Auf der Suche nach dem Neuen im Alten
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Transformationskonzepte im Vergleich

Beim Stuttgart Open Fair Forum 2016 habe ich einen Vortrag gehalten, in dem ich drei Transformationskonzepte miteinander verglichen habe. Hier die Folien (ODP, PDF) und die Audio-Aufzeichnung (OGG, MP3), aus der Diskussionsbeiträge herausgeschnitten wurden.

 

Kategorien: Commons, Theorie

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10. Februar 2016, 06:52 Uhr   9 Kommentare

1 Franz Nahrada (10.02.2016, 09:01 Uhr)

Geniale Idee, die ausgefallene Audiofunktion von Slideshare so zu substituieren…. muss man wenigstens mitdenken!

Blöd ist nur dass man nicht gleichzeitig kommentieren kann, weil dann im reload beim Generieren des Kommentars wieder das Audio zurückspringt… Also sollte man 2 Browserfenster offen haben!

Beim Updaten des Kommentars hingegen läuft alles weiter…. also muss man den Kommentar wie ein Wiki behandeln.

zum inhaltlichen:

Ich habe einen anderen, wenn Du so willst ergänzenden, Transformationsbegriff, meiner lehnt sich an McLuhans 4 Gesetze der Medien an. Dafür gibt es gute Argumente:

*) Woher kommt das Neue ? McLuhan weist an vielen Beispielen nach, dass das Neue in der sich transformierenden Gesellschaftsform verdrängt wurde (Law Of Obsolescence), wobei es nun im Lauf der Transformation quasi „aus der Vergangenheit hervorgeholt“ und in neuer Form wirksam wird oder zu wirken beginnt (Law Of Retrieval). Es gibt in dem Sinn nichts wirklich Neues unter der Sonne.

*) Warum kann im Alten überhaupt etwas Neues entstehen? Weil jedes Gesellschaftssystem dazu tendiert, im Lauf seiner Entwicklung seine eigene Logik zu verabsolutieren. (Law Of Expansion). Und daher jede Logik bei voller Expansion in ihr relatives Gegenteil umschlagen muss (Law Of Reversal).

Wobei sich die Frage „Keimform oder Keimformen“ stellt. Der Kapitalismus ist eine Gesellschaft, die sich einem universalisierenden Prinzip verdankt, ist das wirklich ein Charakteristikum gesellschaftlicher Entwicklung / Transformation schlechthin? im Vortrag ist ja der Hinweis „nichtidentitäres Konzept“… Ich tendiere daher eher zum Plural sich verbindender „Muster“, die durchaus nicht einfach eine identitäre Form in sich tragen, sondern sogar nichtidentische und komplementäre Funktionen übernehmen können, was in der Graphik vor allem in der dritten Phase, dem „Funktionswechsel“, sehr schön ausgedrückt wird.

Die Milliarde von IBM war ein nettes historisches Beispiel, ist aber kein Zeichen einer nachhaltigen Entwicklung, was sich daran zeigt dass wir es immer nostalgisch zitieren müssen….

Die Trennung der Normativität von Wissen stört mich. Normativität ist ein Merkmal jedes gesellschaftsbezogenen Denkens und Handelns. Umgekehrt entspricht Normativität ohne Wissen, Argument und Kommunikation nicht ihrem Begriff. Aber das ist noch ein ungeöffnetes Fass. Jedenfalls legst Du ja selbst „Bewertungen“ vor 🙂

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2 Stefan Meretz (10.02.2016, 09:37 Uhr)

Das Wiederhervorholen eines Neuen hört sich für mich wie ein Spezialfall an: Es ist ein Neues, dass »zu früh« auftrat und noch nicht für den Systemerhalt (doppelte Funktionalität im dritten Schritt) »gebraucht« wurde.

Die vier Gesetze der Medien:

  • Was verbessert das Medium?
  • Was macht das Medium obsolet?
  • Was macht das Medium wieder aktuell, das früher obsolet gemacht worden war?
  • Was löst das Medium aus, wenn es bis zu seinen Extremen überzogen wird?

Hm, ein Transformationsmodell kann ich da nicht erkennen (wenn man mal Medium=Gesellschaft setzt). Aber es sind interessante Fragen.

Am Rande: Ich habe ein weiteres »Transformationskonzept« (aus Zeitgründen) ausgelassen, will es aber hier nennen: Es ist das eher staatszentrierte Konzept der sozialistischen Transformation.

3 Franz Nahrada (10.02.2016, 09:38 Uhr)

Jetzt ist leider ein ganzer Absatz beim updaten verschwunden, also kann man sich auf die update – Funktion doch nicht so gut verlassen wie bei einem Wiki 😉

Also es ging um die Identität von Marktwirtschaft und Kapitalismus, die im Vortrag zwar betont, aber nicht wirklich ausgeführt wird. Vielleicht auch zu wenig Zeit, irgendwie wärs aber doch wichtig, weil die verbreitetste Vorstellung der Transformation die Rückkehr zu Mustern der einfachen Marktwirtschaft ist:
* Tauschkreise
* Regionalwährungen

Es wäre gut zu zeigen dass auch im „Advent- und Handwerksmarkt“ die Logik des Kapitals „lauert“

4 Franz Nahrada (10.02.2016, 09:45 Uhr)

@Stefan#2

McLuhan behandelt ja „Medien“ im Grunde genommen als „Extensionen unseres Nervensystems“, und in seinen Schriften lösen Medien einander ständig ab….so etwa die mündliche Weitergabe von Wissen durch die Schrift, die Schrift durch den Buchdruck, den Buchdruck durch das Universum der elektronischen Dokumente. Das sind sehr dramatische Transformationen. Für mich ist es die vernachlässigte historisch- dynamische Seite der an sich sehr interessanten Alexanderschen Mustertheorie, die ihren Schwerpunkt auf „zeitlosen Mustern“ hat. Also die Transformationstheorie unter der Bedingung dass ein erfolgreiches Gesellschaftsmodell sich durch Lebendigkeit und Kohärenz auszeichnet, was durch die Mustertheorie besser erklärt wird als durch andere Theorien. Aber eben zumeist ohne historisches Bewusstsein.

5 Franz Nahrada (10.02.2016, 09:51 Uhr)

In dem Sinn sind Keimformen „Meta Muster“, und so wie McLuhan für die Keimformtheorie fruchtbar gemacht werden kann, so kann das auch Alexander. Das hat enorme politische Bedeutung, denn wie Du richtig sagst, zeichnet sich die gesellschaftliche Transformation in die wir gehen müssen durch einen  hohen Anteil an Bewusstheit und Gestaltung ab. Das war auch im Kapitalismus so,  der hatte auch seine Theoretiker (Smith, Hobbes, Locke etc.) die die „Gestalter“ (Fürsten, Intellektuelle, Industrielle) anleiteten und inspirierten und zur Lösung mannigfaltige Funktionsprobleme durch permanentes Design und Redesign (des Finanzwesens, der Armenaufsicht, des Militärs, der Wissenschaft, der Börse und tausend anderer generischer Muster des Kapitalismus) aleiteten.

Für „unsere“ Transformation gilt beides in noch viel höherem Maße, denn wir haben keine „Kommandohöhe“ mehr und kein „Leitprinzip“. Stattdessen ein immenses Netzwerk aus passiven und aktiven Kompetenzen, deren synergetisches Wirken ganz und gar nicht garantiert ist!

6 Franz Nahrada (10.02.2016, 09:54 Uhr)

„Die Wirtschaft als solche ist das Problem“  – sehr gut!

Immer wieder wird allerdigs die eine Konstante „Produktion für andere, nicht für sich“ sprich „Naturnotwendigkeit der Arbeitsteilung“ nicht in Frage gestellt. Wir lösen ja das Problem der Wirtschaft zumindest auch durch Wiederingangsetzen der Eigenarbeitslogik – auf einem anderen technischen Niveau.

siehe meine Kritik an Alfred Fresin hier (unten auf der Seite):

http://www.theoriekultur.at/wiki?Arbeitsteilung_Planung_und_Technologie

das mal fürs erste, wäre sicher wichtig auf dieser Ebene mal ein Verständigungsmeeting zu machen!

7 Benni Bärmann (10.02.2016, 12:36 Uhr)

„Die Milliarde von IBM war ein nettes historisches Beispiel, ist aber
kein Zeichen einer nachhaltigen Entwicklung, was sich daran zeigt dass
wir es immer nostalgisch zitieren müssen….“

also dieser Milliarde sind viele weitere gefolgt und nicht nur von IBM sondern inzwischen von der ganzen Industrie. Irgendein Bezug auf „Open Source“ ist inzwischen Standard für jedes Sillicon Valley Startup. Ich gehe jede Wette ein, dass inzwischen mehr FOSS als Arbeit produziert wird als in der Freizeit.

Aber: Gleichzeitig gibt es inzwischen ganz neue Strategien der Einhegung. Android ist ein schönes Beispiel. 99% Open Source und trotzdem irgendwie doch auch Ware. Ganz zu schweigen von der ganzen Appstore-Ökonomie. DRM hat da viel kaputt gemacht. Freie Software führt auf Smartphones ein Nischendasein obwohl fast alle Smartphones auf freier Software basieren.

Tatsächlich bräuchte es also mal eine Aktualisierung dieses ganzen Freie-Software-Bezugs „unserer“ Transformationsvorstellungen. Das ist immer noch auf dem Stand der 90er.

8 Franz Nahrada (10.02.2016, 12:41 Uhr)

@Benni: Vielleicht hat das eine ja mit dem anderen zu tun. Ich gestehe dass ich nicht in der Software Community aktiv bin, aber ich spüre von dort weniger  Community Leadership als früher, vor allem was die öffentliche Kommunikation anbelangt. Wer gibt noch Ziele vor und kommuniziert sie motivierend  über den Tellerrand?

9 Franz Nahrada (10.02.2016, 12:46 Uhr)

„DRM hat da viel kaputtgemacht“ – ja, und dass die AppStores zu Nadelöhren der Entwicklung wurden und zu den Prüfsteinen der Verbreitung. Ich kenne nichts was annäherd diese Funktion außerhalb der proprietären Welt erfüllt; und Anwender werden durch „not Google certified“ abgestoßen. Also hab ich das Gefühl, so wie Du, dass wir auf vielen Fronten Terrain verloren haben … das ist natürlich keine Widerlegung der Transformation, denn gerade diese Rigidisierungen sind ein Zeichen der Systemschwäche, war ja mit dem ancien regime ähnlich. Aber das ist alles viel zu wenig begriffen, geb Dir recht dass wir eine Aktualisierung auf vielen Gebieten bräuchten. Oekonux 5?

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