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Commons: Das Verhältnis zu Degrowth

Logo des Commons-Instituts[Bisher erschienen: Einleitung, Teil 1, Teil 2]

Die Commons- und die Degrowth-Bewegung enthalten sich gegenseitig und unterscheiden sich in Fokus und Strategie

Als wir Autor*innen gefragt wurden, ob wir einen Text schreiben wollen, der die Bewegung und den Ansatz von Degrowth mit Commons in Beziehung setzt, da stellte sich für uns auch die Frage nach der strategischen Bedeutung: Dieses Projekt heißt „Degrowth in Bewegung(en)“. Würde ein Commons-Beitrag darin nicht den Eindruck erwecken, dass Commons ein Teil der Bewegungen rund um Degrowth seien? Oder ist es auch andersherum: dass Degrowth ein Teil der Bewegungen rund um Commons ist? Es ist eine Frage der Deutungshoheit, eine Frage der Rahmensetzung, der Ebenen: Welches ist Ober- und welches Querschnittthema und wozu brauchen wir diese Deutung? Wir gehen davon aus, dass eine Commons-Welt eine Welt jenseits von Wachstumszwängen wäre – doch denkt die Degrowth-Bewegung ebenso automatisch Commons mit?

Im Beitrag „Degrowth: In Bewegung, um Alternativen zu stärken und Wachstum, Wettbewerb und Profit zu überwinden“ (Burkhart et al. 2016) dieser Veröffentlichung wird die Degrowth-Bewegung unter anderem anhand der Teilnehmer*innen der Leipziger Degrowth-Konferenz 2014 charakterisiert. Darin beteiligten sich zahlreiche Menschen, die eher der „Commons-Ecke“ zuzurechnen sind. So sind im Konferenzprogramm etliche Beiträge zu Commons zu finden, und auch mehrere Plenarvorträge wurden von Commonern gehalten. Die damit einhergehende Vereinnahmung kann durchaus kritisiert werden. Es kann aber nicht ausgeschlossen werden, dass es im umgekehrten Fall ähnlich abliefe. Denn letztlich ist es aus unserer Sicht so, dass Commons und Degrowth sich in gewisser Weise gegenseitig enthalten.

Wenn Degrowth heißt, dass wir Menschen uns von den Fesseln des Wachstumszwangs befreien müssen, und wenn Commons-Aktivist*innen sich für mehr Commoning in der Welt einsetzen, dann müssen wir uns wohl folgende Fragen stellen: Von welchem Wachstum gilt es sich zu lösen? Wovon brauchen wir mehr? Wie könnte das gehen? Wer setzt sich dafür ein? Auf der Akteur*innenebene scheint es ein hohes Maß an gegenseitiger Wahrnehmung und Sympathie zu geben. Insbesondere der auf der Leipziger Konferenz stark vertretene kritische und progressive Teil der Degrowth-Bewegung scheint dabei mit dem kapitalismuskritischen Teil der Commons-Bewegung zu harmonieren. Beiden geht es darum, mit alten Mustern zu brechen, die in der Logik des heutigen Gesellschaftssystems begründet sind und bis in die (und durch die) individuellen Handlungs- und Denkgrundlagen wirken. In Degrowth-Kreisen werden Wachstumszwänge angeprangert. Die Commons-Bewegung kritisiert die Verwertungszwänge der heutigen Gesellschaft. Dass beides zwei Seiten ein und derselben Medaille sind, liegt auf der Hand.

Da sich Degrowth als wachstumskritische Gegenbewegung formierte, stand eine eigene Alternativvorstellung zunächst nicht im Zentrum der Aufmerksamkeit. Mit Commoning hingegen kann eine Welt gedacht werden, in der unsere Lebensbedingungen auf eine nicht kapitalistische Art (re)produziert werden, jenseits von Wachstumszwängen. In diesem Sinne wird Commoning bei der Formulierung einer Postwachstumsgesellschaft vielfach als integraler Bestandteil betrachtet. Vor allem die im Degrowth-Kontext häufig herangezogenen Überlegungen zu Buen Vivir (vgl. Acosta 2016(4); Muraca 2014) – dem guten Leben – weisen bemerkenswerte Ähnlichkeiten mit Commons-Ansätzen und -Prinzipien auf.

Es lassen sich jedoch auch Differenzen feststellen. Degrowth-Kreise legen den Fokus auf Resilienz und Suffizienz. Bei Commons sind diese eher implizit enthalten, als offensiv im Sinne der ökologischen Grenzen der Erde diskutiert zu werden. Aus Commons-Perspektive kann wiederum argumentiert werden, dass Teile der Degrowth-Bewegung der kapitalistischen Verwertungslogik nicht kritisch genug gegenüberstehen sowie zu sehr auf staatliche Steuerungsmechanismen setzen. In gewisser Weise handelt es sich hier sowohl um eine (auch in der Theorie angelegte) unterschiedliche Problemfokussierung als auch um eine andere Herangehensweise, was die Frage der Transformationsstrategie anbelangt.
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(4) Anmerkung der Redaktion: Dieser Text ist zur Zeit noch nicht veröffentlicht

Literatur: im Einleitungsbeitrag

Kategorien: Commons, Praxis-Reflexionen, Theorie

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4. August 2016, 06:48 Uhr   0 Kommentare

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