Auf der Suche nach dem Neuen im Alten
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„Zwei machen sich Gedanken…“ – Ein Gespräch über NK & Charity

[alle Texte der Broschüre „ich tausch nicht mehr – ich will mein Leben zurück“]
Cover der Broschüre "ich tausch nicht mehr - ich will mein Leben zurück"

Sag mal, meinst du nicht, dass diese nicht-kommerziellen Formen von Ökonomie wie die NKL letztlich einfach eine Art von Charity sind?

Was meinst du mit Charity?

Damit meine ich Formen von Hilfeleistungen, bei denen die, die relativ gesehen im Überfluss leben, denen abgeben, die nicht genug haben. Also was man im klassischen Sinn als Mildtätigkeit oder Almosen geben bezeichnet, aber auch ehrenamtliche Tätigkeiten.

Dann kann man die nicht-kommerzielle Landwirtschaft ganz sicher nicht dazu zählen. Denn alle Formen von ehrenamtlicher Hilfe schaffen ja ein Gefälle zwischen denen, die etwas brauchen, und denen, die in der Lage sind, es zu geben. Sie schaffen es bzw. sie bringen es zum Ausdruck. Wobei, genau genommen, der Abstand durch diese Form der Unterstützung noch größer wird. Denn durch die Mildtätigkeit, wie du es ausdrückst, kann z.B. auch so etwas wie kulturelles Kapital[1] angehäuft werden, das sich indirekt und längerfristig auch in finanzielle Vorteile umwandeln lässt.

Handelt es sich denn bei nicht-kommerzieller Landwirtschaft überhaupt um eine Form der Ökonomie? Oder beschreibt der Begriff eine soziale Struktur, also einfach eine bestimmte Form, zusammen zu leben und sich aufeinander zu beziehen?

Ich denke schon, dass es als eine Form von Ökonomie zu betrachten ist. Wie du weißt, versorgen sich ja die Leute, die auf dem Karlshof nach NK-Kriterien leben und wirtschaften, auf diese Weise. Der Ansatz ist ja nicht für den Markt zu produzieren sondern für den Bedarf: Weil es Menschen gibt, die Kartoffeln oder Gemüse oder andere Güter brauchen – einschließlich von ihnen selbst – produzieren sie Kartoffeln, und zwar mit allen, die sich diesem Ansatz anschließen wollen.[2] Wenn du so willst, ist die nicht-kommerzielle Landwirtschaft eine Form der solidarischen Ökonomie, genauer gesagt eine Beitragsökonomie[3].

Im Gegensatz zu welchen anderen Formen?

Die Schenk-Ökonomie oder die Tausch-Ökonomie zum Beispiel. Beides sind Formen der solidarischen Ökonomie, also gegen Konkurrenz und Marktgesetze gerichtete Prinzipien, die bei genügender gesellschaftlicher Akzeptanz durchaus ein stabiles Wirtschaftssystem etablieren können.

Und wie grenzt sich die Beitragsökonomie davon ab?

Die Tauschökonomie, wie sie zum Beispiel mit Regionalwährungen oder durch Tauschmärkte realisiert werden, misst den Gebrauchswerten weiter einen Tauschwert zu. Auch wenn sie versucht, ihn fair zu kalkulieren, kann sie nicht aus dem Vergleichssystem und damit aus der Konkurrenz, die Märkte nun einmal bedeuten, heraustreten. Die Schenk-Ökonomie dagegen beruht darauf, dass sich alle alles gegenseitig überlassen.

…eine fantastische Vorstellung…

… leider aber in kleinen gesellschaftlichen Inseln kaum zu realisieren. Beitragsökonomie funktioniert dagegen auch in kleineren Strukturen. Menschen realisieren mit gemeinsamer Arbeit ein Ziel, schaffen ein Produkt, wobei davon ausgegangen wird, dass jeder und jede beiträgt, was er oder sie kann bzw. für richtig hält. Beitragsökonomie verzichtet auf Gerechtigkeit, jedenfalls auf messbare und objektivierbare Gerechtigkeit.

Wieso das? Und wenn Beitragsökonomie nicht gerecht ist, was findest du dann so emanzipativ daran?

Gerechtigkeit braucht einen einheitlichen Maßstab, jedenfalls, wenn sie als Verteilungsgerechtigkeit verstanden wird. Das bedeutet, sie beruht auf der Macht einer Instanz, die zuteilt oder den Maßstab festlegt, welcher auch immer. Beitragsökonomie setzt dagegen auf einen Gerechtigkeitsbegriff, der mit Gleichgewicht zu tun hat. Ein Gleichgewicht, das sich dadurch herstellt, dass alle Beteiligten ihre Kraft, ihre Fähigkeiten, aber auch ihre Bedürfnisse in einen lebendigen Prozess von Auseinandersetzung einbringen.

Wer ist denn beteiligt und wodurch definiert sich das überhaupt? Heißt das, nur die, die in irgendeiner Weise an der Produktion dieser Güter mitgewirkt haben, haben auch einen Anspruch darauf?

In diesem Zusammenhang von „Anspruch“ zu reden, macht keinen Sinn. Vielleicht eher von einer nachvollziehbaren Erwartung auf Teilhabe. Und dieser Kreis sollte eigentlich nicht von vornherein eingegrenzt werden. Die Solidarische Ökonomie bezieht ihre utopische Ausstrahlung ja gerade aus ihrer Unschärfe und aus ihrer Dynamik. Es gibt keine festen Regeln und keine klaren Grenzen. Alles das formt sich in der lebendigen Auseinandersetzung. Theoretisch hat auch ein Mensch, der mutig genug ist, um nach Kartoffeln aus der NKL-Produktion zu fragen, obwohl ihn niemand kennt, einen Beitrag zur Ermöglichung dieser Produktionsform geleistet.

Und wieso das?

Man könnte argumentieren, weil er damit genau diese – notwendige – Debatte über Anspruch, Erwartung, Bedürfnis einfordert und zur Entgrenzung von Eigentum beiträgt.

Du sagst „theoretisch“, wie sieht es in der Praxis aus?

Da sieht es dann doch wohl so aus, dass die Produktion wie die Nutzung der Kartoffeln, des Getreides, des Brotes und der anderen nicht-kommerziellen Produkte sich in Netzwerken bewegen, in denen die Leute sich untereinander kennen. Unscharf an den Rändern, wie gesagt: es tauchen immer mal wieder neue Gesichter und neue Zusammenhänge auf. Aber wenn nicht ziemlich schnell sichtbar wird, dass es da ein gemeinsames politisch-moralisches Grundverständnis gibt, würde das wohl zu Konflikten führen. Viele würden vielleicht doch Angst kriegen, dass das Projekt den geweckten Wünschen nicht standhalten kann.

Warum?

Weil die Leute, die die NKL umzusetzen versuchen, auch keine Heroen sind, weil sie zwar untereinander teilen, ohne zu rechnen, aber nicht die Gesellschaft versorgen können und wollen. Das wäre dann eben das Charity-Modell. Aber dazu haben sie ja auch gar nicht die Voraussetzungen. Sie müssen ja das nicht-kommerzielle Produzieren letztlich aus anderen Quellen absichern.

Das heißt, die NKL ist doch nicht die ökonomische Basis, sondern nur eine soziale Konstruktion, ein Spiel?

Nein, das stimmt nicht. Es ist im Ansatz schon eine Form der kollektiven Subsistenz[4], die Leute ermöglichen sich gegenseitig, mit weniger Lohneinkommen zu leben, also weniger arbeiten gehen zu müssen, weniger abhängig von Transferleistungen oder privaten Zuwendungen zu sein.[5]

Du sagst „weniger“, also ist die NKL doch abhängig davon, dass Unterstützung von anderer Seite kommt – Hartz 4 oder Spenden oder Leute, die dafür lohnarbeiten?

Na ja sicher. Etwas anderes zu erwarten, wäre unrealistisch. Sie haben ja schon weite und komplexe Netzwerke gebildet, um sich gegenseitig die Produktionsmittel zur Verfügung zu stellen, zu reparieren usw., aber sie müssen nun mal Sprit kaufen, müssen ihre Krankenversicherung bezahlen; sie sind nicht autark. Die NKL lebt, wie jeder Versuch, aus den gesellschaftlichen Zwangsläufigkeiten herauszutreten, von Unterstützung. Und finanzielle Unterstützung, z.B. durch Spenden oder wie sie über die PaG[6] kommt, sind in gewisser Weise auch ein Beitrag im Sinne der Beitragsökonomie.

Wobei es doch wohl einen wichtigen Unterschied gibt: Diejenigen, die Geld für die NKL zur Verfügung stellen, eingeschlossen Stiftungen und andere Organisationen, wollen ja nicht Teilnehmende am gemeinsamen Produktionsprozess sein. Mit anderen Worten: Stiftungen oder SpenderInnen beziehen keine Kartoffeln, sie brauchen sie nicht. Sie geben nur, ohne teilzunehmen. Bei Stiftungen ist es ja sogar so, dass die Zuwendungen aus der Rendite des Kapitalstocks kommen müssen; das heißt, zugewendet kann nur werden was durch kapitalistische Wertvermehrung entstanden ist.

Warum spricht es gegen den NKL-Ansatz, wenn die Leute Hilfsangebote annehmen? Auch von denen, die ihnen ihren Überfluss verfügbar machen? Vielleicht haben sie auch selbst was davon, nämlich, dass damit Ideen verwirklicht werden, die ihnen selbst in ihren Leben nicht zugänglich waren oder sind.

Heißt das, die NKL-Projekte geben den SpenderInnen und ZuwendungsgeberInnen die Möglichkeit, dass deren in kapitalistischen Kreisläufen erworbenes Geld gewissermaßen entkommerzialisiert wird, weil es ja nicht-kommerziellen Zwecken dient? Ist NKL dann nicht nur eine Inszenierung eines angeblich anderen Lebens auf dem Hintergrund durchaus kommerziell abgesicherter Verhältnisse?

Die Idee, anders zu wirtschaften, ist in der Welt. Sie hat eine Attraktivität, weil sie einleuchtend ist.

Ich finde, du hängst die Latte zu hoch. Das Neue kann sich doch nur aus den bestehenden Verhältnissen heraus entwickeln. Die Idee, anders zu wirtschaften, ist in der Welt. Sie hat eine Attraktivität, weil sie einleuchtend ist. Und wie ich schon sagte, es wird ständig daran gearbeitet, den NKL-Ansatz schrittweise weiter auszubauen. Ich weiß nicht, warum du den Verzicht auf Spenden und Unterstützung als Glaubwürdigkeitsbeweis verlangst.

Spenden sind Charity. Das ist die Mildtätigkeit, von der wir am Anfang gesprochen haben. Aber nicht die Mildtätigkeit, die NKL ausübt, sondern von der sie selbst abhängt.

Die Überlegung muss doch zugelassen werden, ob man die NKL auch als ein Projekt sehen könnte, das sich durchaus innerhalb der › Tausch- und Verwertungslogik bewegt, gegen die es sich formuliert.

Das ist doch Unsinn. Was sollte denn da verwertet werden?

Na ja, vielleicht das Experimentierfeld selbst? Halten wir fest: Geld aus normalen kommerziellen Kreisläufen fließt in die NKL und macht sie erst möglich. Die Projekte selbst müssen sich in einem gewissen Rahmen vor der „Übernutzung“7 durch Personengruppen aus dem normalen gesellschaftlichen Umfeld schützen. Und mit den wechselnden AkteurInnen, die die Projekte durchlaufen, fließt Wissen und Erfahrung über NKL-Ansätze zurück in die normalen Wertschöpfungs-Kreisläufe, in den kapitalistischen Wirtschaftsprozess.

Das klingt doch sehr nach Verschwörungstheorie, oder? Ich frage nochmal, wo bitte soll das Neue entstehen, wenn nicht im Alten?! Sicher ist NKL ein Experimentierfeld für eine andere soziale und ökonomische Praxis und grenzt natürlich überall an die herrschenden Verhältnisse.

Sicher ist NKL ein Experimentierfeld für eine andere soziale und ökonomische Praxis und grenzt natürlich überall an die herrschenden Verhältnisse.

Aber gerade an diesen Grenzen findet der eigentliche Konflikt statt. Statt der friedlichen Koexistenz müsste die gesellschaftliche Normalität mit dem Anspruch, anders zu wirtschaften, konfrontiert werden. Erst dadurch wird aus dem eingehegten Modell NKL ein Kampfverhältnis zu der herrschenden kapitalistischen Aneignungsökonomie und aus der Charity-Empfängerin, die brav „danke“ sagt, eine wütende Gegnerin der Verhältnisse, die sie dazu gemacht haben.[8]

Was soll das in der Praxis heißen? Sollen die NKL-AktivistInnen allen ihren UnterstützerInnen mit Mißtrauen begegnen und jeden Euro darauf untersuchen, wie schmutzig er ist? Oder sollen sie ihre Erfahrungen geheim halten, aus Angst, dass jemand daraus Kapital schlagen könnte?

Was das in der Praxis im einzelnen heißt, kann ich auch nicht sagen. Aber es ging ja um den Unterschied zwischen Charity, d.h. Spenden und NKL-Strukturen. Im Grunde um den Unterschied zwischen gewährtem Spielraum und erkämpftem Freiraum. Für mich läuft es auf die Frage hinaus, wann Nicht-Kommerzialität anti-kapitalistisch ist.

Bis du herausgefunden hast, wo der Hebel dafür anzusetzen ist, bevorzuge ich die Kritik der herrschenden Verhältnisse durch eine andere Praxis, die zumindest schon mal Lust auf die Grenzüberschreitung macht.

Fußnoten

  • 1. Wissensvorsprung oder Potential an gesellschaftlicher Wertschätzung, der in anderem Kontext in geld-werten Vorteil umgewandelt werden kann
  • 2. Mehr zur Praxis auf dem Karlshof siehe Initiativenhof Karl/a/shof
  • 3. Beitragsökonomie, im Zusammenhang mit der Entwicklung freier Software auch peer-Ökonomie genannt. Mehr zu den hübsch klingenden Worten im Beitrag Begriffe
  • 4 . Unter „kollektiver Subsistenz“ wird hier die Selbstversorgung in einem erweiterten Personenkreis verstanden.
  • 5. Mehr Zur Finanzierung von NK-Projekten
  • 6. Mehr zur PaG gibt’s im Text Warum entwickeln sich NK-Aktivitäten im Umfeld der PAG?
  • 7. Anspielung an die Übernutzung der Dorfgemeinschaftswiesen – eine Argumentationsfigur gegen die Stabilität von Gemeinschaftseigentum, die seit dem 1968 erschienenen Aufsatz The Tragedy of the Commons von Garrett Harding die Diskussionen um Solidarische Ökonomie anheizt.
  • 8. Weiter in dem Gedanken geht der Text Zur gesellschaftlichen Wirkung von NK-Projekten
Autor*innenbeschreibung:

Imma Harms, geb. 1949, Informatikerin, Journalistin, Philosophin, Dokumentarfilmerin, Autorin – Lebensabschnitte, die in der Reihenfolge durchwandert wurden. In der PaG aktiv seit ungefähr 10 Jahren. Lebt in Reichenow in einem größeren ländlichen Projekt, dort, so gut es geht, in ökonomischer, sozialer und kultureller Hinsicht auf der Basis kollektiver Subsistenz, und in Berlin-Kreuzberg, dort als Dozentin für Filmanalyse und als Oma.

Kategorien: Commons, Praxis-Reflexionen

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20. Januar 2016, 14:25 Uhr   3 Kommentare

1 Christian Siefkes (28.01.2016, 12:44 Uhr)

Spannender Artikel! Ich denke auch, dass es keinen Sinn macht, in solchen Fällen von „Charity/Wohltätigkeit“ zu sprechen, weil die eine strikte Trennung zwischen Gebenden und Nehmenden voraussetzt, die es in selbstorganisierten NK-Projekten nicht gibt.

Die Frage, ob commonsbasierte Projekte eine „Form von Ökonomie“ oder „nur“ eine „soziale Struktur“ sind, scheint mir einen falschen Gegensatz aufzumachen. Im besten Fall sind sie beides, weil die Sphärentrennung von Politik, Wirtschaft und privaten Beziehungen in dieser Form erst mit dem Kapitalismus entstanden ist und in anti-/postkapitalistischen Projekten überwunden werden sollte (vgl. z.B. den letzten Abschnitt meines Artikels Wie der Kapitalismus entstand).

Den Begriff „Beitragsökonomie“ finde ich aber dennoch interessant, um die Organisationsform der (Re)Produktion in solchen Projekten zu beschreiben — er bringt das Prinzip „Beitragen statt tauschen“ schön auf den Punkt.

2 KLuka (11.03.2016, 11:21 Uhr)

„Statt der friedlichen Koexistenz müsste die gesellschaftliche Normalität
mit dem Anspruch, anders zu wirtschaften, konfrontiert werden. Erst
dadurch wird aus dem eingehegten Modell NKL ein Kampfverhältnis zu der
herrschenden kapitalistischen Aneignungsökonomie und aus der
Charity-Empfängerin“

Ein sehr prägendes Zitat aus dem Interview für mich. Es wäre gut, wenn sich aus den NK Projekten auch Kampfmomente ergeben. Besetzte Häuser wurden in der Vergangenheit ja auch häufiger militant verteidigt (und vorher angeeignet). Aber natürlich lässt sich in einem öffentlichen Interview darüber nicht so frei reden, vielleicht passiert das untereinander.

3 Mattis (11.03.2016, 13:11 Uhr)

Solange alternative Projekte gesponsert werden müssen, um überhaupt zu überleben – von gutem Leben, auch im Alter, ganz abgesehen – taugen sie eben nicht als anschaulicher Beleg für die Möglichkeit, anders zu wirtschaften, sondern betätigen sich als eine Art Nothilfe, die man nur mit besonders viel Idealismus durchhalten kann. Nach ein paar Jahren wird auch oft die persönliche moralische und praktische Überforderung einfach zu groß und /oder die Unterstützer ändern ihre Prioritäten. Die Maßnahmen, die dann zur Rettung eines Projekts unternommen werden, gehen meist wieder Richtung system-üblicher Betriebsführung und setzen damit genau das falsche Signal gemessen an dem, wofür man angetreten war. Das sehe ich grundsätzlich als Problematik und Kritik der keimform-Ansätze.

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