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SISSI – SommerInfraStrukturSuperInitiative

[alle Texte der Broschüre „ich tausch nicht mehr – ich will mein Leben zurück“]Cover der Broschüre "ich tausch nicht mehr - ich will mein Leben zurück"

Den ganzen Sommer über, von Mai bis September, treffen sich auf dem Wukania-Projektehof Gruppen, um dort ihre Treffen, Seminare oder Feste zu machen. Sie nutzen dafür einen eigenen Bereich auf dem Projektehof, die Sissi. Es gibt zwei Zeltwiesen, eine überdachte Sommerküche, Kompostklos, Solarduschen und einen Lehmbackofen. Die Sissi ist attraktiv und fast den ganzen Sommer ausgebucht. Es lockt der Badesee, die Möglichkeit Wukania kennenzulernen, die gute Verkehrsanbindung und die Nähe zu Berlin. Sicherlich lockt die Gruppen aber auch, dass die Nutzung der Sissi grundsätzlich nichts kostet. Die Sissi ist ein „nicht-kommerzielles“ Projekt.

Der Aufbau der Infrastruktur hat natürlich Geld gekostet und auch die Erhaltung und der Betrieb verursachen einiges an Kosten. Dafür werden Spenden gesammelt. Bisher spenden vor allem die Nutzer_innen der Sissi. Nur wenige zusätzliche Spender_innen konnten bisher gewonnen werden. Doch grundsätzlich sind Nutzung und Spenden voneinander entkoppelt. Es ist egal, wer spendet, wichtig ist nur, dass genug Geld zusammenkommt und das funktioniert zur Zeit.

Unklar ist allerdings, ob auch genug Spenden für einen weiteren Ausbau der Infrastruktur zusammen kommen würden. So denkt die Gruppe, die die Sissi verantwortlich organisiert, schon länger darüber nach, vorhandene Räume auszubauen und mit einer Heizung zu versehen, so dass die Sissi auch im Winter nutzbar wäre. Bisher bekommt auch niemand aus der Gruppe Geld für ihr Engagement in der Sissi. Alle bestreiten ihren Lebensunterhalt anderweitig, die Arbeit in der Sissi läuft nur nebenbei.

Im Folgenden will ich kurz zwei Debatten beschreiben, die uns in der Sissi-Gruppe beschäftigen. Ich hab die beiden ausgewählt, weil ich sie in gewissem Sinne typisch für die Praxis von „nicht-kommerziellen“ Projekten halte.

1. Debatte: Welche Gruppen sollen die Sissi nutzen?

Es sind sehr unterschiedliche Gruppen und Zusammenhänge, welche die Sissi nutzen. Es gibt politische Gruppen, die ihre Camps, Seminare und Treffen hier veranstalten. (Werdende) Wohnprojekte reflektieren und planen ihre Zukunft. Aber es gibt auch Tanzfestivals, Yoga-Wochenenden, Massage-Workshops, in Ausnahmefällen werden auch Geburtstage oder Hochzeiten in der Sissi gefeiert. Welche Gruppen die Sissi nutzen, entscheidet sich bisher vor allem nach Eingang der Nachfrage. Ist die Sissi an dem gewünschten Wochenende noch frei, dann bekommt die Gruppe den Zuschlag.

Welche Gruppen die Sissi nutzen, entscheidet sich bisher vor allem nach Eingang der Nachfrage

Auf einem der unregelmäßigen Treffen der Sissi-Gruppe kam nun eine Debatte auf, ob wir die Sissi nicht stärker nach inhaltlichen, politischen Kriterien vergeben sollten. Ein Teil der Gruppe schlug vor, Gruppen mit politischen Inhalten und linksradikalem Background bei der Vergabe zu bevorzugen.[1] Auch solle darauf geachtet werden, dass von den Gruppen keine Teilnahmebeiträge oder ähnliches erhoben werden, da die Sissi ja ein „nicht-kommerzielles“ Projekt sei. Zumindest solle sichergestellt sein, dass Menschen, die sich die Beiträge nicht leisten können, dann eben umsonst die Seminare besuchen können sollten.

In der Gegenposition wird auf die propagandistische Wirkung [2] der Sissi gesetzt: Dadurch, dass die Menschen bei den Veranstaltungen etwas über den politischen und praktischen Ansatz der Sissi erfahren, würden sie zum Nachdenken über Alternativen zum Kapitalismus angeregt. Um viele Menschen zu erreichen, die eben nicht bereits aus linksradikalen Zusammenhängen kommen, und mensch ihnen damit bereits eine kritische Distanz zu den herrschenden Verhältnissen unterstellt, sei es zielfördernd, wenn die unterschiedlichsten Gruppen die Sissi nutzen würden. Vorgaben wie das Nichterheben von Teilnahmebeiträgen[3] würden viele potentielle Nutzer_innen ausschließen und so die Propagandawirkung der Sissi unnötig schmälern. Auch würde eine Betonung darauf, dass niemand wegen mangelnden Geldes ausgeschlossen wird, zu einem karitativen Charakter [4] unseres Projektes führen.

2. Debatte: Was erwarten wir von den Nutzer_innen der Sissi?

Mindestens einmal im Jahr lädt die Sissi-Gruppe über verschiedene Kanäle zu Sissi-Bauwochen ein. Es gibt immer etwas zu reparieren, zu putzen oder mit kleinen Baustellen zu verbessern. In den letzten Jahren kamen dabei nur wenige Baugäste aus den Nutzer_innen-Gruppen der Sissi. Das führte zu der Debatte, was wir eigentlich von den Nutzer_innen-Gruppen erwarten. Wir haben uns als „nicht-kommerzielles“ Projekt bewusst entschieden, kein Geld für die Nutzung der Sissi zu nehmen. Die Nutzung der Sissi und der notwendige Spendenfluss sollen voneinander entkoppelt sein. So rufen wir beispielsweise zur Einrichtung von Daueraufträgen auf unser Spendenkonto auf, so dass die Spenden wirklich unabhängig davon fließen, ob und wie viel die Sissi tatsächlich von den Spender_innen genutzt wird.

Die wenige Beteiligung der Sissi-Nutzer_innen an den Bauwochen führte bei einigen aus der Sissi-Gruppe zu Enttäuschungen: Ein Projekt wie die Sissi könne nur funktionieren, wenn alle, die das Projekt nutzen, auch irgendeinen Beitrag zu seinem Fortbestand leisten.

Der andere Teil der Gruppe argumentiert mit einem Ausblick in die Utopie, in eine Gesellschaft, in der alle einen Beitrag für ein schönes Leben, eine funktionierende Gesellschaft leisten, ohne das untereinander aufzurechnen. So würde sich jede beim Bäcker nach Bedarf ihre Brötchen holen können, ohne sich am Backen, Putzen der Backstube, dem Mahlen des Mehls oder dem Anbau des Getreides beteiligen zu müssen. Der Beitrag von den meisten Brötchenesser_innen wird an einer ganz anderen Stelle geleistet werden. Entscheidend sei nur, dass genügend Menschen die notwendigen Arbeiten für die Produktion der Brötchen tätigen, unabhängig davon, ob sie selbst überhaupt Brötchen essen mögen. Dementsprechend braucht es nur genügend Menschen, welche Sinn darin sehen und Spaß haben am Erhalt und weiteren Ausbau der Sissi. Und die Sissi-Nutzer_innen könnten an anderer Stelle ihren Beitrag leisten für eine bessere Welt.

Fußnoten

  • 1. Hier spielen einige Motivationen für die Mitarbeit in der Sissi-Gruppe eine Rolle. Es ist oft anregend, von der Praxis der Sissi-Nutzer_innen-Gruppen mitzubekommen. Mit der Sissi unterstützen wir linke Gruppen, die dann anderswo wirken können. Die Sissi wird als ein Beitrag zur Autonomie betrachtet, linke Gruppen können linke Strukturen nutzen. Solidarität wird spürbar und erlebbar.
  • 2. Wenn hier von Propaganda die Rede ist, dann wollen wir (die Sissi-Gruppe) damit nicht ausdrücken, dass wir uns im Besitz einer allgemeingültigen Wahrheit wähnen. Es geht eher darum, zum Nachdenken und Reflektieren einzuladen. Dabei geht es auch um eigene Lernprozesse in der Auseinandersetzung mit den Sissi-Nutzer_innen.
  • 3. Die Sissi-Nutzer_innen-Gruppen sammeln teilweise Teilnahmebeiträge und ähnliches ein um ihre Ausgaben zu refinanzieren. Das steht augenscheinlich im Widerspruch zum „nicht-kommerziellen“ Charakter der Sissi.
  • 4. Zur Auseinandersetzung um karitative Elemente in nicht-kommerzieller Praxis siehe auch „Zwei machen sich Gedanken…“ Ein Gespräch über NK & Charity
Autor*innenbeschreibung:

Die AutorIn ist in mehreren nichtkommerziellen Projekten aktiv und so auch in der Sissi.

Kategorien: Commons, Praxis-Reflexionen

18. Februar 2016, 14:41 Uhr   0 Kommentare

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