Auf der Suche nach dem Neuen im Alten
Artikel drucken

Die Wukania Lernwerkstatt – frei.utopisch.widerständig

[alle Texte der Broschüre „ich tausch nicht mehr – ich will mein Leben zurück“]Cover der Broschüre "ich tausch nicht mehr - ich will mein Leben zurück"

Vor fünf Jahren fanden sich acht Menschen zusammen, um ein „Experiment“ zu starten. Im Mittelpunkt sollte das gegenseitige und nicht kommerzialisierte Lernen stehen, möglichst unabhängig von Markt, Staat und herrschenden Normen gängiger Lernverhältnisse und -Beziehungen. Wir betitelten unser Experiment mit dem Namen Lernwerkstatt und ergänzten drei programmatische Adjektive: frei – utopisch – widerständig. Der Weg zu diesem Untertitel war bereits ein erster Akt des gemeinsamen Lernens und Debattierens. Räumlich verorten wollten wir uns hauptsächlich auf dem Projektehof Wukania. Die zur Verfügung stehenden Räumlichkeiten inspirierten uns und wir wollten an der lebendigen Aufbruchstimmung auf dem Gelände teilhaben. (Ist es nicht immer wieder bemerkenswert, wie wichtig solche Orte als Keimzelle und Schnittstelle für die facettenreichsten Experimente sind?)

Ein fixes Lern- oder Seminarprogramm wollten wir uns nicht geben, sondern vielmehr den Raum öffnen für Lernexperimente. Wir wollten uns gegenseitig ermutigen mit Inhalten, Umgang, Form und Organisation sowie mit Vernetzung und Verankerung zu experimentieren. Unsere Erfahrungen wollten wir dabei kontinuierlich kritisch reflektieren und dokumentieren. Die Unterschiede zu herkömmlichen Lernverhältnissen sollten beleuchtet werden. Soviel zu den Anfängen und Ursprungsgedanken.

Und heute?

Unsere Gruppe hat sich personell verändert. Einige gingen, andere kamen hinzu. Viele blieben dabei. Seit etwa zwei Jahren sind wir ein konstanter Haufen von acht Lernwerkstättler_innen, der mehr und mehr als Gruppe zusammenwächst. Für einige von uns ist momentan der interne Gruppenprozess sogar wichtiger als die Organisation von Veranstaltungen. Im Folgenden wollen wir euch einige Debatten und Themen vorstellen, die bei unseren Treffen sowie im Lernwerkstatts-Alltag immer mal wieder auftauchen und die uns zur Kernfrage zurück führen, was genau das Nichtkommerzielle an unserem Lern(werkstatts)experiment ausmacht und wie die nichtkommerzielle Praxis zunehmend verankert werden kann.

Erste Debatte:
Die Entkopplung von Teilnahme und Finanzierung, oder: Wie hoch soll denn die Spende sein?

Neben dem gegenseitigen Lernen ist das Kernstück der Lernwerkstatt der Beitrags-Gedanke. Alle tragen das bei, was sie wollen und können. Das bezieht sich auf die Themen Kochen, Putzen, Kinderbetreuung und Skill Sharing jeder Art … aber auch auf finanzielle Beiträge zur Kostendeckung. Ganz zentral ist dabei für uns, dass die Teilnahme an Angeboten der Lernwerkstatt unabhängig von der Finanzierung sein soll. Konkret heißt das, dass für Veranstaltungen grundsätzlich keine Teilnahmebeiträge erhoben werden. Gleichzeitig stehen aber Spendendosen herum und die Teilnehmer_innen werden auch explizit dazu eingeladen zu spenden. Dabei machen wir klar, dass das Geld an die Lernwerkstatt als Ganze geht und es keine getrennte „Buchhaltung“ für jede einzelne Veranstaltung gibt und dass außerdem ein Teil des Geldes in die Wukania-Gesamtgeländekasse weitergegeben wird oder je nach Bedarf in die wunderbare Wukania-Sommerinfrastruktur (SISSI) [1] fließen könnte, die wir für die meisten unserer Veranstaltungen nutzen.

Dennoch sehen wir uns häufig mit der Frage konfrontiert, wie viel denn diese oder jene Veranstaltung gekostet hat. Die Suche nach einem Richtwert für eine Spende dominiert noch oft die Frage nach dem „Was möchte und kann ich beitragen?“. Ein Grund hierfür mag sicherlich auch sein, dass wir mit dem Aufbau einer spezifischen Lernwerkstatts-Identität noch recht am Anfang stehen. Die Teilnehmenden sehen sich somit oft vordergründig als Beteiligte an einer konkreten Veranstaltung und weniger als Gast der abstrakteren Struktur Lernwerkstatt als Ganzes. Inwiefern liegt das an unserem Auftreten und daran, wie wir unsere Idee nach außen vermitteln? Würden ein gesonderter Lernwerkstattverteiler, übergreifende Lernwerkstatt-Programmflyer, ein Lernwerkstatt-Webauftritt … daran etwas ändern? Bislang bleibt festzuhalten: Je nach Zusammenhang fällt es nicht immer leicht, unsere Ideen von Entkopplung und Beitragsökonomie zu vermitteln. Oft sind es dann die Chipstüten und das Bier im Vorratskeller, die dann letztendlich zu Irritationen und Nachfragen führen: „Das können wir auch einfach so nehmen?“.

Oft treibt uns die Frage der „versteckten Teilnehmer_innenbeiträge“ um. Um die Entkopplung zwischen einzelnen Veranstaltungen und der Finanzierung des Lernwerkstatt-Projekts voranzutreiben, starteten wir unsere Daueraufträge-Kampagne: Seit geraumer Zeit werben wir nun verstärkt dafür, monatliche Daueraufträge einzurichten statt einmalige Beträge an die Lernwerkstatt zu spenden. Seminarunabhängige und regelmäßige Spenden geben uns einen ganz anderen Spielraum bei der Organisation unserer Seminare. Wir haben auch schon mehrmals über das Weglassen der Spendendose bei Seminaren diskutiert, es bislang aber noch nicht umgesetzt.

Das vorläufige Zwischenfazit ist gemischt. Auch wenn es einige Dauerspender_innen gibt, die unser Projekt langfristig und kontinuierlich unterstützen, so steht für viele andere doch die positive Erfahrung mit einer einzelnen Veranstaltung im Mittelpunkt. Wie viel fassbarer ist es eben für genau das zu spenden, wo ich mich teilhabend fühle, als für eine abstrakte Struktur? Die Menschen kommen zu Lernwerkstatts-Angeboten um zu tanzen, Massagetechniken zu lernen, Musik zu machen, um über Weltwirtschaft oder Konfliktbearbeitungsstrategien zu debattieren oder aber um Wukania kennenzulernen und auszuspannen. Das Potpourri der Beweggründe ist groß. Aber wie viele von ihnen kommen auch mit der Absicht, die Lernwerkstatt als nichtkommerzielles Projekt kennenzulernen? Im Vordergrund steht ganz sicher nicht die Struktur, auch wenn sie es ist, die all die anderen Erfahrungen möglich macht.

Oft sind es dann die Chipstüten und das Bier im Vorratskeller, die dann letztendlich zu Irritationen und Nachfragen führen: „Das können wir auch einfach so nehmen?“.

Zweite Debatte:
Honorare für externe Referent_innen, oder: Wie viel
Diskussion über Bedürfnisorientierung ist für Außenstehende zumutbar?

Immer mal wieder kommt es vor, dass wir gerne externe Referent_innen zu einer Lernwerkstatt-Veranstaltung einladen würden, die hierfür ein Honorar nehmen wollen oder müssen. Im Rahmen eines nichtkommerziellen Projekts erscheint uns bei der Auszahlung von Honoraren eine Bedürfnisorientierung grundlegend. Ob ein Honorar benötigt wird und wenn ja, in welcher Höhe, wollen wir im Idealfall im direkten Austausch mit der betreffenden Person klären. Klar ist für uns: Die Höhe des Honorars hängt nicht von Maßstäben wie dem Marktwert der angebotenen Dienstleistung oder dem üblichen Stundensatz der_des Referent_in ab; im Fokus steht vielmehr die Frage „Was brauche ich zum (guten) Leben?“.

Mit dieser Grundhaltung können wir nicht immer unsere_n Wunschreferent_in für ein bestimmtes Lernwerkstatts-Angebot gewinnen. Bezeichnend war hier zum Beispiel die Nicht-Zusage einer Referentin für ein Open-Street-Map-Seminar, da sie sich den Termin nicht schon Monate im Voraus blockieren wollte und dadurch eventuelle (bezahlte) Job-Anfragen für diesen Zeitraum hätte absagen müssen. Sollten sich jedoch keine Jobs ergeben, würde sie gerne spontan vorbeikommen. Ist es also das Schicksal einer nichtkommerziellen Lernwerkstatt, immer genau diejenigen Referent_innen zu bekommen, die nicht anderweitig eingebunden sind oder zufällig spontan Zeit haben?

Die eben geschilderte Nicht-Zusage veränderte im Übrigen den Charakter der Lernwerkstatt-Veranstaltung hin zu unserer Ursprungsidee: dem gegenseitigen Lernen. Wissensvermittlung wurde, wie so oft im Rahmen von Lernwerkstattveranstaltungen, nicht nur an Expert_innen delegiert, sondern ein gemeinsamer Aneignungsprozess stand im Vordergrund. Es wurde ein sehr bereicherndes Seminar für alle Beteiligten.

Dritte Debatte:
Weg vom Feierabend-Aktivismus, oder: Lernwerkstatt-Kohle für unseren eigenen finanziellen Bedarf?

Auf unserem Weg hin zu einer spezifischeren Lernwerkstatt-Identität unternehmen wir gerade das Experiment, monatlich eine_n Lernwerkstatts-Aktive_n finanziell aus der Lernwerkstattskasse zu unterstützen.[2] Wir erleben bei uns und in unserer Umgebung immer wieder die Schwierigkeit, dass Lohnarbeitszwänge dazu führen, dass Engagement – auch in und für die Lernwerkstatt – eine „Feierabendangelegenheit“ bleibt. Mit unserem Beitrag aus der Lernwerkstattkasse wollen wir einer_m Aktivist_in ermöglichen, etwas weniger abhängig von Lohnarbeit und/oder Sozialleistungen zu sein und somit gegebenenfalls auch mehr Zeit für Lernwerkstatt-Aktivitäten einräumen zu können. Dieser Entscheidung ging ein langer Diskussionsprozess voraus, in dem wir sowohl unsere ganz persönlichen „Geldbiografien“ thematisierten, als auch inhaltliche Debatten über die Entkopplung von Engagement und Finanzierung führten. Hilfreich für die Entscheidung war mit Sicherheit, dass wir inzwischen eine konstante Gruppe von Lernwerkstatt-Aktivist_innen sind, die sich regelmäßig trifft, um die Lernwerkstatt-Praxis zu reflektieren. Mit gespanntem Blick gehen wir jetzt in diesen Prozess und fragen uns, ob er die Lernwerkstatt nicht noch ein bisschen freier, utopischer und widerständiger machen wird?

Fußnoten

Autor*innenbeschreibung:

Greta, (Gründungs)mitglied der Lernwerkstatt. Anne, von 2012 bis Anfang 2015 aktiv in der Wukania-Lernwerkstatt. Neben der Lernwerkstatt auch in der Sissi-Gruppe (siehe eigener Text in dieser Broschüre) aktiv und tauscht sich gerne mit anderen nicht-kapitalistischen Projekten aus.

Kategorien: Commons, Praxis-Reflexionen

23. März 2016, 14:38 Uhr   0 Kommentare

Es gibt noch keine Kommentare...

Schreibe einen Kommentar