Auf der Suche nach dem Neuen im Alten
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„So selbstverständlich“ oder Das Problem mit dem Geben und Nehmen

[alle Texte der Broschüre „ich tausch nicht mehr – ich will mein Leben zurück“]

Cover der Broschüre "ich tausch nicht mehr - ich will mein Leben zurück"

„Nimm!“

Ich drücke meiner Freundin den Schein in die Hand beim Abschied.

„Nein, nein…“

„Ja sicher, bitte, will jetzt nicht wieder drüber reden.“

Unsere ritualisierte Handlung hat begonnen.

„Nein, ich kann nicht… Und du brauchst es auch.“

Sie nimmt meine Hand, in der ich vorher das Geld gehalten hab. Ich mag wie sich ihre raue, mit Blasen bedeckte Handfläche auf meiner Haut anfühlt.

„Ich hab genug. Und du brauchst es mehr. Nimm jetzt bitte.“

Sie weiß es, ich werde insistieren, ich werde drauf bestehen, sie hat keinen Ausweg.

Sie nimmt den grünen Schein mit Sternchen. Sie schaut mich verschämt an, ihr Kopf senkt sich nach unten. Es kommt ein leises „Danke“. Danach kommt noch ein „bald werde ich mehr verdienen“ oder „bald werde ich einen Job in meiner Profession finden“.

Ich lache sie an, schaue ihr tief in die Augen. Ich lasse ein leises „sicher“ raus. Die Unglaubwürdigkeit meines Wortes fügt mir einen kurzen stechenden Schmerz im Bauch zu.

„Ich werd dich auch bald erhalten können“, sagt sie.

Und dann fang ich an meinen schon bekannten Monolog zu halten:

„Es gibt wirklich nichts zum Danken, du hast die Situation, in der du bist, nicht gewählt, ich meine auch nicht, es könnte genauso umgekehrt sein, das sind scheiß unfaire Verhältnisse, das ist das mindeste was ich tun kann und klar tue ich das, du sollst mir nichts zurückgeben, selbstverständlich teilen wir, du würdest in meiner Position genau das gleiche tun…“

Wie ein gut geübtes Stück. Mit gut eingeübten Rollen.

Jedes Mal wenn ich „tamo dole“[1] fahre, bring ich Kohle mit. Ich geb das Geld meinen Freundinnen, die noch immer „da unten“ leben. So selbstverständlich fühlt sich das an… Aus meiner Position. Kann die andere Position nicht verstehen.

„Du und deine „gastarbajterske fore“[2] sagt eine Freundin mit dem Lächeln auf dem Gesicht.

Ich lache und zahle für die ganze Runde. Wir verstehen beide die Ernsthaftigkeit hinter dem Lachen.

Ich hab mehr Kohle als alle anderen, die am Tisch sitzen.

Klar zahle ich, war für mich immer selbstverständlich. Ich bin Gastarbajterka. Ich hab mehr Geld als meine Freundinnen. In meinem Heimatland.

Hier, „tamo gore“[3], hab ich meistens weniger Geld als meine Freundinnen. Hier hab ich oft die Rolle der prekär lebenden Migrantin. Dass meine Rolle in einem anderen, mir viel näheren Kontext, eine privilegierte ist, ist meinen ösi Freundinnen meistens nicht klar.

Das „beschissene Geld, das mir nichts bedeutet“ ist auf einmal so ein großes Ding, wegen dem ich mich so unbeholfen, machtlos fühle.

„Was magst du haben?“, fragt sie mich.

Wir sind im Eisgeschäft. In einem Eisgeschäft wo du veganes Eis kriegen kannst, in einem teuren bobo[4] Eisgeschäft. Wir bestellen. Sie greift in ihre Hosentasche, hat die Geldbörse schon raus geholt. So selbstverständlich.

„Ich zahle“, kommt automatisch aus meinem Mund.

„Bist du dir sicher?“, sie schaut mich ungläubig an.

Wir wissen beide, dass sie mehr Geld als ich hat.

„Ja, das geht voll“, sage ich und denk dabei ans Minus auf meinem Konto.

Ich zahle, sie packt wieder ihre Geldbörse ein, wir gehen raus.

Diese Rolle hab ich gar nicht gut eingeübt.

„Bitte lass uns nicht nicht die Sachen miteinander machen, nur weil sie Geld kosten, ja?“, sagt sie mir.

Das würde heißen, dass sie für die Sachen zahlt. Das fühlt sich echt nicht angenehm an. Eigentlich fühlt es sich scheiße an. Ich fühle mich schwach und klein. Ich hab Angst vor den schon definierten, für mich vorgesehenen Rollen. Will nicht die Migrantin, die alles bezahlt bekommt, sein. „Hat sich eine reichere Österreicherin ausgesucht“ hallt in meinem Kopf. Will nicht die Frau in der Beziehung sein, die das Geld von ihrem Beziehungsmenschen nimmt, auch nicht, wenn ich mit einer Frau zusammen bin.

Die Position der Nichthabenden, Ärmeren, Nehmenden. Jetzt verstehe ich, was das für eine Position ist. Vielleicht verstehe ich es.

Mit einer Person zusammen zu sein, die eindeutig mehr Kohle als ich hat, ist eine völlig neue Erfahrung. Diese Situation überfordert mich komplett. Ich überfordere mich selbst komplett. Das Konzept von Teilen funktioniert auf einmal nicht mehr. Ich halte meine Rolle nicht aus. Es fühlt sich gar nicht mehr so selbstverständlich an. Das „beschissene Geld, das mir nichts bedeutet“ ist auf einmal so ein großes Ding, wegen dem ich mich so unbeholfen, machtlos fühle. Die Gefühle, mit denen meine Freundin jedes Mal zu kämpfen hat, wenn ich ihr einen Schein in die Hand drücke. Die Gefühle, die ich nie verstanden hab. Nicht wegen dem Geld, sondern wegen der Position. Die Position der Nichthabenden, Ärmeren, Nehmenden. Jetzt verstehe ich, was das für eine Position ist. Vielleicht verstehe ich es. So viel schlimmer als die Gebende zu sein.

Ich hab überhaupt kein Problem die Gebende zu sein. Und klar hab ich kein Problem in einer Machtposition zu sein. In einer bequemen Position, die dir den Eindruck geben kann „das Richtige“ zu tun. Du magst dir dabei auch toll vorkommen, weil du was tust und dich nicht in einer schlechtes-Gewissen-Spirale verlierst, weil du teilst und dich nicht auf das Gefühl der Machtlosigkeit gegenüber der „unfairen Welt“ einlässt, weil du auf deine „Privilegien verzichtest“. Teilen, Geben und Nehmen, Solidarökonomie… Meine Solidarökonomie scheint aber zu funktionieren insofern ich die Gebende bin. Insofern ich in der privilegierten Position bleibe.

„Ich verstehe, ich sollte dich auch ab und zu zahlen lassen und dann ist es ok“, sagt sie mir.

Ich höre mich selbst sprechen. Diese Worte hab ich mal meiner Freundin gesagt. Ich lache und sag gar nichts drauf.

Fußnoten

  • 1. „Tamo dole“ ist der weit verbreitete, seitens der Migrant_innen aus den ex-Yu Räumen benutzter Ausdruck um diese Räume zu beschreiben. „Tamo dole“ kann als „da unten“ übersetzt werden.
  • 2. „gastarbajterske fore“ heißt so was wie „gastarbeiterisches Gehabe“, bezieht sich auf für typisch gehaltene Verhaltensweise der Gastarbeiter_innen in ihren Heimatland.
  • 3. „Tamo gore“ ist der Ausdruck mit denen Migrant_innen aus den ex-Yu Räumen westliche Länder, also die Länder in denen sie leben und arbeiten, bezeichnen. „Tamo gore“ heißt „da oben“
  • 4. „bobo“ ist eine Abkürzung, die sich aus den Wörtern bourgeois und bohémien zusammensetzt und eigentlich als Synonym für Hipster verwendet wird (wikipedia).

Kategorien: Commons, Praxis-Reflexionen, Reichtum & Knappheit

27. Februar 2016, 14:31 Uhr   1 Kommentar

1 Christian Siefkes (28.02.2016, 14:43 Uhr)

Sehr spannender Artikel!

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