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Marx, Commons und Internet

Hier nachgereicht die Folien (PDF, ODP) und der Mitschnitt (OGG, MP3) meines Vortrags »Mit Marx, Commons und Internet zum Commonismus« in der Seminarreihe »Marx in the Age of Digital Capitalism« an der Uni Bonn vom 12.7.2016.

 

Hinweis: Die von mir im Vortrag am Schluss getätigte Gegenüberstellung von „Markt“, „Plan“ und „Stigmergie“ suggeriert, dass Stigmergie alternativ zu Markt und Plan stünde. Dem ist aber nicht so. Auch Markt und Plan kennen (wie jede gesellschaftliche Vermittlung) Stigmergie. Geldsysteme sind nicht zuletzt auch stigmergische Systeme. Mir geht es beim Stichwort „Stigmergie“ um eine commonistische Stigmergie – was genauer zu erläutern wäre (und im Vortrag nur ansatzweise geschieht). — Viele Kritiker*innen haben zu recht auf diesen Aspekt hingewiesen, vielen Dank!

Kategorien: Commons, Eigentumsfragen

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5. Dezember 2017, 15:20 Uhr   10 Kommentare

1 Wal Buchenberg (05.12.2017, 19:03 Uhr)

Hallo Stefan,deine Präsentation von Marx zu Commons ist ganz nett, und ich bin sicher, deinen Zuhörerinnen und Zuhörern hat es gefallen.Gruß Wal

2 Annette (07.12.2017, 11:37 Uhr)

Bei der Aufeinanderfolge der drei Formen auf S. 4  (Marx folgend) würde ich heute aber große Fragezeichen zwischen die zweite und dritte Form setzen. Marx begründet die Möglichkeit der dritten durch die Voraussetzungen, die dafür in der  zweiten geschaffen werden. Für die nächste Zeit werden leider andere geschaffene Voraussetzungen die zukünftigen Möglichkeiten mindestens ebenso stark bedingen: Klima-Umbruch und andere Folgen des nachhaltigen Überschreitens der „planetaren Grenzen“.  Man kann sich nicht nur die gewünschten Bedingungsänderungen/Voraussetzungen herauspicken, sondern muss deren Verhältnis untereinander analysieren („Crashtest für Utopien“).

3 Stefan Meretz (07.12.2017, 13:46 Uhr)

@Annette: Stimme dir zu, sehe das aber eher als Ausrufezeichen zwischen zwei und drei im Sinne einer dringenden Notwendigkeit („Crashtest für Realpolitik“).

4 Hans-Hermann Hirschelmann (09.12.2017, 00:18 Uhr)

Ich würde nicht von einer Erzeugung der Vermittlung (von als Ware erzeugten Gebrauchsgütern) ausschließlich durch den Wert (den gesellschaftlichen Tauschwert) reden.

Was die spezifisch kapitalistische Form der Vermittlung von Bedürfnissen und Produktion (Pflege, Fähigkeiten, Organisation, Entwicklung usw.)  mittels Kauf und Verkauf (Tausch gegen Geld) tatsächlch erzeugt, ist ja die Notwendigkeit, Ergebnisse privater Arbeit unter der Regie von Selbstbereicherungsagenturen, für die deren Arbeitsergebnisse selbst nur als Tauschwertträger Gebrauchswert haben, an die zu vermitteln,  die sie als Lebens- oder Produktionsmittel nutzen möchten  weil sie eben nicht vonn vornherein deren Miteigentümer (Mitbestimmer) sind . 

Auch deren privateigentümliche Bedürfigkeit nach Inbesitznehmen der begehrten Güter (im Tausch gegen Geld) als ihr persönliches Privateigentum, erzeugt sozusagen die spezifisch kapitalistische Vermittlung. 

Und natürlich ist das Warentausch. Geld ist eine Ware.

5 Malte Schmidthals (09.12.2017, 23:05 Uhr)

Hallo Stefan, und hallo in die Runde,

ich habe dein Referat zufällig im Netz gefunden. Das hat mich sehr an ein eigenes Papier gedacht, wobei ich statt „Stigmergie“ den Terminus „Alltagskommunismus“ gewählt habe.

Grundidee kam neben den heutigen Commons-Ideen  z.T. von David Graeber aber auch von den Tätigkeits- und Demokratie Ideen bei Hannah Arendt.

Wir diskutieren das in Berlin bei Berlin 21 und bei ökologischen Linken.

Guckt mal rein bei Interesse:

http://berlin21.net/sites/default/files/downloads/assoziiert/ideen-alternativwirtschaft-internet.pdf

Beste Grüße
Malte

 

6 Wolfram Pfreundschuh (10.12.2017, 15:15 Uhr)

Hallo Stefan, ich sehe in deiner
Darstellung einen folgenreichen Kurzschluss bezogen auf das
Verhältnis der Personen zu ihrer Gesellschaft, die nach deiner
Darstellung zunächst „natürwüchsige“ einzelne Persönlichkeiten
mit entsprechenden persönlichen Abhängigkeitsverhältnissen gewesen
seien, die in einer „zweiten großen Form“ der Geschichte durch
ein sachliches „System des allgemeinen gesellschaftlichen
Stoffwechsels“ in sachliche Abhängigkeiten geraten wären, durch
die sie in einer „dritten Stufe“ der Entwicklung ihre
„gemeinschaftliche, gesellschaftliche Produktivität als ihr
gesellschaftliches Vermögen“ ihrer „freien Individualität“
unterordnen könnten, die auf der „universellen Entwicklung der
Individuen“ gegründet sei. Von daher wären die Commons die
eigentlichen Träger des gesellschaftlichen Fortschritts, weil sich
darin die „Selbstentfaltung“ der Personen von selbst organisieren
könnten, also das Internet praktisch für die Selbstverwirklichung
der Personen zu einer selbstorganisierten Gesellschaft tragende
Bedeutung haben würde.

Dafür spricht überhaupt nichts. Aber alles spricht dafür, dass die erreichte Produktivität der bürgerlichen Gesellschaft sowohl das Internet wie auch den Schein einer „freien Entfaltung der Persönlichkeit“ erbracht hat. Weil
es für die Menschen schon immer Gesellschaft war, die ihre
Produktivität vom ursprünglichen Stammeswesen bis hin zur
Überproduktivität des kapitalistischen Systems als das Verhältnis
von Individuum und Gesellschaft je nach den geschichtlichen Epochen
der politischen Formen substanziell bestimmt hatte.

Nicht die sachlichen Verhältnisse waren es, deren Entwicklung den gesellschaftlichen Fortschritt praktisch wie von selbst determiniert hätten, sondern die politischen Kämpfe, die Klassenkämpfe, die als soziale Auseinandersetzungen über die Gesellschaftsformen, also die Rechtsformen ihrer Wirtschaftsweisen und deren Fortschritte in ihrer Produktivkraft gebracht hatten. Und so geht es weiterhin um diese sozialen Auseinandersetzungen, die in einer Änderung der Rechtsformen, also besonders der des Privateigentums münden müssen, das weder durch das Internet noch durch Commons aufzuheben ist, weil es nicht den persönlichen Verhältnissen entspricht, sondern den Entwicklungsstand einer ganzen Gesellschaft und diese auch in ihrem Anachronismus reflektiert und deshalb änderbar ist.

7 Stefan Meretz (11.12.2017, 18:07 Uhr)

@HHH:

deren privateigentümliche Bedürfigkeit nach Inbesitznehmen der begehrten Güter (im Tausch gegen Geld) als ihr persönliches Privateigentum, erzeugt sozusagen die spezifisch kapitalistische Vermittlung. 

Da sitzt du aus meiner Sicht dem Waren-/Geldfetisch auf. IMHO gibt es kein Bedürfnis nach Privateigentum.

@Malte: cool, danke!

@Wolfram: Danke für die Verwechselung von Meretz mit Marx, es ist mir aber zu viel der Ehre. Nun darf man natürlich auch Marx kritisieren, doch ich finde, er hat das schon ganz richtig geahnt.

Dann hätte ich noch ein paar Einwände: Klassenkämpfe als Geschichtsmotor halte ich für oldschool in verschiedener Hinsicht; Gesellschaftsform ist reduziert auf Rechtsform. Sehe ich halt anders.

Rätselhaft ist die These, dass Internet und Commons nicht den persönlichen Verhältnissen entspräche. Und wie das Privateigentum durch den Entwicklungsstand einer ganzen Gesellschaft aufgehoben werden könne – dito.

8 Wolfram Pfreundschuh (11.12.2017, 18:33 Uhr)

@Stefan: Da lohnt sich keine Diskussion. Ich habe dir zeigen wollen, dass du Marx völlig falsch rezipiert hast und habe dargestellt, dass Klassenkämpfe anachronistische Gesellschaftsformen bzw. ihrer Rechtsform darstellen, die zu wirklichen Auseinandersetzungen über die gesellschaftliche Entwicklung, über ihre Widersprüchlichkeiten hinaus gelangen, – nicht dass sie selbst „Geschichtsmotor“ seien. Und überhaupt entgeht dir ziemlich viel von den gegenwärtigen Diskussionen, wenn du die anderen nur für blöd hälst. Versuch es doch einfach mal mit etwas mehr Verstand.

9 Roland Dames (12.12.2017, 20:23 Uhr)

Ich halte die Diskussion über commons für sehr wichtig. Allerdings habe ich den Eindruck, dass man sich hier etwas festgefahren hat.

Ich vermisse hier auch eine Diskussion über bestehende Eigentums- und Machtverhältnisse, über deren Entstehung und Überwindung. Ich sehe nicht, dass eine Gesellschaft wie auf Seite 37 dargestellt, im realen Leben funktionieren könnte. Menschen sind kein Computernetzwerk. Was ist, wenn einzelne Projekte (Knoten im Netzwerk) stärker und dominanter werden und die anderen beginnen zu dominieren bzw. auf deren Kosten wachsen? Wie will man die Entstehung neuer Machtstrukturen verhindern? Gibt es dann nur noch Gutmenschen?

Und wie sollen die derzeitigen Machtverhältnisse überwunden werden? Evolutionär oder revolutionär? Nach meiner Analyse ist dass wenn überhaupt nur mit Peer-Communities zu schaffen, weil die dem einzelnen Menschen in der Gruppe einen gewissen Schutzraum geben, in dem sich was neues entwickeln kann. Ich würde also nicht den Commonismus
denken, sondern den Peer-Commonismus oder kommunistischen (kollektiven) Anarchismus (KROPOTKIN, BAKUNIN).

Leider werden hier bei Keimform Menschen die sich mit den bestehenden Machtverhältnissen auseinandersetzen, schnell in die Verschwörerecke gestellt. Schade eigentlich.

Wenn nicht bald praxis- und vor allem massentaugliche Lebensmodelle entwickelt und auch gelebt werden, mit lokalen geschlossenen Stoffkreisläufen, Abfallvermeidung usw. wird die schon weit fortgeschrittene Zerstörung unseres irdischen Lebensraumes weitergehen, bis wir keinen Lebensraum mehr haben…

Viele Grüße
Roland Dames

10 Stefan Meretz (15.12.2017, 07:09 Uhr)

@Malte: Danke für deinen Hinweis! Kennst du das Interview der Tarantel: http://keimform.de/2017/tarantel-das-neue-im-alten/

Mir ist bei deinen/euren Überlegungen nicht klar geworden, inwieweit sich die Kombi Alltagskommunismus + Staat + Wirtschaft von heute qualitativ unterscheidet. Klar, eine Gewichtsverschiebung und Umakzentuierung, dagegen spricht auch sehr viel – nur wo ist da die neue gesellschaftliche Form? Oder strebt ihr die nicht (mehr) an?

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