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Die Kartoffel ist im Weg? Zur Geschichte der NK-Kartoffel

[alle Texte der Broschüre „ich tausch nicht mehr – ich will mein Leben zurück“]

Cover der Broschüre "ich tausch nicht mehr - ich will mein Leben zurück"

Das Experiment der NK-Kartoffeln gibt es schon eine ganze Weile – und wurde von der „Lokomotive“-Gruppe gestartet.[1]

Hinein ins Ungewisse im Jahr 2012

Im Jahr 2012, nachdem der damaligen Hofgruppe klar wurde, dass sie keinen Kartoffel-Anbau sicherstellen könne, fand sich ein Kreis von anfänglich ca. 30 Menschen zusammen, den Anbau in diesem Jahr zu übernehmen.

Viele brachten sich unterschiedlich verantwortlich in die Kampagne ein. Durch das Fehlen einer festen Gruppe kam es dazu, dass immer wieder andere Menschen die Arbeiten vor Ort ausführten und koordinierten. In der späteren Reflexion wurde das als „fließender Kern“ bezeichnet [2]. Da dieser Kern doch recht klein war und es oft unklar war, wer sich denn nun als Kartoffel-AG angesprochen fühlt und wer nicht, entstand in der Winterreflexion 2012 der Wunsch nach mehr Kontinuität und Verbindlichkeit.

Versuch der Konsolidierung im Jahr 2013

2013 hatte sich aus diesem fließenden Kern eine feste Gruppe aus acht Leuten herausgeschält, die im Rahmen des Initiativen-Hofs Karla*Hof [3] als Kartoffel-Ini die nichtkommerzielle Kartoffelproduktion weiterführte.

Auch wurde deutlich, dass die Menschen der Kartoffel-Ini aus zum Teil sehr unterschiedlichen Motivationen Kartoffeln anbauten

Der größere Teil der Kartoffel-Ini lebte vielfältig anderweitig eingebunden in Berlin, 2–3 Leute hatten ihren Lebensmittelpunkt auf dem Hof.

Die unterschiedlichen Lebensmittelpunkte sorgten unter anderem auch dafür, dass sich die Gruppe trotz der klaren Zugehörigkeit selten komplett traf. In der Anbau-Praxis sorgte diese Konstellation für eine AdHoc-Organisierung: Die wenigen Anwesenden schmissen dann eher spontan die jeweils anstehenden Arbeiten, ohne dass diese von längerer Hand geplant und vorbereitet wurden. Ein gemeinsamer Gruppenprozess war aufgrund der wenigen gemeinsamen Zeit, die dann meist mit dem Abarbeiten von notwendigen Aufgaben gefüllt war, kaum möglich.

Der Jahresrückblick 2013 ergab, dass auf den auf dem Hof lebenden Teilen der Kartoffel-Ini zu viel Verantwortung lag. Auch wurde deutlich, dass die Menschen der Kartoffel-Ini aus zum Teil sehr unterschiedlichen Motivationen Kartoffeln anbauten: mal raus aufs Land und in der Erde wühlen, mal kontinuierlicher sozialer Prozess, mal Kartoffeln für linke Strukturen, mal die Ernte als Lernraum für Selbstorganisation. Insbesondere für die auf dem Hof Lebenden gab es zu wenig Raum für soziale Prozesse innerhalb der Kartoffel-Ini.

Neue Impulse für das Jahr 2014

Um den unterschiedlichen Schwerpunkten sowie den eigentlich zu geringen Kapazitäten zu begegnen entstand für die Anbausaison 2014 ein Kalender, der schon am Anfang des Jahres fixe Termine für Ernte, Kartoffeln legen und Pflegemaßnahmen, wie Häufeln oder Kartoffelkäfer sammeln, bekam, sowie Termine für Koordinationstreffen und Reflexionen. Um den unvorhersehbaren Wetterbedingungen zu begegnen, wurden für manche Tätigkeiten größere Zeiträume festgelegt.

Dieser Kalender sollte es potenziell Teilnehmenden ermöglichen, sich schon früh genug auf bestimmte Termine festzulegen. Auch sollte unterschiedlichen externen Gruppen ermöglicht werden, sich bestimmte Events herauszupicken – und diese nach eigenem Gusto, mit eigenen Schwerpunkten zu organisieren. Z.B. mal die sozialen Prozesse innerhalb der Gruppe ins Visier zu nehmen, mal sich voller Eifer auf die Knollen zu stürzen, ohne dabei viel Gruppengespräche einzugehen. Die bisherige Orga-Gruppe wollte darin nur in einer Rahmen-haltenden Rolle auftauchen.

Nachdem zur Ernte 2013 teilweise über 60 neue Leute gleichzeitig am Hof waren, aber viele davon nur 2–3 Tage, sollte 2014 der Aufwand für die sich ständig wiederholende Wissensvermittlung verringert werden. Ebenso sollte Raum für eine Gruppenbildung unter den Teilnehmenden sein. Der Wunsch an Teilnehmende verbindlich von Montag bis Freitag zur Verfügung zu stehen und Kurzbesuche auf die Wochenenden zu beschränken, hat dann leider vor allem dazu geführt, dass sehr wenige Menschen unter der Woche zur Ernte kamen …

Auch wenn sich einzelne Events wie Saatgut sortieren, Aussaat und Ernte mit erfreulich unterschiedlichem Charakter erleben ließen, ist die Zielsetzung eines bunten, von vielen Menschen getragenen Anbau-Jahres im Jahr 2014 nicht Wirklichkeit geworden.

Insgesamt blieb die Beteiligung gering – und viele der in den letzten Jahren Teilhabenden tauchten nicht wieder auf.

Wo sind all die vielenvielen Leute, die in den letzten Jahren hier Traktor fahren gelernt haben, wenn nicht genügend Leute da sind, um die Kartoffeln aus der Erde zu holen?

Festzuhalten bleibt: Selbstorganisation bedarf eines laaangen Atems. Trotz vielfältiger Versuche, niederschwellige Möglichkeiten der Teilhabe zu schaffen, Menschen immer wieder einzuladen und Transparenz herzustellen, waren es jeweils nur eine Handvoll an Personen, die sich verantwortlich einbrachten und einzelne Prozesse organisierten.

Für die Kartoffel-Ini haben sich daraus eine Liste von Fragen und Knackpunkten ergeben: 2015 soll Zeit lassen für die Auseinandersetzung damit. Die Kartoffel-Ini wird die nicht-kommerzielle Kartoffel in dieser Form erstmal nicht weiterführen:[4]

  • Wie kann eine verbindliche Organisation zwischen Menschen auf dem Hof und Menschen, die nicht hier leben, aussehen, die die Lebenssituationen der Menschen von außerhalb (Notwendigkeit zur Lohnarbeit, andere Interessen und Verpflichtungen) entsprechend berücksichtigt und trotzdem die Verantwortung aufteilt?
  • Es ist unser Wunsch, achtsam miteinander umzugehen und andere Beziehungen zu knüpfen als es im kapitalistischen Alltag über die Ware vermittelt üblich ist. Dies erfordert die Bereitschaft, sich mit der eigenen Gewordenheit, Rollen und Mustern zu beschäftigen. Dies wirkt mitunter abschreckend und überfordernd für neue Leute, insbesondere für Kurzbesuche. Wie können wir uns trotzdem gemeinsam breit organisieren?
  • Der Event-Charakter des Kartoffel-Anbaus. Menschen kommen um „alles mal erlebt“ zu haben: Mal Traktor gefahren zu sein, mal Kartoffeln gesammelt zu haben. Und das ist einerseits toll und beflügelt, Wissen weiter zu geben und zu sehen wie Leute sich plötzlich Sachen zutrauen, die sie vorher abgeschreckt haben. Trotzdem braucht es auch Menschen mit dem Wunsch, sich verbindlich miteinander organisieren zu wollen. Wo sind all die vielenvielen Leute, die in den letzten Jahren hier Traktor fahren gelernt haben, wenn nicht genügend Leute da sind, um die Kartoffeln aus der Erde zu holen?
  • Lebensmittel sind günstig, wenn ich das Kilo Kartoffeln für 60 Cent im Laden kaufen kann, steht das in keinem Verhältnis zu dem Aufwand, den die Selbstorganisation rund um die Kartoffel bedeutet.
  • Die Dringlichkeit anderer sozialer Kämpfe (Unterstützungsarbeit für Geflohene, Stadtpolitik, etc) ist groß und die Potentiale und Veränderungen, die aus einem nicht-kommerziellen Wirtschaften möglich sind, sind nicht unbedingt unmittelbar spürbar. [5]
  • Bisher ist die NK-Kartoffel viel mit Berlin verbunden. Dort gibt es Anschluss an eine Subkultur/Szene, die Offenheit für emanzipatorische Themen wie diskriminierungsarmen Umgang und nicht-kommerzielles Wirtschaften hat – dafür sind die Anfahrtswege leider recht weit. Wie kann eine regionalere Vernetzung aussehen und welche uns wichtigen Themen finden dann wie ihren Platz?

Fußnoten

  • 1. Als erstes NK-Projekt gibt es den Kartoffelanbau seit 2006. Siehe auch Broschüre: NKL – die ersten 3 Jahre (2008)
  • 2. siehe Broschüre: das Ziel ist im Weg (2013)
  • 3. Siehe auch Initiativenhof Karl/a/shof
  • 4. Um ein Mitglied der Kartoffel-Ini hat sich allerdings 2015 ein Grüppchen gebildet, welches in kleinem Rahmen Kartoffeln anbaut und sich bisher vor allem auf den landwirtschaftlichen Teil des NK-Kartoffel-Anbaus fokussiert.
  • 5. Siehe auch Zur gesellschaftlichen Wirkung von NK-Projekten
Autor*innenbeschreibung:

Tindi und Ammi leben auf dem Karlshof und sind beide seit einigen Jahren mit den Händen in der Erde und den Köpfen in NK-Gedanken.

Kategorien: Freie Software, Praxis-Reflexionen

22. Februar 2016, 14:59 Uhr   0 Kommentare

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