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Nicht erwünscht, aber erwartbar

Aus Gablers Wirtschaftslexikon, Stichwort Wirtschaft:

Ziel der Wirtschaft ist die Sicherstellung des Lebensunterhalts und, in ihrer kapitalistischen Form, die Maximierung von Gewinn und Lust mithilfe unternehmerischer Freiheit, zugleich die Erzeugung von Abhängigkeit, ob von Anbietern oder Produkten, und Wachstum, bis zum (nicht unbedingt gewünschten, aber erwartbaren) Kollaps des Systems.

Sage niemand, er/sie habe es nicht gewusst.

Kategorien: Feindbeobachtung

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5. Oktober 2015, 13:26 Uhr   6 Kommentare

1 Franz Nahrada (05.10.2015, 13:36 Uhr)

Geniale Fundsache, danke!

2 uli (05.10.2015, 17:11 Uhr)

„Ziel der Wirtschaft … in ihrer kapitalistischen Form“, deren letztes Ergebnis wäre also letztlich gerade nicht die Sicherstellung des Lebensunterhalts …“ sondern der „Kollaps des Systems.“
DIE WIRTSCHAFT wie DIE GESCHICHTE ist kein handelndes Subjekt. Subjekte sind nur Menschen, die unter vorgefundenen und von ihnen selbst (re-)produzierten bzw. veränderten Bedingungen mit je eigenen Zielen produzieren bzw. andere Menschen produzieren lassen.
In der kapitalistischen Produktion, also in der heutigen Warenproduktion überhaupt sind die unverzichtbaren Ziele der Akteure die Produktion von Wert/Mehrwert bzw. die Erlangung von Lohn. Insofern und solange dabei tatsächlich Lebensmittel produziert werden, so
ist das sowohl für die unmittelbaren Produzenten wie für die Eigentümer
der Produktionsmittel ebenso eine Begleiterscheinung beim Erreichen dieser Ziele wie die Produktion von Mitteln der direkten Vernichtung von Menschen und ihrer allgemeinen Existenzbedingungen überhaupt.

„Ziel DER Wirtschaft“ ist in jedem Falle eine Redensart, auf das Suchende nach Wegen aus dem Kapitalismus verzichten.

3 Stefan Meretz (05.10.2015, 17:21 Uhr)

„Ziel der Wirtschaft…“ bringt den Fetisch auf den Punkt.

4 Martin Siefkes (05.10.2015, 20:25 Uhr)

Ebenso erwartbar wie erwünscht, würde ich sagen 😉

5 Franz Nahrada (06.10.2015, 11:59 Uhr)

@Stefan3: Eben. Das freie Subjekt ist eben nicht Ausgangspunkt. „Die Wirtschaft“ ist dann ein teleomorpher Systemzusammenhang, der hier zur Abwechslung mal nicht beschönigend verbrämt wird.

Aber Wortverbot oder Generalverdacht (wie einen Beitrag weiter bei Silke) würd ich trotzdem nicht befürworten. Wenn jemand nach „Wirtschaft jenseits von Markt“ fragt, kann man den Systemzusammenhang präzise beschreiben. Kommunikation statt Markt.

6 Stefan Meretz (06.10.2015, 13:10 Uhr)

Teleomorph?

Wortverbote und Generalverdachte kann ich auch nicht befürworten. Wenn der Anspruch jedoch paradigmatisch ist, dann können wir nicht leichthin die alten Begriffe benutzen, in denen sich — sehr richtig — die Commons nicht fassen lassen. Mit der „Oikonomia“ versucht Silke ja schon eine Rückbindung an den „ganzen Haushalt“ wohlwissend, das wir es im Kapitalismus real mit einer Sphärenspaltung zu haben, in der Wirtschaft eben so verselbstständigt die eigene selbstreferenziellen Ziele vorgibt, wie hier im Zitat kenntlich gemacht. Da gibt es einfach keine Wirtschaft jenseits von Markt. Die Formel „Kommunikation statt Markt“ betrifft ja nicht die Wirtschaft, sondern die Vermittlung.

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