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Der Commonismus ist kein WG-Plenum (I)

Gesellschaft und Vermittlung

Wenn wir über die freie Gesellschaft sprechen, so treffen wir häufig eine Denkgewohnheit, welche sich meist mit einer (berechtigten) Müdigkeit und Sorge verbindet: Der Commonismus müsse doch wie ein großes Plenum funktionieren oder zumindest voll von diesen Plena sein.

Die zugrunde gelegte Prämisse ist, dass Entscheidungen nur bedürfnisnahe getroffen werden können, wenn die Menschen, welche diese Entscheidung betrifft, an dem Entscheidungsprozess beteiligt sind. Größere Entscheidungen müssen somit eine Unmenge an Menschen unmittelbar einbeziehen. In dieser Denkgewohnheit liegt ein Wahrheitsmoment, aber eben nur als Moment: Bedürfnisnahe Entscheidungen in Konfliktfällen müssen zwischenmenschlich getroffen werden. Die Bedürfnisse müssen unmittelbar und bewusst von Menschen in Beziehung und Bewegung gebracht werden.

Das bedeutet jedoch nicht, dass alle Betroffenen anwesend sein müssen. Dieser ‘Anwesenheitszwang’ – und damit ‘Zwang zur Unmittelbarkeit’ – ist ein Relikt einer Exklusionsgesellschaft, in denen es für andere Menschen subjektiv funktional ist, ihre Bedürfnisse auf Kosten meiner Bedürfnisse durchzusetzen. Dann ist klar: Ich muss anwesend sein, um unmittelbar und direkt meine Bedürfnisse zu schützen und verteidigen. Nicht dabei zu sein, macht Angst, dass sich andere auf meine Kosten durchsetzen. Es ist das Grundgefühl in einer Exklusionsgesellschaft. In einer Inklusionsgesellschaft – warum der Commonismus eine solche ist, können wir hier leider nicht angemessen entwickeln – ist es für Menschen jedoch subjektiv funktional die Bedürfnisse anderer einzubeziehen, um die ihrigen zu befriedigen. Völlig andere Bedingungen.

Ein weiteres Problem, dass uns wohl auch vom Kapitalismus nahegelegt wird, ist die Schwierigkeit Gesellschaft und gesellschaftliche Vermittlung zu begreifen. Denn die kapitalistische Vermittlung stellt sich ‘hinter unserem Rücken’ her, ohne unsere bewusste Gestaltung. Sie ist verselbststständigt. Auf diesen Sachverhalt wollen wir gleich eingehen, nachdem wir etwas allgemeines über Vermittlung gesagt haben.

Was ist Gesellschaft? Was ist gesellschaftliche Vermittlung?

Bevor Menschen in Gesellschaften lebten, lebten sie in interpersonalen, also ausschließlich zwischenmenschlichen Zusammenhängen: Horde, Dorf, Stamm, Sozialverband. Diese interpersonalen Zusammenhänge, Gruppen, sind dadurch gekennzeichnet, dass sich die Menschen direkt-unmittelbar aufeinander beziehen. Sie kennen einander, wissen wer auf Jagd gehen muss und wer Beeren sammelt etc. In der Geschichte nahm die Vernetzung dieser einzelnen Gruppen zu, weil Beziehungen zu anderen Gruppen lebensnotwendig wurden. Ohne die produzierten Mittel anderer Gruppen – z.B. Jagdmethoden, Sprache oder Werkzeuge – war das eigene Überleben nicht mehr stabil möglich. Die Arbeitsteilung/Kooperation überschritt die interpersonalen Grenzen – eine Gruppe produzierte v.a. Werkzeug, die andere v.a. Nahrung, eine andere förderte v.a. Salz, etc. Hier sind die Anfänge von Gesellschaft zu finden. Sie stellt eine Verbindung und Vernetzung von interpersonalen Zusammenhängen her.

Menschen handeln immer in interpersonalen, unmittelbaren Zusammenhängen. Gesellschaft basiert somit auf interpersonalen, unmittelbaren Handlungen. Jedoch überschreitet sie diese gleichzeitig auch. Eine Gesellschaft ist mehr als bloß ein Zusammenschluss interpersonaler Zusammenhänge. Sie hat eine gewisse Selbstständigkeit gegenüber den Menschen und ihren (unmittelbaren) Handlungen. Sie hat eine eigene gesellschaftliche, d.h. transpersonale Struktur. Eine transpersonale Struktur mit einer eigenen Dynamik. Versinnbildlicht: ‘Das (gesellschaftliche) Ganze ist mehr als die Summe seiner (unmittelbaren) Teile’.

Diese transpersonale Struktur wird durch Vermittlung hergestellt. Vermittlung ist vorstellbar als ein Verbindungsnetz, welches alle Menschen einer Gesellschaft in eine bestimmte Beziehung setzt. Sie stellt die transpersonalen Beziehungen zwischen Menschen her. Ein Teil ihrer Qualität liegt schon im Begriff selbst: Ver-Mittlung – die Beziehung zwischen Menschen wird über Mittel hergestellt. Diese Mittel können symbolisch (bspw. ein Text), sozial (bspw. eine spezifische Arbeitsorganisation) oder gegenständlich (bspw. Nahrung) sein. Auch interpersonale Beziehungen sind vermittelt – v.a. durch das symbolische Mittel der Sprache. Und auch in ihnen erhalten Menschen Lebens-Mittel zur Bedürfnisbefriedigung und ReProduktions-Mittel zur Herstellung anderer Mittel. In transpersonalen Beziehungen geht es darum Lebens- und ReProduktionsmittel zu bekommen. Bei diesem Fokus ist jedoch die konkrete Person, welche diese Mittel herstellt, zweitrangig. Es geht nur darum, dass ich die Mittel erhalte, egal wer sie hergestellt hat. Anders in interpersonalen Beziehungen, in denen die konkrete andere Person oder die soziale Beziehung im Zentrum steht. So können wir vielleicht transpersonale Beziehungen als Mittel-Beziehungen und interpersonale Beziehungen als Sozial-Beziehungen begreifen. In einer interpersonalen Beziehung stellt eine Bäckerin Brot für eine konkrete Person, eine konkrete Andere, her. In einer transpersonalen Beziehung stellt eine Bäckerin Brot für eine ihr unbekannte Person, eine allgemeine Andere, her. Beide Beziehungen sind über Brot vermittelt, jedoch einmal steht auf der anderen Seite der Beziehung eine konkrete Person, andernfalls eine unbekannte andere Person.

Wir sehen an diesem Beispiel: Es geht nicht darum, eine Beziehung als interpersonal oder transpersonal festzulegen. Umgekehrt: Es geht eher darum, beide Momente in einer Beziehung aufzuspüren und zu begreifen. Denn in aller Regel besitzen heute alle Beziehungen sowohl interpersonale wie transpersonale Momente. Wenn ich die Bäckerin kenne, die mein Brot herstellt, so ist diese Beziehung mit ihr sowohl interpersonal (ich halte z.B. ein Schwätzchen mit ihr) wie auch transpersonal (sie hat das Brot für eine allgemeine Nutzerin gebacken).

Das gesamtgesellschaftliche Verbindungsnetz der Mittel-Bewegungen ist die Vermittlung. Sie verbindet (meist) unbekannte Personen in einer, heutzutage globalen, Struktur. Gesellschaftliche Vermittlung ist immer gegenüber den unmittelbar handelnden Menschen selbstständig: Sie hängt nicht direkt von ihnen ab. Wenn nicht der Bauer Heinz meine Kartoffeln produziert, wird es wohl Bäuerin Elsa tun oder eine ‘allgemeine Andere’. Im Kapitalismus hat sich die Vermittlung jedoch gegen die Menschen verselbstständigt. Sie hat eine eigene Logik jenseits der Handlungsgründe der Menschen.

Verselbstständigte Vermittlung – unbewusste Gesellschaftlichkeit

Eine Gesellschaft existiert nur durch menschliche Handlungen, im kapitalistischen Fall kaufen, verkaufen, tauschen, lohnarbeiten etc. Diese finden immer interpersonal, unmittelbar statt. Dies gilt für alle Gesellschaften und doch erschöpft sich Gesellschaft nicht in diesen unmittelbaren Handlungen. Im Kapitalismus stellt sich die gesellschaftliche Vermittlung nicht durch direkte, bewusste menschliche Handlungen und Entscheidungen her, sondern als ‘Nebenphänomen’ des verallgemeinerten Tausches. Nur dadurch, dass Menschen tauschen, werden Preise, Märkte, Konkurrenz etc. hergestellt. Diese Phänomene werden nicht bewusst gestaltet, sondern entstehen ‘quasi-automatisch’ ohne bewusste menschliche Absicht. Die Vermittlung wird nicht bewusst, unmittelbar, interpersonal gestaltet, sondern stellt sich als “die Bewegung der Sachen” (Marx), wie von Geisterhand, “hinter dem Rücken der Menschen” her und entzieht sich der Kontrolle durch die Menschen. Dies ist Grundlage von dem, was Marx den Fetischismus nennt und wir als Sachzwänge kennen: die Verselbstständigung der Verhältnisse gegenüber den Menschen. Die Verhältnisse diktieren, wie wir Menschen handeln müssen, um unsere Existenz zu sichern. Marx beschreibt das so: “Ihre eigene gesellschaftliche Bewegung besitzt für sie eine Form einer Bewegung von Sachen, unter deren Kontrolle sie stehen, anstatt sie zu kontrollieren” (Marx, MEW 23). Im Kapitalismus steht die Vermittlung also auf dem Kopf.

Die automatische Vermittlung bedeutet gleichzeitig eine enorme Komplexitätsreduktion: Die Menschen müssen diese Vermittlung nicht bewusst organisieren, sie stellt sich ‘einfach so’, unbewusst her. Konsequenz davon sind jedoch die ganzen unschönen Folgen des Kapitalismus: Verwertungszwang, Leistungsprinzip, Staatlichkeit, etc.

In der Tauschgesellschaft Kapitalismus ist die Vermittlung unbewusst und hat sich gegen die Menschen verselbstständigt. Doch wie sieht sie in einer freien Gesellschaft aus? Darum geht es im nächsten Text.

Kategorien: Commons, Theorie

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8. September 2017, 11:43 Uhr   13 Kommentare

1 Benni Bärmann (09.09.2017, 13:57 Uhr)

Es mag keinen Anwesenheitszwang geben, es gibt aber den Zwang, die eigenen (eventuell nur vermeintlichen) Bedürfnisse zu äußern und es gibt den Zwang, dass alle gemeinsam raus finden, was genau jetzt Bedürfnisse sind und was nicht. Ist das wirklich so viel weniger anstrengend als anwesend sein? Wie könnten Strukturen aussehen, die das weniger anstrengend machen?

2 Stefan Meretz (11.09.2017, 17:33 Uhr)

IMHO gibt es diesen Zwang dann nicht, wenn wir nicht von Null starten. Und das tun wir (hoffentlich) nicht. Das heißt, wir wissen im großen und Ganzen, was wir wollen; es ist das, was wir letzte Periode wollten. Erfasst werden müssen nur die Änderungen. Und Konflikte müssen gehandelt werden. Das macht das Problem viel kleiner und weniger anstrengend.

3 Benni Bärmann (11.09.2017, 18:06 Uhr)

Die Änderungen, die den Kommunismus herbeiführen, sind hoffentlich nicht nur „im großen und Ganzen“ das, was wir im Kapitalismus wollten.

Und auch im Kommunismus selbst ist es ja so, dass der sich gerade durch eine neue Vielfalt an Bedürfnissen auszeichnen sollte und nicht nur das immer Gleiche Alte ist.

Ich denke wir starten tatsächlich von Null. Wenn nicht sogar von Minus 100.

4 Christian Siefkes (11.09.2017, 18:58 Uhr)

@Simon:

In einer Inklusionsgesellschaft – warum der Commonismus eine solche ist, können wir hier leider nicht angemessen entwickeln – ist es für Menschen jedoch subjektiv funktional die Bedürfnisse anderer einzubeziehen, um die ihrigen zu befriedigen.

Dieses „können wir nicht“ wäre hier aber gerade das Spannende! So bleibt es bei einer ins Blaue hinein formulierten These.

Zumal es ja auch im Kapitalismus oft funktional ist, die Bedürfnisse anderer einzubeziehen — z.B. wenn man denen etwas zur Bedürfnisbefriedigung Geeignetes verkaufen kann oder wenn sie dieselben Bedürfnisse haben wie man selbst und man so zur Betonung der Bedeutung des eigenen Anliegens auf eine große „Zielgruppe“ verweisen kann.

Grundsätzlich etwas anderes wäre es somit nur, wenn du zeigen könntest, dass es im Commonismus auch dann immer funktional ist, die Bedürfnisse anderer einzubeziehen, wenn sie den eigenen Bedürfnissen widersprechen. Und das alle Menschen die Bedürfnisse aller anderen auch kennen, selbst wenn letztere sie nicht explizit ausgedrückt und eingefordert haben — nur dann ist es ja egal, ob man, wenn’s drauf ankommt, da ist, um auszudrücken und einzufordern, oder eben nicht.

Das zu zeigen, dürfte allerdings nicht einfach sein.

Denn in aller Regel besitzen heute alle Beziehungen sowohl interpersonale wie transpersonale Momente. Wenn ich die Bäckerin kenne, die mein Brot herstellt, so ist diese Beziehung mit ihr sowohl interpersonal (ich halte z.B. ein Schwätzchen mit ihr) wie auch transpersonal (sie hat das Brot für eine allgemeine Nutzerin gebacken).

Alle Beziehungen? Dein Beispiel zeigt doch schon, dass es sich da eher um Ausnahmen handelt. Du kennst vielleicht die Bäckerin und die Verkäuferin im Supermarkt oberflächlich, aber nicht diejenigen, die im Supermarkt putzen und die ganzen dort angebotenen Waren herstellen, die deine Kleidung fabriziert, dein Haus gebaut haben etc. Du kennst deine Ärzt_innen und die Apotheker_in, aber nicht diejenigen, die ihre Instrumente und die verschriebenen Arzneimittel herstellen.

Und auch wenn zur kommunistischen bzw. commonistischen Vision bei manchen vielleicht die Idee gehört, dass in einer besseren Zukunft „alle Beziehungen sowohl interpersonale wie transpersonale Momente“ haben werden, erscheint mir das äußerst zweifelhaft. Dazu ist die Gesellschaft zu komplex geworden, und das dafür nötige weitestgehende Verschwinden dieser Komplexität wäre höchstens in einem katastrophischen Zusammenbruch zu haben.

5 Der Commonismus ist kein WG-Plenum (II) — keimform.de (12.09.2017, 07:46 Uhr)

[…] Text ist eine Fortsetzung. Im ersten Text wurde versucht die grundlegenden Begriffe von Interpersonalität–Transpersonalität, Vermittlung […]

6 Stefan Meretz (12.09.2017, 10:29 Uhr)

@Benni#3: Das ist ein Missverständnis. Punkt „Null“ und „letzte Periode“ meint nicht Kapitalismus, sondern bezieht sich auf eine Bewegung im Commonismus. Also nicht Trafodiskurs, sondern Utopiediskurs.

Und da ist es schon so, dass zwar die Bedürfnisse vielfältig sind, sich aber im Durchschnitt nicht rapide ändern. Damit ist das Problem nicht, wie alle Bedürfnisse von Null auf „erfasst“ werden, weil die im wesentlichen bekannt sind. Sondern „nurmehr“, wie die Änderung der Bedürfnisse in die Vermittlung eingehen. Das ist ein viel kleinere Nummer.

7 Benni (12.09.2017, 10:59 Uhr)

@Stefan: Wie gesagt ich erwarte vom Kommunismus die Entfaltung neuer Bedürfnisse und das ist eine sehr große Nummer. Und Utopiediskurs hin oder her, das Problem existiert ja auch im Übergang.

8 Annette (12.09.2017, 19:53 Uhr)

Zum Begriff „Vermittlung“. Du hast einen sehr dinglichen Begriff von Vermittlung. Das Mittel als Vermittlung stiftend. Das ist so interpretierbar, als gäbe es die, zwischen denen die Vermittlung gestiftet wird, „eigentlich“ schon vorher und dazu käme dann nur noch die  Vermittlung. Das reproduziert aber wieder die Vorstellung der „eigentlich“ isolierten Individuen, die quasi nachträglich vermittelt werden. (die „Brücken“-Vorstellung von Vermittlung, vgl. bei Adorno so bezeichnet).

Bei  Marx verändert sich die Sichtweise und Sprache schon in  Richtung Prozessualität (Vermittlung über gegenständliche Tätigkeit, nicht Gegenstände).

Eine echt dialektische Vermittlung geht noch einen Schritt weiter: die mitienander Vermittelten sind durcheinander vermittelt und jedes Vermittelte ist es selbst nur in dieser Vermittlung und ohne sie nicht. Das geht genau in Richtung des  Versuchs, „Inklusion“ zu denken.

Ich wende das jetzt mal nicht auf Menschen als Vermittelte an (vielleicht ist es da sowieso gar nicht so angebracht, sondern auf Aspekte/Dimensionen/Bestandteile eines Prozesses), sondern auf die Arbeit: Der Prozess der Arbeit ist (hier formuliert mit Hans Heinz Holz) die Einheit von Verausgabung von Arbeitskraft, von Anwendung des Arbeitsmittels und Veränderung des Arbeitsgegenstands. Keins ist wirklich ohne die anderen. 

9 Simon Sutterlütti (15.09.2017, 14:11 Uhr)

#Benni: Ich finde die Frage auch spannend wie die Bedürfnisabstimmung konkreter aussehen wird und welche Bedürfnisse Eingang finden und in welcher Form. Was macht es für Menschen einfacher die Bedürfnisse anderer einzubeziehen? Und ja im Übergang ist das nochmal ne größere Frage, das stimmt.

10 Simon Sutterlütti (15.09.2017, 14:23 Uhr)

#Christian: Ja auch im Kapitalismus ist es sinnvoll die Bedürfnisse anderer einzubeziehen. Aber mein Interesse steht schlussendlich gegen die Bedürfnisse anderer Personen. Z.B. ich bin grad auf der Suche nach Stromanbietern und natürlich beziehen die meine „Bedürfnisse“ toll mit billigen Angeboten ein. Aber gleichzeitig wollen die mir eigentlich mehr Geld aus der Tasche ziehen, was sie dann mit iwelchen versteckten Preiserhöhungen auch machen. Das ist Inklusion im bestimmenden Modus der Exklusion.

Im Commonismus muss ich aber keine Inklusion unter Exklusionbedingungen leisten. Sondern es ist naheliegend die Bedürfnisse anderer einzubeziehen. Auch glaube ich nicht das sich Bedürfnisse notwendig widersprechen. Widersprechen tun sie sich, wenn ihre Befriedigungsstrategien auf Kosten voneinander gehen. Aber es gibt noch immer Möglichkeiten andere Befriedigungsstrategien zu suchen, die zueinander zu passen. Ich würde auch sagen, dass es naheliegend ist die Bedürfnisse anderer einzubeziehen, weil ich eben nicht über die Machtmittel verfüge mich einfach gegen andere durchzusetzen. Deine Anmerkung gewendet wäre die Frage: Welche Machtmittel stehen Menschen im Commonismus zur Verfügung um sich gegen andere durchzusetzen?

Zum Kennen: Es muss ja gerade nicht unbedingt die Person da sein, deren Bedürfnisse meine Entscheidung konkret verletze könnte, sondern ihre Bedürfnisse müssen in den Konfliktprozess nur eingebracht werden und gehört werden. Dafür müssen diese prinzipiell bekannt sein. Ja.

zu Anmerkung2: Ja da hast du Recht. Die Formulierung ist irreführend. In einer Gesellschaft sind transpersonale Beziehung wohl exorbitant dominant.

11 Simon Sutterlütti (15.09.2017, 14:29 Uhr)

#Annette: Ich muss leider zugeben, dass ich deinen Einwand nicht ganz verstehe. Ich denke Vermittlung im Moment so, dass sie eine Beziehung über Mittel (gegenständlich, soziale oder symbolische) ist. Aber natürlich ist gerade die Form der Beziehung in welchen die Mittel und die mit mir darüber vermittelte Person stehen das wichtige. Diese Form gibt der Vermittlung ihre Qualität.

Ich dachte der Vermittlungsbegriff kommt auch von Holzkamp, der ja Gesellschaftlichkeit bestimmt darüber, dass Mittel immer mehr für verallgemeinerte Andere hergestellt werden. Erst diese Vermittlungszusammenhang macht Menschen dann zu Vermittelten und sie sind es nicht natürlich. Ja das seh ich glaub ich wie du …

Magst du mir diesen fehlenden dialektischen Schritt nochmal erklären? Das wäre super nett ..

12 Christian Siefkes (21.09.2017, 13:23 Uhr)

@Simon #10:

Ja auch im Kapitalismus ist es sinnvoll die Bedürfnisse anderer einzubeziehen. Aber mein Interesse steht schlussendlich gegen die Bedürfnisse anderer Personen. Z.B. ich bin grad auf der Suche nach Stromanbietern und natürlich beziehen die meine „Bedürfnisse“ toll mit billigen Angeboten ein. Aber gleichzeitig wollen die mir eigentlich mehr Geld aus der Tasche ziehen, was sie dann mit iwelchen versteckten Preiserhöhungen auch machen. Das ist Inklusion im bestimmenden Modus der Exklusion.

Ich glaube, es ist nicht besonders zielführend, den Kapitalismus auf diese Weise quasi als „Betrugsgesellschaft“ zu charakterisieren. Der Punkt war doch vielmehr, dass — wie du ja selber einräumst — im Kapitalismus Inklusion und Exklusion eben Hand in Hand gehen, auch wenn die Exklusionslogik sicherlich in vielerlei Hinsicht dominiert.

Beim Verhältnis von Kooperation und Konkurrenz hat Stefan dasselbe ja schon vor vielen Jahre betont: Beide sind für den Kapitalismus essenziell, ohne Kooperation könnte keine Firma und kein Markt auch nur einen Tag lang Bestand haben.

Nun denken wir mit dem Commonismus an eine Gesellschaft, wo Inklusion und Kooperation dominieren sollten, während sie heute nur eine untergeordnete Rolle spielen. Prima! Nur: Genauso wie es heute Inklusion und Kooperation gibt, muss man davon ausgehen, dass auch dann Exklusion und Konkurrenz weiterhin existieren werden. Die Frage ist dann also, ob das schlimm ist, ob es manchmal vielleicht sogar gut und essenziell ist (wie Kooperation und gewisse Inklusionen heute für den Kapitalismus essenziell sind), und wie Betroffene damit umgehen können, wenn es schlimm ist.

Aber bloß das Schlagwort „Inklusionsgesellschaft“ in den Raum werfen und dann glauben, man müsste sich mit solchen Fragen gar nicht mehr beschäftigen, ist halt ein bisschen dünn. Zumal ja die bisher bekannten Commons nahezu nie absolut integrativ waren, sondern die Commoners da immer genau hinschau(t)en, wen sie aufnehmen wollen und wen eher nicht.

Im Commonismus muss ich aber keine Inklusion unter Exklusionbedingungen leisten. Sondern es ist naheliegend die Bedürfnisse anderer einzubeziehen. Auch glaube ich nicht das sich Bedürfnisse notwendig widersprechen. Widersprechen tun sie sich, wenn ihre Befriedigungsstrategien auf Kosten voneinander gehen. Aber es gibt noch immer Möglichkeiten andere Befriedigungsstrategien zu suchen, die zueinander zu passen.

Suchen kann man sie immer, aber dass man sie finden wird, kann naturgemäß nicht garantiert werden — manchmal dürften sich keine passenden Strategien finden lassen, wodurch es dann wieder auf die Frage rausläuft, welches Bedürfnis zurückstecken muss. Daneben ist aber auch schon das Suchen mühsam und die Frage ist, warum sich Menschen dieser Mühe unterziehen sollten, statt sich einfach so gut es geht um die eigene Bedürfnisbefriedigung zu kümmern und die der anderen erstmal links liegen lassen. Klar, vielleicht werden die anderen das nicht zulassen und sich lautstark dagegen wehren, aber dann sind wir eben doch wieder im WG-Plenumsmodus: Es kommt eben sehr wohl drauf an, wer dabei ist und wie lautstark und eloquent die unterschiedlichen Beteiligten für ihre Bedürfnisse kämpfen.

Und daneben stellt sich die Frage nach dem Entscheidungsmodus und der Durchsetzung von Entscheidungen: Wenn die einen unverdrossen an ihrer inkompatiblen Befriedigungsstrategie festhalten, was können die anderen im Zweifelsfall dagegen machen? Entscheidet am Ende das do-okratische Tun (die Nachbarstadt baut ihr AKW zur bequemen Energieversorgung und wir müssen das leider hinnehmen) oder nackte Gewalt (wir zerstören die Baustelle und halten den Platz dann dauerhaft besetzt), oder gäbe es als „ultima ratio“ doch noch einen „zivilisierten“ Entscheidungsmodus, z.B. Abstimmungen oder irgendeine Art von (Schieds-)Gerichten?

13 franziska (21.09.2017, 16:48 Uhr)

Die (erst noch extrem grobe, abstrakte) Antwort auf solche Fragestellungen ist in meiner Vorstellung immer: Koexistenz verschiedener Kooperationsniveaus – die Leute mit dem höchsten solchen Niveau haben ein Binnen- und daneben ein weniger anspruchsvolles Aussenverhältnis zu solchen, mit denen dieses minder-anspruchsvolle möglich ist, und diese zusammen haben ein Verhältnis zu nochmal weiter Aussenstehenden usw. So wird es, glaube ich, auch anfangen, und in solchen Formen spielt sich der Übergang ab, wie lang auch immer er dauert; man lernt dabei auch, was nötig ist, um Leuten das Motiv und die nötigen Einsichten für den „Aufstieg“ zu „höherer“ Kooperation zu vermitteln. Es ist dann immer die (selbst-in- oder -exkludierende) Entscheidung der Einzelnen, auf wie hohem Niveau sie mit andern vergesellschaftet sein wollen. Ganz aussen sind die, die nun mal unbedingt Marktwirtschaft und Demokratie wollen. Das muss man ihnen nicht wegnehmen (kann man auch nicht, noch auf längere Zeit hinaus; selbst wenn die auf höherem Niveau Binnen-Kooperierenden relevante Minderheiten oder später sogar Mehrheiten bilden.)

Noch etwas: Die Exklusion ist nicht aufseiten der anspruchsvoller Kooperierenden, sondern aufseiten derer, denen das eben zuviel ist und die nicht einsehen, wozu das gut sein soll. Zu Beginn IST es auch nicht leicht einzusehen (sind ja spontan nicht alle Common(al)isten da draussen; selbst hier gibts ja gewaltige Unterschiede), und auch später werden die Vorteile erst durch länger dauernde Bildungsprozesse von den Einzelnen erschlossen – Prozesse, zu zu deren freiwilliger Absolvierung man ihnen allenfalls zwanglos immer wieder die Motive liefern kann (genau das müssen die Fortgeschrittenen lernen – und sie lernen es durch die Betrachtung dessen, was sie selbst zu solchen Bildungsprozessen – etwa entlang der Frage, wie Commons funktionieren könnten – motiviert hat; darum ist das Begreifen des eigenen Entwicklungsweges so wichtig – Begreifen dessen, was daran das Wesentliche war.)

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