Auf der Suche nach dem Neuen im Alten
Artikel drucken

„Nichtkommerzielles Wirtschaften“ Vorschlag für einen Wikipedia-Eintrag[1]

[alle Texte der Broschüre „ich tausch nicht mehr – ich will mein Leben zurück“]

Cover der Broschüre "ich tausch nicht mehr - ich will mein Leben zurück"

Mit „nichtkommerziellem Wirtschaften“ wird eine Wirtschaftsform beschrieben, die experimentell auf eine bedürfnisorientierte Praxis von Produktion und Verbrauch zielt. In diesem Experiment sollen die Anforderungen an solidarische und gleichberechtigte Verhältnisse zwischen Menschen ermittelt und ausprobiert werden. Produktion und Verbrauch sollen an Bedarf und Bedürfnissen der daran beteiligten Menschen ausgerichtet werden. Nichtkommerzielles Wirtschaften strebt nach einer Steigerung des Glücks aller Beteiligten.[3]

Beim „nichtkommerziellen Wirtschaften“ bringen Menschen Ressourcen (u.a auch Geld), Produkte und Arbeitskraft in einen definierten Wirtschaftsraum ein, ohne über die Festsetzung eines Preises eine Gegenleistung in Geld oder anderen Tauscheinheiten als Bedingung zu stellen.

Nichtkommerzielles Wirtschaften strebt nach einer Steigerung des Glücks aller Beteiligten.

Während vergleichbares Verhalten im familiären, privaten, kulturellen und sozialen Bereich als integrierter Bestandteil der Marktgesellschaft gilt, befindet sich „nichtkommerzielles Wirtschaften“ im öffentlichen Raum im Widerspruch zur Marktwirtschaft. Der Widerspruch ist von den ProtagonistInnen beabsichtigt, weil diese in den Regulativen der Markt-Gesellschaft ein systematisches Hindernis für die Entwicklung solidarischer und gleichberechtigter Verhältnisse zwischen den Menschen sehen.

Der häufig anstelle verwendete Sammelbegriff „Nichtkommerzielles Leben“ ist dagegen irreführend, weil eine umfassende, aber vereinzelte Abtrennung von der dominierenden Markt-Gesellschaft weder möglich ist – noch geeignet erscheint, auf diese Weise die Marktwirtschaft zu ersetzen.

Auf das Festsetzen und Erheben eines Preises für Produkte und Leistungen zu verzichten, stellt eine Provokation dar, welche die gewohnten und prägenden Mechanismen des Marktes durchbricht und dadurch ProduzentInnen und KonsumentInnen verunsichert. Anders auch als in einer „Schenk-Ökonomie“[4], in der die AkteurInnen sich bedingungslosen Abhängigkeiten aussetzen, verzichten Experimente „nichtkommerzieller Wirtschaft“ nicht auf die Formulierung von gemeinsamen Zielen und Bedingungen als Regulativ für Produktion und Konsumtion.

Als Bedingungen für den Start eines nichtkommerziellen Experimentes gelten:

  1. Die Bereitschaft, Arbeit, Produkte und Ressourcen in ein Experiment einzubringen, dessen Ergebnis nicht absehbar ist.
  2. Anfangsvertrauen, dass diese Bereitschaft bei den anderen TeilnehmerInnen des Experiments ebenfalls vorhanden ist als Voraussetzung dafür, dass sich Vertrauen in einem langwierigen, gemeinsamen Prozesses weiterentwickeln kann.
  3. Gemeinsam formulierte Scheiterkriterien für das Experiment und deren regelmäßige Überprüfung.
  4. Verbindlichkeit der Einzelnen in Bezug auf gemeinsam formulierte Ziele
  5. Bereitschaft zur Übernahme von Verantwortung unter Vermeidung sowohl von Hierarchien als auch von Überlastung einzelner.
  6. Gegenseitige Anerkennung der beteiligten Menschen und ihrer unterschiedlichen organisatorischen, technischen, körperlichen, sozialen und intellektuellen Eigenarten – ohne aus den Unterschieden Vorrechte egal welcher Art (weder des Verbrauchs noch der Herrschaft) abzuleiten.
  7. Bewusstsein darüber, dass Bedürfnisse, der Bedarf und die Möglichkeiten (Ressourcen) spätestens während eines Produktionsprozesses – nicht jedoch erst danach – miteinander abzustimmen sind.
  8. Auseinandersetzung mit der Entstehung von Bedürfnissen und deren Hinterfragen
  9. Entwicklung und Weiterentwicklung belastbarer Kommunikationsstrukturen und -techniken, die u.a. die Verteilung der Verantwortlichkeiten auf viele Teilnehmende unterstützen und die Herausbildung von Hierarchien vermeiden.
  10. Bereitschaft zur Selbstreflektion bei den einzelnen Beteiligten und bei der Gruppe insgesamt.
  11. Dimensionierung des Wirtschaftsraume in der Weise, dass Vertrauen zwischen den beteiligten Menschen und eine Offenheit zur Kooperation mit anderen Wirtschaftsräumen, die sich nach vergleichbaren Kriterien gebildet haben, möglich wird.

Fußnoten

Kategorien: Commons

27. Dezember 2015, 18:56 Uhr   3 Kommentare

1 Ich tausch nicht mehr – ich will mein Leben zurück — keimform.de (27.12.2015, 21:16 Uhr)

[…] Text Nichtkommerzielles Wirtschaften – Vorschlag für einen Wikipedia-Eintrag versucht sich dem Begriff von unterschiedlichen Seiten zu nähern. Im Beitrag Begriffe wird sich […]

2 Christian Siefkes (28.12.2015, 15:57 Uhr)

Guter Text!

Ein bisschen aufgestoßen ist mir allerdings die Formulierung der Zielsetzung als „Steigerung des Glücks aller Beteiligten“. Das klingt nach der utilitaristischen Maxime „Das größte Glück der größten Zahl“. Es klingt auch so, als hätte die Community versagt, wenn auch nur eins ihrer Mitglieder unglücklich ist. Aber Unglücklichsein kann ja viele Gründe haben — z.B. Liebeskummer oder Trauer nach dem Tod eines geliebten Menschen — und nicht immer ist es gewünscht oder angemessen, wenn nun andere hingehen und versuchen, diesen Zustand „abzustellen“.

Ich verstehe schon, was gemeint sein dürfte, nämlich dass es um die Bedürfnisse und das Wohlbefinden der Beteiligten geht, nicht ums Profitmachen, aber die Formulierung „Steigerung des Glücks“ finde ich trotzdem etwas unglücklich.

Interessant finde ich die Idee, sich schon vor dem eigentlichen Start eines Projekts explizit auf dessen Scheiterkriterien zu einigen. Toller Ansatz, um später feststellen zu können, ob man eigentlich noch auf dem Weg ist, denn man sich vorgenommen hatte.

Frühere alternative Ansätze, etwa die in den 1970-ern massenweise gegründeten Kooperativbetriebe, haben sich im Lauf der Zeit ja nicht selten in eine Richtung entwickelt, vor der die Projektgründer_innen wohl mit Grausen davon gelaufen wären, wenn sie das zu Beginn des Projekts gewusst hätten. Ein explizites Festlegen von „Scheiterkriterien“ kann eine solche schleichende Entwicklung womöglich verhindern, oder jedenfalls dafür sorgen, dass sie nicht unbemerkt hingenommen wird.

Ansonsten noch ein kleiner editorischer Hinweis: die im Text verlinkte Fußnote 4 gibt es nicht (kann gut sein, dass nur die Nummer verloren gegangen ist).

3 ich-tausch-nicht-mehr (29.12.2015, 22:35 Uhr)

danke. die 4 der Fußnote hat sich wieder angefunden 😉

Schreibe einen Kommentar