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Adornos Utopie

Wenn man sich nicht ganz bei Adorno verliest, wird man viele Stellen bei dem Verteidiger des Bilderverbots finden, die zu jener Einstellung kaum zu passen scheinen. Jedoch schon in der Minima Moralia spricht er von „Fluchtlinien“ (2003b:180), die benannt werde können. Sein Bilderverbot scheint sich eher auf konkretes „Auspinseln“ zu beziehen, so im Gespräch mit Bloch:

Der folgende Text möchte einige der utopischen Fluchtlinien Adornos untersuchen.

Vorbestimmungen

Die Utopie ist eine der bestimmendsten Denkfiguren Adornos, Bezugspunkt all seines Denkens. Für sie kennt er verschiedene Bestimmungen, sicher ist jedoch, dass der Mangel, die Deprivation der Bedürfnisse überschritten werden muss. Jene Gesellschaft „ist das Interesse aller (und) einzig durch eine sich selbst und jedem Lebenden durchsichtige Solidarität zu verwirklichen“ (2003a:203f). Eine Welt, in der jeder Mensch „ohne Angst verschieden sein“ (2003b) kann und der Mensch mit sich selbst identisch wird.

Freiheit und Notwendigkeit

In einer Welt, in der individuelle Reproduktion repressiv mit gesellschaftlicher Reproduktion kurzgeschlossen ist, scheint Freiheit nur als Einsicht in die Notwendigkeit zu bestehen. Adorno erkennt hierin jedoch einen Fehler der philosophischen Tradition, „(sie) konfundiert (…) im Geist von Unterdrückung, Freiheit und Verantwortung“. Könnte sie diese falsche Identität auflösen, „so ginge diese über in die angstlose, aktive Partizipation jedes Einzelnen: in einem Ganzen, welches die Teilnahme nicht mehr institutionell verhärtet, worin sie aber reale Folgen hätte“ (2003a:261). Damit eine Gesellschaft Bestand hat gibt es Notwendigkeiten, wie Nahrungsproduktion, Kinder, etc., jene Notwendigkeiten sind jedoch auf gesellschaftlicher Ebene angesiedelt. Individuell sind sie nur durchschnittlich zwingend. Es besteht ein individueller Freiheitsraum. Jener muss organisiert, geschaffen und gesichert werden, doch sind gesellschaftliche Notwendigkeiten vereinbar mit individueller Freiheit.

Gesellschaftliche Teilnahme müsste nicht mehr zwanghaft über Geldabhängigkeit und staatliche Gängelung durchgesetzt werden, sondern könnte sich frei entfalten, selbst herstellen. Das Reich der Notwendigkeit könnte im Reich der Freiheit aufgehoben werden, da das weiterhin Notwendige nicht mehr erzwungen werden müsste. „Was gesellschaftlich, bei radikal verkürzter Arbeitszeit, an Arbeitsteilung übrigliebe, verlöre den Schrecken, die Einzelwesen durch und durch zu formen“ (2003a:275).

Jenseits von Fülle und Mangel

Die Utopie Adornos kennt keinen Mangel mehr, sie ist eine Gesellschaft unter „Bedingungen entfesselter Güterfülle“ (2003a:218), „eine Menschheit, welche Not nicht mehr kennt“ (2003a:179). Jedoch ist eben jene Erfüllung als Bestimmung unzureichend, sogar falsch. Adorno wendet sich gegen „Vorstellung vom fessellosen Tun, dem ununterbrochen Zeugen, der pausbäckigen Unersättlichkeit, der Freiheit als Hochbetrieb“ (2003b:178). Der Kommunismus kann nichts von der Betriebsamkeit der sozialistischen Produktionsdisziplin haben. Jener Absage an die „blinde Wut des Machens“ (2003b:178) gesellt sich noch eine andere Absage hinzu, jene an die immerwährende steigende Fülle des Lebens. Hier wendet sich Adorno auch gegen Vorstellungen von Reichtum als ständig fortschreitende Differenzierung und Entfaltung von Bedürfnissen:

„Die Idee einer Fülle des Lebens, auch die, welche die sozialistische Konzeptionen den Menschen verheißen, ist darum nicht die Utopie, als welche sie sich verkennt, weil jene Fülle nicht getrennt werden kann von der Gier, von dem, was der Jugendstil Ausleben nannte, einem Verlangen, das Gewalttat und Unterjochung in sich hat. Ist keine Hoffnung ohne Stillung der Begierde, dann ist diese wiederum eingespannt in den verruchten Zusammenhang des Gleich und Gleich, eben des Hoffnungslosen. Keine Fülle ohne Kraftmeierei.“ (2003a:371)

Jener Fülle, Abwesenheit von Mangel, Bedingung von Befreiung, wird eine Absage erteilt. Ziel ist nicht immer mehr Fülle und Reichtum, dieser reproduziert nur wieder die Not (vgl. 2003b:179), denn mit steigender Fülle steigen auch die Wünsche des Menschen – ein ewiger Kreislauf des Wollens. Es geht um die Befreiung von den Bedürfnissen, dem ewigen Wollen, nicht aber durch deren Abwertung, sondern deren endgültige Stillung:

„Fluchtpunkt des Materialismus wäre seine eigene Aufhebung, die Befreiung des Geistes vom Primat der materiellen Bedürfnisse im Stand ihrer Erfüllung. Erst dem gestillten leibhaften Drang versöhnte sich der Geist (…)“ (2003a:207)

Adornos Kritik und Vorhaben ist zuzustimmen, jedoch vermag er aufgrund seiner psychoanalytischen Konzeption die Versöhnung nicht zu greifen. In der Psychoanalyse ist der Mensch zuallererst ein ungesellschaftliches Wesen, welchem die Gesellschaft als Herrschaftsinstanz – gleichzeitig einzige Überlebensmöglichkeit – gegenübertritt. Jene Herrschaft wird durch Sublimierung der Triebe administriert, abgemildert. Somit ist auch Herrschaftsfreiheit nur durch weitere Triebsublimierung, Triebdifferenzierung, ewiges (neues) Wollen zu denken.

Dies erkennt Adorno als falsch, kann der Konsequenz im psychoanalytischen Theorierahmen jedoch nicht entkommen, so bleibt seine Aussage bloß Appell, leere Hoffnung. Nun ist aber der Mensch als gesellschaftliches Wesen geworden, in (gegenseitiger) Abhängigkeit von anderen, seine Natur eine gesellschaftliche. Diese Aussage impliziert keine Harmonisierung – und damit Unterordnung – des besonderen Menschen mit der gesellschaftlichen Allgemeinheit, sondern führt in der Kritischen Psychologie zur Konzeption einer gesellschaftlichen Bedürfnisgrundlage des Menschen: der Mensch möchte seine gesellschaftlichen Bedingungen mitgestalten (produktive Bedürfnisse). Dies bedeutet, dass die Bedürfnisse des Menschen nicht von der Gesellschaft in der er lebt getrennt werden können. Doch wie wir zur Gesellschaft ein bewusstes Verhältnis erringen können, können wir auch zu unseren Bedürfnissen ein bewusstes Verhältnis gewinnen. Sie müssten als Fühlbares, Wahrnehmbares nicht mehr im gegensätzlichen Schema befriedigt/unbefriedigt bleiben, sondern könnten mit Aufwand und Realisationsmöglichkeiten in Verbindung treten. In konkreten gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen können Bedürfnisse formuliert, befragt, präzisiert werden. Sie wären keine biologisierte fremde Macht mehr, sondern unsere eigene Bedürftigkeit wäre eine befragbare Basis unserer gesellschaftlicher Entscheidungen: Wieviel Erdbeeren wollen wir, und wieviel Aufwand ist uns dies wert? Vielleicht ist dies die Versöhnung von Geist und Körper, die Adorno nur metaphysisch-unbestimmt fordern kann.

Tausch und dessen Überwindung

Für mich am seltsamsten klang ein Abschnitt in der Negativen Dialektik der mit „Zur Dialektik von Identität“ überschrieben war und wohl die Grundlage darstellt warum manche Adornit*innen weder tausch-, noch geldkritisch sind:

„würde als Ideal verkündet, es solle, zur höheren Ehre des irreduzibel Qualitativen, nicht mehr nach Gleich und Gleich zugehen, so schüfe das Ausreden für den Rückfall ins alte Unrecht. Denn der Äquivalententausch bestand von alters her gerade darin, daß in seinem Namen Ungleiches getauscht, der Mehrwert der Arbeit appropriiert wurde. Annuliert man simpel die Maßkategorie der Vergleichbarkeit, so träten anstelle der Rationalität, die ideologisch zwar, doch auch als Versprechen dem Tauschprinzip innewohnt, unmittelbar Aneignung, Gewalt (…)“ (2003a:150)

Auch an anderen Stellen wird er deutlich:

„Kritik am Tauschprinzip als dem identifizierenden des Denkens will, daß Ideal freien und gerechten Tauschs, bis heute bloß Vorwand, verwirklicht werde. (…) Würde keinem Menschen mehr ein Teil seiner lebendigen Arbeit vorenthalten, so wäre rationale Identität erreicht, und die Gesellschaft wäre über das identifizierende Denken hinaus.“ (2003a:150)

Nun kann das Gesagte auf zwei Arten verstanden werden: Entweder „freier und gerechter Tausch“ ist ein bloß beschreibendes Chararkeristikum des Kommunismus, oder aber Adorno vertritt die These, eine befreite Gesellschaft bedarf des „verwirklichten“ Prinzip des Tausches als gesellschaftliches Organisationsprinzip. Meines Wissens nach gibt es bei Adorno sonst keine so klaren Stellen zum Tausch, somit ist diese Frage schwer zu klären. Wäre das erstere gemeint, dann wären diese Aussagen eine Bestimmung des Kommunismus, beispielsweise in der Hinsicht, dass niemand zurückstecken muss für ein allgemeines Ziel, dass sich über die individuellen Bedürfnisse der Menschen stellt. Kein Arbeiten für die Partei o.ä. Es wäre die Verteidigung der Freiheit und der Wahl des Einzelnen. Jedoch stellt sich hier die Frage weshalb jemand Angst haben müsste, dass ihm*ihr ein Teil der verausgabten lebendigen Arbeit vorenthalten würde, wenn wir von einer Gesellschaft der erfüllten materiellen Bedürfnisse sprechen.

Wenn nun jedoch der Tausch das gesellschaftliche Organisationsproblem werden soll, stellen sich schwere Fragen. Adornos Einstellung zur Klassentheorie war nie ganz klar, hier jedoch würde der Kapitalismus zur Ausbeutungsproblematik redigieren. Allein die Aneignung des Mehrwert scheint das Problem der verallgemeinerten Tauschwirtschaft. Er behauptet die Herrschaft wäre mit dem Ende der Ausbeutung abgeschafft. Jedoch führt Tausch zu Konkurrenz und Konkurrenz zu Profitzwang und jener zum Zwang der Ausbeutung. Verallgemeinerter Tausch setzt alle Produzent*innen in Konkurrenz, sie können ihre Sicherheit nur gegen andere durchsetzen, Profit bleibt die einzige Wahl Sicherheit in Zukunft zu erhalten. Um Profit zu gewinnen, muss das “Ideal freien und gerechten Tausches” verletzt werden, nicht sporadisch durch Betrug, sondern strukturiert durch Aneignung des Mehrprodukts der Lohnarbeit. Das Ende der Ausbeutung wäre unvereinbar mit dem Fortleben des Tauschprinzips. Zusätzlich wird mit der Beibehaltung der Tauschabstraktion die gesamte Fetischkritik, die  Verselbständigung der Verhältnisse, ausgelassen, die eben aus jener apersonalen Tauschvergesellschaftung entspringt. Keine Befreiung mit dem Organisationsprinzip Tausch.

Quellenverzeichnis

Theodor W. Adorno, 2003a: Negative Dialektik, Jargon der Eigentlichkeit, Gesammelte Schriften 6, Frankfurt/M.
Theodor W. Adorno, 2003b: Minima Moralia, Gesammelte Schriften 4, Frankfurt/M.

Kategorien: Theorie

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9. Juni 2016, 08:24 Uhr   14 Kommentare

1 Wolfram Pfreundschuh (09.06.2016, 10:06 Uhr)

„Damit eine Gesellschaft Bestand hat gibt es Notwendigkeiten, wie Nahrungsproduktion, Kinder, etc., jene Notwendigkeiten sind jedoch auf gesellschaftlicher Ebene angesiedelt. Individuell sind sie nur durchschnittlich zwingend. Es besteht ein individueller Freiheitsraum. Jener muss organisiert, geschaffen und gesichert werden, doch sind gesellschaftliche Notwendigkeiten vereinbar mit individueller Freiheit. Gesellschaftliche Teilnahme müsste nicht mehr zwanghaft über Geldabhängigkeit und staatliche Gängelung durchgesetzt werden, sondern könnte sich frei entfalten, selbst herstellen. Das Reich der Notwendigkeit könnte im Reich der Freiheit aufgehoben werden, da das weiterhin Notwendige nicht mehr erzwungen werden müsste. „Was gesellschaftlich, bei radikal verkürzter Arbeitszeit, an Arbeitsteilung übrigliebe, verlöre den Schrecken, die Einzelwesen durch und durch zu formen“ (2003a:275).“

Die politischen Verhältnisse können nicht sozial sein, solange die ökonomischen Beziehungen sich als gesellschaftliche Macht gegen die Individuen richten. Und die ökonomischen Verhältnisse können nicht wirtschaftlich sein, solange die politischen Rechte des Privateigentums ihren Zusammenhang bestimmen, solange eben, wie die Menschen ihre eigenen Lebensäußerungen nicht gesellschaftlich wiedererkennen können, weil sie diese nur gegen andere, bzw. in Konkurrenz zu anderen Menschen vergesellschaften können.

Eine Vereinigung freier Individuen zu einer freien Gesellschaft kann nicht entstehen, solange den einen zur Not gerät, was andere frei für sich sein lässt, solange diese also sich voneinander Trennen, wo sie sich im Wesentlichen ergänzen könnten. Doch in der Einheit von Notwendigkeit und Freiheit, also in der Wendung der Not durch Befreiung, durch Emanzipation des Nötigen, wird Eigentum zum wesentlichen Moment der Befreiung – nicht aus, sondern in einer Gesellschaft, die dieses bisher nur unter bestimmten Klassen von Menschen zerteilt, nur durch die Teilung der Arbeit verwirklicht hat. Die Aufhebung dieser Trennung, also die Überwindung ihrer Form als Klassengesellschaft ist die allen notwendige Voraussetzung und zugleich gegen Klassenherrschaft notwendiges Ziel dafür, dass sich die Reproduktion und Produktion des Lebens der Menschen in einer Ergänzungswirtschaft für alle gleichermaßen bereichernde gesellschaftlichen Geschichte entwickeln lässt.

Aber auch ohne Formbestimmng wird diese nicht ohne Not sein und deren Emanzipation nötig haben, wie schon die Natur sich aus der Emanzipation ihrer Notwendigkeiten überhaupt fortgebildet und ihre Intelligenz entwickelt hat. Aber sie wird die Gesellschaft sein können, in welcher die Menschen sich überhaupt durch die Fortbildung ihrer Gesellschaft vor allem selbst bilden, in dieser ihr kommunales Wesen verwirklichen können.

Was man nicht so leicht merkt ist, dass  Adorno eigentlich nur dualistisch – zwischen „falschem“ und „wahrem“ Sein – denkt, weil er die gesellschaftliche Substanz der Verhältnisse nur philosophisch, also ohne ihren Körper auffasst. Und ich denke deshalb, dass Adorno vor allem nicht begriffen hat, dass Freiheit und Notwendigkeit ihrem Begriff nach identisch, nämlich nur geschichtlich zu begreifen sind. Von daher ist sein Denken eine politische Philosophie, die lediglich ein politisches Bewusstsein kritisiert und die deshalb gar nicht in der Lage sein kann, die Kritik der politischen Ökonomie von Marx wirklich nachzuvollziehen (besonders deutlich wird das an seinem Verständnis vom Warenfetischismus).

2 Hans-Hermann Hirschelmann (12.06.2016, 18:44 Uhr)

Doch wie wir zur Gesellschaft ein bewusstes Verhältnis erringen können, können wir auch zu unseren Bedürfnissen ein bewusstes Verhältnis
gewinnen. Sie müssten als Fühlbares, Wahrnehmbares nicht mehr im
gegensätzlichen Schema befriedigt/unbefriedigt bleiben, sondern könnten
mit Aufwand und Realisationsmöglichkeiten in Verbindung treten.

In konkreten gesellschaftlichen Aushandlungsprozessen können Bedürfnisse formuliert, befragt, präzisiert werden. Sie wären keine biologisierte fremde Macht mehr, sondern unsere eigene Bedürftigkeit wäre eine befragbare Basis unserer gesellschaftlicher Entscheidungen: Wieviel Erdbeeren wollen wir, und wieviel Aufwand ist uns dies wert? Vielleicht ist dies die Versöhnung von Geist und Körper, die Adorno nur metaphysisch-unbestimmt fordern kann.

Richtig, wobei in solchen konkreten (welt-) gesellschaftlichen (kommunistischen) Aushandlungsprozessen die Bedürfnisse natürlich nicht nur formuliert, befragt und präzisiert sondern auch in Frage gestellt und gegebenenfalls  relativiert, an die Grenzen der Verallgemeinerungsfähigkeit deren Erfüllung angepasst usw. würden.

Das Bedürfnis nach Erdbeeren, deren Her- und Bereitstellung  sozial bzw. ökologisch nachhaltig ist, was natürlich einen höheren Arbeitsaufwand bedeutete, würde nicht dem Bedürfnis nach der Freiheit gleichgestellt, diese Fragen zu ignorieren.

Wie eine (öko-) kommunistische Rahmensetzung aussehen könnte verrät Kate Rawoth Douhgnut: http://www.kateraworth.com/doughnut/

3 Christian Siefkes (13.06.2016, 18:36 Uhr)

Spannend, was sich bei Adorno jenseits des Bilderverbots an utopischen Überlegungen findet! Die Idealisierung des „freien und gerechten Tauschs“ ist allerdings ziemlich irritierend. Scheinbar konnte sich Adorno keine Gesellschaft vorstellen, in dem die Arbeit aufhört, bloße Unannehmlichkeit zu sein (für die eine_n die Gesellschaft im Gegenzug angemessen entschädigen muss), sondern selbst zu etwas wird, womit man sich gut fühlt und was man gerne tut (Selbstentfaltung).

4 Mattis (13.06.2016, 18:50 Uhr)

„Meines Wissens nach gibt es bei Adorno sonst keine so klaren Stellen zum Tausch, somit ist diese Frage schwer zu klären.“

Da schreiben diese linken Philosophen Bücher über Bücher, und dann sind die einfachsten Fragen soweit verklausuliert, dass sie frei interpretierbar sind und für alles ein Hintertürchen offenbleibt.

„Es geht um die Befreiung von den Bedürfnissen, dem ewigen Wollen, nicht
aber durch deren Abwertung, sondern deren endgültige Stillung“

Das ist Buddhismus, nicht Marxismus. „Endgültige Stillung“ bedeutet hier ja offenkundig Still-Legung. Dazu bräuchte man in der Tat den Kapitalismus nicht aufzuheben.

Aber mit dem Flieger in die USA zu brausen – selbstverständlich nur für eine wissenschaftliche Konferenz – oder mit dem ICE schneller auf der Buchmesse sein – und einen PC zu Hause stehen haben und dergleichen – das alles steht aber auch für die meisten der heutigen  „Stillungs“-Fans außer Frage. Wo sie doch nur einfach den leidvollen Bedürfnis-Kreislauf zu beenden bräuchten … endgültige Stillung ganz im Stillen.

5 Mattis (13.06.2016, 21:30 Uhr)

„Wie eine (öko-) kommunistische Rahmensetzung aussehen könnte verrät Kate Rawoth Douhgnut: http://www.kateraworth.com/doughnut/“ (Hans-Hermann Hirschelmann)

Da ist von „Rahmensetzung“ die Rede. Da ich im Englischen nicht so gut bin, meine Frage: kommt bei Kate Rawoth klar heraus, ob sie gegen eine Gesellschaft mit Konkurrenz-Elementen Partei ergreift? Meine Erfahrung ist, dass die meisten linken Positionen in dieser Frage rasch einbrechen, von wortradikalen Allgemeinplätzen beginnend und endend mit der  Konzession, ohne „Wettbewerb“ – und sei es in einer Gesellschaft von ausschließlich genossenschaftlichen Betrieben – ginge „es“ dann doch nicht.

6 Hans-Hermann Hirschelmann (14.06.2016, 14:25 Uhr)

Raworth Idee der Doughnut Economics, einen Bereich innerhalb sozialer  Mindeststandards und ökologischer Grenzen zu definieren, den  menschliches Wirtschaften nicht verlassen darf, steht in keinen linken Tradition und versteht sich offenbar als eine streng auf die – wissenschaftlich zu ermittelnden – Notwendigkeiten zugeschnittene Vision. Wie das zu verwirklichen ist, ist der strategischen Phantasie der Betrachter überlassen. 

Eine (öko-)marxistische Sicht, wie ich sie sehe, ist auf die Etablierung eines einer Übergangsgesellschaft gerichtet, in der sich der Übergang zu kommunistischen Interaktionsbedingungen vollzieht. Letztere werden in dieser Perspektive nicht vorausgesetzt.

7 Guenter (14.06.2016, 20:13 Uhr)

„Etablierung einer Übergangsgesellschaft . . . , in der sich der
Übergang zu kommunistischen Interaktionsbedingungen vollzieht. Letztere
werden in dieser Perspektive nicht vorausgesetzt. „

Also Übergangsgesellschaft und Übergang, das kann nur optimistisch stimmen! Es gibt doch auch noch sozialistische Länder. Da wird bestimmt auch mal der „Übergang zu kommunistischen Interaktionsbedingungen“ erfolgen. Wichtig ist nur, dass man sich hier in seinem Glauben nicht beirren lässt! 

8 Hans-Hermann Hirschelmann (15.06.2016, 00:09 Uhr)

Es gibt doch auch noch sozialistische Länder.Da wird bestimmt
auch mal der „Übergang zu kommunistischen Interaktionsbedingungen“ erfolgen. Wichtig ist nur, dass man sich hier in seinem Glauben nicht beirren lässt!

Sie haben mich missverstanden. Für Glaubensfragen bin ich nicht zuständig.

9 Simon (15.06.2016, 11:51 Uhr)

@wolfram: Ich muss mir noch deinen ganzen Artikel zu Adorno durchlesen aus dem du wohl viel hast um alles zu verstehen, aber einige Sachen würde ich gern schon verstehen, wär cool wenn du die erklären könntest:

– „Emanzipation des Nötigen“ oder „Emanzipation ihrer Notwendigkeit“? Bedeutet Emanzipation hier nur Entwicklung im Gegebenen, Unveränderbaren. du reklamierst ja den selben Begriff für Natur- und Gesellschaftsgeschichte.

– Wie wird „Eigentum zum notwendigen Moment der Befreiung“? Es ist ja nicht Privateigentum gemeint.

– Freiheit und Notwendigkeit. Adorno hat im 1. empir. Teil der negativen Dialektik in der Auseinandersetzung mit Kant einige interessante Gedanken zur „Willensfreiheit“, wo es darum geht, das geschichtlich bis jetzt Freiheit und Notwendigkeit ident waren, aber durch Bewusstsein der Mensch darüber hinausgehen kann, es hat sich aus der Notwendigkeit, dem Zwang etwas gebildet, was darüber hinausgehen kann. Ich würde Adorno hier zustimmen, zu sätzlich weil er das materialistisch wendet und darauf verweist, dass eine andere Gesellschaft hierfür notwendig ist ..

– … deshalb verstehe ich deine Anklage der „politischen Philosophie“ nur halb, nachdem er „Kapitalismus vor allem als Formation des Bewusstseins“ begreift. Er ist Philosoph und wissenschaftliche Arbeitsteilung ist ihm wichtig, er kritisiert v.a. Bewusstseinsinhalte und glaubt auch Bewusstsein kann sich über Notwendigkeit erheben, dies ist die Möglichkeit der menschlichen Freiheit. Jedoch fundiert er seine Philosophie und Kritik immer in den materiellen Verhältnissen. Indem Artikel wirfst du Adorno auch „Manipulationstheorie“ vor, würdest du sagen, er hat einfach einen falschen Begriff kapitalistischer Herrschaft, die er allein auf personalisierte Herrschaft herunterbricht und sich damit auch „einfach“ philosophisch überwinden ließe?

lg, simon

10 Simon (15.06.2016, 11:57 Uhr)

@ Mattis:
– Still-Legung: Ich glaube auch, dass eine metaphysische Stoßrichtung hier bei Adorno durchbricht und es schlussendlich doch, v.a. um eine Befreiung des Geistes geht, nachdem der Körper versorgt ist. Dem widerspricht natürlich seine eigene Wendung der „Versöhnung von Körper und Geist“. Doch wie jene zu denken ist, ist reichlich schwer bestimmbar.

– Hintertürchen Tausch-Interpretation:
Ein Freund meinte, es gibt da noch was in der „Einleitung in die Soziologie“ wo er auch Tausch als notwendig bestimmt, ich melde mich wenn ich mehr hab. Aber ich würde sagen, die Unsicherheit ist halt eine Konsequenz des Bilderverbotsanspruchs.

11 Wolfram Pfreundschuh (16.06.2016, 14:05 Uhr)

@Simon

Ich will einzeln auf deine Einwände/Fragen eingehen:

„Emanzipation des Nötigen“ oder „Emanzipation ihrer Notwendigkeit“? Bedeutet Emanzipation hier nur Entwicklung im Gegebenen, Unveränderbaren. du reklamierst ja den selben Begriff für Natur- und Gesellschaftsgeschichte.“

Das halte ich für ein Missverständnis. Ich setze nur eine Intelligenz von natürlicher Evolution voraus, aus der die Menschen ihre Intelligenz hervorgebracht, also über sie hinaus entwickelt haben. Nur in diesem Sinn kann ich die Menschwerdung der Natur verstehen.

„Wie wird „Eigentum zum notwendigen Moment der Befreiung“? Es ist ja nicht Privateigentum gemeint.“

Eigentum meint ja ursprünglich die Form, in der sich Leben zu eigen ist. Als
notwendiges Moment der Befreiung wollte ich auf die Notwendigkeit
der Aneignung des enteigneten Lebens, wie Marx das bezeichnet hatte,
hinweisen.

„Freiheit und Notwendigkeit. Adorno hat im 1. empir. Teil der negativen Dialektik in der Auseinandersetzung mit Kant einige interessante Gedanken zur „Willensfreiheit“, wo es darum geht, das geschichtlich bis jetzt Freiheit und Notwendigkeit ident waren, aber durch Bewusstsein der Mensch darüber hinausgehen kann, es hat sich aus der Notwendigkeit, dem Zwang etwas gebildet, was darüber hinausgehen kann. Ich würde Adorno hier zustimmen, zu sätzlich weil er das materialistisch wendet und darauf verweist, dass eine andere Gesellschaft hierfür notwendig ist .“

Ich meine, dass Freiheit an sich eine bloße Abstraktion ist, dass eine
Willensfreiheit nur dann keine bürgerliche Willkür ist, wenn sie
aus einer bestimmten Not hervorgeht, also die Freiheit eben darin
hat, wie und wohin die Not gewendet wird, was also hierbei subjektiv
als Emanzipation bewusst ist (E manu cipere = sich aus fremder Hand
nehmen). 

“ … deshalb verstehe ich deine Anklage der „politischen Philosophie“ nur halb, nachdem er „Kapitalismus vor allem als Formation des Bewusstseins“ begreift. Er ist Philosoph und wissenschaftliche Arbeitsteilung ist ihm wichtig, er kritisiert v.a. Bewusstseinsinhalte und glaubt auch Bewusstsein kann sich über Notwendigkeit erheben, dies ist die Möglichkeit der menschlichen Freiheit. Jedoch fundiert er seine Philosophie und Kritik immer in den materiellen Verhältnissen. Indem Artikel wirfst du Adorno auch „Manipulationstheorie“ vor, würdest du sagen, er hat einfach einen falschen Begriff kapitalistischer Herrschaft, die er allein auf personalisierte Herrschaft herunterbricht und sich damit auch „einfach“ philosophisch überwinden ließe?“

Adorno setzt mit seinem Verständnis von einer Kulturindustrie ein Subjekt
eines „Verblendungszusammenhangs“ fest, der im Widerspruch zu
dem steht, was Marx den Warenfetischismus bezeichnet, als notwenidg
falschen Schein der Verhältnisse, wie sie sind, wenn man ihren
Zusammenhang durch die Wertformanalyse nicht begreifen kann. Wichtig
ist für mich, dass ihn
nicht die fremde Form der Verhältnisse, sondern dann nur noch das
Richtige gegen das Falsche verheddert und er sich deshalb in einer
Theorie der Falschheit in einem an sich nur dualistischen Denken, das zwar recht sinnfällig
die Phänomene eines „beschädigten Lebens“ aufgreift, um
diesem dann aber nur eine Zukunft in einem „richtigen Leben“
entgegen zu stellen. Und Zukunft ist immer unendlich, so dass seine
Begrifflichkeit immer wieder zu einem Appell an die Unendlichkeit
des Denkens gerät.

12 Wolfram Pfreundschuh (16.06.2016, 15:59 Uhr)

@Simon:Das hatte ich noch übersehen:

Er ist Philosoph und wissenschaftliche Arbeitsteilung ist ihm wichtig, er kritisiert v.a. Bewusstseinsinhalte und glaubt auch Bewusstsein kann sich über Notwendigkeit erheben, dies ist die Möglichkeit der menschlichen Freiheit. „

Nach Marx ist Bewusstsein schlicht Wissendes Sein. Daraus folgt, dass es auch nur Wissen über die Widersprüche der bürgerlichen Gesellschaft sein kann, und dass in diesen Widersprüchen ihre Überwindung steht und fällt, ganz allgemein der Widersprüche ihrer Form zu ihren Inhalten, das Wissen um die Formbestimmung des Lebens überhaupt. „Das Bewusstsein“ an sich gibt es nicht und daher auch keine Überwindung der bestehenden Verhältnisse allein durch eine Geisteskraft namens „Bewusstsein“. Aber das Wissen als Kritik der bestehenden Widersprüche kann schon dadurch revolutionär sein, dass die Menschen sich darin erkennen und daher auch die Möglichkeiten und Bedingungen ihrer Emanzipation sehen.Von daher ist das Bewusstsein zwar objektiv allein durch seine „Seineinhalte“ bestimmt, aber subjektiv von der Erkenntnis ihrer Emanzipation getragen.
„Die Forderung, das Bewußtsein zu verändern, läuft auf die Forderung hinaus, das Bestehende anders zu interpretieren, d.h. es vermittels einer anderen Interpretation anzuerkennen.“ (Karl Marx, MEW 3 S.20)
Die emanzipatorische Kraft in diesem Bewusstsein ist subjektiv die Freiheit der Erkenntnis in diesem Wissen, eben als die Erkenntnis einer Lebensbedrohung.

„Die Lebensgefahr für jedes Wesen besteht darin, sich selbst zu verlieren. Die Unfreiheit ist daher die eigentliche Todesgefahr für den Menschen.“ (K. Marx, MEW 1, 60)

13 Wolfram Pfreundschuh (17.06.2016, 10:23 Uhr)

Ich halte die Aufhebung des „Traditionsmarxismus“ und seiner Mängel bzw. Irritationen durch fehlerhafte Rezeptionen nur innerhalb der Grundeinstellungen  des Historischen Materialismus für möglich. Und da ist ja bei Adorno einiges zu finden, das gerade hiervon absehen will.
„Fluchtpunkt des Materialismus wäre seine eigene Aufhebung, die Befreiung des Geistes vom Primat der materiellen Bedürfnisse im Stand ihrer Erfüllung. Erst dem gestillten leibhaften Drang versöhnte sich der Geist (…)“ (2003a:207)

Da steckt der ganze Hintergrund einer alten (und hier erneuerten) Diskussion drin und eben auch schon eine vorweggenommene Beantwortung der scholastischen Frage der Philosophie, wie denn nun „Körper und Geist zu versöhnen“ sei.

Ich bleib da ganz bei Marx mit seinen Feuerbachthesen, wonach endlich der „Hauptmangel alles bisherigen Materialismus“ zu überwinden ist und die „Entzweiung von Körper und Geist“ eine philosophische Interpretation der Wirklichkeit ist. Sie besteht darin, „daß der Gegenstand, die Wirklichkeit, Sinnlichkeit, nur unter der Form des Objekts oder der Anschauung gefaßt wird; nicht aber als sinnlich menschliche Tätigkeit, Praxis; nicht subjektiv. Daher die tätige Seite abstrakt im Gegensatz zu dem Materialismus vom dem Idealismus – der natürlich die wirkliche, sinnliche Tätigkeit als solche nicht kennt.“  (MEW 3, Seite 5)
Und weiter:
„Die Frage, ob dem menschlichen Denken gegenständliche Wahrheit zukomme – ist keine Frage der Theorie, sondern eine praktische Frage. In der Praxis muß der Mensch die Wahrheit, i.e. die Wirklichkeit und Macht, Diesseitigkeit seines Denkens beweisen. Der Streit über die Wirklichkeit oder Nichtwirklichkeit des Denkens – das von der Praxis isoliert ist – ist eine rein scholastische Frage.“  (MEW 3, Seite 5) 
Adorno will den Historischen Materialismus durch einen philosophischen  – frei nach Kant – mit einer „rationalen Identität“ ersetzen:
„Kritik am Tauschprinzip als dem identifizierenden des Denkens will, daß Ideal freien und gerechten Tauschs, bis heute bloß Vorwand, verwirklicht werde. (…) Würde keinem Menschen mehr ein Teil seiner lebendigen Arbeit vorenthalten, so wäre rationale Identität erreicht, und die Gesellschaft wäre über das identifizierende Denken hinaus.“ (2003a:150)

Er will der bürgerlichen Ideologie von „Freiheit und Gerechtigkeit“ endlich zu einer höheren, einer philosophischen Weihe gereichen und hat damit den erzürnten Gesichter eitler Akademiker auf dem „dornenreichen Weg der Selbstverwirklichung“ einiges an „Ruhm, Glanz und Ehre“ verliehen.
Ja, da bin ich doch immer noch „Traditionsmarxist“ geblieben und denke, dass die Aufhebung des Tauschverhältnisses nur über die Aneignung des Lebens geschehen kann (nach meiner Vorstellung durch eine  Internationale Kommunalwirtschaft). Und was hierbei inhaltlich schon als „Befreiungsübungen“ z.B. über die Alternativbewegung in den 80er Jahren und jetzt über P2P gelaufen ist, mag dafür schon viel Aufmunterndes gebracht haben und ist von daher nicht abzuwerten. Das hat jedoch noch lange nicht die alles bestimmende Eigentumsfrage lösen können.

14 Annette (17.06.2016, 19:39 Uhr)

@ Hans-Hermann, danke für den Hinweis zu dem Donut-Projekt. Ich hatte gar nicht mitgekriegt, dass sich die Ergebnisse zu neueren Erkenntnissen zu Planetaren Grenzen (siehe dazu auch meine Blogseite: https://philosophenstuebchen.wordpress.com/2015/05/31/planetare-grenzen/) inzwischen zu so einem Donut-Projekt entwickelt haben. Ich denke, die Diskussion dieser Rahmenbedingungen wird immer aktueller werden…

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