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Propaganda der Tat – Verschenkemarkt

[alle Texte der Broschüre „ich tausch nicht mehr – ich will mein Leben zurück“]

Cover der Broschüre "ich tausch nicht mehr - ich will mein Leben zurück"Seit mehren Jahren veranstalten der Projektehof Wukania und die Lokale Agenda 21 in Biesenthal einen „Verschenkemarkt“. Mehrere hundert Menschen aus Biesenthal und Umgebung drängen sich um die Tische mit Büchern, Spielzeug, Klamotten, Geschirr und Haushaltsgegenständen. Die Szenerie ähnelt sehr einem Trödelmarkt. Der wesentliche Unterschied erschließt sich erst auf den zweiten Blick. Es wird nichts gekauft, nichts verkauft. Keine Münzen, keine Geldscheine wechseln die BesitzerIn. Selbst am Kaffee- und Kuchenstand gibt es alles umsonst. Einen Nachmittag lang die Utopie aufscheinen lassen.

Das Prinzip ist ganz einfach. Menschen bringen Sachen mit, die sie nicht mehr brauchen, aber die zu schade zum Wegwerfen sind und treffen dann auf Menschen, die genau diese Sachen gebrauchen können und mitnehmen. Dabei wird nichts getauscht oder aufgerechnet.

Einen Nachmittag lang die Utopie aufscheinen lassen

Für Einige ist der Verschenkemarkt auch eine Kritik an unserer Wegwerfgesellschaft. Viele Sachen mit Gebrauchswert werden einfach in den Müll geschmissen. Eine unglaubliche Ressourcenverschwendung. Und viel zu wenig wird darüber reflektiert, wieviel Arbeitszeit und -kraft in all diesen Produkten steckt. In einer Gesellschaft die so unachtsam mit ihren geschaffenen Werten umgeht, muss viel mehr gearbeitet werden als eigentlich nötig. Im Kapitalismus geht so sehr viel Zeit verloren, in der wir einfach Schönes und Genussvolles machen könnten.

Der Verschenkemarkt ist auch ein Ort der sozialen Begegnung. Hier kommen Menschen aus ganz unterschiedlichen Kulturen und sozialen Schichten zusammen, die sonst so gut wie nie die gleichen Veranstaltungen besuchen. Es gibt Live-Musik, T-Shirts können bedruckt werden und frischer Apfelsaft wird gepresst.

Aber eigentlich soll der Verschenkemarkt vor allem ein Propagandainstrument[1] gegen den Kapitalismus sein. Wir Menschen haben es ja vollkommen verinnerlicht, dass alles Geld kostet, dass alles eine Ware ist. Etwas anderes scheint nicht vorstellbar, vor allem nicht für die vielen „ganz normalen“ BiesenthalerInnen, die den Verschenkemarkt besuchen und sich über Alternativen zum Kapitalismus eher selten Gedanken machen. Und genau hier versuchen wir mit dem Verschenkemarkt anzusetzen. Wir versuchen zu irritieren. Das funktioniert am besten am Kuchenstand, denn selbst dort werden keine Spenden entgegengenommen.

Das funktioniert am besten am Kuchenstand, denn selbst dort werden keine Spenden entgegengenommen.

Und trotzdem bleibt die Wirkung sehr begrenzt. So gab es beim letzten Verschenkemarkt ein großes leeres Plakat mit der Überschrift „Eine Welt ohne Geld?“ verbunden mit der Einladung Ideen, Fragen und Kommentare dazu zu schreiben. Um die Diskussion anzuregen, schrieb einer der Organisatoren ein erstes Statement dazu. Doch dabei sollte es bleiben, niemand der BesucherInnen schrieb etwas dazu. Politische Diskussionen auf dem Verschenkemarkt gibt es keine. Hier fehlt es bisher an Ideen und auch an der Energie, um neue Formen der Kommunikation zu entwickeln und auszuprobieren.

Der Verschenkemarkt ist ähnlich wie die Umsonstläden auch in seiner Propagandawirkung eingeschränkt, solange es hier eigentlich nur Produkte gibt, die Menschen aussortiert haben, weil sie sie nicht mehr brauchen. Das sind im Ausnahmefall auch mal Sachen, für die sich auf einem Trödelmarkt oder bei eBay durchaus auch größere Geldbeträge verdienen ließen. Aber mit Ausnahme der Kuchen und des Apfelsafts wird nichts produziert, um es anschließend zu verschenken.

Genau hier sehe ich das größte Potential für unsere „nicht-kommerziellen“ Experimente. Mit einem Einstieg in reale Produktion und die Verteilung der Gebrauchsgüter an Menschen außerhalb der sehr kleinen linksradikalen Szene, könnten Alternativen zum Kapitalismus für viele Menschen denkbar und erfahrbar werden!

Fußnoten

  • 1. Propaganda (von lateinisch propagare „weiter ausbreiten, ausbreiten, verbreiten“) im Sinne von bewusster und strategischer Verbreitung politischer Ideen.
Autor*innenbeschreibung:

Die AutorIn ist in mehreren nichtkommerziellen Projekten aktiv und hat mehrere Verschenkemärkte mitorganisiert.

verschenkemarkt

Kategorien: Commons, Praxis-Reflexionen

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5. Januar 2016, 14:13 Uhr   0 Kommentare

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