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Einschluss statt Ausschluss? Diskriminierungssensible Zusammenarbeit jenseits von Öffnungsprozessen

[alle Texte der Broschüre „ich tausch nicht mehr – ich will mein Leben zurück“]Cover der Broschüre "ich tausch nicht mehr - ich will mein Leben zurück"

[Dieser Text erschien im Original bereits bei LesMigraS. Da er für die Broschüre Ich tausch nicht mehr – ich will mein Leben zurück leicht gekürzt und um Querverweise ergänzt wurde, erscheint er hier ein weiteres Mal.]

In NK-Kontexten in Wien und auch anderswo haben wir die Erfahrung gemacht, dass Projekte und Veranstaltungen oft auf eine bestimmte Zielgruppe ausgerichtet sind und Mehrfachzugehörigkeiten unabsichtlich unberücksichtigt lassen. Trotz dem Anspruch der Offenheit und dem Wunsch möglichst viele unterschiedliche soziale Gruppen anzusprechen, dominieren häufig Zugänge von privilegierten Menschen.

Die Frage, wer sich in Projekten repräsentiert sieht und welche Mechanismen zu Ausschlüssen führen, bildete den Ausgangspunkt unserer Recherchen für einen Beitrag zu dieser Broschüre. Dabei stießen wir auf den Text “Einschluss statt Ausschluss. Diskriminierungssensible Zusammenarbeit jenseits von Öffnungsprozessen” von LesMigraS (lesbische/bisexuelle Migrant_innen, Schwarze Lesben und Trans*), dem allgemeinen Antigewalt- und Antidiskriminirungsbereich der Lesbenberatung Berlin e.V.

Der Text beschäftigt sich mit der Frage, wie Veranstaltungen diskriminierungssensibel gestaltet und Mehrfachzugehörigkeiten mitgedacht werden können. Auch wenn der Fokus nicht auf NK-Ansätzen liegt, hat uns das Lesen neue Sichtweisen auf ein kritisches Hinterfragen der eigenen Projekt- und Lebenspraxen eröffnet. Viele der angesprochenen Strategien können auch in NK-Projekten zu einem Auseinandersetzungs- und Öffnungsprozess beitragen, um tatsächlich möglichst viele unterschiedliche Menschen zu erreichen. Deswegen findet ihr im Folgenden in Absprache mit LesMigraS eine leicht gekürzte Version des Texte[1].

Einschlüsse statt Ausschlüsse?

In dem Text geht es um Veranstaltungen, die bestimmte Zielgruppen erreichen möchten und/ oder bestimmte Lebensweisen oder Diskriminierungsverhältnisse in den Vordergrund stellen und mit einem diskriminierungsvermeidenden Anspruch organisiert werden. Die Veranstaltungen drehen sich um ein Thema, wie Antisexismus, Trans* oder Poly-Beziehungen, und sprechen Menschen an, die sich selbst so verorten oder ein Interesse an dem Thema haben. Da die Veranstaltungen sich meistens auf eine bestimmte Zielgruppe fokussieren, werden häufig andere Diskriminierungsverhältnisse ausgeblendet oder als nachrangig behandelt. Dabei werden die Perspektiven von privilegierten Menschen innerhalb der gewünschten Zielgruppe in den Mittelpunkt gestellt und Mehrfachzugehörigkeiten nicht berücksichtigt. Dadurch kommt es zu impliziten Ausschlüssen, weil sich nicht alle, die an dem Thema interessiert sind, gleichermaßen in den Veranstaltungen repräsentiert finden oder stigmatisiert werden.

Viele Vorbereitungsgruppen haben mittlerweile den Anspruch, sich kritisch mit diesen Ausschlüssen auseinanderzusetzen und etwas dagegen zu unternehmen. Häufig ist dabei der gewählte Weg ein versuchter Einschluss, indem versucht wird, das Interesse an einer Teilnahme an den Veranstaltungen von bislang unterrepräsentierten Menschen zu erhöhen.

Dabei sind folgende Strategien weit verbreitet: People of Color und/ oder Trans* als Teilnehmer_innen auf Podiumsdiskussionen einladen; kritische Diskussionsrunden zu den bisherigen Ausschlüssen führen; Workshops organisieren, die sich explizit an People of Color und/ oder Trans* richten; explizit People of Color und/ oder Trans* in Einladungstexten ansprechen.

Trotz gutem Willen wird seltener gefragt, welchen Diskriminierungserfahrungen Menschen in diesen Strukturen ausgesetzt sind.

Auf diese Weise wird versucht eine Willkommenskultur zu schaffen. Allerdings wird bei diesen Strategien nicht hinterfragt, wer sich bereits in den Strukturen zuhause fühlt und wer zusätzlich eingeschlossen werden soll; und wie die Strukturen so gestaltet sind, dass sich manche dort zuhause fühlen (können) und andere nicht; auf wessen Wohlbefinden geachtet wird. Wer ist mit den Strukturen vertraut und wer muss sich in die Strukturen erst einfinden?[2] Was soll grundsätzlich an den Strukturen verändert werden?

Solche Einschlusspolitiken laufen immer die Gefahr, dass sie bei Verschönerungsmaßnahmen aufhören. Trotz gutem Willen wird seltener gefragt, welchen Diskriminierungserfahrungen Menschen in diesen Strukturen ausgesetzt sind.

Wer bewegt sich auf wen zu?

Diskriminierungssensible Zusammenarbeit kann nur dann funktionieren, wenn die bisherigen Normen und Grundsätze in Frage gestellt werden. Es muss eine Themenverschiebung stattfinden. Es geht darum eine mehrdimensionale Perspektive einzunehmen. Öffnungsprozesse funktionieren nicht darüber, dass Inhalte oder Räume zusätzlich ergänzt werden, sondern alle Räume müssen diskriminierungssensibel gestaltet werden. Also geht es nicht um Ergänzungen, sondern um grundlegende Veränderungen. Eine mehrdimensionale Perspektive bedeutet, nicht nur einzelne Veranstaltungen zu organisieren, die zu und für People of Color und/ oder Trans* sind, sondern bei allen Veranstaltungen zu reflektieren, wie die Themen trans*sensibel und rassismussensibel behandelt werden können. Ansonsten wird eine durchgehende Teilnahme verhindert. Beispielsweise achten wir bei LesMigraS darauf, dass in einem Workshop zu Klassismus die Lebensrealitäten von People of Color und/ oder Trans* mitgedacht werden. Eine inklusive Veranstaltung zu reproduktiven Rechten würde sich deswegen vielleicht nicht schwerpunktmäßig mit Abtreibung beschäftigen, sondern danach fragen, wer überhaupt Zugang zu reproduktiven Rechten hat und wie sich die Situation für Trans* und People of Color gestaltet.

Eine mehrdimensionale Perspektive bedeutet, nicht nur einzelne Veranstaltungen zu organisieren, die zu und für People of Color und/ oder Trans* sind, sondern bei allen Veranstaltungen zu reflektieren, wie die Themen trans*sensibel und rassismussensibel behandelt werden können.

Welche Erfahrungen Menschen machen und welche Umgangsstrategien sie entwickeln können, hängt davon ab, wie sie in strukturellen Diskriminierungsverhältnissen positioniert sind. Eine Veranstaltung, die das nicht berücksichtigt, ist nicht diskriminierungssensibel.

Wenn Veranstaltungen versuchen, sich für eine breitere Zielgruppe zu öffnen, dann muss auch sicher gestellt werden, dass es einen Umgang mit Diskriminierungen und Gewalt auf den Veranstaltungen gibt. Dazu zählen nicht nur diskriminierende Äußerungen und gewaltvolle Übergriffe, sondern auch beispielsweise das Setzen von Themen und Umgangsformen.

Es können Fragen helfen, wie:

  • Wer setzt die Themen der Veranstaltung?
  • Wessen Interessen sind dabei vertreten
  • Sind die von uns gesetzten Themen überhaupt relevant für People of Color und/ oder Trans*?
  • Wenn ja, welches Interesse haben People of Color und/ oder Trans* an dem Thema?
  • Welche Normen werden gesetzt und welche Ausschlüsse werden durch diese Normen produziert?

Ich kann mir nicht erst dann die Frage stellen, inwiefern ich Rassismus in meinem Vortrag mitgedacht habe, wenn eine Person of Color den Raum betritt.

Außerdem ist es wichtig, sich damit auseinanderzusetzen, wie strukturelle Diskriminierungen anerkannt werden können. Dazu gehört auch, sich damit zu beschäftigen, wie bisher häufig ausgeschlossene Menschen an den Veranstaltungen teilnehmen können. Wie wird beispielsweise mit dominantem Redeverhalten von privilegierten Personen umgegangen? Welche Hinweise können privilegierten Personen gegeben werden, damit sie sich verantwortlich in dem Raum verhalten? Wie kann verhindert werden, dass sich privilegierte Personen den Raum nehmen? Bei Podiumsdiskussion kann zum Beispiel darauf geachtet werden, dass bei Kommentaren aus dem Publikum nicht als erste Person ein weißer Cis-Mann aufgerufen wird. Außerdem können quotierte Redelisten oder ein Hinweis darauf sinnvoll sein, dass Menschen, die erst wenig gesagt haben, zuerst sprechen können und Menschen, die schon viel gesagt haben, sich zurückhalten sollen.

Es ist wichtig, sich selbst kritisch mit Diskriminierungsverhältnissen, vor allem auch aus einer privilegierten Position, auseinanderzusetzen. Ich kann mir nicht erst dann die Frage stellen, inwiefern ich Rassismus in meinem Vortrag mitgedacht habe, wenn eine Person of Color den Raum betritt. Stattdessen wird in Öffnungsprozessen häufig eine hohe Erwartung an diejenigen gestellt, die die Räume neu betreten. Sie sollen sich sowohl anpassen als auch Vertreter_innen für ihre Positionen und Themen sein. Aber eine diskriminierungssensible Zusammenarbeit kann nicht auf Kosten derjenigen stattfinden, die bislang aus bestimmten Räumen explizit oder implizit ausgeschlossen wurden.

Um diese diskriminierungssensible Zusammenarbeit zu ermöglichen, ist es wichtig, sich aus den eigenen „Komfortzonen“ herauszubewegen und kritisch zu hinterfragen, wer die Macht hat, Themen zu setzen und zu definieren. Ich kann beispielsweise an Veranstaltungen zu Rassismus und Trans*diskriminierung teilnehmen und dort lernen, wie ich solidarisch sein kann. Eine diskriminierungssensible Zusammenarbeit findet unter der Prämisse statt, dass privilegierte Personen einen Teil ihrer Zeit und Kapazitäten solidarisch zur Verfügung stellen anstatt zu erwarten, dass andere sich an den eigenen Kämpfen beteiligen oder sich für die eigenen Themen interessieren. Die Frage ist also: wer geht auf wen zu? Und die darunter liegende Frage: wie viel Bereitschaft habe ich zeitweise meine eigenen „Komfortzonen“ zu verlassen und mich in andere Räumen zu bewegen?

Wie lässt sich Diskriminierungssensibilität konkret gestalten?

  • Es braucht Zeit für einen Auseinandersetzungs- und Umgestaltungsprozess. Die Bereitschaft von allen Beteiligten ist eine wichtige Grundlage. Es ist wichtig den Raum dafür zu schaffen, damit der organisatorische Zeitdruck zu keinen schlechten Kompromissen führt.
  • Eine Präsenz von und Öffnung für Themen von People of Color und/ oder Trans* auf einem Workshop beginnt und endet nicht mit der Benennung des Themas im Ankündigungstext.
  • Es ist wichtig, Trans* und/ oder People of Color von Anfang an in die Konzeption und Planung miteinzubeziehen und bisherige Normen in Frage zu stellen. Trans* und/ oder People of Color sollten als Organisator_innen beteiligt werden und nicht nur als potentielle Zielgruppe verstanden werden.
  • Wenn es kein Interesse von Trans* und/ oder People of Color gibt, sich an der Organisation zu beteiligen, gibt es gute Gründe.
  • Wenn das grobe Programm schon steht, ist es zu spät, um noch zusätzliche Menschen wirklich partizipieren zu lassen.
  • Es sollte auf der Veranstaltung nach Möglichkeit Rückzugsräume und/ oder ein Awareness-Team geben. Dabei sollten Menschen mit verschiedenen Diskriminierungserfahrungen vertreten sein. Das heißt, es ist hilfreich, wenn es eine oder mehrere Ansprechpersonen für diskriminierendes und gewaltvolles Verhalten gibt, die die betroffene(n) Person(en) unterstützen und gegebenenfalls in die Situation intervenieren bzw. einen abgesprochenen Umgang mit der Situation finden.
  • Bei der inhaltlichen Gestaltung sollte eine mehrdimensionale Perspektive eingenommen werden (siehe oben). Dazu gehört auch das Kultur- oder Freizeitprogramm, wie Performances, Konzerte, Filmvorführungen, Partys, Ausflüge etc.
  • Die Veranstaltung sollte so organisiert werden, dass Barrieren möglichst weit abgebaut werden[3].
  • Zu einer barrierenvermeidenden Organisation gehört auch, die eigene Diskussions- und Gesprächskultur zu hinterfragen und auf Sprechgeschwindigkeit, verwendete Begriffe und Kommunikationsart zu achten.
  • Wenn privilegierte Personen für Inputs, Workshops oder ähnliches angefragt werden, haben sie die Möglichkeit, ihre Kritik an der inhaltlichen Ausrichtung und Ausschluss von Menschen zu äußern und auf Trans* und/ oder People of Color als Referent_innen zu verweisen.

Lieber ausfallen lassen statt stumpf weiter machen

Ein wichtiger Punkt zum Schluss: Solche Auseinandersetzungs- und Öffnungsprozesse brauchen Zeit. Es braucht Zeit, um sich mit verschiedenen Perspektiven zu beschäftigen, sich diskriminierungskritisches Wissen anzueignen und diskriminierungssensible Bündnisse aufzubauen. Wenn gleichzeitig Veranstaltungen organisiert werden (müssen), dann gibt es häufig einen enormen Zeitdruck.

Unser Plädoyer ist deshalb: Es ist besser, mal eine Veranstaltung ausfallen zu lassen und insgesamt weniger Events zu organisieren, aber sich dafür wirklich damit zu beschäftigen wie diese diskriminierungssensibel gestaltet sein können. Wir haben versucht, Anregungen für einen solchen Auseinandersetzungsprozess zu geben und sind gerne für weitere Fragen ansprechbar.

Fußnoten

Autor*innenbeschreibung:

SeMäxSuRie war es ein Anliegen diesen Text in der NK-Broschüre zu wissen. Sie haben jahrelang sehr viel Zeit in NK-Kollektiven verbracht und sind aufgrund vieler der im Text aufgeworfenen Fragen und Themen gerade stärker in anderen Ecken unterwegs, fühlen sich aber immer noch sehr verbunden mit und verwurzelt in NK-Ideen…

Kategorien: Gender, Praxis-Reflexionen

2. März 2016, 15:01 Uhr   0 Kommentare

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