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Der Commonismus ist kein WG-Plenum (II)

Wider den Unmittelbarismus

Dieser Text ist eine Fortsetzung. Im ersten Text wurde versucht die grundlegenden Begriffe von Interpersonalität–Transpersonalität, Vermittlung und Gesellschaft zu entwickeln. In diesem Text soll die spezifische Qualität der commonistischen Vermittlung – dem Commoning – betrachtet werden.

Selbstständige, bewusste Vermittlung nach Bedürfnissen

Bei der Vermittlung in der freien Gesellschaft ist es entscheidend zwei Momente zusammen zu denken: Gestaltbarkeit und Selbstständigkeit. Wie jede transpersonale Vermittlung ist auch die commonistische selbstständig. Sie bildet einen Handlungsrahmen für die unmittelbaren Handlungen der Menschen. Jedoch ist sie auch gleichzeitig gestaltbar. Hier liegt die Crux der commonistischen Vermittlung: die Gleichzeitigkeit von Selbstständigkeit und Gestaltbarkeit zu begreifen.

Diese Gleichzeitigkeit folgt aus der Logik der commonistischen Vermittlung, denn diese funktioniert nicht automatisch nach abstrakten, allgemeinen Zielen (etwa Verwertung), sondern verlangt die bewusste Gestaltung durch die Menschen. Um dies zu verstehen, müssen wir einen kurzen Blick auf die commonistische Vermittlung werfen. Die commonistische Vermittlung, Commoning, ist von uns noch nicht wirklich begriffen. Doch wir bestimmen sie oft darüber, dass sie Inklusionsbedingungen erzeugen muss. Das sind Bedingungen, unter welchen meine Bedürfnisbefriedigung befriedigender ist, wenn sie die Bedürfnisbefriedigung anderer miteinbezieht. Bis jetzt können wir jedoch erst Oberflächenbestimmungen des Commoning wagen: Wir tun, was wir wichtig finden, und bekommen, was wir brauchen. Somit darf kein Mensch zu einer Tätigkeit gezwungen werden. Das ist eine entscheidende Basis von Inklusion. Denn dies bedeutet zum einen, dass sich nur diejenigen elementaren commonistischen Re/Produktionseinheiten (Commons) dauerhaft erhalten können, welche die Tätigkeiten möglichst erfreulich, gestaltbar und motivierend organisieren. Zum anderen werden wir in jenen Commons tätig werden, welche die Bedürfnisse der Nutzenden am besten erfüllen. Denn Mittelherstellung ist nur dann befriedigend, wenn die geschaffenen Mittel auch gerne benutzt werden. Wem macht es schon Spaß Dinge herzustellen, die niemand braucht? Somit haben Commons eine zweiseitige Inklusionsbeziehung: Die Inklusion der Bedürfnisse der Re/Produzierenden und die Inklusion der Bedürfnisse der Nutzenden. Die commonistische Vermittlungsform ist voll dieser ‘Spuren der Inklusion’. Beispielsweise gilt die Inklusionslogik auch für die bewusst gestaltete Vermittlung selbst. So wird ein Commons, welches die Konflikte um Stahlverteilung nicht bedürfnisnahe lösen kann, von Menschen umgestaltet oder von anderen Commons abgelöst, welche diese besser vermitteln können. Mit unserem besseren Verständnis von Commoning werden diese inklusiven Spuren auch immer deutlicher werden.

Dass die Inklusionsbedingungen auf Freiwilligkeit, aber auch der Abwesenheit von Machtmitteln, basieren, macht die Selbstständigkeit der commonistischen Vermittlung aus. An allen Ecken und Enden wird es für Menschen subjektiv funktional, die Bedürfnisse anderer Menschen einzubeziehen. Dies ist ein Struktureffekt, ein Effekt der Vermittlung, der sich in die Mittel einschreibt. Sie alle erleichtern mir das Einbeziehen der Bedürfnisse anderer. Soziale Mittel wie Konfliktmediationsformen fördern die Ergründung und das Verstehen der Bedürfnisse. Gegenständliche Mittel wie Maschinen machen Spaß mit ihnen Dinge herzustellen. Symbolische Mittel wie die Sprache erlauben ein differenziertes und vertiefendes Sprechen über die eignen Bedürfnisse und die anderer. Kurz: Die gesellschaftlichen Mittel sind Vergegenständlichungen der Inklusionslogik. Sie legen den Menschen die Inklusion im unmittelbaren Handeln immer wieder nahe. Dies ist die Selbstständigkeit der commonistischen Vermittlung. Inklusion ist keine (Willens-)Anforderungen an die Menschen. Sie ist kein moralisches, ethisches Ziel, das von Gutmenschen verfolgt wird – nach dem Motto: ‘Ich sollte an die anderen denken’. Sondern Inklusion ist subjektiv funktional für die Einzelnen. In ihren unmittelbaren Handlungen des Herstellens, des Konflikt lösen, des Liebens, des Wohnens etc. gibt es gute Gründe, die Bedürfnisse anderer Menschen einzubeziehen. Nur so können sie die Schule bauen, welche sie für sinnvoll erachten. Nur so können sie die Erdbeeren erhalten, die sie essen wollen. Inklusion ist der ‘Nebeneffekt’ des Commoning. Der Struktureffekt der Inklusion, die ‘Selbstständigkeit’, hat auch wichtige Konsequenzen für die Idee des ‘Commonismus als WG-Plenum’. Ja, der Struktureffekt klingt nach einem ‘Automatismus’, doch Inklusion verlangt bewusste Gestaltung. Und bewusste Gestaltung verlangt Unmittelbarkeit.

Menschen handeln immer unmittelbar. Somit ist auch ihre Bewusstheit nur unmittelbar möglich. Sie kann sich aber auf übergreifende, vermittelte Zusammenhänge beziehen. Bewusste Gestaltung ist v.a. dann notwendig, wenn Bedürfniskonflikte auftreten. Die ‘normale’, konfliktlose Vermittlung kann auf Stigmergie basieren: Sie erlaubt eine Selbstzuordnung der Menschen und gleichzeitig übermittelt sie Informationen, wo und welche Lebens- und Re/Produktionsmittel benötigt werden. Jedoch wird unsere Mittelherstellung auch in Zukunft begrenzt sein. Egal ob es um Äpfel, Stahl oder Erdöl geht. Und genau hier tritt die Bewusstheit auf: Eine freie Gesellschaft muss entscheiden können, ob es ihr nun wichtiger ist, mehr Äpfel oder mehr Schulen im nächsten Jahr zu produzieren. Ob die Stahlproduktion gesteigert oder der Energieverbrauch verringert werden soll. Diese Konfliktvermittlung wird auf vielerlei Ebenen (lokal, regional, überregional, etc.) und in verschiedenen Bereichen (Stahl, Straßenbau etc.) stattfinden. Unserer Meinung nach in Form einer ‘polyzentrischen Selbstorganisation’.

Entscheidend ist bei dieser Konfliktvermittlung: Sie wird bewusst von Menschen vollzogen und nicht von Geld und Verwertungsmöglichkeiten bestimmt. Hier wird deutlich: Die commonistische Vermittlung verlangt Gestaltung. Sie ist ohne gar nicht möglich, gar nicht existent. Menschen müssen auf vielerlei Ebenen und in vielerlei Formen Konflikte bearbeiten und Ziele definieren. Diese bewusste Gestaltung kann nur interpersonal stattfinden. So wird im Commonismus die transpersonale Ebene durch die interpersonale Ebene bestimmt. Sie funktioniert nicht einfach aus sich heraus automatisch(wie die Wertverwertung), sondern bedarf der interpersonalen Entscheidungsfindung. Einmal getroffen, funktioniert sie selbstständig – bis zum Konfliktfall. Die transpersonale Vermittlung schafft Bedingungen, welche Inklusion subjektiv funktional machen. Interpersonale Zusammenhänge schaffen die Inklusion und definieren die Ziele der Gesellschaft. Transpersonalität/Gesellschaftlichkeit ist nichts abgelöstes, verselbstständigtes sondern das Produkt menschlicher Bedürfnisse und deren (ggf. konfliktförmiger) Vermittlung. Gleichzeitig ist die Transpersonalität doch mehr als die interpersonalen Zusammenhänge. Sie entsteht aus ihnen, doch wirkt sie in Form von Inklusionsbedingungen wieder auf sie zurück. Wer Gesellschaft ausschließlich als interpersonalen Zusammenhang denkt, glaubt schnell, dass die Bedürfnisse aller Menschen durch bewusste Entscheidungen einbezogen werden müssen. Er glaubt, die Inklusionslogik müsse durch den Willen der Menschen hergestellt werden. Aber in einer Inklusionsgesellschaft ist die Inklusionslogik ein Struktureffekt, kein Willensakt.

Wider den Unmittelbarismus

Als Unmittelbarismus bezeichnen wir all jene Überlegungen, die versuchen Gesellschaft als bloß interpersonalen Zusammenhang zu denken. Sie denken Gesellschaft bloß unmittelbar, sie versuchen, Transpersonalität in interpersonale Beziehungen aufzulösen. Die kapitalistische Gesellschaft wird dann schnell zu einer Veranstaltung irgendwelcher Herrschenden, die auf verschiedene Arten und Weisen den Rest der Welt ausbeuten. Hier wird die Vermittlungsform des Tausches und seine Struktureffekte von Preis bis Verwertungszwang nicht begriffen. Etwas Ähnliches geschieht beim Commonismus.

Die commonistische Vermittlungsform, wie jede Vermittlung, entsteht auf Basis der unmittelbaren, interpersonalen Handlungen und Entscheidungen der Menschen. Jedoch verselbstständigt sich im Commonismus die Transpersonalität bzw. Gesellschaftlichkeit nicht gegen das Wollen und Wünschen der Menschen, sondern ist interpersonal gestaltbar. Transpersonalität ist hier die Verallgemeinerung der Interpersonalität in der Inklusivität. Menschen gestalten ihre gesellschaftlichen Verhältnisse bewusst nach ihren Bedürfnissen. Jedoch erschöpft sich der Commonismus nicht in den interpersonalen Entscheidungen, er schafft ein transpersonales ‘Allgemeines’. Es sind die Struktureffekte der Inklusion. Diese müssen nicht immer wieder moralisch, ethisch von Menschen mitgedacht werden. Sondern sie sind ein ‘Nebeneffekt’ des Commoning. Der Commonismus ist keine WG, er ist die zu sich selbst gekommene Menschheit. Es ist die Gesellschaft, in der sich meine Freiheit nur auf Basis der Freiheit aller anderen verwirklichen kann. In der meine Bedürfnisbefriedigung die Bedürfnisse anderer beinhaltet. In der ich ohne Angst von allen abhängig sein kann.

Kategorien: Commons, Theorie

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12. September 2017, 07:45 Uhr   13 Kommentare

1 franziska (12.09.2017, 09:08 Uhr)

Simon beschwört die Inklusion über Bedürfnisse; nicht der schlechteste Anfang; aber mit welchen Exklusionen hat sie denn zu kämpfen?

E1. Exkludierend sind die Einschätzungen, die Hypothesen, überhaupt die Bewertung, was Aufmerksamkeit verdient und was nicht (die Begriffe; sage ich dazu) – schon in kleinen Gruppen.
Allein das behindert schon unter Leuten wie uns (interpersonal) die Verständigung – die Dunbar-Hürde ist dabei noch lang nicht überschritten.

E2. Aber die Leute (selbst innerhalb der Dunbar-Hürde) haben auch ein Verhältnis zu den Sachen, mit, an denen sie arbeiten wollen/sollen; das ist nicht nur transpersonal, das ist… trans-real.
Sie sind ausgeschlossen davon; sie müssen sich die GEMEINSAME Verfügung (im Rahmen von Verständigtheit vgl. E1) erst erschliessen.
Der „transreale“ Ausschluss ist so gigantisch, er steht in einem solchen Missverhältnis zu jeder menschlichen Bewältigungsfähigkeit… dass er geradezu absurd erscheint. Kein Wunder, dass er bei Simon kaum vorkommt.

E3. Aber da draussen gibt es eine nicht-menschliche Vielfalt, die die der menschlichen Sachen (der technischen) und ihres Zusammenhangs weit übersteigt: die Biosphäre, von der wir auf Gedeih und Verderb abhängen. (Oder etwa nicht? Können wir sie technisch für uns simulieren? Ein eignes Thema, über das wir uns verständigen müssten (zurück zu E1 und E2)). – Von dieser Vielfalt haben wir uns seit langem selbst ausgeschlossen, wir müssten sie (noch dazu in ihrer derzeit beschädigten Form) uns noch viel mühsamer, in langen Forschungs- und Beobachtungsprozessen wieder erschliessen. (In alten Darstellungen gab es da mal ein Bewusstsein davon – in der Rede vom Gegensatz Stadt-Land… So wie man die Exklusion E2 unter dem Stichwort des Widerspruchs Kopf/Hand besprechen könnte…)

E4. Wie gut wäre es nun, wenn der von Simon beschworene Commonismus immerhin die Sache aller wäre, alle auf diesem Standpunkt stünden, auf den wir, mühsam genug, in unsern Bildungsgängen gelangt sind. Aber so ist es nicht. Unendlich viele sind ausgeschlossen von unsern Einsichten, sie WOLLEN nichtmal davon wissen. (Metropole/Peripherie war auch noch so ein Gegensatz…)

Und mit ihren Bedürfnissen gehen sie auch höchst willentlich und zugleich feindselig dagegen um: Da nützt die ganze Beschwörung nichts… (gewagt: da war mal dieser männlich/weiblich-Gegensatz… auch so ein Nebenwiderspruch…)

Das sind die Exklusionen, mit denen wir uns herumschlagen.
Der Ansatz an den Bedürfnissen ist aus meiner Sicht das Weitestführende, was sich in Simons Text findet; der Ansatz, dass über all den „unmittelbaristischen“ (in einem noch viel allgemeineren Sinn als bei Simon) Bewältigungsversuchen für soviel Exklusion (E1-4) unser Leben entgleist; von „Spass“ oder gar Freude keine Spur. Es ist anstrengend, hier mit euch zu sein und zu… im schlimmsten Fall, wieder mal: …“streiten“ (wo schon „Verständigung“ alle Kräfte beansprucht; als hätte man sonst nichts zu tun (vgl. E2).

PS: Nur noch als Hinweis: Die Exklusionen spätestens E2-4, die bekannten „Nebenwidersprüche“, sind nicht mal inter-, sie sind INTRAPERSONAL. Was und wo soll die Einzelperson mit ihrer knappen Zeit, mit ihren Handlungsbereitschaften (und auch: Handlungsbedürfnissen) anfangen?

2 Benni (12.09.2017, 11:28 Uhr)

Die transpersonale Ebene ist von der interpersonalen Ebene beeinflussbar und umgekehrt und das bringt Inklusion hervor. Ja, schöne Vorstellung! Nur: Wie denn? Bei der Exklusion hier und heute sehen wir halbwegs klar nach einem halben Leben der intensiven Beschäftigung mit dem Thema wie die beiden Ebenen sich durchdringen und gegenseitig bedingen.

Bei der Inklusion hab ich nach all den Jahren nicht mal den Hauch einer Idee, die wesentlich über den Wunsch, dass es so sein müsste, oder vielleicht noch „irgendwas mit commons“ hinausgeht.

Bei der Exklusion hat das viel mit Psychologie zu tun meiner Meinung nach. Individuelle Ängste werden durch die Vermittlungsform auf gesellschaftlicher Ebene erzeugt und wirken dann wieder interpersonal und umgekehrt.

Deswegen gehe ich der psychologischen Spur ja jetzt auch schon ne Weile auf der Ebene nach (mit KSV z.B.). Aber KSV ist ja eher WG-Plenum hoch 10! Weswegen man dafür auch folgerichtig kaum Leute begeistern kann. Noch weniger als für irgendwelche anderen Formen von linker Politik.

3 Annette (12.09.2017, 19:56 Uhr)

„Wem macht es schon Spaß Dinge herzustellen, die niemand braucht?“

Mir. Mindestens 90% meiner Blog- und Webseiten interessieren kein Sch… 😉
… aber Spaß machts mir eben doch, sie zu erarbeiten, sonst würde ichs ja nicht machen…

4 franziska (13.09.2017, 13:22 Uhr)

Eine Erläuterung zu meinem Beitrag oben:
Vielleicht sieht es so aus, als hätte ich mich eines rhetorischen Kniffs bedient, um meine Themen in ein Gespräch über In- und Exklusionslogik einzuschmuggeln. Ich versichere aber, dass es mir ganz und gar ernst ist mit meinem Gebrauch von „Exklusion“: Je mehr wir unsere Exklusion von Sachen, Umwelt/Natur, „den Andern“/“Gesellschaft“ aufheben, desto mehr exkludieren wir uns voneinander, wenden uns ab und eben diesen „Sachthemen“  (jeweils ganz verschiedenen, versteht sich) zu – wofür Annette eben ein Anschauungsbeispiel geliefert hat. Umgekehrt, sich mit sich, mit den eigenen Unklarheiten, ersteinmal nachdenkend, dann sich verständigend mit anderen, ähnlich Nachdenklichen, beschäftigen – das bedeutet eben auch, sich abwenden von jeder Form von Praxis („Hand“ im weitesten Sinn; , im Gegensatz zur reinen „Kopf“-Reflexionsarbeit), von den Sachen, die zu wissen wären (den unsagbar vielen); von der nicht einmal gewussten und auf ihre Erschliessung wartenden (wie lange schon!) belebten Welt um uns herum; von den Andern, die zu dem allen so ganz andere Einstellungen haben…
Und wer immer sich welchem Thema in – notwendig andres und andre exkludierender – Weise zuwendet, wendet sich zugleich ab; und hat dann „Vermittlung“ nötig, wenn er nicht aus dem sozialen Zusammenhang (aber wie weit reicht der zwischen soviel voneinander abgewandt Existierenden?) herausfallen soll, wie Robinson.
(DA also beginnen die bürgerlichen Robinsonaden, und Marx in seinen jungen und mittleren Jahren als Theoretiker hat nicht umsonst sich Sorgen gemacht wegen der Arbeitsteilung, der von Smith so hochgelobten: Wie soll denn mit der Kommunismus möglich sein?)

„Individualisierung der Lebensstile“ geschieht doch nicht zum Spass.
(Achja, den Spass, diese überdrehte Version von Lebensfreude und Beachtung von Bedürfnissen und Leistungs- und Aufmerksamkeitsgrenzen – den solls ja auch noch geben. Und zugleich… sollten wir nicht verhungern, erfrieren, über dem allen, oder sonst vorzeitig umkommen, möglichst nichtmal Angst haben müssen davor…)

Aber wie bringen wir das alles wieder zusammen?
Gewiss nicht durch „Gewährenlassen und Akzeptieren unserer Unterschiedlichkeit“ – passive Inklusion. Besser als sich zu allem auch noch wechselseitig beharken, gewiss. Aber Vergesellschaftung, planvolle, rationale Kollektivität, Koordination der Lebensentwürfe und Lebensführung der Einzelnen, kommt so nicht zustande: Kein kollektives Sich-Verhalten zu den („gemeinsamen“) Sachen und (gewussten) Sachverhalten; keins zur Natur; keins zu denen, die (noch) nicht dazugehören (später sind das zB die Nachwachsenden, diese unmittelbar fremden Andern…).
Wir haben ja meist nichtmal ein Verhältnis zu uns selbst.

5 Annette (13.09.2017, 19:10 Uhr)

Ich habe seit gestern öfter mal über die leidige Inklusions-Frage nachgedacht. Ich bin nicht so glücklich darüber, dass sich diese Sprechweise so durchgesetzt hat, weil sie mir zu unbestimmt ist. Vor allem gelingt es mir auch überhaupt nicht, so völlig im Abstrakten darüber nachdenken zu wollen. Ich denke, über das, was wir damit wollen, kann überhaupt nur im Zusammenhang mit je konkreten Bedingungen nachgedacht werden. Zu den Bedingungen gehört ja auch die Art und Weise, in der Subjekte sich bilden und vorhanden sind.

Aber ich denke auch an so was wie: die Erfahrungen von Menschen in  Notsituationen, wie jetzt bei „Irma“, wo erstaunliche Inklusionserfahrungen gemacht werden – das ist dann was anderes als die Inklusion unter Füllebedingungen. Im ersteren Fall ist da die Inklusion natürlich nicht strukturell vermittelt, aber irgend etwas müssen uns diese Erfahrungen doch auch sagen können, oder?

Und anders herum: Wenn die Inklusion, wie wir sie wollen, nur unter Fülle-Bedingungen funktionieren können würde (weil ja jetzt erst die Zeit „reif“ dafür sei angesichts des erreichten Stands der Entwicklung der Produktivkräfte), verlöre sie jede Chance, wenn es eben doch global zu schlimmeren Zuständen im Klima-Umbruch der nächsten Zeit käme…

6 Annette (13.09.2017, 19:18 Uhr)

Ja, das ist es: Ich glaube, auch  zu einer allgemeinen, abstrakteren (d.h. von Bedingungen abstrahierenden) Vorstellung (von Begriff noch gar nicht zu reden) komme ich erst, wenn ich  mir verschiedene (Erscheinungs-)Formen näher angeschaut habe. In der Vergangenheit, der Gegenwart und antizipierter Zukunft. Unter der Überschrift „Commons“ läuft das ja schon einigermaßen. Vielleicht kann man dabei tatsächlich die möglichen Formen der Inklusion (mal nicht nur innerhalb von Commons, sondern in der breiter betrachteten gesellschaftlichen Praxis) stärker herausfokussieren. Dann kann man sicher auch schauen: Was waren sind denn – in Vergangenheit und Gegenwart – jeweils die strukturellen Bedingungen dafür? Und was davon ist auch für die Antizipation des Zukünftigen (unter Bedingungen der Fülle oder des hereingebrochenen Klima-Umbruchs) wichtig zu bedenken?

7 Wolfgang Tah (13.09.2017, 19:22 Uhr)

@Simon Sütterlüti
Danke für Deinen (Euren?) Beitrag!
Der Commonismus ist kein WG-Plenum (I)
Der Commonismus ist kein WG-Plenum (II)

Dein sprechendes Bild zum Thema hat mich lächeln lassen!
Ich hatte in einer Frage an Wolfram Pfreundschuh – nur wenige Tage zuvor – ein ähnliches Bild vor Augen – das Fußballstadion in Dortmund, mit
Blick in die Südkurve (Dortmund hat 586.181 Einw., im Dortmunder
Fußballstadion könnten sich ca. 80.000 Menschen „persönlich“
in einem „Plenum“ treffen.

Ich hatte leider keine Möglichkeit gefunden, ein Bild in meinen Beitrag einzubinden.
http://keimform.de/2017/kritisches-zur-dunbar-huerde/#comment-1197630

Doch nun zu Deinem (Euren?) interessanten Beitrag.
Dein Text beginnt unvermittelt mit einem „wir“:

„Wenn wir über die freie Gesellschaft sprechen, …“

Das gewählte Subjekt „wir“ spricht bis zum Anfang Deines Schlußworts am Ende des Textes.
Welches „wir“ läßt Du da eigentlich sprechen?
Wer ist mit „wir“ gemeint?
Meint das „wir“ eine Gemeinschaftsarbeit am Text, gibt es Menschen, die daran mitgearbeitet haben?
Oder meint das „wir“ alle Communisten?
Oder meint das „wir“ alle Menschen überhaupt?
Wen willst Du mit dem Text ansprechen?

Dein Schlußwort:

„… Der Commonismus ist keine WG, er ist die zu sich selbst gekommene Menschheit.“

Spricht hier das niemanden ausschließende Subjekt … „wir“, im Sinne
von „wir alle, alle Menschen“?
Oder ist das „nur“ eine abstrakte Zielvorstellung, ein Wunschbild von Dir (Euch)?

Direkt anschließend
wird das „wir“ zu einem starken „ich“:

„Es ist die Gesellschaft, in der sich meine Freiheit nur auf Basis der Freiheit aller anderen verwirklichen kann. In der meine Bedürfnisbefriedigung die Bedürfnisse anderer beinhaltet. In der ich ohne Angst von allen abhängig sein kann.“

Es wäre sehr interessant von Dir (Euch) so etwas wie eine Wegbeschreibung in diese andere Gesellschaft zu bekommen …!
Überhaupt bleibt diese andere Gesellschaft merkwürdig unterbestimmt.
Von dem, was wir, alle Menschen auf der Welt, tun müssen, um diese Angstfreie, Liebevolle, …) Gesellschaft zu verwirklichen erfahre ich wenig bis
nichts.
Scheinbar umkreist Dein Text aber diese eigentliche Frage immer wieder!

Ich freue mich auf eine Antwort von Dir!

Heiter weiter …
Wolfgang

8 Annette (13.09.2017, 19:30 Uhr)

@ Franziska, ich habe jetzt erst mal an Deinem Kommentar vorbei gedacht, aber natürlich gibt er mir auch zu denken. Für die Art Kommunikation und Wahrnehmung, bei der ich  mich ein- oder auch ausgeschlossen fühle, haben wir mit dem Internet schon mal ein wesentlich bedeutsames Mittel, das es in unseren jungen Jahren noch nicht gab. Allerdings ist es oft auch nur ein Verstärker von außerhalb errungener Autorität (es ist schon erstaunlich, wie oft mir Leute dies oder jenes Buch z.B. zu Umweltfragen anpreisen, in dem weniger steht, als ich seit Jahren im Internet veröffentliche…).
Aber wir nutzen es ja, unter anderem jetzt gerade.
Viele Grüße …

9 Simon Sutterlütti (17.09.2017, 11:58 Uhr)

@Benni: Hmm ich habe versucht diese Durchdringung von trans- und interpersonal ja im Commonismus darzustellen. Die transpersonale Vermittlungsform Commoning (die nach unser bisherigen Analyse auf Freiwilligkeit und Eigentumslosigkeit basiert) bedarf vielerorts interpersonaler Zusammenhänge welche diese Vermittlung herstellen und über Ziele von Re/Produktion entscheiden. Also Commoning verlangt bspw. interpersonale Konfliktlösung. Aber das war nicht deine eig Frage oder?

10 Simon Sutterlütti (17.09.2017, 12:06 Uhr)

@Annette: Oh ja, das ist auf jeden Fall ein gutes historisches Forschungsprogramm nach den Bedingungen für Inklusion zu forschen, danke ;). Sonst noch:

– Inklusionsbegriff: Ich kenne dies Unsicherheit mit dem Begriff auch … Er scheint so groß und als würde er iwie alles betreffen und in der Analyse verändern. Ich hab für mich selbst nochmal versucht herauszufinden was der Begriff mit unserer Analyse macht und ob er so gut ist. Ich hatte ne Diskussion mit Juli von Krisis dazu und er ist auch eher unglücklich mit dem Begriff ;). Also die Frage find ich spannend …

– Inklusion nur unter Bedingung der Fülle?: Nein, so würde ich das nicht sagen. Es gibt auch im Commonismus Begrenzungen – allein wieviel wir re/produzieren wollen. Inklusion kann es auch in Begrenzungen geben. Dann zeigt sie Inklusion eben in Bedürfnisvermittlung und Konflikten. Deshalb reden wir glaube ich soviel über Konflikte. Sie sind Inklusion unter Bedingung der Begrenzung. Ich glaube auch nicht, dass dafür  eine Hohe PKE  notwendig ist, auch wenn ich glaube, dass dies Dinge um einiges einfacher macht … Wie würdest man begründen dass Inklusion nur unter Bedingung der Fülle möglich ist? So wie ich dich nun gelesen habe, guckst du ja auch eher nach den konkreten Bedingungen wo Inklusion auftreten konnte …

11 Simon Sutterlütti (17.09.2017, 12:11 Uhr)

@Wolfang: Danke, dass dir der Text gefallen hat ;). Das wir am Anfang meint Zusammenhänge wie keimform oder Commons-Institut in welchen die Diskussion aufkam. Geschrieben hab den Text ich und Stefan hat ihn redigiert.

Ja der Text befindet sich im Utopiediskurs und darum gibts auch keine klare Diskussion darüber wie man dahin kommen kann. Das wäre der Transformationsdiskurs und eine ganze eigene Forschungsrichtung…
Die Utopie bleibt unterbestimmt zum einen, weil wir sie nicht konkret auspinseln können ohne einfach unsere kapitalist. Denkgewohnheiten hinein zu packen. zum anderen, weil wir die Forschung noch nicht so weit ist 😉 aber bald gibts nochmal ein größeres Projekt ;).

12 Simon Sutterlütti (17.09.2017, 12:20 Uhr)

@Franziska:

– Kannst du mir „transreale Exklusion“ noch mal erklären? Ist das der Ausschluss von den Dingen, von Natur? Weil ich hab ja Exklusion eher als soziales-gesellschaftliches Verhältnis diskutiert …

– Das Menschen nicht dazu motiviert sind hat vierlei Gründe glaube ich, die alle spannend sind zu untersuchen. Viel liegt auch an einer fehlenden utopischen Alternative. Ich glauben Menschen werden oft aktiv für Dinge wenn sie tatsächlich glauben, dass sich etwas verbessern kann. Warum sollten sie dann versuchen den Kapitalismus ohne irgendeine Alternative zu überschreiten? Und unsere Alternative ist noch sehr unterbestimmt. Da heißt es: gemeinsam weiterdenken und mehr Menschen (auch von anderen Theorierichtungen) einladen.

– Anstregend mit uns zu diskutieren: Ja. Ich finde das eig eine spannende Frage, wann Theoriediskussionen schön sind uns Spaß machen? Für mich hängt das viel mit wohlwollenden Umgang der Verständnis erleichtert zusammen. Wenn ich tatsächlich von anderen lernen will. Meine Erfahrung ist nur, dass dies in unmittelbaren Treffen und Gesprächen einfacher ist als übers Netz …

Alles Liebe an Alle! Simon

13 franziska (17.09.2017, 12:48 Uhr)

@Annette, Benni, Simon
Mir ist wichtig, darauf hinzuweisen, wie weit gespannt das Thema Exklusion ist – und wie sich das auf das Gegenteil, den Inklusions-Begriff, auswirkt.
Die (Selbst)Exklusion beginnt ganz wesentlich bereits da, wo Leute massenhaft Stellungnahmen zum Umgang mit (Re)Produktionsmitteln und öffentlichen Gütern verweigern, und den Ausschluss davon ganz konsequent garnicht als den Skandal behandeln. der er ist. Grundsätzlich scheinen sie immer ausserhalb des Öffentlichen, Gesellschaftlichen, zu leben, in einem Privatraum, der seine genau umschriebenen Andockpunkte ans Allgemeine hat: Arbeitsablieferung, Verkehrsteilnahme, Supermarkteinkauf, Freizeitnutzung, fakultativ Benutzung des ein oder anderen Spezialangebots: Wählen, Krankenhaus, Anwalt, Nachrichten, Kita, Finanzberatung, und überhaupt. der Markt, und seine Vermittlung. Vielleicht noch, schon weiter weg, die Wissenschaft und die Ausbildungs-Institutionen. In gewissem Sinn SIND das ja die Commons der bürgerlich Lebenden. Und nach dem,was hier immer wieder zuletzt über Geld, und wie man es reformieren könnte, zu lesen war, sind davon viele linke Menschen nicht allzuweit entfernt: Wie müsste „die Gesellschaft“ und „die Vermittlung“ sich ändern, damit sie (wieder) zu meiner privaten Lebenseinrichtung passt?

Unbürgerlich hingegen ist die Einstellung: Die Gesamtheit der Produktion ist unser Thema, es kann uns nicht gleichgültig sein, was in ihr stattfindet. Und dann gleich: Wir kennen sie ja garnicht, wir wissen nicht, was die da draussen treiben, in all den zigtausend Branchen. Verlass schien zu sein darauf, dass die Aufgeklärten (wieviele sind das eigentlich da draussen?), modern-rational Operierenden, jeder an seinem Platz, im Sinne allgemeiner instrumenteller Vernunft, technisch, ökonomisch, vielleicht auch noch „verantwortlich“- nachhaltig, schon im eigenen Interesse, handeln würden. Das ist der allgemeinste Kredit, den man in einer so hoch-arbeitsteiligen, noch dazu globalen!, Wirtschaft geben muss, und der sich heute in ein allgemeines, tiefes, wenn nicht abgrundtiefes, Misstrauen verwandelt hat, das aber wieder aus einem blossen Un-Glauben nicht herauskommt, und aus dem man weiter nichts machen kann: Wir sind eine Bevölkerung von Laien, in der Hand von Expertenkulturen, die über unser Schicksal entscheiden. Der nächste Skandal ist nur Tage entfernt, die nächste Katastrophe Wochen, die nächste Existenzkrise… wer weiss. Der Konsens, dass allgemeine technische Vernunft ausreicht, damit jeder in seiner Sphäre sich fröhlich in sein Spezialgebiet vertiefen kann – der ist zerbrochen. Es gibt aber nicht nur keinen möglichen neuen Konsens, in den wieder alle aufgenommen (inkludiert) werden könnten; es gibt nichtmal eine Vorstellung davon, wie er aussehen müsste.
(Nicht dass die Lebensbeschädigung durch Konkurrenz vergessen werden soll, die setzt sich dann noch obendrauf und verstellt den Blick. Bloss… wenn sie weg wäre, fiele das bleiern Unbewältigte endgültig auf.)

Aber wer sich zur Produktion (etwa den monströsen ökologischen Schäden, oder den Drohungen durch Verknappungen von Ressourcen aller Art, dem Wachstum nicht bewältigbarer Komplexität; oder sind das etwa keine?) nicht stellen will, der hat hier auch kein Problem, sind ja andre zuständig. Dann fühlt man sich auch nicht exkludiert. Oder höchstens… wegen Rasse, Geschlecht, gender, und noch ein paar andern Differenzen der Lebensführung, mit denen man doch (inklusiv) leben-und-leben-lassen lernen könnte. Den Rest… erledigen wir über reformiertes Geld, Investments mit Schwundgeld-Erträgen, kollektive Selbstverwaltung, Abstimmen, Internet, Anstand, Normen, Moral, und vor allem durch: nicht mal Ignorieren. 

Es gibt ein paar Splitter für den Anfang.
Sich zusammenschliessen, hier und jetzt, und sich kollektivistisch unterstützen, wo immer und soweit es nur geht. Sich mit den geteilten Mitteln Freiräume erschliessen, vor allem fürs Nachdenken. Mein Urteil ist: Das theoretische Defizit der nicht-reformistischen Linken ist ungeheuerlich, unfassbar. Von dem, was da draussen geschieht, begreifen wir beinah – nichts. Das… sollte sich ändern.
Zu erforschen bleibt, was uns, selbst uns!, so auseinandertreibt.
Warum halten wir es nicht miteinander aus, warum können wir sowenig miteinander – nicht zusammen wohnen, essen, arbeiten, reden (mit oder ohne Spass), lernen?
Warum sind und bleiben wir immer wieter nur für uns, und privat?
Wann und wodurch soll sich das denn je ändern?
Es gibt viel Anlass zu glauben, dass auch das sich ändern muss: Nicht nur, weil „gerade wir überleben“ sollten (wie Brechts Herr Keuner es unschön auf den Punkt bringt), sondern weil womöglich nur solche wie wir die Chance haben, irgendwann allen eine Überlebenschance zu sichern. Wie sehr doch nicht-reformistische Linke ihren eigenen Kollektivismus unterschätzen: Als wäre das ein utopischer Luxus; und nicht Überlebensnotwendigkeit; die nur leider ein Einfaches ist, das schwer zu machen ist. Schwerer als von den klassischen Prophetien versprochen, unendlich schwerer als (seither, immer wieder) gedacht.
Wir müssen in die Produktion; aber nicht die von Waschmaschinen, und auch nicht von Betriebssystemen. „Der Kapitalismus hat es dahin gebracht, dass die Leute sich die Produktivkräfte endlich unterordnen und sie kontrollieren lernen müssen, wenn sie auch nur weiter existieren wollen.“ Wie sollen in Zukunft die elementaren Reproduktionsaufgaben gelöst werden? Wie sollen, wie können, wie können überhaupt nur Nahrung und ev Kleidung erzeugt, und wie gebaut werden, mit welchen Arbeitsmitteln? Darum kümmern sich schon andere? Meint ihr?

(Wisst ihr, beispielsweise, was sich in der Landwirtschaft tut? Glaubt ihr, die Landwirte selbst wissen es? Wenn nicht… gibts von einem Jahr aufs nächste plötzlich leere Regale im Supermarkt. Oder dramatisch verteuerte Lebensmittel. Sagen wir: Weil Glyphosat dann doch nicht so leicht im Boden abzubauen war, wie die Industrie (und alle Beteiligte) sich von willigen „Forschern“ hat bestätigen lassen… Muss nicht so sein. Nicht SO. Aber vielleicht anders. Wisst ihrs?)

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