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Queer-feministische Ökonomiekritik: Akteur*innen

care-revolution[Bisher erschienen: Einleitung, Teil 1]

2. Wer ist in der Queer-Feministischen Ökonomiekritik aktiv und was machen sie?

Queer-feministische Ökonomiekritik ist ein Analysestandpunkt von Akteur*innen unterschiedlicher Bewegungen

Im Folgenden möchten wir einige Bewegungszusammenhänge skizzieren, in denen oben genannte Überlegungen in den letzten Jahren verstärkt diskutiert wurden. Dabei konzentrieren wir uns auf aktuelle Entwicklungen der letzten fünf Jahre.

Ein Event, bei dem eine Vielzahl an Aktivist*innen zusammenkamen und zentrale Fragen weiterdachten, war die Veranstaltung Who Cares? in Berlin 2010. Dabei wurden viele Diskussionen aus unterschiedlichen linken, feministischen und queeren Zusammenhängen in Deutschland gebündelt. Problematisiert wurde, dass kapitalistische Ökonomie und Heteronormativität bestimmte Lebens- und Arbeitsweisen als natürlich, unveränderlich, sinnvoll oder sogar notwendig erscheinen lassen. Auch wurde die Frage gestellt, wie Sexualität, Geschlecht, Rassismus, globale Ungleichheit und Kapitalismus zusammenhängen. Es ging zudem um Care-Ökonomien im globalen Kontext, transnationale Sorgeketten, Pflegearbeiterinnen und Reproduktionstechnologien. Neben der Thematisierung von Körper- und Gesundheitspolitiken wurde auch die Debatte um Lohn für Hausarbeit aus den 1970er Jahren aufgegriffen. Links-feministische (teilweise auf Marx aufbauende) Argumentationen wurden mit dekonstruktivistischen Ansätzen zusammengebracht. Queer-feministische Kritik bot und bietet also einen Raum, in dem unterschiedliche feministische (Theorie-)Traditionen zusammenkommen können.

Neben der Theoriearbeit wurde auch beim Alltag der Aktivist*innen angesetzt. Wer macht die emotionale Arbeit in meinen Beziehungen? Wie kann für mich ein lebenswertes Leben jenseits der Kleinfamilie aussehen? Beobachtet und kritisiert wurde der Trend zur Selbstregulierung – zum Beispiel, wenn Überforderung mit mehr Sport und Entspannungsübungen ausgeglichen werden müssen, während die stressigen Anforderungen gesellschaftlich unverändert bleiben. Thematisiert wurde auch der Zusammenhang zwischen kapitalistischer Ökonomie und Gewalt.

Zu finden sind queer-feministische Ökonomiekritiker*innen auf Konferenzen, bei Diskussions- und Lesewochenenden oder in Arbeitskreisen zu linkem Feminismus. Außerdem führen sie Debatten in Bewegungszeitungen (zum Beispiel in der Arranca!). Bei FelS (Für eine linke Strömung) – heute Interventionistische Linke (IL)­– bildete sich eine Arbeitsgruppe Queer-Feminismus; es wurden queer-feministische Salons organisiert; die Gruppe Kitchen Politics veröffentlicht unter anderem Texte von Silvia Federici; die Gruppe RESPECT Berlin setzt sich für die Rechte migrantischer Hausarbeiter*innen ein; und auf der Aktionskonferenz Care Revolution 2014 in Berlin gründete sich das Netzwerk Care Revolution (siehe den Beitrag von Neumann und Winker).

Auch wurde mit explizit queer-feministischen Aktionen bei Bündnissen mitgemacht. Ein Beispiel ist das Blockupy-Bündnis 2013 in Frankfurt. Mit einem Die-in wurde in einer Frankfurter Fußgängerzone, in der Einkaufsstraße Zeil, auf geschlechtsspezifische Anforderungen aufmerksam gemacht: Aktivist*innen legten sich auf den Boden und taten so, als wären sie an Überforderung gestorben. Dies erwies sich als eine Aktionsform, die sehr niedrigschwellig zum Mitmachen anregte. Mit Sprechchören wie „Kochen, Putzen, Lohnarbeit. Und für Dich bleibt keine Zeit!“ und einem Redebeitrag wurde auf Überforderungen aufmerksam gemacht. Zugleich wurde die Aufmerksamkeit der Passant*innen genutzt, um auf die zentralen Blockupy-Demonstration hinzuweisen. Durch eine Blockadeaktion in der Zeil wurden Passant_innen unter anderem über Herstellungsbedingungen in der Bekleidungsindustrie informiert. Die Polizei griff die Besetzer*innen teilweise massiv an.

Im Umfeld queer-feministischer Ökonomiekritik wurden auch Räume eingerichtet, die nur FLT*- Personen (Frauen, Lesben, Trans*) vorbehalten sind. Zwar gehen wir nicht davon aus, dass es „das Weibliche“ von Natur aus gibt. Da aber FLT*-Personen in unserer Gesellschaft aktuell (gewaltvoll) anderen Positionen zugeordnet werden als Männer, sind im politischen Engagement Schutz- und Empowerment-Räume hilfreich und notwendig.

Kategorien: Gender, Praxis-Reflexionen

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12. August 2016, 06:59 Uhr   0 Kommentare

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