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Die Rebäcka …

[alle Texte der Broschüre „ich tausch nicht mehr – ich will mein Leben zurück“]

Cover der Broschüre "ich tausch nicht mehr - ich will mein Leben zurück"

… ist all das, was in der „ganzen Bäckerei“ [1] in Leipzig rund ums Brotbacken läuft.

Begonnen hat dies vor vier Jahren, als zur Megabaustelle im Haus auch ein Altmärck‘scher zwei-etagiger Holzbackofen und die dauergeliehene Knetmaschine installiert wurden. Förderndes Umfeld und angezapfte Fördertöpfe sorgten für Mühlen und allerlei Schätze aus Backstubenauflösungen gesellten sich dazu. Bald soll ein zusätzlicher Elektroofen plus Gärschrank das Backen erleichtern.

Diese toll ausgestattete Backstube bietet verschiedenen Menschen Raum für ihre unterschiedlichen Backbedürfnisse.

So konnte einige Monate euphorisch gebacken werden. Nach einiger Zeit drohte der Ofen jedoch auseinanderzufallen und mit dem erkalteten Ofen lag nun auch das Backen auf Eis, löste Überforderung aus und es trat ein mehrmonatiger Stillstand ein. Irgendwann war diese Durststrecke dann aber zum Glück überwunden, der Ofen wurde repariert und die Gruppe bekam Zuwachs. Seitdem wird kräftig weiter gebacken und auf allen Ebenen an der „Struktur“ gebastelt.

Diese soll verschiedensten, nicht festgeschriebenen Ansprüchen genügen. Tjaja, das Selbstverständnis … Ein Vorhaben, das uns seit Anfang an begleitet. Wie viele Stunden haben wir schon grübelnd dagesessen und probiert, etwas auszuformulieren, was doch schwer zu beschreiben – und festzuschreiben ist.

Worte wie „nicht-kommerziell“, „alternative Versorgungsstruktur“, „soziales und strukturelles Experimentierfeld“, „nicht nur konsumieren“, „Herrschafts- und Patriarchatskritik“, „solidarisch“, „Nahrungsmittelsouveränität“, „Kreisläufe verstehen“, „hierarchiearm“, „partizipativ“, „selbstorganisiert“, „Lernen“, „Transparenz“ … umschwirren uns, wollen geordnet, gefasst, abgeglichen und durchleuchtet werden.

Das bezieht sich dann schnell auf alle Bereiche, weit über handwerkliches Lernen und Können oder die eigentliche Orga hinaus. Anfangs wurde manchmal sogar bis zu zweimal in der Woche von gerade mal einer Hand voll Leuten voller Euphorie gebacken, es hat sich aber bald bei etwa zweimal im Monat eingependelt – für uns derzeit ein guter Kompromiss, um ohne zu große Anstrengungen eine gewisse Regelmäßigkeit hinzubekommen. Außerdem wird alle zwei Monate pleniert, Holz organisiert, der Ofen gepflegt, Brötchen mal mit, mal ohne Rosinen ausprobiert, die Rezeptur verbessert oder zumindest experimentell verändert, geputzt, gegessen …

Schon seit langem bekommen wir das Getreide für die Brote vom Karlshof. Da dieses dann irgendwann auszubleiben drohte, dachten sich einige von uns, dass es an der Zeit ist, selbst hinter die Kulissen zu schauen und sich in die Kunst des Roggenanbaus zu vertiefen. Sie gründeten mit einigen Menschen aus Berlin und Umgebung die neue Getreide-Ini [2].

Das Brot und die Brötchen verspeisen derzeit Menschen in ganz verschiedenen Kreisen – Einzelpersonen, WGs, Hausprojekte, Wagenplätze. Wenn eine unterstützenswerte Aktion stattfindet, seien es Tagung, Demo, Camp oder Politaktion, wird gern ein Teil der Brote dafür hergegeben oder sogar extra gebacken.

Über was wir uns gerade Gedanken machen:

  • Das Backen versteht sich nicht als Dienstleistung, fühlt sich manchmal aber so an. Wie kommen wir in einen besseren Kontakt mit den Essenden, um uns kennen zu lernen, die Infrastruktur gemeinsam zu organisieren, uns über unsere Motivationen und Bedürfnisse auszutauschen? Die einstige Einberufung eines Backcafés war wohl noch nicht richtungsweisend, ebenso wenig wie mit Flyern bestückte Brote, frustrierte oder motivierende Emails, gebastelte „Aufklärungsplakate“ und ähnliche Versuche.
  • Wie schaffen wir es, dass das Brot gut verteilt wird? Mit Listen zur Bedarfserfassung in Selbstorganisation oder durch Ausfahren der Brote? (Wobei Gebäckstücke schon mit Kusshand und Freude in Empfang genommen wurden.)
  • Wollen wir nur für immer die Gleichen backen oder auch aus der Struktur heraus wirken? Wie kommen wir mit Leuten in Kontakt, die bisher nichts mit uns anfangen konnten? Denkbar wäre, das Brot einfach an unbekannte Menschen, die zufällig vorbeikommen, zu verschenken.
  • Wie schaffen wir es, unsere Kosten zu decken? (Unsere regelmäßigen, geringen Ausgaben werden derzeit irgendwie durch brotbekommende Wohnprojekte oder durch die gemeinsame Kasse der „Ganzen Bäckerei“ gedeckt. Aber was ist mit größeren Anschaffungskosten? Und einer transparenten Verteilung der Kosten?)
  • Wie kann es regelmäßig Brot geben, ohne dass Einzelne sich überarbeiten und Mithilfe nicht zur Bedingung fürs Brotbekommen wird?

Wie kann es regelmäßig Brot geben, ohne dass Einzelne sich überarbeiten und Mithilfe nicht zur Bedingung fürs Brotbekommen wird?

Der Status Quo: Es gibt zurzeit etwa sechs Menschen, die regelmäßig backen. Drum herum gibt es ein unterstützendes Umfeld von ab-und-zu Backenden und sonstiges-Machenden (unter Anderem kümmert sich ein Hausprojekt um Kerne, ein Wagenplatz kümmert sich um Holz, eine Person stellt zu jeder Tages und Nachtzeit ihren Bus zur Verfügung).

Menschen, die Brot essen wollen, holen es in der Bäckerei ab. Der Zugang läuft übers Plenum, übers Mitbacken, persönliche Kontakte, Interesse, Nachfragen, spontanes oder zufälliges Vorbeikommen…

Die einzige „Zugangsvorraussetzung“: Wir wünschen uns einen Austausch mit den Essenden über das Wie und Warum – und das Gefühl, dass es ein wirkliches Interesse an der Struktur und nicht nur an kostenlosem Brot gibt.

Wir sehen die Bäckerei als offenen Raum, der auf verschiedene Arten gestaltet werden kann, größer, abwechslungsreicher, regelmäßiger…? Aber dann braucht es auch mehr Getreide und mehr Holz und dafür wiederum Menschen, Geld usw. So ist es eben – Brot entsteht nicht nur aus Luft und Liebe. Und doch versuchen wir dies Nicht-Offensichtliche weiter und würzen mit einer guten Portion Solidarität…

Fußnoten

  • 1. Das „Casablanca“ oder auch die „Ganze Bäckerei“ ist ein Hausprojekt im Westen von Leipzig. Die komplette untere Etage ist öffentlich und wird von diversen Gruppen regelmäßig und ausgiebig nicht-kommerziell genutzt. Dort gibt es einen Bewegungsraum, eine Küche (wo unser Ofen steht), ein Bad und einen Veranstaltungsraum („Café“) und genug Platz für diverse Treffen und Plena.
    Finanziert wird das ganze über das Hausprojekt und durch Spenden, außerdem gibt es einen Solidarfonds von und für alle beteiligten Projekte.
  • 2. siehe auch Getreide-Ini auf dem Karlshof
Autor*innenbeschreibung:

Dieser Text ist gemeinsam von einigen Backenden der Rebäcka verfasst worden. Auch wenn der Schreibprozess recht anstrengend war, führte er nicht nur zu diesem Text für die Broschüre, sondern half uns auch dabei, frischen Wind in unseren Selbstverständnisprozess zu bringen.

Kategorien: Commons, Praxis-Reflexionen

21. Februar 2016, 14:41 Uhr   0 Kommentare

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