Auf der Suche nach dem Neuen im Alten
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Ko.Sy – Kollektives Syndikat – oder kollektives Synapsen zusammenbasteln

Ein Gespräch.

[alle Texte der Broschüre „ich tausch nicht mehr – ich will mein Leben zurück“]
Cover der Broschüre "ich tausch nicht mehr - ich will mein Leben zurück"

Landfreikaufen. Land-frei-kaufen. Bitte was? Welches Land? Helgoland? Das schöne Land Tirol? Oder Schlaraffenland? Na das wäre schön. Wäre doch eine ideale Basis für ein gutes Leben. Zumindest über die Nahrungsmittelproduktion bräuchten wir uns keine Gedanken zu machen. Und frei? Frei von was? Von Pestiziden und Fungiziden? Frei von der kapitalistischen Verwertungslogik, von Immobilienspekulationen, vom Wachsen oder Weichen? Und warum schon wieder kaufen? Warum nicht schenken oder sogar besetzen? Viele Fragen auf einmal. Aber was hat das mit einem Kollektiven Syndikat zu tun?

Vor einiger Zeit haben sich Menschen zusammengefunden und sich diesen Fragen gewidmet. Daraus entwickelte sich die Idee von Ko.Sy. Es gibt einen Trägerverein, bei dem die Eigentumstitel von Objekten jeglicher Art liegen und der diese zur Nutzung zur Verfügung stellt. Diese werden auf der formellen Grundlage einer Nutzungsübereinkunft wiederum an die jeweiligen Nutzungsvereine übergeben, die ihre Projektinhalte und Zielvorstellungen eigenständig definieren, aber gemeinsam reflektieren.

Ein wesentliches Ziel des Trägervereins ist ganz klar die Trennung von Eigentum und Nutzung. Im Sinne von „statt besitzen will ich nutzen“ scheint es eine naheliegende Herangehensweise zu sein, Land, Objekte und Produktionsmittel irgendwie dauerhaft freizuspielen und somit aus dem (kapitalistischen) Spekulations- und Erbschaftskreislauf ausbrechen zu können. Durch dieses langfristige zur-Verfügung-Stellen und Schaffen von Infrastruktur in Form von Höfen, Häusern und Flächen, kann Raum (im doppeltem Sinne) geschaffen werden. Raum im wörtlichen Sinn von (belebten und bewohnten) Orten; und Raum im übertragenen Sinn für das Ausprobieren und Leben von kollektiven, nicht-kommerziellen, emanzipatorischen und experimentellen Praxen außerhalb der kapitalistischen Logik.

Ein wichtiger Aspekt dabei ist das gemeinsame Organisieren und sich gegenseitige Unterstützen in den verschiedensten Bereichen wie z.B. Wissensweitergabe und Austausch landwirtschaftlicher Praxis und kollektiven Lebens, Konfliktbegleitung und Mediation, Unterstützung bei gruppenbildenden Prozessen und Methoden.

Das Ganze ergibt dann ein Netzwerk, in dem Unterstützung und ein Gemeinsames Leben Projekte übergreifend gehandhabt werden kann.

Und wie stellt ihr euch das vor? Wie ist es möglich in diesem (lästigen, bürokratischen) System, mit den strikt vorgegebenen gesellschaftlichen Strukturen einen lässigen Rahmen zu finden, wo das möglich ist?

Da braucht es natürlich einiges an Kreativität, Zuversicht, Gelassenheit und Experimentierfreude, um passende Rechtsformen zu finden und die ersten Schritte hin zu neuen Formen kollektiver Prozesse zu wagen. Auch hier entsteht ein kleines Netzwerk an Projekten und Ideen, die sich damit beschäftigen, wie genau das zu einer real-lebbaren Lebens-Realität werden kann. Ein Scheitern ist nicht ausgeschlossen oder tabuisiert, denn es gehört genauso mit dazu. Es soll vielmehr als Möglichkeit gesehen werden, auszuprobieren und zu lernen und nicht als hemmender Faktor, der in den Köpfen tief verankert ist. Unter Bezugnahme auf das zapatistische Motto „fragend schreiten wir voran“ möchten wir weitgehend unerprobte Lebensformen ein Stück weit realisieren.

Und so gab es in den letzten (ca. 3) Jahren eine Kontinuität von 5–8 Menschen, die sich immer wieder getroffen haben, um an dem Aufbau dieser Struktur zu basteln. Dabei ist die eigene Verortung unterschiedlich. Einige leben bereits in einem Hofkollektiv, andere kommen aus politischen, antikapitalistischen, schenkökonomischen Zusammenhängen der Stadt. Inzwischen wurde ein Verein gegründet, an internen Statuten gearbeitet, bei unterschiedlichen Veranstaltungen teilgenommen, die Idee vorgestellt und diskutiert (z.B. beim Solidarökonomischen Kongress in Wien), oder als Gruppe gemeinsame Wochenenden verbracht, um sich über inhaltliche und zwischenmenschliche Themen auszutauschen.

Wo finden sich denn noch solche Strukturen?

Um nur kurz einige zu nennen, bei denen bereits seit einigen Jahren die Umsetzung dieser Ideen gelebt wird: z.B. Longo Maï [1], die PAG (Projektwerkstatt auf Gegenseitigkeit)[2] in Deutschland, oder Terre de liens[3] in Frankreich.

Neuere bzw. gerade entstehende Projekte sind das Mietshäuser-Syndikat [4] (in Deutschland schon seit vielen Jahren, in Österreich gerade in den Anfängen), sowie habiTAT [5] und Rasenna [6].

Nehmen wir einmal an, in Ko.Sy wird ein kleiner Hof eingespielt. Was passiert dann?

Ein Hof, der in die Struktur Ko.Sy eingespielt wird, wird dann jenen zur Verfügung gestellt, die es bewirtschaften und beleben wollen. Ko.Sy unterstützt dabei inhaltlich und strukturell (rechtliche Situation, Mediation, Gruppenprozesse, landwirtschaftliche Nutzung,…). Wenn die Nutzer_innen zu dem Punkt kommen, wo nur noch ein Auflösen der Gruppe sinnvoll erscheint, wird das Land/der Hof nicht wieder an den privaten Markt zurückverkauft (und wieder in den Spekulationskreislauf eingespielt) sondern es wird neuen Nutzer_innen zur Verfügung gestellt.

Wenn die Gruppe – aus was für Gründen auch immer – nicht mehr an diesem Ort leben kann und möchte, wird dieser Hof wieder frei, aber nicht verkauft, sondern steht einer neuen Gruppe zur Verfügung

Wie schaut die Nutzung im Konkreten aus?

Mit jeder Nutzungsgruppe wird ein individueller Nutzungsvertrag abgeschlossen, in dem die Gruppe ihre selbstbestimmten und mit Ko.Sy abgesprochenen Ziele und Ideen, aber auch die Scheiterkriterien festlegt. Ebenso werden darin Abmachungen getroffen bezüglich des zu nutzenden Objektes (Instandhaltung, Reparaturen, etc.). Ko.Sy steht nun unterstützend zur Seite. Wenn die Gruppe – aus was für Gründen auch immer – nicht mehr an diesem Ort leben kann und möchte, wird dieser Hof wieder frei, aber nicht verkauft, sondern steht einer neuen Gruppe zur Verfügung.

Und wer ist Teil von Ko.Sy? Wer trägt diese ganze Struktur?

Die Idee ist, dass alle gemeinsam mitverantwortlich sind für den Erhalt dieser Struktur. Mit dem Abschluss eines z.B. Nutzungsvertrages wird die Gruppe, die z.B. einen Hof nutzen möchte, Teil von Ko.Sy. Wenn diese Gruppe jedoch scheitert – Scheiterkriterien werden, wie der Nutzungsvertrag, in Zusammenarbeit von Ko.Sy und der Gruppe, festgelegt – können Menschen aus dieser Gruppe als Einzelpersonen aktiv bei Ko.sy werden. Ko.Sy, der Trägerverein und auch das ganze Netzwerk wird somit von ganz vielen unterschiedlichen Händen getragen.

Wenn ganz viele Hände an einem Strang ziehen kann vieles leichter werden. An welchem Punkt steht ihr gerade?

Der Rahmen dieser Struktur steht, der offizielle Verein ist gegründet und die internen Vereinbarungen sind durchgearbeitet. Jetzt könnte es ans Eingemachte gehen. Und da stellt sich für mich immer wieder die Frage: Wie und wo können wir anfangen, auszuprobieren, ob das alles so „for real“ funktioniert, wie wir uns das vorstellen? Wir sind ja doch umgeben von der allgemein verbreiteten Idee des Privateigentums, und wie ist es möglich Orte zu schaffen, die dem entgegenwirken, wo doch alles schon auf seinem festen Platz verankert ist. Entprivatisierung und Verkollektivierung von Eigentum stößt bei vielen doch eher auf Widerstand und genau da stell ich mir auch immer wieder die Frage, wie ich mit dieser Sozialisation, die auf dem beruht, was mir in der Gesellschaft vorgelebt und beigebracht wurde, diesen Widerstand überwinden kann. Das eigene Überwinden der Denkmuster ist für mich ein ständiger Prozess und eine kontinuierliche Auseinandersetzung mit mir, den Menschen in meinem Umfeld, meinen Vorstellungen und Ideen, aber auch mit meinen Privilegien. Und dafür bietet mir die Gruppe rund um Ko.Sy eine Plattform, um mich radikal meinen inneren Mauern und Grenzen zu stellen.

Es gibt einige Projekte, die gerade am Entstehen und Wachsen sind, und die die Idee der Verkollektivierung spannend finden, jedoch im Moment mit der Bewältigung des Alltags voll auf beschäftigt sind. Von unserer Seite fühl ich oftmals auch eine Überforderung, mit der Größe und Intensität und auch der Unklarheit über die Aufgaben, die damit einhergehen würde, wenn jetzt z.B. ein konkretes Projekt die Eigentumstitel an Ko.Sy überträgt. Es bräuchte somit den Sprung ins kalte Wasser und ein Ausprobieren. Denn wir können nicht alles im Vorhinein mitbedenken und werden durch die Fehler und auch das was geglückt ist, lernen.

Eine ganz praktische Frage: wo sollen die finanziellen Mittel für dieses Riesenprojekt herkommen?

Tja, wie schon oben erwähnt … wieso kaufen und nicht schenken? In meiner Vorstellung wird die Möglichkeit, den Hof an Ko.Sy zu verschenken und damit eine weitere Nutzung dessen zu ermöglichen, als eine Alternative immer reizvoller – im Gegensatz zum Verschluckt werden durch die kapitalistische „wachsen oder weichen“ – Ordnung.

Aber ja, wir haben keine finanziellen Mittel und können somit auch nichts „kaufen“. Aber wir können z.B. auch bei dem Prozess des Geldbeschaffens und Kaufens unterstützend zur Seite stehen und das Netzwerk, welches immer größer wird, auch dafür nutzen. Genau dieses Netzwerk kann auch Sicherheit geben.

Was für Sicherheit? Gibt Eigentum nicht viel mehr Sicherheit, vor allem im Alter?

Grade im Alter wird Eigentum vielleicht leicht auch mal zur Bürde, da die ganze Arbeit nicht mehr alleine gehandhabt werden kann. Klar bietet Eigentum Sicherheit. Die Sicherheit, einen Lebensort zu besitzen, für den ich nicht jeden Monat eine immer höher werdende Miete aufbringen muss. Aber muss ich das wirklich selber besitzen? Was wenn das Netzwerk so gewachsen ist, dass ich, auch ohne Besitz, einen Lebensort nutzen kann? Um zu Leben und nicht um mein Leben, für Miete und einen Ort zu leben, verkaufen zu müssen? Was, wenn ein nicht-kommerzielles Netzwerk sich gegenseitig unterstützen kann und sich gemeinsam trägt, anstatt alles alleine tragen zu müssen?

Wie kann ich mitmachen, was könnten nächste Schritte sein?

Wenn du Lust hast mehr über uns zu erfahren, dann schreib uns doch einfach ne Mail oder informier dich über unsere Homepage [7].

Wenn Du selbst daran interessiert bist, dein Eigentum zu verkollektivieren oder Menschen kennst, die in Bezug auf Zugang zu Ressourcen anders als gewohnt handeln wollen, kontaktier uns. Wir freuen uns auf Dich.

Fußnoten

Autor*innenbeschreibung:

Die Autorin hat eine nicht-kommerzielle, queer-feministische und anti-kapitalistische Zweitsozialisation erfahren, organisiert sich und das Leben mit einer Gemeinsamen Ökonomie zusammen, ist Teil des Ko.Sy Kollektivs, versucht Träume und Realität zusammenzubringen.

Kategorien: Commons, Praxis-Reflexionen

29. März 2016, 14:39 Uhr   0 Kommentare

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