicklung steigt die Anzahl an nahezu eigentumslosen Lohnabhängigen im Gegensatz zu einer immer kleiner werdenden Gruppe Menschen, welche nur durch die Geldvermehrung selbst leben (vgl. MEW23, S.791). Objektiv ergibt es daher im demokratischen Feld Sinn kapitalistischen Eigentum – etwa Produktionsmitteln insolvent gegangener Unternehmen – in eine Struktur zu überführen, in denen auch Eigentumslose ihre Bedürfnisse mit diesen bereits vorhandenen Produktionsmitteln befriedigen können. Commoning steht allerdings nicht im luftleeren Raum, sondern ist Teil einer kommunistischen Geschichte. Da in dieser schon oft Versprechen nicht eingehalten werden konnten, dass sich nach einer – wie auch immer aussehenden – Revolution die Lebensbedingungen der Lohnabhängigen deutlich verbessern würden, stellt Bini Adamczak in „gestern morgen“ (2015) die „beunruhigende Frage […], ob die mangelnde Revolutionsbereitschaft der Massen nicht eher historische als ideologische Gründe hat“ (Adamczak, S.139). Weiter: „Als handele es sich – nach den Revolutionen des 20. Jahrhunderts! – bei der Skepsis gegenüber allen kommunistischen Versprechungen lediglich um falsches Bewusstsein und nicht vielmehr um ein richtiges“ (ebd.). Durch eine bereits bestehende Commons-Struktur muss daher erfahrbar werden, dass die selbstorganisierte Produktion nach Bedürfnisbefriedigung tatsächlich die eigenen Lebensbedingungen verbessert. Erst von hier aus kann Politik betrieben werden, welche sich der staatskommunistischen Geschichte enthebt und der bürgerlichen Ideologie neu entgegengestellt werden kann.

Für die Bedürfnisbefriedigung im Rahmen der Commons-Struktur ist es dabei unerheblich, ob etwa ein Haus oder eine Maschine überführt – also Enteignung auf Wertebene und Eingliederung in die Mittel der Commons-Struktur – oder neu produziert wird. Der einzige Unterschied ist der jeweils damit zusammenhängende Aufwand, die dafür vorhandenen Möglichkeiten im jeweiligen Umfeld bzw. die jeweiligen Fähigkeiten der am Commoning teilnehmenden Personen. So wie bei produzierenden Commoning-Prozessen kein privates Eigentum entsteht, ist es auch bei dem politischen Commoning der Fall. Für die einzelne Person hat politisches Commoning einen Vorteil durch die Priorisierung ihrer eigenen Bedürfnisse. Das im politischen Commoning entstehende Geld – etwa in Form von Diäten, Zuschüssen oder Projektförderungen – wird daher, wie etwa Halbfabrikate in der Produktion, für die Bedürfnisbefriedigung des jeweiligen Commoning-Prozesses aufgebraucht und ist zu keinem Zeitpunkt Eigentum von Personen, Commons oder gar der Commons-Struktur. Wenn auch Personen im unterschiedlichen Maßstab an beiden Gesellschaftsformen – Produktion nach Verwertung und Produktion nach Bedürfnisbefriedigung – teilnehmen und diese Gesellschaftsformen aufeinander aufbauen bzw. sich aufeinander stützen, bleiben sie zu jedem Zeitpunkt in sich geschlossen und voneinander getrennt.

 

Dominanzwechsel 4: Krisendynamik zwischen kapitalistischer Produktion und transpersonalen Commoning

Die kapitalistische Produktion selbst hat eine starke Eigendynamik, ist aber ihrer Grundlogik nach nicht stabil, sondern erzeugt aus sich heraus durch das räumliche und zeitliche Auseinanderfallen von Kauf und Verkauf immer wieder Krisen; das Geldkapital wird über die Waren Produktionsmittel und Arbeitskraft zum produktiven Kapital, holt hier Mehrarbeit aus den Produzierenden und vergegenständlicht diese im Warenkapital. Das Warenkapital steht somit in der Zirkulationssphäre (Markt), was in der kapitalistischen Produktion etwa den Vorteil bringt, dass andere Kapitalisten für ihre eigene Produktion sofort darauf zugreifen können und nicht, wie es im Commoning der Fall ist, etwa die dafür notwendigen Produktionsmittel erst hergestellt werden müssen. Anders als im Commoning gibt es dafür aber keinen direkten Adressaten, niemanden, für den es bestimmt ist und womöglich auch niemanden, der es gebrauchen kann bzw. wenn er oder sie es gebrauchen kann, dann vielleicht nicht zu dem Zeitpunkt oder es kann schlicht nicht bezahlt werden. Um dieses „Auseinanderfallen“ auszugleichen und etwa schon vor dem tatsächlichen Warenverkauf Geld für neue Investitionen zu haben, nehmen Unternehmer und Investoren Kredite auf, handeln mit Schuldversprechen und stehen somit in wechselseitiger Abhängigkeit zueinander. Wenn Krisen auch vielfältige Ursachen haben, ist der Zwang zur Ausdehnung, die notwendige Bewegung von G nach G‘, zentral. In dem ständigen Zwang gegen die Konkurrenz mit immer billigeren Preisen zu bestehen, werden Lohnarbeiter durch moderne Produktionsmittel ersetzt und an anderer Stelle wieder zu niedrigeren Löhnen von ihrer Arbeitslosigkeit befreit. In der Produktion mit immer effektiveren Produktionsmitteln entsteht eine immer größere Masse an Warenkapital, für dessen Verwirklichung Käufer gesucht werden müssen und dabei einer immer größeren Anzahl an Lohnabhängigen (insbesondere Abnehmer der Konsumtionsmittel) und Unternehmern (insbesondere Abnehmer der Produktionsmittel) gegenübersteht, welche die Produkte vielleicht benötigen, aber nicht mehr bezahlen können. Die Folge daraus ist die Vernichtung von Kapital. Einerseits, indem Maschinen, Gebäude, Produkte, etc. unbenutzt liegen bleiben und Arbeit nicht länger ausgebeutet werden kann – keine Produktion bedeutet verlorene Produktion -, anderseits, indem das produzierte Warenkapital deutlich unter seinem Wert verkauft wird und damit die Verwertung von Wert ohne immer weitere Kreditaufnahme unmöglich wird. Unternehmen gehen Bankrott und Lohnarbeiter werden vermehrt zu Arbeitslosen (vgl. MEW25, S.265).

Marx zur Situation von Lohnabhängigen in der Krise: „Das industrielle Arbeitslosenheer drückt während der Perioden der Stagnation und mittleren Prosperität auf die aktive Arbeiterarmee und hält ihre Ansprüche während der Periode der Überproduktion und der Überspannung im Zaum. Der relative Arbeiterüberschuss ist also der Hintergrund, worauf das Gesetz der Nachfrage und Zufuhr von Arbeit sich bewegt“ (MEW23, 668). Weil es zur kapitalistischen Produktion bisher keine fortschrittliche Alternative gibt und Lohnabhängige immer versuchen müssen, ihre Arbeitskraft – auch zu Notfalls miserablen Bedingungen – zu verkaufen, steigt in einer Krise nicht nur die Zahl der Arbeitslosen, sondern verschlechtern sich auch die Arbeitsbedingungen der Arbeitenden. Wie Meretz und Sutterlütti sagen, hat eine Krise somit immer auch „ein unumstößliches subjektives Moment“ (M/S, S.232). Dieses subjektive Moment kann dazu führen, dass – gesetzt, eine transparente Commons-Struktur existiert bereits – das Commoning als sinnvoller zur Herstellung der eigenen Lebensbedingungen und Handlungsfähigkeit empfunden wird. Bevor wir uns dem näher annehmen, muss aber die Commons-Struktur selbst auf Krisen überprüft werden.

Da Commoning in seinem Ideal freiwillig geschieht und auch bei einer Bedürfnispriorisierung zumindest freie Zeit von persönlicher und sachlicher Herrschaft benötigt, können Krisen entstehen, indem die Zeit zwischen anstehenden und befriedigten Bedürfnis nicht mehr im Rahmen des, möglicherweise existenziellen, Bedürfnisses selbst ist. Wenn, wie im anfangs genannten Beispiel, dreizehn Commons auf drei Ebenen an der Produktion beteiligt sind und die drei der zweiten Ebene erst mit der Arbeit beginnen können, wenn sich in den neun letzten Commons Menschen gefunden haben, welche sich dem Bedürfnis annehmen und schließlich das erste Commons noch auf diese drei abgeschlossenen Commoning-Prozesse der zweiten Ebene warten muss, dann kann die vergehende Zeit dazwischen enorm sein. Das ist die Kehrseite des Ganzen: Kapitalistische Krisen entstehen in einer Sphäre, die im Commoning durch die vorher-Vermittlung nicht existiert, was aber einen deutlich längeren Produktionsprozess nach sich zieht. Wie kapitalistische Produktion von anderen kapitalistischen Produktionsprozessen abhängig ist, ist auch ein einzelner Commoning-Prozess davon abhängig, dass die Bedürfnisse der darin Beteiligten möglichst vollständig außerhalb der Warenform befriedigt werden. In einer unterentwickelten Commons-Struktur kann ein einziger notwendiger Commoning-Prozess, der nicht ins Laufen kommt und für den es keine Alternative gibt, reichen, um die Befriedigung eines sinnlich-vitalen Bedürfnisses – welches nicht nur an einen einzigen, sondern an beliebig vielen Adressaten gerichtet sein kann – anzuhalten. Ist dieses Bedürfnis für die Personen notwendig und wird es nicht über Commoning befriedigt, müssen sie selbst von ihren jeweiligen Commoning-Prozessen ablassen und sich wieder vermehrt der Lohnarbeit widmen. Da damit natürlich weniger weniger Zeit für Commoning zur Verfügung steht, werden sinnlich-vitale Bedürfnisse anderer wieder nicht erfüllt und so weiter. Aber je stärker der öffentliche Sektor des sie umgebenden bürgerlichen Staates, desto geringer die Wahrscheinlichkeit, dass eine commonistische Krise tatsächliche Existenzängste auslöst oder zumindest nur in dem Maßstab, wie sie im bürgerlichen Staat ohnehin gegeben sind. Auch hier wird wieder deutlich: Das kapitalistische System ist der Boden des Commonings und nicht (nur) sein Gegenspieler.

Die Wahrscheinlichkeit einer Krise nimmt im Kapitalismus durch zunehmende Konkurrenz zu, in der Commons-Struktur nimmt sie durch immer mehr Teilnehmer und Ausweichmöglichkeiten ab. Wollen sich Lohnabhängige im Kapitalismus derselben Tätigkeit widmen, stehen sie in Konkurrenz und nur ein kleiner Teil davon darf sich ihr schließlich annehmen, wobei die Arbeitszeiten länger und der Lohn geringer wird, je höher das Angebot an Arbeitskräften ist. Wollen sich Lohnabhängige in der Commons-Struktur derselben Art einer Bedürfnisbefriedigung annehmen, ist es aus Perspektive der Effizienz für jeden von Vorteil diese als Kooperationsprozess aufzuteilen. Die dafür insgesamt benötigte Zeit nimmt damit ab und die Lebensqualität – im Sinne zusätzlich freier Zeit – eines jeden nimmt zu. Je etablierter schließlich diese Produktionsweise in seinem kapitalistischen Umfeld ist, desto sinnvoller wird Commoning für die Produzierenden und da hierfür gesellschaftliches Eigentum benötigt wird, werden erst dadurch auch „die Eigentumsverhältnisse zunehmend in Frage gestellt“ (M/S, 232). Das ist hierfür essentiell: In einer Krise mag die Unzufriedenheit mit dem Bestehenden zunehmen, aber der Warenfetisch wird dadurch nicht aufgehoben. Antisemitische Trugschlüsse liegen oft näher als Erklärung für soziales Elend, als die Auswirkung einer verselbstständigten Dynamik des privaten Eigentums. Wenn Meretz und Sutterlütti also davon sprechen, dass eine Krise „ein Überschreiten der Zustände [verlangt]“ (M/S, S.230) ist das durchaus richtig, aber wenn es keine fortgeschrittene Produktionsweise gibt, welche die Ideologie des alten Systems auflösen kann, dann bleibt das Denken in der vermeintlichen Vernunft der Geldlogik gefangen.

Wenn Commoning gesamtgesellschaftlich immer sinnvoller wird und immer mehr Bedürfnisse dadurch befriedigt werden, können kapitalistische Unternehmen immer weniger Warenkapital in Geldkapital verwandeln und folglich verschärfen sich die kapitalistischen Krisen, wie die Commons-Struktur stabiler wird. Aber wenn die Arbeitsbedingungen in Krisen für Lohnabhängige immer härter werden und Lohnarbeit im bestehenden System zur Erhaltung der eigenen Existenz notwendig ist, durch wen soll dann Commoning betrieben werden? Durch Arbeitslose. Der Kapitalismus funktioniert nicht ohne einen arbeitslosen Bevölkerungsteil, welche selbst systematisch zur Arbeit verpflichtet sind, während aber ihre jeweiligen Fähigkeiten innerhalb der kapitalistischen Produktion nicht benötigt werden. Ohne dass ein Mangel herrscht und obwohl das System eben von ihrem Vorhandensein abhängig ist, werden sie vom gesellschaftlichen Reichtum ausgeschlossen. Tilman W. Alder fasst in seiner Arbeit „Eine Sicht der Kritischen Psychologie auf Arbeitslosigkeit als psychische Deprivation“ die fünf zentralen Effekte der Arbeitslosigkeit nach der Sozialforscherin Jahoda folgendermaßen zusammen: (1) Die gewohnte Zeitstruktur wird zerstört. (2) Resignation, Langeweile und Zeitverschwendung beginnen den Alltag zu dominieren. (3) Seelische Belastung durch das Gefühl nicht gebraucht zu werden; das Gefühl ein Ausgestoßener in der Gesellschaft zu sein. (4) Soziale Kontakte innerhalb der Erwerbsarbeit brechen schlagartig ab und führen zu einer zunehmenden Isolation. (5) Der öffentliche, mit dem Beruf verbundene, Status nimmt ab, so wie sich Arbeitslose zunehmend mit ihrer Arbeitslosigkeit identifizieren (vgl. TWA, S.16-18). Jahoda schließt daraus, dass die Lohnarbeit, besonders auf Grund ihres „Zwangsmoments“ (vgl. TWA, S.21), für Menschen eine zentrale und wichtige Bedeutung hat. Alder kann ihr allerdings entgegenstellen, dass diese zentrale Lebensbedeutung der Lohnarbeit nur zutrifft, „wenn der gesellschaftliche Handlungsrahmen dies erfordert; ich also ohne Erwerb ausgeliefert bin“ (TWA, S.55).

Heute ist für Lohnabhängige Lohnarbeit die einzige Form um über die Bedingungen des eigenen Lebens verfügen zu kommen und der Handel mit ihrer einzigen Ware, der Ware Arbeitskraft, ist den Gesetzen von Angebot und Nachfrage an Arbeitskräften und damit auch den kapitalistischen Krisen unterworfen. Mit der Ausdehnung der Commons-Struktur und je mehr sich das kapitalistische System darauf stützt, desto mehr löst sich dieser Zustand der Unterwerfung und neue Handlungsmöglichkeiten zur Herstellung der eigenen Lebensbedingungen entstehen außerhalb des kapitalistischen Systems. Von der kapitalistischen Produktion freigestellte Arbeitslose können sie sich in der Commons-Struktur produktiv einbringen, um sich sinnlich-vitale Bedürfnisse befriedigen zu lassen, deren Befriedigung ihnen auf anderen Weg nicht möglich ist. Durch die Bedürfnisbefriedigung haben Arbeitslose damit einen eigenen Vorteil durch Commoning, selbst, wenn die Beteiligung daran für Lohnarbeitende noch nicht sinnvoll ist. Die Commons-Struktur wächst damit an, je verheerender eine kapitalistische Krise ausfällt. Je ausgebauter eine Commons-Struktur ist, desto abhängiger macht sich das kapitalistische System (durch die Höhe der durchschnittlichen Löhne) von ihr. Je fortgeschrittener schließlich die absolute Effizienz der innerhalb der Commons-Struktur verwendeten Produktionsmittel ist, desto einfacher lassen sich die Lebensbedingungen einer Commons-Gesellschaft darin herstellen. Für den Umbruch von einer durch Verwertung zu einer durch Bedürfnisbefriedigung bestimmten Produktionsweise, kann eine kapitalistische Krise daher verstärkend wirken. Das in den Krisen entstehende Verlangen nach einem „Überschreiten der Zustände“ (M/S, S.230) kann durch die bereits mögliche Erfahrbarkeit des Commonings als Produktionsweise zur tatsächlichen Verbesserung der Lebensbedingungen eine emanzipatorische Richtung annehmen und muss so nicht, wie es bisher in Krisen immer wieder der Fall war, in reaktionären, zum Faschismus tendierenden, Nationalismus zurückfallen.

 

Abschließend

 

„In schneidenden Widersprüchen, Krisen, Krämpfen drückt sich die wachsende Unangemessenheit der produktiven Entwicklung der Gesellschaft zu ihren bisherigen Produktionsverhältnissen aus. Gewaltsame Vernichtung von Kapital, nicht durch ihm äußere Verhältnisse, sondern als Bedingungen seiner Selbsterhaltung, ist die schlagendste Form, worin ihm advice gegeben wird, to be gone and to give room to a higher state of production.“ (MEW42, S.642)

 

Dass Stefan Meretz und Simon Sutterlütti ihr Werk „Kapitalismus aufheben“ im Untertitel als „eine Einladung“ bezeichnen, um „über Utopie und Transformation neu nachzudenken“, sollte jeder Kritikerin und jedem Kritiker klar machen, dass es nicht ihr Anspruch ist, in Sachen Klarheit und Präzision an ihre Vordenker Marx und Holzkamp heranzukommen. Was die beiden Autoren dafür geschafft haben, ist überhaupt eine Grundlage zur Diskussion über eine materialistische Methode zur tatsächlichen Aufhebung der kapitalistischen Gesellschaft zu geben, welche den einzelnen Menschen dabei nicht für ihre Zwecke objektiviert. Wenn ihre Theorie auch noch problematisch ist, ist der Schritt, den sie damit in Richtung der Erschaffung einer wirklich revolutionären Praxis gegangen sind, gewaltig. Da Meretz und Sutterlütti die Schwachstellen ihrer bisherigen Keimformtheorie nicht verstecken, habe ich ihre Einladung angenommen und hoffe hiermit, ihre Theorie ein wenig standfester gemacht zu haben.

Besonders wichtig war mir dabei die Einführung einer allgemeinen Formel des Commonings, um diese Produktionsweise erstmals zu konkretisieren und sie damit nicht nur mit der kapitalistischen Produktion vergleichbar, sondern auch bestimmte allgemeine Momente einer commonistischen Gesellschaft denkbar zu machen. Durch diese Formel konnte ich für mich die wesentlichen Probleme der von Meretz und Sutterlütti beschriebenen Keimform herausstellen, welche sich meiner Meinung nach wesentlich darin begründen, dass sie versuchen aus den bestehenden Commons auf eine allgemeine Logik zu schließen, anstatt von einer allgemeinen Logik aus die Commons neu definieren.

Zur Verwirklichung der von mir neu definierten Commons-Struktur sehe ich als wesentlichen Schritt die technische Entwicklung einer zentralen Instanz, durch welche sich die Herstellung und Erhaltung der gesellschaftlichen Lebensbedingungen hierarchiefrei organisieren lässt und welche es ermöglicht, dafür Produktions- und Lebensmittel mit einem allgemeingültigen Zweck zu beschreiben. Diese Zwecksetzung der gesellschaftlichen Mittel steht dabei dem Wert der kapitalistischen Gesellschaft gegenüber. Die Aufhebung des Kapitalismus ist damit ein kontinuierlicher Prozess, in welchem Stück für Stück einzelne Dinge ihren Wertcharakter vollständig verlieren und als Mittel zur Bedürfnisbefriedigung durch diese zentrale Instanz organisiert werden können.

Weiter bin ich der Überzeugung, dass nur über eine solche zentrale Instanz eine Produktionsweise entstehen kann, welche gesellschaftliche Produktion durchsichtig macht und sowohl auf inter- als auch transpersonaler Ebene inkludierend wirkt. Sich über diese Instanz gesamtgesellschaftlich zu vermitteln, darauf folgend auch über die daraus entstehenden interpersonalen Strukturen, sollte mit einer zunehmenden Etablierung der Commons-Struktur heute Lohnabhängige dabei unterstützen, ihre Lebensbedingungen selbstbestimmt herzustellen, während für sie die damit verbundenen Anstrengungen und Risiken gegenüber der Lohnarbeit immer geringer werden.

Zuletzt sind meiner Meinung nach kapitalistische Krisen zur Herstellung einer Commons-Struktur von besonderer Bedeutung. Nicht nur, weil sich ganz allgemein die Arbeits- und Lebensbedingungen von Lohnabhängigen verschlechtern und damit Commoning objektiv immer sinnvoller wird, sondern durch die mit ihr einhergehende wachsende Zahl an Arbeitslosen. Durch die Bedürfnispriorisierung sind für Arbeitslose die zusätzlichen Handlungsmöglichkeiten, welche durch andere bereits in einer unausgebauten Commons-Struktur angeboten werden, bereits von Vorteil zur Herstellung der eigenen Lebensbedingungen, während die Vermittlung darüber in diesem Stadium der Struktur für Lohnarbeitende noch nicht sinnvoll ist. Die Abhängigkeit des kapitalistischen Systems von Arbeitslosigkeit (bzw. einer „industriellen Reservearmee“) kann ihm somit zum Verhängnis werden und, die notwendigen Bedingungen vorausgesetzt, den Umbruch zu einer fortgeschrittenen Produktionsweise ermöglichen.

Bei all den theoretischen Fragen, die noch beantwortet werden können (etwa zum Prozess der Umstrukturierung, zur genaueren Analyse des Verhältnisses zwischen interpersonalen und transpersonalen Commoning oder auf welchem juristischen Boden eine politische Überführung von kapitalistischen Eigentum in die Commons-Struktur steht), halte ich von wesentlicher Bedeutung nur die sehr praktische Frage, wie eine zentrale Instanz zur Selbstorganisation und Zwecksetzung der Mittel realisiert und von Außeneinflüssen geschützt werden kann. Meiner Ansicht nach, sind alle weiteren Fragen dieser gegenüber zweitrangig.

 

 

Primärliteratur

Meretz/Sutterlütti: Kapitalismus aufheben (1. Auflage, VSA, 2018)
Marx: Das Kapital (MEW23-25)
Marx: Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie (MEW42)

Vielen Dank Christian Siefkes, für die erste Kritik an meinen Commons-Überlegungen; Tilman W. Alder, Manuel Scholz und Matthias Berthold fürs Gegenlesen und Diskutieren; und natürlich vielen Dank an Stefan Meretz und Simon Sutterlütti für eure hervorragende Diskussionsgrundlage.

Kategorien: Commons, Eigentumsfragen, Theorie

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17. November 2018, 12:00 Uhr   3 Kommentare

1 Der Ausdehnungsdrang moderner Commons (4/5) — keimform.de (19.11.2018, 02:42 Uhr)

[…] zum letzten Teil, zurück zum dritten. […]

2 Annette (19.11.2018, 10:27 Uhr)

Ich frage mich, wie diese Hoffnung auf ein Ausbreiten der Commons sich unterscheidet von den Hoffnungen auf ein Ausbreiten der landwirtschaftlichen Kommunen und handwerklich orientierten Alternativbetriebe der 70er und 80er Jahre. Was deren Ausbreitung entgegen stand, war nicht das Fehlen einer zentralen Infrastruktur… Es war m.E. die zu geringe Arbeitsproduktivität der von ihnen „besetzten“ Arbeitsfelder.

Bei den Commons gehst Du, Marcus, in diesem Teil wieder auf die Nachteile der Commons ein, die genau jene Showstopper reproduzieren, die es bei den früheren Alternativen auch gab. Das ist ehrlich, aber ich fürchte, die kapitalistische Krise muss erst das Ausmaß eines Zusammenbruchs erreicht haben, bis diese Alternativen wirklich zu Alternativen werden.

3 Marcus Meindel (23.11.2018, 06:17 Uhr)

Mh… Irgendwie sind wir jetzt am Ende und doch wieder ganz am Anfang. Bei Genossenschaften und Kommunen – lokal abgegrenzten, in die Warenlogik integrierten …. Feldern. Das ist doch alles der wesentliche Unterschied zum hier beschriebenen Commoning; welches eben nicht lokal begrenzt ist, welches eben eine eigene Struktur unter der bestehenden Struktur aufbaut. Eine Struktur die  sich durch kapitalistische Krisen verdichtet und an einer Effizienz gewinnt, die sich sich nicht in die Verwertung integrieren lässt. Die damit die Aufhebung des Kapitals immer ein Stück weiter nahelegt. Nicht aus moralischen Gründen und nicht als Notlösung aus dem absoluten Elend heraus, sondern weil es tatsächlich von Vorteil für Lohnabhängige wird und auch so empfunden werden kann. Die Möglichkeit einer neuen Natürlichkeit, die im Alltag heranwachsen kann – wenn ich mir das jetzt so als letzte Metapher erlauben darf.
Aber du redest von dem Gefühl der Hoffnung. Ich hoffe, diese Denkart ist ein bisschen sinnvoller, als die Kommunen- und Alternativebetriebebewegung. Und falls sie nicht ausreichen sollte, hoffe ich, dass jemand irgendwann eine Denkart findet, die noch ein wenig sinnvoller ist als diese hier. Bis eben irgendetwas genug Kraft, um den Kapitalismus aufzuheben. Aber die Hoffnung selbst – als reines Gefühl – wird da wohl immer ziemlich ähnlich sein.
Das aber die hier beschriebenen Probleme dieser Form von Commons tatsächlich Showstopper sind, will ich noch lange nicht unterschreiben. Bisher reden wir ja nur aneinander vorbei.

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