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Bedürfnis – und Prozessorientierung

[alle Texte der Broschüre „ich tausch nicht mehr – ich will mein Leben zurück“]

Cover der Broschüre "ich tausch nicht mehr - ich will mein Leben zurück"

Ich habe mich entschlossen, einen Text zu genau diesem Thema zu schreiben, weil es mir in meiner ganz persönlichen NK-Praxis immer wieder begegnet.

Mir scheint, NK ist als Experimentierfeld bestens geeignet, um darin auch den eigenen Bedürfnissen auf die Spur zu kommen. Die Auseinandersetzungen im Kost-Nix-Laden Schenke [1], meine Besuche auf dem Karlshof [2], die Entwicklungen rund um Ko.Sy [3], die Problemstellungen, die sich in meiner gemeinsamen Ökonomie ergeben und vieles mehr zeigt mir immer wieder auf, wie wichtig es ist, mir meiner Bedürfnisse bewusst zu sein. Denn präsent sind sie so oder so. Einfluss auf mein Handeln und Verhalten haben sie auch. Jetzt brauch ich sie mir nur noch bewusst zu machen und dann klar kommunizieren und dann noch andere in ihren Bedürfnissen wahrnehmen und dann schaun, wie das zusammen passt und schwubbs, haben wir ein großartiges Zusammensein. Wenns denn so einfach wäre, was?

Aber nochmal von vorne:

Wenn von Bedürfnisorientierung gesprochen wird, entstehen ganz unterschiedliche Bilder. Vielleicht gibt es unter jenen, die sich mit gewaltfreier Kommunikation (GFK)[4] beschäftigt haben, ein spezifischeres Bild als bei jenen, denen diese nicht geläufig ist. Denn in der GFK werden Bedürfnisse von Wünschen und von Strategien zur Bedürfnisbefriedigung abgegrenzt. Ein Bedürfnis ist in der GFK allgemein gültig und nachvollziehbar. So kann zum Beispiel ein Auto besitzen oder Party machen kein Bedürfnis sein, sondern dies wären Strategien zur Befriedigung derselben. Bedürfnisse sind zum Beispiel Anerkennung, Selbstverwirklichung oder Nahrung [5].

Diese Unterscheidung empfinde ich als wichtig, wenn es um die Diskussion rund um Bedürfnisorientierung geht [6]. Denn wenn das Bedürfnis ist, Anerkennung zu bekommen, dann kann gemeinsam überlegt werden, welche Strategien für die involvierten Personen die gangbarsten sind. Wenn es aber bereits ganz konkrete Strategien zur Befriedigung der Bedürfnisse sind, anhand derer die Auseinandersetzung stattfindet, ist ein Konsens schwerer zu finden, da sich die Strategien von Mensch zu Mensch stark unterscheiden. Dabei sind Prägung und Sozialisation von großer Bedeutung, wenn es um die Wahl von Strategien zur Befriedigung geht.[7] Bedürfnisorientierung verstehe ich demnach als eine Möglichkeit, sich anders zu organisieren, als die meisten von uns es gewohnt sind. Wenn nicht mehr ein konkretes Ziel oder eine bestimmte Leistung im Vordergrund steht, sondern die Bedürfnisse der involvierten Personen, verändert sich das gesamte Gefüge und eine grundlegende Auseinandersetzung mit den eigenen Wertvorstellungen wird möglich.

Was bedeutet also Bedürfnisorientierung in einer NK-Praxis und warum ist das wichtig?

Mir scheint, NK-Praxen bieten einen schönen Rahmen, um mit jedweder kapitalistischer Logik zu brechen und mit anderen Umgangsformen zu experimentieren. Bedürfnisorientierung ist für mich in diesem Zusammenhang eine dieser Umgangsformen, da es dabei stark um das Kommunizieren von Bedürfnissen geht. Das wiederum ist etwas, was die meisten in unserer Gesellschaft nicht gelernt haben. Aus kapitalistischer Logik wird die Befriedigung von Bedürfnissen oft als etwas wahrgenommen, was ich mir kaufen kann und aus dieser Logik heraus macht es dann Sinn, mehr zu arbeiten, um mehr Geld zu verdienen, um dieses für die Befriedigung oft scheinbarer Bedürfnisse auszugeben.

Zwar haben wir alle Bedürfnisse, aber sie zu erkennen und dann auch noch zu benennen ist für die meisten ein langer Prozess, der auch viel Zeit und Auseinandersetzung erfordert.

„Es ist nicht das Ziel oder das Produkt, das im Vordergrund steht, sondern es ist der Weg, die Bewegung und der Prozess“

Um durch einen Fokus auf Bedürfnisorientierung in NK-Projekten keine Hürde zu schaffen, die es schwieriger macht, in diesen Projekten anzukommen, finde ich die Verknüpfung von Bedürfnisorientierung mit Prozessorientierung nicht unwesentlich. Unter Prozessorientierung verstehe ich den Ansatz, alles als Prozess zu begreifen. Wenn etwas nicht als statisch und gegeben, sonders als beweglich verhandelt wird, können diese Bewegungen in unterschiedliche Richtungen laufen. Es ist nicht das Ziel oder das Produkt, das im Vordergrund steht, sondern es ist der Weg, die Bewegung und der Prozess. Das Ziel orientiert und verändert sich dabei fließend und parallel dazu. Dazu gehört es meiner Meinung nach auch, unterschiedliche Formen darin anzuerkennen und zu versuchen, andere in ihren Prozessen nicht zu bewerten. Jede Person hat eine andere Biographie und damit andere Ecken und Kanten, an denen die Prozesse beginnen und sich bewegen werden. Ich kann nicht von meinem Weg auf den der anderen schließen.

Bedürfnisorientierung stellt in diesem Zusammenhang für mich ein wichtiges Tool im Prozess mit mir selbst und mit anderen dar, kann jedoch nicht eine Voraussetzung sein, um miteinander in Kontakt zu kommen. Damit wäre die Hürde zu groß, da es eben nicht Teil einer kapitalistischen Sozialisation ist, sich mit den eigenen Bedürfnissen zu beschäftigen. Viel wichtiger scheint mir, sich gegenseitig Räume zu öffnen, um darin Bedürfnisse erkennen und ausdrücken zu lernen.

Wichtig ist dabei auch, dass sich von der Ebene des Gruppenprozesses auch wieder Erkenntnisse für die persönlichen Prozesse ergeben. Deshalb sehe ich die Möglichkeit von gegenseitigem Feedback als wesentlichen Aspekt von NK-Projekten.

Und trotzdem bleiben dabei für mich viele Fragen offen. Wenn ich mich so sehr darauf konzentriere, meine Bedürfnisse zu erkennen, wie vergesse ich dabei nicht die Ungerechtigkeiten dieser Welt, das Solidarisieren mit sozialen Kämpfen, den politischen Aktivismus, der meiner Wut über all das Ausdruck verleiht? Wie wichtig ist es denn für einen gesellschaftlichen Wandel, dass ich mich selbst verändere? Und woran erkenne ich, wann es Zeit ist, die inneren Prozesse wieder ruhen zu lassen und im Außen aktiv zu werden?

Fragen dieser Art tauchen auf, wenn ich tief eintauche in die Auseinandersetzung mit Bedürfnisorientierung. Und gleichzeitig sagt mir meine Erfahrung, dass alles seine Zeit hat, wenn ich mich an mir selbst orientiere und als die, die ich bin, in all meiner vollständigen Unvollkommenheit mutig mich bewege.

Fußnoten

Autor*innenbeschreibung:

lie*tschi: nach einer laengeren reise ins innen und im aussen ist wohl die wichtigste Erkenntnis, die mir dabei kam, dass ich die welt, wie ich sie mir wuensche schon jetzt in mir verwirklichen kann. indem ich vieles von dem verlerne, was ich bisher gelernt hab und mir die faehigkeiten aneigne, die ich als sinnvoll ansehe.

auf diesem weg waren lernorte wie die schenke, der karlshof, ko.sy, meine gemeinsame ökonomie buddies, queer-feministische theorie, anarchafeministiche ansaetze, gewaltfreie kommunikation, das anerkennen meines koerpers als wesentlicher teil meines sein und vieles mehr.

all diese unterschiedlichen station auf meinem bisherigen weg machen mich zu dem, was ich grade bin und ich bin gespannt, wo mich mein weg noch hinverschlaegt…

Kategorien: Commons, Praxis-Reflexionen

5. März 2016, 14:36 Uhr   0 Kommentare

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