Auf der Suche nach dem Neuen im Alten
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SoliLa! Gutes Essen für Alle – und zwar umsonst!

[alle Texte der Broschüre „ich tausch nicht mehr – ich will mein Leben zurück“]

Cover der Broschüre "ich tausch nicht mehr - ich will mein Leben zurück"SoliLa! steht für Solidarisch Landwirtschaften! und ist ein Kollektiv, das aus einer Landbesetzung 2012 in Wien entstand. Unser Anliegen ist es, uns die Gestaltung von Lebensmittelproduktion (wieder)anzueignen und eine antikapitalistische, kleinstrukturierte, solidarische StadtLandwirtschaft aufzubauen. Wir wollen Grün- und landwirtschaftliche Flächen in der Stadt erhalten und einen emanzipatorischen Ort schaffen, an dem der Austausch und die Weitergabe von dissidentem Wissen möglich ist.

Solidarisch Landwirtschaften bedeutet für uns, bedürfnisorientiert, nicht-kommerziell und kollektiv zu arbeiten, die Trennung zwischen Konsumierenden und Produzierenden ein Stück weit aufzubrechen und das geerntete Gemüse all jenen zur Verfügung zu stellen, die es benötigen.

Solidarisch Landwirtschaften heißt für uns auch, bestehende linke autonome Strukturen und Netzwerke in Wien um die selbstbestimmte Produktion von Essen zu bereichern und verschiedene politische Gruppen und Räume mit Gemüse zu versorgen. Diese Saison (2014) zählten zwei Wagenplätze, zwei Hausprojekte, zwei Kost-nix-Läden, ein selbstverwaltetes Café sowie unsere eigenen Mägen zu den un/regelmäßig Abnehmenden.

Im Sinne einer solidarischen StadtLandwirtschaft setzen wir uns außerdem mit stadtpolitischen Fragen auseinander und verstehen uns als Teil der Recht-auf-Stadt-Bewegung ebenso wie der Bewegung für Ernährungssouveränität.

Land denen, die es bewirtschaften (wollen)!

Begonnen hat die Geschichte SoliLa!s 2012 auf einem brachliegenden Stück Land im Norden Wiens. Am 17. April, dem Tag des kleinbäuerlichen Widerstands, wurde diese Fläche besetzt. Die Aktionsform der Besetzung nutzten wir als konkrete Strategie um uns Land anzueignen, als politisches Statement um Eigentumsverhältnisse in Frage zu stellen und als praktisches Beispiel dafür, wie eine Stadtgestaltung von Unten aussehen kann.

Bereits nach 10 Tagen wurden allerdings die knapp 2 Hektar samt hunderten eingesetzten Jungpflanzen brutal geräumt und die gesamte Infrastruktur zerstört.

Im darauffolgenden Jahr besetzten wir eine Brachfläche im Donaufeld. Dieses Gebiet nord-östlich der Donau hat eine lange Tradition des Gemüsebaus und ist aktuell Zielscheibe der Wiener Stadtverbauungspolitik. Auch hier wurden wir bereits nach 11 Tagen geräumt. Einen Teil der vorgezogenen Pflanzen konnten wir diesmal wieder aus dem Boden holen und zum Feld einer befreundeten Initiative umsiedeln. Dadurch war es für uns möglich, zumindest im kleinen Ausmaß tatsächlich Gemüse zu ernten und solidarisch zu verteilen. [1]

Dieses Jahr nutzen wir ein Feld in der Lobau im Nordosten Wiens. Da wir nicht ständig mit Räumungsstress konfrontiert sind, können wir uns diesmal tatsächlich auf das Experimentieren mit landwirtschaftlicher Produktion konzentrieren. Der Fokus unserer Tätigkeiten verschob sich somit von Pressearbeit, Mobilisierung und Aufrechterhaltung von Infrastruktur stärker hin zu tatsächlichem Anbau von Gemüse. Unsere neuen Herausforderungen sind jetzt das Bewässerungssystem, der Anbauplan und die Kartoffelkäfer.

Während die Orte unseres Tuns teilweise mehrmals jährlich wechselten, ist das Kollektiv relativ konstant geblieben. Wir sind eine halb-offene Gruppe, zu der zwar immer wieder neue Menschen dazustoßen und andere sich verabschieden, der Großteil der etwa zehn Personen ist allerdings schon seit der ersten Besetzung dabei. Dieses Kernteam ist weiß, akademisch geprägt und wir studieren oder arbeiten. Durch die relativ homogene Zusammensetzung der Gruppe ist sie wohl leider für einige Menschen nicht so niederschwellig zugänglich wie wir es gerne hätten.[2]

Landwirtschaftliche Erfahrungen sammeln wir Schritt für Schritt. Zwei großartige Gärtner_innen haben uns dabei im ersten Jahr rund um die Landbesetzung sehr geholfen. Der Gemüseanbau ist nicht der Hauptfokus der meisten von uns. Wir tun Dinge auch ohne Expertise und experimentieren gemeinsam (DIY/DIT! ) [3]. Vieles dauert dadurch länger als erwartet und an manche Dinge denken wir erst, nachdem sie schief gelaufen sind. Nichts desto trotz wächst und gedeiht das Gemüse und wir lernen stetig dazu.

Uns ist es wichtig, Entscheidungen basisdemokratisch und konsensorientiert zu treffen. Darum plenieren wir einmal die Woche. Für die praktischen Arbeiten am Feld gibt es während der Saison jede Woche offene Feldtage, zu denen wir alle interessierten Menschen einladen. Je nach Bedarf sind im Sommer teilweise fast täglich Leute vom Kollektiv vor Ort.

Abgesehen vom Gemüseanbau ist es uns ein zentrales Anliegen, auch Zeit und Energie für Solidaritätsaktionen, inhaltliche Veranstaltungen und Aktionstage zu haben.

Dieses Jahr am 17. April organisierten wir einen großen Kartoffel-Saatgut-Vielfalt-Aktionstag am Feld. Gemeinsam pflanzten wir 45 verschiedene alte Kartoffelsorten um damit ein Zeichen gegen die Monopolisierung und Patentierung von Saatgut setzen. Derzeit ist außerdem eine Veranstaltungsreihe in Planung, bei der wir uns mit der Vereinnahmung vom Thema Landwirtschaft durch rechte Ideologien und Praxen auseinandersetzen wollen.

Spielt Essen, über antispeziesistische Ansätze hinaus, einfach keine Rolle in linken Kreisen?

Von der Schwierigkeit, Gemüse zu verschenken

Nach dem ganzen Besetzungstrubel und mit unserem neuen Fokus, tatsächlich selbstorganisiert Gemüse anzubauen und zu verschenken, luden wir letzten Winter verschiedene Kollektive ein. Wir waren begeistert von der Idee, mit Soli-Gemüse dem Kapitalismus ein Schnippchen zu schlagen und wollten gemeinsam den genauen Plan dazu aushecken. Aber siehe da – fast niemensch kam. Auch auf erneutes Nachfragen gab es nur vereinzelte Rückmeldungen. Wir waren verwundert. Gibt es kein Interesse an autonom produziertem, pestizidfreiem, lecker Gemüse in Wien? Nicht mal geschenkt? Ist es zu viel Aufwand sich gemeinsam Gedanken darüber zu machen, wie wir Ernte, Transport und Lagerung organisieren? Spielt Essen, über antispeziesistische Ansätze hinaus, einfach keine Rolle in linken Kreisen?

Fragend schreiten wir voran [4] und teilen hier einige unserer Gedanken:

Essen drängt nicht. Zumindest nicht in Wien

Fast täglich müssen Abschiebungen verhindert werden, es gilt gegen rassistische Übergriffe einzuschreiten und rechte Aufmärsche zu blockieren. Im Vergleich dazu scheint Essen ein lächerliches Thema zu sein – ein Hobby von Hippies, von privilegierten weißen Öko-Stadtkindern. Noch immer ist es ein Leichtes, sich von den Billigstprodukten der Supermärkte, von Geklautem und Containertem zu ernähren. Die unmittelbare Notwendigkeit, Nahrungsmittelproduktion selbst in die Hand zu nehmen ist die Realität anderer Ecken der Welt. Der enge Zusammenhang von Vertreibungen, Migration, industrialisierter Landwirtschaft und Sklaverei-ähnlichen Arbeitsbedingungen in Tomatenglashäusern wird dabei hauptsächlich an den Rändern der Festung Europa besonders sichtbar.

Uns geht es an dieser Stelle weder um eine Kritik an Menschen die Gemüse aus Almería [5] essen (müssen), noch um den Aufruf selbiges zu boykottieren (was nicht unbedingt im Interesse der dort Arbeitenden wäre). Wir wollen eher eine Diskussion darüber anregen, was Bewegungsfreiheit, sowie weitere Kämpfe, mit Lebensmittelproduktion zu tun haben können. Und unseren kleinen Versuch einer lokalen, selbstorganisierten, solidarischen Landwirtschaft im Kontext globaler Kämpfe für ein selbstbestimmtes Leben verorten.

Der Rechte Rand am Land?

Lebensmittelproduktion wird aber nicht nur als ein wenig drängendes Thema im Alltag des Polit-Aktivismus gesehen, sondern hat auch oft den ekelhaften Beigeschmack von Tradition, Patriarchat, Heimat, Blut und Boden. Die Anschlussfähigkeit von Ideen rund um eine nachhaltige“ Lebensweise, um ökologische Landwirtschaft und gesundes Essen an rechte Argumentationen sind dabei höchst problematisch. Während des Nationalsozialismus war das Bild eines idealisierten bäuerlichen Lebens und die Rolle der Landwirtschaft für die Sicherung der Ernährung des „eigenen Volkes“ zentraler Bestandteil der faschistischen Ideologie und Politik. Auch aktuell gibt es nicht zu übersehende braune Tendenzen in der Landwirtschaft und in Umweltbewegungen, welche den Unterschied zwischen „Umweltschutz“ und „Heimatschutz“, sowie zwischen „lokal“ und „heimisch“ immer wieder bewusst zu verwischen versuchen. Zudem gibt es rechte Ökobäuer_innen, die sich in der Tradition der völkisch-nationalen Siedler_innen-Bewegung der 1920er Jahre sehen und der angesprochenen Blut und Boden Ideologie anhängen.

Aus diesem Grund ist es uns wichtig, kritische und solidarische Strukturen aufzubauen und das Feld nicht den Nazis zu überlassen. Wir stellen uns dieser Vereinnahmung entgegen und wollen uns nicht nur den Zugang zu Land, sondern auch die Diskussion darüber wieder aneignen. Denn bäuerlicher Widerstand und die selbstbestimmte Gestaltung der Lebensmittelproduktion sind in vielen Teilen der Welt zentrale Bestandteile von emanzipatorischen Bewegungen.

[lokale]Lebensmittelproduktion […]hat auch oft den ekelhaften Beigeschmack von Tradition, Patriarchat, Heimat, Blut und Boden

Urban Gardening – zu hip für die Szene?

Neben der Auseinandersetzung mit Landwirtschaft und bäuerlichen Strukturen als häufiger blinder Fleck auf der kritisch-emanzipatorischen Landkarte, sehen wir uns mit einer weiteren Herausforderung konfrontiert – städtisches Gärtnern passt wunderbar in eine „wettbewerbsfähige“ Stadt im Rennen um den attraktiveren Standort. Im aktuellen „urban-gardening-Hype“ samt geförderten Gemeinschaftsgärten und mobilen Hochbeeten, ist eine skeptische Haltung gegenüber urbanem Gemüseanbau dabei durchaus verständlich. Das hippe städtische Gärtnern mit seinem Versprechen der individuellen kreativen Stadtaneignung ist nämlich nicht nur eine ausgezeichnete Befriedungsstrategie, sondern treibt auch Aufwertungsprozesse von Stadtteilen und dadurch die Verdrängung von weniger zahlungskräftigen Bewohner_innen voran. Davon, dass dabei nur bestimmte Formen der Nutzung von Brachflächen erlaubt und gefördert werden, während andere brutal geräumt und zerstört wurden, kann nicht nur SoliLa! ein Liedchen trällern. Auch die Wagenplätze sowie Guerrilla Garten Initiativen in Wien sind von dieser Doppelstrategie betroffen.

städtisches Gärtnern passt wunderbar in eine „wettbewerbsfähige“ Stadt im Rennen um den attraktiveren Standort

Entgegen einer Neoliberalisierung von Stadt verstehen wir SoliLa! als konkreten Versuch, uns Raum anzueignen und zu nutzen, und zwar nach unseren eigenen Ideen und Bedürfnissen.

Vom Dissens mit den herrschenden Verhältnissen ausgehend sehen wir SoliLa! als Teil unseres Bestrebens eine Alternative aufzubauen, in welcher Lebensmittelproduktion eine wichtige Rolle spielt. Die Kämpfe für Land in der Stadt und jene für Wohnraum für Alle widersprechen sich dabei in keinster Weise, sondern sind zwei Formen des Widerstandes gegen Privatisierung, Kommerzialisierung und Spekulation. Ein Zusammendenken von Ernährungssouveränität und einer Recht auf Stadt Bewegung ist für uns zentral. Denn bei beiden Zugängen stellt sich die Frage – wer entscheidet eigentlich über Dinge von denen wir alle betroffen sind?!

Wir sehen unser Gemüsefeld als Versuch, uns über den Aufbau einer solidarischen StadtLandwirtschaft diese Gestaltungsmacht (wieder)anzueignen, Systemkritik zu praktizieren und das gute Leben für Alle jetzt sofort zumindest ein Stück weit zu verwirklichen.

Fußnoten

Autor*innenbeschreibung:

Dieser Text wurde von drei Personen des Kollektivs SoliLa! verfasst und spiegelt deren Erfahrungen und Sichtweisen wieder. Auch wenn vieles dabei von anderen geteilt wird, handelt es sich nicht um eine Gruppenmeinung.

Kategorien: Commons, Eigentumsfragen, Praxis-Reflexionen

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9. Februar 2016, 14:16 Uhr   1 Kommentar

1 Christian Siefkes (12.02.2016, 20:08 Uhr)

Spannender Artikel!

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