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Geht dem Kapitalismus die Arbeit aus? (Teil 2)

Smog in der Hauptstadt Südkoreas, wo der Kapitalismus noch brummt (Foto von Craig Nagy, CC-BY-SA, URL: https://www.flickr.com/photos/nagy/4336948)[Teil 1]

Entwicklung nach geschätzter Arbeitsproduktivität gewichtet

Lohoff und Trenkle (2012: 98ff) weisen in diesem Kontext darauf hin, dass produktive Arbeiter in Niedriglohnländern pro Kopf tendenziell weniger Wert produzieren als in Hochlohnländern, weil sie zumeist nicht auf dem „Stand der Technik“ produzieren, also mehr als die gesellschaftlich nötige Arbeitszeit leisten. Vielleicht lagert ein Unternehmen seine Produktion nach Asien oder Osteuropa aus und beschäftigt anschließend dreimal so viele Angestellte pro Einzelstück wie vorher, zahlt aber unterm Strich aufgrund der geringeren Lohnkosten und des Einsatzes von weniger konstantem Kapital weniger als zuvor. Dann ist der Wert seiner Waren dadurch nicht gestiegen, auch wenn in jede Ware mehr Arbeitszeit einfließt als zuvor.

Um die Entwicklung der produktiven Arbeit besser nachzuvollziehen, ist es also notwendig, diese unterschiedlichen Produktivitätsniveaus zu berücksichtigen. Allerdings handelt es sich hierbei um eine unscharfe Größe, die sich nicht exakt beziffern lässt.

Denkbar wäre als Heuristik, die durchschnittlichen Lohnniveaus in einzelnen Ländern stellvertretend für ihre Arbeitsproduktivität aufzufassen. Allerdings dürfte dies meiner Einschätzung nach die in Niedriglohnländern geleistete Arbeit systematisch untergewichten, da sich die Lohnniveaus weltweit wahrscheinlich deutlich stärker unterscheiden als die Produktivität. Wahrscheinlich werden die Kapitalistinnen in Billiglohnländern zwar nicht die allerneuesten und besten Maschinen einsetzen, die bei hohen Fixkosten verhältnismäßig wenig Arbeit einsparen – das lohnt sich nur in Ländern mit hohem Lohnniveau. Doch die letzte oder vorletzte Generation von Maschinen, die in Hochlohnländern schon eingemottet werden, dürfe (gegebenenfalls gebraucht) oft günstig genug sein, um sich auch in Billiglohnländern zu rechnen. Dazu kommt noch, dass besonders „berüchtigte“ Niedriglohnländer wie etwa Bangladesch in meiner Untersuchung gar nicht auftauchen, da ihr Bruttoinlandsprodukt zu klein ist, um für die weltweite Kapitalverwertung eine signifikante Rolle zu spielen.

Meine Einschätzung ist deshalb, dass die Arbeitsproduktivität in Billiglohnländern zwar vielleicht um 20, 40 oder 60 Prozent unter der hochindustrialisierter Länder liegt, sich aber nicht um Größenordnungen von letzter unterscheidet. Für die folgende Tabelle habe ich diese Annahme so umgesetzt, dass die Einstufung der Länder im Human Development Index (HDI) der UN zur Abschätzung der Arbeitsproduktivität herangezogen wurde. Der HDI berechnet eine Rangfolge aller Länder anhand einer Metrik, die drei Faktoren kombiniert, nämlich die durchschnittliche Lebenserwartung, die Schulbesuchsdauer sowie das Bruttonationaleinkommen pro Kopf. Die Rangfolge wird zudem in vier gleichgroße Teile (Quartile) unterteilt (vgl. Wikipedia 2014b).

Für die Auswertung habe ich die Arbeitsproduktivität aller Länder aus dem ersten Quartil („sehr hohe menschliche Entwicklung“) als ungefähr gleich eingeschätzt. Sie wird voll gezählt, also zu 100 Prozent. Dazu gehört mehr als die Hälfte der untersuchten Länder. Die Arbeitsproduktivität im zweiten Quartil wurde im Vergleich dazu auf 80 Prozent angesetzt – dies gilt für zehn Länder in der Liste, darunter China. Zu 60 Prozent wird das dritte Quartil gezählt, dem nur noch fünf Länder angehören, u.a. Indien. Aus dem vierten Quartil hat es nur ein Land in die Liste geschafft, nämlich Nigeria – seine Produktivität wird auf 40 Prozent geschätzt.

Die folgende Tabelle zeigt das Bild, das sich ergibt, wenn man die Anzahl der Beschäftigten wie beschrieben nach der geschätzten Arbeitsproduktivität gewichtet. Auch so ergibt sich insgesamt eine Zunahme der produktiven Arbeit, allerdings etwas geringer als ohne die Gewichtung, nämlich um gut 15 statt knapp 19 Prozent. Der Unterschied fällt vergleichsweise klein aus, da 60 Prozent der untersuchten Länder (24 von 40) zum ersten Quartil des HDI gehören und daher als „auf dem Stand der Technik“ produzierend eingeschätzt werden.

(2) Anzahl der Beschäftigten gewichtet nach Entwicklungsstand (HDI)
Land Jahr Summe Produktiv Gewicht Gewichtete Summe
Ägypten 1980 8147,5 60% 4888,5
2008 15934,5 60% 9560,7
Argentinien 1996 3344,5 100% 3344,5
2011 3836,0 100% 3836,0
Australien 1980 4285,5 100% 4285,5
2009 4918,0 100% 4918,0
Belgien 1980 2567,0 100% 2567,0
2011 1787,5 100% 1787,5
Brasilien 1981 35267,5 80% 28214,0
2009 50672,0 80% 40537,6
Chile 1980 2334,5 100% 2334,5
2010 4736,5 100% 4736,5
China 1987 487080,0 80% 389664,0
2002 604505,0 80% 483604,0
Dänemark 1981 1622,0 100% 1622,0
2011 1141,0 100% 1141,0
Deutschland 1991 26803,5 100% 26803,5
2011 14849,5 100% 14849,5
Frankreich 1980 15481,0 100% 15481,0
2011 10236,0 100% 10236,0
Griechenland 1981 2897,0 100% 2897,0
2011 1837,5 100% 1837,5
Groß­britannien 1980 17561,0 100% 17561,0
2011 12760,5 100% 12760,5
Indien 1994 243493,5 60% 146096,1
2010 307286,0 60% 184371,6
Indonesien 1980 44284,5 60% 26570,7
2008 75010,5 60% 45006,3
Iran 1982 3512,5 80% 2810,0
2008 14297,5 80% 11438,0
Italien 1980 15942,5 100% 15942,5
2011 8941,0 100% 8941,0
Japan 1980 40505,0 100% 40505,0
2008 33975,0 100% 33975,0
Kanada 1980 7054,5 100% 7054,5
2008 8295,5 100% 8295,5
Kolumbien 1980 11712,0 80% 9369,6
2010 12106,0 80% 9684,8
Malaysia 1980 3966,5 80% 3173,2
2010 4994,5 80% 3995,6
Mexiko 1988 21439,0 80% 17151,2
2008 24578,5 80% 19662,8
Niederlande 1981 3431,5 100% 3431,5
2011 3716,0 100% 3716,0
Nigeria 1983 19794,5 40% 7917,8
2004 32479,0 40% 12991,6
Norwegen 1980 1348,0 100% 1348,0
2011 1124,5 100% 1124,5
Österreich 1983 2364,3 100% 2364,3
2011 1767,0 100% 1767,0
Philippinen 1980 14550,0 60% 8730,0
2011 22965,0 60% 13779,0
Polen 1981 16069,0 100% 16069,0
2011 6809,5 100% 6809,5
Russland 1990 52966,5 80% 42373,2
2009 38390,5 80% 30712,4
Saudi-Arabien 1999 2430,5 100% 2430,5
2009 3307,5 100% 3307,5
Schweden 1980 2922,0 100% 2922,0
2011 2056,0 100% 2056,0
Schweiz 1980 2295,5 100% 2295,5
2011 1773,0 100% 1773,0
Singapur 1980 753,5 100% 753,5
2008 740,5 100% 740,5
Spanien 1980 9102,5 100% 9102,5
2011 7604,5 100% 7604,5
Südafrika 2000 8110,0 60% 4866,0
2011 8074,0 60% 4844,4
Südkorea 1980 11296,0 100% 11296,0
2008 13697,0 100% 13697,0
Thailand 1980 20621,5 80% 16497,2
2011 27899,0 80% 22319,2
Türkei 1982 3785,5 80% 3028,4
2011 11792,0 80% 9433,6
USA 1980 65070,0 100% 65070,0
2010 61138,0 100% 61138,0
Venezuela 1980 3086,0 80% 2468,8
2011 8146,5 80% 6517,2
Ver. Arab. Emirate 1995 742,0 100% 742,0
2008 830,8 100% 830,8
Gewichtetes Delta 115,3%

Entwicklung der Arbeitszeiten

Die bisher verwendete Statistik KILM 4 erfasst zwar die Anzahl der Beschäftigten, sagt aber nichts darüber aus, wie lange diese im Durchschnitt arbeiten. Für die Frage nach der Entwicklung der produktiven Arbeit kommt es aber auch auf die Arbeitszeiten an, schließlich erwirtschaftet eine Person, die 20 Prozent länger arbeitet, auch 20 Prozent mehr Wert (sofern alle anderen Bedingungen gleich sind). Zur Klärung dieser Frage wurde ergänzend KILM 7b herangezogen, das die durchschnittliche Jahresarbeitszeit (in Stunden) der Beschäftigten eines Landes erfasst.

Leider wird diese Kennzahl nicht nach Sektoren aufgeschlüsselt, nur der landesweite Durchschnitt in einem bestimmen Jahr wird ausgewiesen. Zudem ist KILM 7b für viele der untersuchten Länder (insbesondere Entwicklungs- und Schwellenländer) gar nicht verfügbar. Betrachtet man die folgende Tabelle, stellt man fest, dass (soweit die Statistik vorliegt) zwar fast generell ein Rückgang der Stundenzahlen feststellbar ist, aber je nach Entwicklungsstand des Landes auf unterschiedlichem Niveau. In den hochentwickelten Ländern aus dem ersten Quartil des Human Development Index ist die Arbeitszeit im Schnitt um 8,9 Prozent zurückgegangen, von 1873 auf 1706 Stunden. In den Ländern aus dem zweiten Quartil, für die diese Statistik vorliegt, beträgt der Rückgang dagegen nur 2,2 Prozent und die durchschnittliche Arbeitszeit ist deutlich länger – 1939 Stunden zu Beginn und immer noch 1896 Stunden zum Ende der Statistik.

Auch ob diese Statistik überhaupt erfasst wird, hängt sehr stark vom Entwicklungsstand ab. Fast alle untersuchten Länder aus dem ersten Quartil erfassen diese Statistik – nur in dreien von 24 fehlt sie. Dagegen fehlt sie in 40 Prozent der Länder aus dem zweiten Quartil (4 von 10). Für die untersuchten Länder aus dem dritten und vierten Quartil liegt sie generell nicht vor.

Um diese Lücken zu schließen, lässt sich der Durchschnitt aus den Ländern, wo die Arbeitszeit erfasst wird, als Schätzwert heranziehen, wobei aber der Entwicklungsstand berücksichtigt werden muss. Zur Abschätzung der fehlenden Kennzahlen für die Länder des ersten Quartils wurde daher der Durchschnitt der restlichen Ländern des ersten Quartils verwendet. Wo diese Statistik bei den Ländern des zweiten bis vierten Quartils fehlt, wurde der Durchschnitt der Länder aus dem zweiten Quartil herangezogen.

(3) Anzahl der produktiven Arbeitsstunden (Summen in Millionen)
Land Jahr Prod. Beschäftigte Pers.​stunden​/Jahr Summe prod. Std. Delta prod. Std.
Ägypten 1980 8147,5 1938,8 (2) 15797
2008 15934,5 1895,5 (2) 30204 191,2%
Argentinien 1996 3344,5 2013 6732
2011 3836,0 1820 6982 103,7%
Australien 1980 4285,5 1830 7842
2009 4918,0 1685 8287 105,7%
Belgien 1980 2567,0 1670 4287
2011 1787,5 1577 2819 65,8%
Brasilien 1981 35267,5 1796 63340
2009 50672,0 1689 85585 135,1%
Chile 1980 2334,5 2313 5400
2010 4736,5 2068 9795 181,4%
China 1987 487080,0 1938,8 (2) 944367
2002 604505,0 1895,5 (2) 1145839 121,3%
Dänemark 1981 1622,0 1632 2647
2011 1141,0 1522 1737 65,6%
Deutschland 1991 26803,5 1552 41599
2011 14849,5 1413 20982 50,4%
Frankreich 1980 15481,0 1795 27788
2011 10236,0 1476 15108 54,4%
Griechenland 1981 2897,0 2208 6397
2011 1837,5 2032 3734 58,4%
Groß­britannien 1980 17561,0 1767 31030
2011 12760,5 1625 20736 66,8%
Indien 1994 243493,5 1938,8 (2) 472093
2010 307286,0 1895,5 (2) 582461 123,4%
Indonesien 1980 44284,5 1938,8 (2) 85860
2008 75010,5 1895,5 (2) 142182 165,6%
Iran 1982 3512,5 1938,8 (2) 6810
2008 14297,5 1895,5 (2) 27101 397,9%
Italien 1980 15942,5 1859 29637
2011 8941,0 1774 15861 53,5%
Japan 1980 40505,0 2121 85911
2008 33975,0 1771 60170 70,0%
Kanada 1980 7054,5 1826 12882
2008 8295,5 1728 14335 111,3%
Kolumbien 1980 11712,0 1976 23143
2010 12106,0 1911 23135 100,0%
Malaysia 1980 3966,5 1938,8 (2) 7690
2010 4994,5 1895,5 (2) 9467 123,1%
Mexiko 1988 21439,0 2242 48066
2008 24578,5 2250 55302 115,1%
Niederlande 1981 3431,5 1553 5329
2011 3716,0 1379 5124 96,2%
Nigeria 1983 19794,5 1938,8 (2) 38378
2004 32479,0 1895,5 (2) 61564 160,4%
Norwegen 1980 1348,0 1580 2130
2011 1124,5 1426 1604 75,3%
Österreich 1983 2364,3 1720 4067
2011 1767,0 1600 2827 69,5%
Philippinen 1980 14550,0 1938,8 (2) 28210
2011 22965,0 1895,5 (2) 43530 154,3%
Polen 1981 16069,0 1988 31945
2011 6809,5 1937 13190 41,3%
Russland 1990 52966,5 1933 102384
2009 38390,5 1973 75744 74,0%
Saudi-Arabien 1999 2430,5 1873,2 (1) 4553
2009 3307,5 1705,9 (1) 5642 123,9%
Schweden 1980 2922,0 1517 4433
2011 2056,0 1644 3380 76,3%
Schweiz 1980 2295,5 1805 4143
2011 1773,0 1632 2894 69,8%
Singapur 1980 753,5 1873,2 (1) 1411
2008 740,5 1705,9 (1) 1263 89,5%
Spanien 1980 9102,5 1912 17404
2011 7604,5 1690 12852 73,8%
Südafrika 2000 8110,0 1938,8 (2) 15724
2011 8074,0 1895,5 (2) 15304 97,3%
Südkorea 1980 11296,0 2864 32352
2008 13697,0 2246 30763 95,1%
Thailand 1980 20621,5 1938,8 (2) 39982
2011 27899,0 1895,5 (2) 52883 132,3%
Türkei 1982 3785,5 1943 7355
2011 11792,0 1877 22134 300,9%
USA 1980 65070,0 1813 117972
2010 61138,0 1778 108703 92,1%
Venezuela 1980 3086,0 1743 5379
2011 8146,5 1673 13629 253,4%
Ver. Arab. Emirate 1995 742,0 1873,2 (1) 1390
2008 830,8 1705,9 (1) 1417 102,0%
Summe Anfangsjahr 1240039,8 2393861
Endjahr 1471008,8 2756268 115,1%

(1) Durchschnitt der Länder aus dem 1. Quartil des HDI
(2) Durchschnitt der Länder aus dem 2. Quartil des HDI

Die obige Tabelle 3 zeigt die Entwicklung der produktiven Arbeitsstunden, also die Anzahl der produktiv Beschäftigten multipliziert mit der durchschnittlichen Arbeitszeit pro Jahr. Auch hier ergibt sich noch eine leichte Zunahme der produktiven Arbeit um etwa 15 Prozent. Im Vergleich zur Zunahme der produktiven Beschäftigten fällt der Anstieg etwas geringer aus, weil die Arbeitszeit pro Person im Durchschnitt fast überall gesunken ist. Warum das so ist, wird von den Statistiken nicht erfasst, doch dürfte es mehr daran liegen, dass sich Teilzeitstellen und prekäre Jobs mit nur temporärer Beschäftigung verbreitet haben, und weniger an erfolgreichen Kämpfen der Arbeiterklasse für mehr Freizeit.

Die in Tabelle 3 dargestellten Zahlen lassen sich mit der Gewichtung aus Tabelle 2 kombinieren, um die unterschiedlich eingeschätzte Arbeitsproduktivität einzubeziehen. Im Ergebnis ergibt sich ein Wachstum der gemäß Entwicklungsstand (HDI) gewichteten produktiven Arbeitsstunden um nur noch 11,6 Prozent.

Diskussion

Unabhängig davon, welche der ermittelten Kennzahlen man verwendet: die produktive Arbeit ist in den letzten 30 Jahre gewachsen, nicht gefallen. Haben Lohoff und Trenkle (2012) also unrecht? In einem absoluten Sinne kann tatsächlich nicht die Rede davon sein, dass dem Kapital „die Arbeit ausgeht“. Betrachtet man die Entwicklung der produktiven Arbeit relativ zur Zunahme der Weltbevölkerung, ergibt sich ein anderes Bild. Im Jahr 1983 (dem durchschnittlichen Anfangsjahr der Untersuchung) lebten 4690 Millionen Menschen, 2010 hingehen 6840 Millionen (World Population Statistics 2014) – eine Zunahme um 46 Prozent. Im Vergleich dazu nimmt sich der Zuwachs der produktiven Arbeit um knapp 12 bis 19 Prozent (je nach Berechnungsmethode) sehr bescheiden aus.

Intuitiv könnte man erwarten, dass die produktive Arbeit ähnlich stark wie die Weltbevölkerung wächst. Schließlich stellen neue Menschen einerseits Arbeitskräfte dar (sofern sie ein Unternehmen profitabel einsetzen kann) und andererseits Konsumentinnen (sofern sie über Geld verfügen, was wiederum von der Verwertbarkeit ihrer Arbeitskraft abhängt). Dass die produktive Arbeitskraft so viel schwächer gewachsen ist als die Weltbevölkerung, weist also darauf hin, dass sich das Kapital tatsächlich schwertut, neue Verwertungsmöglichkeiten zu finden. An Arbeitskräften fehlt es nicht, also muss es wohl an Wachstumsmärkten mangeln, auf denen die zusätzlichen Arbeitskräfte produktiv genutzt werden könnten.

Oder vielleicht mangelt es gar nicht an Verwertungsmöglichkeiten, sondern an Kapital? Vielleicht verkonsumieren die Kapitalisten den Großteil ihres neu gewonnen Kapitals lieber, statt es in produktive Unternehmungen zu stecken? Diese Erklärung des langsamen Anstiegs der produktiven Arbeit – über 27 Jahre gemittelt, lediglich 0,6 Prozent (Beschäftigtenzahlen, ungewichtet) bzw. 0,4 Prozent (Arbeitsstunden, gewichtet) pro Jahr – ist zwar denkbar, erscheint aber wenig plausibel.

Lohoff und Trenkle (2012: 68) weisen darauf hin, dass es seit der unter Margaret Thatcher und Ronald Reagan begonnenen Liberalisierung der Finanzmärkte zu einer massiven Kapitalverschiebung von der „Realwirtschaft“ in die Finanzsphäre kam. Während vorher beide Bereiche in vergleichbaren Umfang wuchsen, hat sich seitdem die „Finanzindustrie“ von der Realwirtschaft scheinbar abgekoppelt und ein Vielfaches an Kapital gebunden. Die Liberalisierung der Finanzmärkte ist dabei ihrer Ansicht nach nicht eigentlicher Auslöser dieser Entwicklung. Vielmehr eröffnete sie dem Kapital, das sich in der „Realwirtschaft“ zunehmend schwertat, profitable Anlagemöglichkeiten zu finden, einen zumindest temporären Ausweg. An Kapital hat es also nicht gefehlt, nur floss es großteils nicht in realwirtschaftliche Unternehmen, sondern in Finanzprodukte. In der Finanzsphäre allein wird allerdings kein Wert geschaffen, obwohl sie durch Kredite an Konsumenten, Produzenten und Staaten die „Realwirtschaft“ ankurbeln und damit zur Zunahme der Wertverwertung beitragen kann.

Darauf, dass es nicht an Kapital, sondern an erfolgversprechenden Verwertungsmöglichkeiten fehlt, deutet auch hin, dass sich die Zentralbanken in den USA und Europa seit Jahren weitgehend vergeblich darum bemühen, die Wirtschaft durch die Vergabe von Krediten zu Niedrigstzinsen wieder „in Gang zu bringen“:

Die Firmen wollen gar keine Kredite – denn sie wissen nicht, wie sie das Geld investieren sollen. Die Autoren [des Buches The House of Debt, Atif Milan und Amir Sufi] behaupten das nicht einfach, sondern sie stützen sich auf bislang nicht analysierte Daten von Städten und Gemeinden, die sie in akribischer Arbeit aufgedröselt haben. (Münchau 2014)

Zwar geht dem Kapital nicht im absoluten Sinne die Arbeit aus, doch an produktiven Verwertungsmöglichkeiten scheint es sehr wohl zu mangeln. Insofern haben Lohoff und Trenkle (2012) ihre These zwar etwas zu hart formuliert, doch im Vergleich zur von Heinrich (2007) postulierten tendenziell unendlichen Ausdehnungsfähigkeit des Kapitalismus scheinen sie der Wahrheit näher zu kommen.

Nicht berücksichtigt wurde für diese Untersuchung zudem die von Lohoff und Trenkle (2012: 244f) vertretene sogenannte „Universalgüterthese“, derzufolge Softwareentwicklerinnen und andere Produzentinnen von Informationsgütern überhaupt keinen Wert produzieren. Begründet wird dies damit, dass sie keine besondere Privatarbeit verrichten (die in eine einzelne Ware fließt), sondern allgemeine Arbeit (die tendenziell allen zugute kommt und nur durch Monopolprivilegien – „geistiges Eigentum“ – mühsam privatisiert und zu Geld gemacht werden kann). Zwar ist die Universalgüterthese meiner Ansicht nach durchaus plausibel, doch ist sie heiß umstritten (vgl. Lohoff (2007) vs. Kurz (2008)) und dürfte auch unter Marxistinnen nur von einer kleinen Minderheit akzeptiert werden.

In dieser Arbeit bin ich konservativ vorgegangen und habe die Informations- und Kommunikationstechnologien (Sektor J in ISIC Rev. 4) generell als wertproduktiv eingestuft. Würde man die Wissensproduktion dagegen als „wertlos“ (nicht wertproduktiv) einstufen, würde der Zuwachs der produktiven Arbeit in den letzten 30 Jahren wahrscheinlich nochmal um einiges kleiner ausfallen, da dieser Sektor stark an Bedeutung gewonnen hat.

Literatur

Anhang

Die untersuchte Zeitspanne wurde in allen Ländern so groß wie möglich gewählt. Die zur Entwicklung der Beschäftigtenzahlen herangezogene Statistik basierte im Anfangsjahr normalerweise auf Version 2 der ISIC-Klassifikation, im Endjahr auf Version 4. Ausnahmen sind im Folgenden dokumentiert.

  • Mehrere Länder verwendeten im letzten verfügbaren Jahr noch ISIC Rev. 3: Ägypten, Brasilien, Indonesien, Iran, Japan, Kanada, Mexiko, Philippinen, Südkorea, Thailand.
  • Einige Länder verwendeten sowohl im Anfangsjahr als auch im Endjahr ISIC Rev. 2: Chile, Kolumbien, Nigeria, Südafrika, Venezuela.
  • Einige Länder verwendeten sowohl im Anfangsjahr als auch im Endjahr ISIC Rev. 3: Indien, Russland, Saudi-Arabien, Vereinigte Arabische Emirate.
  • Argentinien: für das erste Jahr (1996) wurde ISIC Rev. 3 verwendet. Die für frühere Jahre ausgewiesenen Daten beziehen sich nur auf den Großraum Buenos Aires und sind daher nicht vergleichbar.
  • China: ISIC Rev. 2 wurde auch für das letzte Jahr (2002) verwendet. Die für spätere Jahre ausgewiesenen Daten basieren auf Rev. 3, beziehen sich aber nur auf städtische Gebiete und sind daher nicht mit den zuvor erhobenen Statistiken vergleichbar.

Die in den originalen KILM-4-Tabellen enthaltenen Beschäftigtenzahlen sind in Tausend mit einer Nachkommastelle, also auf 100 Beschäftigte genau. Beim Zusammenzählen mehrerer Sektoren für die in Tabelle 1 gezeigten Beschäftigtenzahlen habe ich der Einfachheit halber im Regelfall auf ganze Zahlen gerundet, also auf Tausend genau. Nur wenn die Summe auf ,5 endete, habe ich sie direkt übernommen, um größere Rundungsungenauigkeiten zu vermeiden. Wo die gezeigten Zahlen nur einen einzigen Sektor betreffen (nämlich den einzig unproduktiven Sektor 8 aus ISIC Rev. 2), habe ich dessen Zahl ohne Rundung übernommen.

In mehreren Ländern beziehen sich die für Tabelle 3 verwendeten Statistiken zur durchschnittlichen Arbeitszeit pro Person (KILM 7b) auf andere Jahre als die ISIC-Daten zur Beschäftigtenzahl, weil diese Kennzahl nicht in allen Jahren erhoben wurde. Da der verglichene Zeitraum dadurch tendenziell etwas verkürzt wurde, wäre der im Durchschnitt festgestellte Arbeitszeitrückgang mit weniger lückenhaften Statistiken wahrscheinlich noch ein wenig stärker ausgefallen.

  • Argentinien: Anfangsjahr 1995
  • Belgien: Anfangsjahr 1983
  • Brasilien: Anfangsjahr 1990, Endjahr 1999
  • Chile: Anfangsjahr 1996
  • Griechenland: Anfangsjahr 1983
  • Mexiko: Anfangsjahr 1991 – eine für 1990 angegebene Zahl erschien mir nicht vertrauenswürdig, da sie aus einer anderen Quelle stammt als die in den Folgejahren ausgewiesenen Kennzahlen und sehr viel niedriger ausfällt.
  • Polen: Anfangsjahr 2000 (statt 1981!)
  • Russland: Anfangsjahr 1992
  • Schweiz: Endjahr 2010
  • Venezuela: Anfangsjahr 1997, Endjahr 1999 (!)

Kategorien: Arbeit & Freiheit, Feindbeobachtung, Theorie

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26. März 2015, 08:19 Uhr   20 Kommentare

1 Wolfram Pfreundschuh (26.03.2015, 10:01 Uhr)

Wenn man mal Wert und Mehrwert auf das zurückführt, was Marxens Analyse dazu erbracht und in der Aufteilung des Arbeitstags dargestellt hat, so gibt das Verhältnis von bezahlter zu unbezahlter Arbeit die Verwertungslage der Arbeit wider und also die Produktivität des angewandten Kapitals. Produktivität besagt also nur, wieviel Mehrwert der Arbeitstag erbringt.

Von daher ist es aber nicht möglich, die Produktivität der einzelnen Länder überhaupt mit einem übernationalen Querschnitt der Lebensstandards ihrer einzelnen Produktionsanteile zu vergleichen, da jedes Land seine bezahlte
Arbeit an der Zirkulation der landesweit kaufbaren Lebensmittel zu bemessen hat. Wo z.B. eine Arbeitskraft mit 1 Dollar pro Tag seine Nahrung und Unterkunft bezahlen kann, da betreibt vor allem der Devisenhandel die Verwertung im Verkauf ihrer Produkte in einem Land, wo der Lebensunterhalt pro Tag 100 Dollar kostet.

Und der Devisenhandel macht eine wesentliche Grundlage des Finanzkapitals und seiner Derivatgeschäfte, bei dem die organische Zusammensetzung des Kapitals ziemlich gleichgültig geworden ist. Die mit der Globalisierung vollzogene Unterwerfung der Nationalstaaten unter dass Diktat des internationalen Kapitals hat dazu geführt, dass das Wertverhältnis durch die Abhängigkeit der Nationalwirtschaften von der Weltwirtschaft bestimmt wird und somit mit deren Verarmung auch immer profitabler wird.

Die ökonomische Abhängigkeit erbringt daher auch zunehmend mit der politischen Gewalt, die in den Nationalstaaten gegen die Lebensverhältnisse ihrer Bevölkerung aufgebracht wird, einen internationalen Mehrwert.

Deine Schlussfolgerung

„Zwar geht dem Kapital nicht im absoluten Sinne die Arbeit aus, doch an
produktiven Verwertungsmöglichkeiten scheint es sehr wohl zu mangeln“

ist insofern nicht ganz richtig und trifft höchstens auf einzelne nationale Realwirtschaften zu. Die Verwertungsmöglichkeiten des internationalen Kapitals wachsen mit den wirtschaftlichen Abhängigkeiten enorm, weil sie nur noch auf reinen Eigentumstitel beruhen und sich z.B. in Gentrifizierung und dem Handel mit Staatsanleihen auswirken.

Wieweit sich Investitionen Mehrwert bildend auswirken, hängt also davon ab, inwieweit sie die Abhängigkeit der Menschen und Nationen von ihrer Wirtschaftskraft verschärfen. Und das geht eben auch damit, dass deren Niedergang profitabel ist. Die Einstufung der „Informations- und Kommunikationstechnologien“ kann statistisch daher weder „wertproduktiv“ noch „wertlos“ kategorisiert werden. Deren Potenzial ist ihr Einfluss auf die
jeweilig betroffene Wirtschaftskraft – entweder als unmittelbar produktive
Erfindung oder als Bestärkung der Konsumtion oder als Zeiteintreiber
beim Derivatenhandel – oder eben auch als Illusionstechnologie für aparten Kulturkonsum oder „produktive“ Zwischenmenschlichkeit.

2 Geht dem Kapitalismus die Arbeit aus? (Teil 1) — keimform.de (27.03.2015, 12:31 Uhr)

[…] [Teil 2 – dort ist auch das Literaturverzeichnis zu finden.] […]

3 Christian Siefkes (27.03.2015, 14:36 Uhr)

@Wolfram:

Produktivität besagt also nur, wieviel Mehrwert der Arbeitstag erbringt.

Nein, Produktivitätssteigerungen können zwar einer Steigerung der Mehrwertrate führen. Aber im Texte beziehe ich mich nicht auf den Mehrwert, sondern auf die Frage, wie viel Arbeit (lebendige wie tote) aufgewandt werden muss, um bestimmte Gebrauchswerte herzustellen. Je weniger Arbeit in einen bestimmten Gebrauchswert (z.B. einen Fernseher) im Durchschnitt fließt, desto höher die Produktivität.

In Ländern, wo der Lebensunterhalt wenig kostet und die Arbeiter_innen daher niedrige Löhne erhalten, kann es sich das Kapital leisten, unproduktiver zu sein als anderswo. Dann wird für einen Fernseher zwar mehr Arbeit aufgewendet als in einem Hochlohnland, aber da so wenig für die Arbeitskräfte bezahlt werden muss, sind die Kosten für den Unternehmer („Kostpreis“ bei Marx) geringer als sie im Hochlohnland wären.

4 Wolfram Pfreundschuh (27.03.2015, 16:56 Uhr)

@Christian #3:

„Aber im Texte beziehe ich mich nicht auf den Mehrwert, sondern auf die
Frage, wie viel Arbeit (lebendige wie tote) aufgewandt werden muss,
um bestimmte Gebrauchswerte herzustellen. Je weniger Arbeit in einen
bestimmten Gebrauchswert (z.B. einen Fernseher) im Durchschnitt
fließt, desto höher die Produktivität.“

Du übergehst hier einfach, dass Wert sich aus Arbeit ergibt, und der
Gebrauchswert sich im Warentausch darstellt, also auf den Preis der Waren bezogen ist. Durch die Ware Arbeitskraft wird ein Gegensatz von notwendiger Arbeit und produktiver Arbeit erzeugt.

Marx schreibt hierzu an vielen Stellen (besonders in Theorien über den
Mehrwert) ähnlich wie hier:

„Der Ausdruck, dass produktive Arbeit solche Arbeit ist, die sich unmittelbar mit Kapital austauscht, … schließt dies ein:
1. das Verhältnis von Geld und Arbeitsvermögen als Waren
gegeneinander, Kauf und Verkauf zwischen dem Geldbesitzer und dem
Besitzer des Arbeitsvermögens;
2. die direkte Unterwerfung der Arbeit unter das Kapital;
3. die reelle Verwandlung der Arbeit in Kapital im Produktionsprozess
oder, was dasselbe ist, die Schöpfung des Mehrwerts für das
Kapital. Es findet zweierlei Austausch von Arbeit und Kapital statt.
Der erste drückt bloß den Kauf des Arbeitsvermögens und daher in
Wirklichkeit der Arbeit und daher ihres Produkts aus. Der zweite die
direkte Verwandlung lebendiger Arbeit in Kapital oder ihre
Vergegenständlichung als Verwirklichung des Kapitals.“ (Karl Marx, MEW 26.1, Seite 375)

Die ganze Marxsche Argumentation in den drei Bänden des Kapitals entfaltet den Gegensatz vom Wert der Arbeit und dem Preis der Arbeit als Verhältnis von Produktion und Zirkulation der Waren. Dies erzeugt zwischen der Wertproduktion und der Warenkonsumtion eine zunächst unauflösbare Tendenz zwischen produktiver (Mehrwert bildener) Arbeit und notwendiger (reproduktiver) Arbeit der Menschen.

„Der letzte Grund aller wirklichen Krisen bleibt immer die Armut und
Konsumtionsbeschränkung der Massen gegenüber dem Trieb der
kapitalistischen Produktion, die Produktivkräfte so zu entwickeln,
als ob nur die absolute Konsumtionsfähigkeit der Gesellschaft ihre
Grenze bilde.“
(Karl Marx, MEW, Bd. 25, S. 501).

Die Unmöglichkeit einer wertadäquaten Preisbildung der Produkte treibt
den unrealisierten Mehrwert schließlich zur Verselbständigung des Kapitalwerts im Finanzkapital.

Wo in einem Land Waren produziert werden, die in einem anderen konsumiert werden, trennt sich der Reproduktionspreis vom Produktwert in einen nationalen Unterschied der Devisenwerte, der in einem anderen Land erst den Mehrwert einzieht als dort wo er erzeugt wurde. Das macht schließlich die Verarmung der produktiven Länder aus, die sich beim Finanzkapital zunehmend verschulden.

Von daher ist es nur eine nette Vorstellung, wenn du schreibst:

In Ländern, wo der Lebensunterhalt wenig kostet und die Arbeiter_innen
daher niedrige Löhne erhalten, kann es sich das Kapital leisten,
unproduktiver zu sein als anderswo.“

5 Andreas Exner (28.03.2015, 22:54 Uhr)

Danke lieber Christian für die spannende empirische Darstellung! Ich hätte sowas der Tendenz nach auch vermutet. Die Krisentheorie von Krisis-Exit fand ich schon vor geraumer Zeit unterbestimmt und nicht gut argumentiert. Damals brachte mir das einige Häme und Unverständnis ein. Der erste mehr skizzenhafte Text zu einer Hinterfragung der Krisis-Exit-Krisentheorie erschien 2008 im Blog: http://www.social-innovation.org/?p=927 – später dann in verbesserter und eingedampfter Argumentation in den Streifzügen: http://www.streifzuege.org/2009/krise-der-produktivitaet-grenzen-des-wachstums

Auf einer grundsätzlichen Ebene würde ich zu deinem Text anmerken, dass m.E. durchaus auch die Investitionslaune der Kapitalisten zurückgegangen ist bzw. sich verändert hat (weg von Realinvestitionen), das hat denke ich mit einer Veränderung der kapitalistischen Subjektivität zu tun. Ein wichtigerer Punkt aber ist die Frage ob du nicht unterkonsumtionstheoretisch argumentierst; das würde mich nicht überzeugen. Das Kapital realisiert den Mehrwert immer auf Basis von Investitionsnachfrage, nicht auf Basis von Konsum. Zu geringer Konsum kann daher nicht der Grund einer Krise der Verwertung sein. Im Gegenteil: den Konsum zu beschränken vergrößert den Mehrwert, was ja auch durchaus zutreffenderweise die typische Krisenpolitik der Kapitalistenklasse darstellt; und das verbessert ceteris paribus die Profitrate, was ceteris paribus zu vermehrten Investitionen Anlass gibt, was die Möglichkeiten der Realisierung des Mehrwerts als Profit ausweitet. Der Konsum geht m.E. allerdings als ein Element und je nach Ökonomieauffassung der Kapitalisten in die Erwartungen hinsichtlich der Entwicklung der Profitrate und daher in das eigene Investitionsverhalten ein. Zum Keynesianismus tendierende Kapitalisten könnten sich von verbesserten Konsummöglichkeiten eine verbesserte Profitabilität erwarten und daher mehr zu investieren beginnen.

6 Christian Siefkes (30.03.2015, 16:12 Uhr)

@Andreas:

Danke für den Hinweis auf deinen Streifzüge-Artikel, den ich aber erst noch lesen muss. Was die Krisentheorie von Krisis-Exit betrifft, versuche ich ja gar nicht, die zu ersetzen, sondern lediglich nachzuvollziehen, wie viel da dran ist. Wobei ich anhand der empirischen Ergebnisse sagen würde, dass es zwar nicht zu einem absoluten „Abschmelzen der Wertmasse“ kommt, aber schon einiges auf eine systematische und dauerhafte Verwertungskrise hindeutet.

Auf einer grundsätzlichen Ebene würde ich zu deinem Text anmerken, dass m.E. durchaus auch die Investitionslaune der Kapitalisten zurückgegangen ist bzw. sich verändert hat (weg von Realinvestitionen), das hat denke ich mit einer Veränderung der kapitalistischen Subjektivität zu tun. Ein wichtigerer Punkt aber ist die Frage ob du nicht unterkonsumtionstheoretisch argumentierst; das würde mich nicht überzeugen.

Ich argumentiere an der Stelle gar nicht, ich versuche nur nachzuvollziehen, was geschieht. Wenn es eine systematische Verwertungskrise gibt, das Kapital also nicht genügend produktive Anlagemöglichkeiten findet — wovon ich aufgrund des sehr langsamen Ansteigens der produktiven Arbeit ausgehen würde — dann deutet das aber natürlich tatsächlich auf ein Unterkonsumtions-Problem hin: aus irgendeinem Grund scheint das Kapital nicht genügend Warenarten zu finden, die es profitabel verkaufen kann, also muss es an willigen und zahlungsfähigen Konsumentinnen fehlen.

Aber warum ist das so? Ich gebe zu, für mich ist das bis auf Weiteres auch ein gewisses Mysterium, denn ich kenne ja sehr wohl Marx‘ Reproduktionsschemata aus dem 2. Kapitalband, wo er zeigt, dass eine ständig wachsende erweiterte Reproduktion unter gewissen Bedingungen möglich ist. Jedenfalls solange das Kapital noch Arbeitskräfte und Natur vorfindet, die es ausbeuten kann, und beides scheinen mir momentan noch nicht die Grenzen zu sein, an denen der Verwertungsprozess scheitert (bislang scheint mir eher die Natur am Kapitalismus zu scheitern als umgekehrt).

Woher kommt also die Verwertungskrise (wenn es eine gibt), was ist in der Realität anders als in den Marx’schen Reproduktionsschemata? Ich habe eine denkbare Erklärungsidee, aber mehr als eine Idee ist es bislang nicht, man müsste das mal noch systematisch durchdenken und -rechnen. Aber mal als Skizze: Marx geht davon aus, dass jeweils ein bestimmter Prozentsatz des neu hinzugekommen Kapitals akkumuliert wird, der Rest wird von den Kapitalistinnen konsumiert. Sowohl kapitalistischer Konsum als auch Akkumulation nehmen also Jahr für Jahr zu. Und aus dem Akkumulationsfonds werden wiederum die Arbeiter und Produktionsmittel bezahlt, die für die Ausweitung der Produktion hinzukommen müssen. Produziert wird also für (a) den Arbeiterkonsum, (b) den kapitalistischen Konsum und (c) Erneuerung und Neuerstellung von Produktionsmitteln, und alle drei Bereiche wachsen Jahr für Jahr.

Aber was, wenn die Kapitalistinnen der Meinung sind, sie leben schon auf hinreichend großem Fuß, und sie den kompletten Wertzuwachs akkumulieren statt einen Teil in die Ausweitung ihres eigenen Konsums zu stecken? Wer kauft dann die zusätzlich produzierten Waren? Ein Teil geht an die zusätzlich benötigen Arbeiter und ein Teil an die zusätzlich benötigten Produktionsmittel. Aber damit kann unmöglich das ganze Neuprodukt aufgebraucht sein, denn dann wäre ja kein Mehrwert erwirtschaften worden, und Produktion ohne Mehrwert macht im Kapitalismus keinen Sinn. Also wohin geht der Rest an Produkten, der dem Mehrwert entspricht? Wenn die Kapitalisten sich weigern, mehr zu konsumieren, scheint mir, dass er wahrscheinlich unverkäuflich bleibt. Und deshalb kommt es zur Verwertungskrise, weil die Kapitalistinnen natürlich vorausschauend genug sind, Waren die sie für unverkäuflich halten, erst gar nicht zu produzieren — und dann stellt sich eben sehr dringend die Frage: wohin mit dem zusätzlichen Geld, das verwertet werden will, aber nicht verwertet werden kann??

Wobei zu beachten ist, dass selbst wenn der kapitalistische Konsum wertmäßig stagniert, er gebrauchswertmäßig sehr wohl zulegen kann. Denn dafür sorgen ja Produktivkraftsteigerungen, dass derselbe Gebrauchswert anschließend einen geringeren Wert repräsentiert, so dass eine gleichgroße Wertmenge hinterher einer größeren Masse von Gebrauchswerten entspricht. Die Kapitalisten können also sehr wohl Jahr für Jahr luxuriöser leben als zuvor, selbst wenn ihr Konsum wertmäßig gleich bleibt oder nur langsam ansteigt.

Das ist im Moment die im Grunde einzige Erklärung für die Verwertungskrise, die ich mir vorstellen kann und die mir halbwegs plausibel vorkommt — aber wie gesagt, man müsste das alles noch systematisch prüfen, ob es wirklich hinhaut.

7 Wolfram Pfreundschuh (01.04.2015, 12:15 Uhr)

@ Christian:

„Zwar geht dem Kapital nicht im absoluten Sinne die Arbeit aus, doch an
produktiven Verwertungsmöglichkeiten scheint es sehr wohl zu
mangeln. Insofern haben Lohoff und Trenkle (2012) ihre These zwar
etwas zu hart formuliert, doch im Vergleich zur von Heinrich (2007)
postulierten tendenziell unendlichen Ausdehnungsfähigkeit des
Kapitalismus scheinen sie der Wahrheit näher zu kommen.“

Nimm noch hinzu, dass auch Norbert Trenkle in seinem Buch „Die große Entwertung“ von einer Verselbständigung der Eigentumstitel gegen die Produktion spricht. Und dann muss man sich fragen, welchen Zweck die Mehrwertproduktion überhaupt noch haben kann, wenn sie de facto nur noch eine der drei Klassen (Arbeiter, Kapitalisten und Grundbesitzer) bedient: Die Eigentümer von stofflichen Lebensbedingungen (Ressourcen, Grund- und Boden usw.). Das würde erklären, dass sie Arbeit nicht schwindet, aber der Zwang zur Lohnarbeit nicht mehr ökonomisch vermittelt wird, sondern vor allem durch politische Gewalt bestimmt ist und der Zwang zur Arbeit auf diesem Gleis durch verstärkten Lohnabzug (Steuern, Renten, Ersparnisse u.ä.) im Nachhinein der Produktion verstärkt wird.

Dann bleibt nach meiner Auffassung doch nur ein Schluss (jetzt mal ganz verdichtet formuliert): Die Produktion muss einen Wert erzeugen, der
überhaupt nur noch den Wertverlust des Geldes ausgleichen soll, den
es – im fiktiven Kapital angelegt – notwendig erfährt, wo keine Anwendung mehr möglich ist, und kein „Frischgeld“ mehr erzeugt wird. Der wird dann durch einen allgemeinen Substanzverlust der Arbeit und ihrer Produkte jenseits der Produktion und Warenzirkulation bewirkt und durch einen Wertabzug im variablen Kapital die Ausbeutungsrate fortgetrieben und verelendet die Arbeit in allen ihren Zwecksetzungen. Man sollte in dieser Hinsicht dann aber auch von einer Negativverwertung sprechen, die nurmehr über uneinlösbare Staatsschulden per Austeritätspolitik, also durch bloße Gewalt zur Wertdeckung des Geldumlaufs, also durch Geldeintreiberei über Kreditbewertungen und Steuern eingetrieben wird. Und dann sollte man auch feststellen, dass der klassische Kapitalismus vom System selbst überwunden wird und man ihn entsprechend benennen muss. Ich schlage dafür die Bezeichnung Feudalkapitalismus vor. Dann müsste man aber
auch alle Widerstandsformen neu bedenken.

8 Christian Siefkes (02.04.2015, 22:39 Uhr)

@Wolfram:

Und dann muss man sich fragen, welchen Zweck die Mehrwertproduktion überhaupt noch haben kann, wenn sie de facto nur noch eine der drei Klassen (Arbeiter, Kapitalisten und Grundbesitzer) bedient: Die Eigentümer von stofflichen Lebensbedingungen (Ressourcen, Grund- und Boden usw.).

Ich denke nicht, dass es Sinn macht, heute noch die Eigentümer von stofflichem Reichtum (Ressourcen, Grund- und Boden usw.) von anderen Kapitaleignern zu unterscheiden, weil ja beides frei handelbar ist und jederzeit Finanzvermögen in Immobilien etc. umgewandelt werden kann und andersherum. Die Unterscheidung zwischen Kapitalisten und Grundbesitzern machte Sinn, als noch Überreste des eigentlichen, vorkapitalistischen Feudalismus den letzteren bestimmte Privilegien gaben, die nicht einfach für Geld zu erwerben waren, aber diese Zeiten sind nun doch schon recht lange vorbei. Dass ähnliche, nicht mit Geld zu kaufende Privilegien in der Zukunft eines verwertungskriselnden „Spätkapitalismus“ mal wieder auftauchen könnten, ist zwar nicht auszuschließen, bislang kann ich aber keinerlei derartige Tendenzen erkennen.

9 Wolfram Pfreundschuh (03.04.2015, 06:58 Uhr)

Ja, das ist ein typisches Resultat des Monetarismus à la Heinrich. Alles ist kaufbar! Für wen und unter welchen Bedingungen Kauf und Verkauf stattfinden, das dürfte dann auch keine besondere Rolle spielen. Und welche Lebensbedingungen welche Verhältnisse produzieren auch nicht -, weil alle Besitzer im Grunde gleich sein sollen, wie schon im Grundgesetz steht, ganz gleich, ob sie nur Arbeitskraft oder nur Geld besitzen. Dass erste letztres erzeugt und vermehrt, kann dann auch keine Rolle mehr spielen.

Wenn Ressourcen, Grund- und Boden usw. „frei handelbar“ sind, wie du meinst, dann kann natürlich auch der Freihandel nur oberstes Prinzip sein. Mann! Wo bist du denn da gelandet? TTIP, TISA usw. vollstrecken ja deine geheimsten Wünsche und Gentrifizierung müsste zu deiner Lebensplanung gehören.

„Geld kann man nicht essen“ sagt ein indianisches Sprichwort. Wenn es keinen Unterschied mehr geben soll von reinem Besitzanspruch durch Eigentumstitel und dem was den gesellschaftlichen Stoffwechsel betrifft, so sollte man seinen theoretischen Kram einfach einpacken … und vor allem nicht behaupten, man würde mit einer Kritik der politischen Ökonomie (nach Marx) zu tun haben.

10 Andreas Exner (04.04.2015, 00:23 Uhr)

Danke, lieber Christian, für Comment No. 6.

Ja, momentan hab ich da nicht so meinen Schwerpunkt. Nur ein paar kleine Gedanken daher, denn spannend finde ich das ja doch (ob auch praktisch wichtig bin ich mir nicht so sicher).

1.

„Woher kommt also die Verwertungskrise (wenn es eine gibt)“.

Ja, gibt es eine? Die Kapitalisten kennen nur die Profitrate, die machen keine Marxsche Theoriearbeit. Die Bewegung der Profitrate ist ihnen wohl bekannt, und da sieht man schon vor 2008 ein Sinken und seither eine möglicherweise nur kurzfristige Stabilisierung auf niedrigerem Niveau als vor diesem Einschnitt. Davor sähe ich keine Verwertungskrise und hat auch kein Kapitalist identifiziert (mit Ausnahme kurzzeitiger Krisen wie nach dem Platzen von dot.com).

2.

„Aber was, wenn die Kapitalistinnen der Meinung sind, sie leben schon auf hinreichend großem Fuß, und sie den kompletten
Wertzuwachs akkumulieren statt einen Teil in die Ausweitung ihres
eigenen Konsums zu stecken?“

Diese Annahme widerspricht glaube ich der Empirie. Die Investitionsquoten sinken seit den 1980er Jahren. (Aber siehe unten Anm. zum Kapitalistenkonsum.)

3.

„Wer kauft dann die zusätzlich produzierten
Waren? Ein Teil geht an die zusätzlich benötigen Arbeiter und ein Teil
an die zusätzlich benötigten Produktionsmittel. Aber damit kann
unmöglich das ganze Neuprodukt aufgebraucht sein, denn dann wäre ja kein
Mehrwert erwirtschaften worden, und Produktion ohne Mehrwert macht im
Kapitalismus keinen Sinn. Also wohin geht der Rest an Produkten, der dem
Mehrwert entspricht? Wenn die Kapitalisten sich weigern, mehr zu
konsumieren, scheint mir, dass er wahrscheinlich unverkäuflich bleibt.“

Die Passage scheint mir unklar. Ich würde das so sehen: Der Mehrwert wird ausschließlich durch den Kauf neuer Produktionsmittel und von Luxusgütern durch die Kapitalisten realisiert. Der Mehrwert kann nur unzureichend realisiert werden, wenn ihm die Gesamtnachfrage der Kapitalisten – da gehören wesentlich die Investitionen dazu (mir ist keine Statistik bekannt, die den Konsum der Kapitalisten erfasst oder einschätzt) – nicht entspricht. Der Investitionsteil dieser Gesamtnachfrage bestimmt sich wesentlich über die (historisch in Grenzen variablen) subjektiven Anforderungen an die Profitrate und die Erwartungen hinsichtlich ihrer Entwicklung. Wird ihre Entwicklung von der Kapitalistenklasse als „ausreichend positiv“ eingeschätzt, wird die Investitionsnachfrage ausreichen, den Mehrwert zu realisieren.

4.

„Und deshalb kommt es zur Verwertungskrise, weil die Kapitalistinnen
natürlich vorausschauend genug sind, Waren die sie für unverkäuflich
halten, erst gar nicht zu produzieren — …“

Sicherlich sind bestimmte Individuen oder Fraktionen vorausschauend. Das heißt aber nicht, dass die individuelle Rationalität sich der Vorausschau unterordnet. Auch wenn man weiß, dass der Automarkt z.B. im globalen Norden gesättigt ist, wird jeder Konzern versuchen möglichst viele Autos herzustellen und verkaufen zu können.

11 Christian Siefkes (04.04.2015, 19:50 Uhr)

@Wolfram #9:

Für wen und unter welchen Bedingungen Kauf und Verkauf stattfinden, das dürfte dann auch keine besondere Rolle spielen. Und welche Lebensbedingungen welche Verhältnisse produzieren auch nicht -, weil alle Besitzer im Grunde gleich sein sollen, wie schon im Grundgesetz steht, ganz gleich, ob sie nur Arbeitskraft oder nur Geld besitzen. […]  TTIP, TISA usw. vollstrecken ja deine geheimsten Wünsche und Gentrifizierung müsste zu deiner Lebensplanung gehören.

Solche Unterstellungen sind infam und unnötig. Auf dem Niveau diskutiere ich nicht.

„Ohne Geld kann man nicht essen“, das ist im Kapitalismus nun mal traurige Realität. Um das radikal zu ändern statt nur an Symptomen rumzudoktern, müssen wir das Funktionieren der kapitalistischen Realität, so wie sie ist, verstehen, statt uns in irgendwelche Fantasiegebilde eines fiktiven „Was-auch-immer-Kapitalismus“ zu versteigern.

12 Christian Siefkes (06.04.2015, 16:53 Uhr)

@Andreas #10:

Die Bewegung der Profitrate ist ihnen wohl bekannt, und da sieht man schon vor 2008 ein Sinken und seither eine möglicherweise nur kurzfristige Stabilisierung auf niedrigerem Niveau als vor diesem Einschnitt. Davor sähe ich keine Verwertungskrise und hat auch kein Kapitalist identifiziert (mit Ausnahme kurzzeitiger Krisen wie nach dem Platzen von dot.com).

Naja, da ist eben die Frage, ob nicht die gewaltige Aufblähung der Finanzsphäre — die ja der unmittelbare Auslöser für diese wie auch schon für frühere Krisen war — ein Ergebnis einer Ausweichbewegung des neu zu investierenden Kapitals ist, das in die Finanzsphäre ausweicht, weil es in der Realwirtschaft nicht mehr genügend Profit versprechende Anlagemöglichkeiten findet. Das ist die These von Lohoff und Trenkle und die finde ich jedenfalls nicht völlig unplausibel.

Diese Annahme widerspricht glaube ich der Empirie. Die Investitionsquoten sinken seit den 1980er Jahren. (Aber siehe unten Anm. zum Kapitalistenkonsum.)

Das ist an der Stelle irrelevant, denn die Akkumulation umfasst ja „Anlage als fiktives Kapital“ ebenso wie „Anlage als realwirtschaftliches Kapital“, während die Investitionsquoten nur letzteres erfassen. Und dass die Finanzsphäre gewaltig gewachsen ist, dürfte ja unumstritten sein.

Der Mehrwert wird ausschließlich durch den Kauf neuer Produktionsmittel und von Luxusgütern durch die Kapitalisten realisiert. Der Mehrwert kann nur unzureichend realisiert werden, wenn ihm die Gesamtnachfrage der Kapitalisten – da gehören wesentlich die Investitionen dazu (mir ist keine Statistik bekannt, die den Konsum der Kapitalisten erfasst oder einschätzt) – nicht entspricht.

Genau, und da ist eben die Frage ob das hinhaut und, wenn nicht, warum nicht. Der Produktionsmittel-Kauf ist auf jeden Fall nicht das Problem — wenn die Kapitalisten (vielleicht aufgrund mangelnder Profitchancen) ihr Geld lieber für Luxusgüter ausgeben statt es zu investieren, wächst die Wirtschaft eben langsamer, aber es gibt keine Verwertungskrise. Aber was, wenn die Nachfrage nach Luxusgütern stagniert? Theoretisch führt das — zumindest auf den ersten Blick — nur dazu, dass die Wirtschaft dann eben schneller wächst, weil mehr Kapital für die Neuanlage zur Verfügung steht. Aber ob das so wirklich funktionieren kann — ein Wachsen der Produktion nur um des künftigen Wachsens der Produktion willen, ohne dass außer den dafür eingestellten Arbeiterinnen jemand irgendwas davon hat (gebrauchswertmäßig gesehen) — ist mir unklar und müsste genauer untersucht werden.

Auch wenn man weiß, dass der Automarkt z.B. im globalen Norden gesättigt ist, wird jeder Konzern versuchen möglichst viele Autos herzustellen und verkaufen zu können.

Schon, aber wenn das dann scheitert (was es für einige zwangsläufig muss), ist das dann eben nur eine andere Form der Verwertungskrise. Und auch die Großkonzerne überlegen sich sehr genau, ob sie es riskieren können, in Märkte vorzudringen, in denen sie bisher schlecht vertreten sind (bestimmte Länder oder Produktgruppen) oder ob sie damit höchstwahrscheinlich nur Kapital verbrennen würden.

13 Wolfram Pfreundschuh (07.04.2015, 10:05 Uhr)

Man könnte sich leicht von dieser unsinnigen Diskussion freimachen, wenn einfach nur mal das gelesen oder/und diskutiert würde, was Marx über die Grundrente schreibt. Da geht es ja gerade darum, dass die Grundrente materiell eine unbezahlte Mehrarbeit darstellt, die sich nicht in einzelner Rendite durch Gebrauchswert produzierende Arbeit darstellt, sondern als Rendite des ganzen Verhältnisses, das auch über die realisierten Gebrauchswert hinweg einen Wert hat. Von daher weist Marx darauf hin, dass erst mit einem hochentwickelten Kapitalismus sich ein Überschuß des Nettoprodukts über das Nettoprodukt der andren Industriezweige ermächtigen kann.

„Der Durchschnittsprofit selbst ist ein Produkt, eine Bildung des unter ganz bestimmten historischen Produktionsverhältnissen vor sich gehenden sozialen Lebensprozesses, ein Produkt, das, wie wir gesehn haben, sehr weitläuftige Vermittlung voraussetzt. Um überhaupt von einem Überschuß über den Durchschnittsprofit sprechen zu können, muß dieser Durchschnittsprofit selbst als Maßstab und, wie es in der kapitalistischen Produktionsweise der Fall ist, als Regulator der Produktion überhaupt hergestellt sein. In Gesellschaftsformen also, wo es noch nicht das Kapital ist, das die Funktion vollzieht, alle Mehrarbeit zu erzwingen und allen Mehrwert in erster Hand sich selbst anzueignen, wo also das Kapital sich die gesellschaftliche Arbeit noch nicht oder nur sporadisch subsumiert hat, kann von der Rente im modernen Sinn, von der Rente als einem Überschuß über den Durchschnittsprofit, d.h. über den proportionellen Anteil jedes Einzelkapitals an dem vom gesellschaftlichen Gesamtkapital produzierten Mehrwert, überhaupt nicht die Rede sein.“ (Marx MEW 25, S. 791)

14 Wolfram Pfreundschuh (07.04.2015, 10:41 Uhr)

Resumee: 
http://kulturkritik.net/lexex.php?lex=grundrente

Dem Kapitalismus kann gar nicht die Arbeit ausgehen. Sie wird nur immer unsinniger, brutaler, zerstörerischer und die Menschen immer ohnmächtiger, wenn sie sich nicht der ganzen Formation durch Subversion entgegenstellen. Alles, was dazu gehört ist da. Nicht neue oder bessere Bedürfnisse oder neue oder bessere Produkte ändern das, sondern die selbstorganisierte Kommunalwirtschaft im Weltmaßstab, die mehr will, als nur bessere Bedürfnisse zu befriedigen.

siehe auch: Bedürfnis und Kommunalwirtschaft

15 Christian Siefkes (08.04.2015, 13:54 Uhr)

@Wolfram #13: Du darfst aber auch nicht vergessen, dass unbearbeitetes Land und noch im Boden liegende Bodenschätze etc. im Kapitalismus zwar keinen Wert, aber sehr wohl einen Preis haben, der sich aus den dafür zu erwartenden Rentenzahlungen ergibt. Sie sind fiktives Kapital.

16 Wolfram Pfreundschuh (08.04.2015, 14:10 Uhr)

@Christian: Der Preis entsteht nicht aus „zu erwartenden Rentenzahlungen“, sondern aus dem Gebrauchswert von bloßen Eigentumstitel. Deren Wert existiert darin als bloßes Spiegelbild einer Verschuldung, eines Kreditvertrags, aus dessen Doppelnutzung durch Leiher und Borger. Das hat auch Norbert Trenkle ganz gut formuliert:

„Marx ist am Beispiel der Kreditbeziehung auf diese merkwürdige
Doppelnutzung etwas näher eingegangen und hat deren Implikationen
auseinander gelegt: „Durch das doppelte Dasein derselben Geldsumme
als Kapital für zwei Personen“ (MEW 25, S. 366) kommt es in jeder
einzelnen Kreditbeziehung zu einer Verdoppelung des ursprünglichen
Geldkapitals. Vom Zeitpunkt der Kreditvergabe bis zum Ende der
Kreditbeziehung existiert das Ausgangsgeldkapital gleichzeitig in
zwei verschiedenen Gestalten. Die Originalsumme, das dem Kredit
vorausgesetzte Geldkapital, bei dem es sich – zumindest bei der
Betrachtung des Urkredits – noch um die Frucht tatsächlicher
Verwertung handeln muss und das daher in der Marx‘schen Darstellung
als „reales Geldkapital“ firmiert, ist beim Leiher gelandet. Aber
auch der Verleiher kann weiterhin Geldkapital sein eigen nennen. Er
erhält für das weggegebene reale Geldkapital dessen
verselbständigtes Spiegelbild: den Anspruch auf Rückzahlung und
Verzinsung. Marx bezeichnet dieses verselbständigte Spiegelbild als
fiktives Kapital.

Beim fiktiven Kapital sind zwei klassische Formen zu unterscheiden.
Einerseits die bei der Vergabe von Krediten entstehenden Schuldtitel.
Das können beispielsweise Unternehmensanleihen, Staatsobligationen,
Immobilienhypotheken, aber auch simple Sparbücher sein. Andererseits
das Aktienkapital, dem bis heute ebenfalls eine zentrale Bedeutung
zukommt. Auch bei der Emission von Anteilsscheinen an Unternehmen
kommt es zu der gerade am Beispiel des Kredits erläuterten Verdoppelung von Kapital.“

Und dabei hat sich erwiesen, dass die damit betriebe Spekulation an der Börse massive Konsequenzen für das ganze Verwertungsverhältnis zeitigt:

„Bei der Ausgabe von Aktien findet also keineswegs nur eine Weiterleitung bereits vorhandenen kapitalistischen Reichtums statt, sondern eine Vermehrung durch Spiegelung. So viel ist offensichtlich: Ein Unternehmen, das Anteilsscheine emittiert, bekommt dadurch von deren Käufern frisches Geldkapital. Der Verkauf von Aktien verschafft ihm Zusatzkapital. Als eine bestimmte Geldsumme hat dieses Geldkapital zwar schon vorher existiert, nämlich in den Händen der späteren Aktienkäufers; aber dieses ist nicht einfach nur dem Aktienunternehmen übertragen worden. Auch die Käufer stehen nach der Transaktion keineswegs mit leeren Händen da, schließlich haben sie ihr Geld nicht einfach weggeschenkt. Sie haben vielmehr Waren erworben, die es vor der Emission nicht gegeben hat: nämlich Anteilsscheine. Diese neu geschaffenen Waren haben den Gebrauchswert, ihrem aktuellen Besitzer das Anrecht auf einen Anteil am Profit zu verleihen, den das emittierende Unternehmen in Zukunft erwirtschaften soll. Mit dem Ankauf eines solches Gebrauchswerts verlässt das Geld den Käufer der Aktie also nur, indem es sich ihm durch die Weggabe in Kapital verwandelt: in fiktives Kapital.

Bei diesem fiktiven Kapital handelt es sich um ein selbständiges eigenes Zusatzkapital. Der Eigentumstitel und sein Gebrauchswert können jederzeit weiterverkauft werden, ohne dass deswegen fungierendes Kapital veräußert werden müsste. Hinzu kommt noch, dass der Umfang dieses durch die Aktienemission entstandenen Zusatzkapitals nicht ein für allemal gegeben ist. Er unterliegt täglichen Schwankungen. Sein aktueller Umfang lässt sich dennoch leicht bestimmen. Er ist immer das Produkt aus der Anzahl der von einem bestimmten fungierenden Kapital ausgegebenen Aktien und ihrem aktuellen Kurs, oder um es im heute gängigen Börsenjargon auszudrücken, er ist identisch mit der Aktienkapitalisierung des emittierenden Unternehmens.“

Lohoff/Trenkle: “Die große Entwertung”

17 Wolfram Pfreundschuh (09.04.2015, 14:22 Uhr)

Genaueres zum Fiktiven Kapital findet sich auch im Kulturkritischen Lexikon, wo auch dessen Anwendungsform, der Derivatenhandel beschrieben ist:
„Das fiktive Kapital entsteht aus einem Kreditverhältnis, das sich über die Durchschnittsrate der Profite durch die doppelte Darstellung ihrer Wertigkeit erhoben hat und damit das Kreditverhältnisses selbst verdoppelt. Wo es verliehen wurde, ist es ein Haben als Forderung, wo es geliehen wurde ist es ein Haben zur Anwendung. „Durch das doppelte Dasein derselben Geldsumme als Kapital für zwei Personen“ (MEW 25, S. 366) entsteht in jeder einzelnen Kreditbeziehung eine Wertdarstellung, die zu einer Verdoppelung des ursprünglichen Geldkapitals führt, solange und soweit es in der Buchhaltung des Verleihers und der des Borgers dargestellt ist. Und von daher kann der Handel mit Schuldscheinen selbst die Wertverdopplung im Ganzen vollziehen, die nur im Einzelnen realisierbar ist, aber zur einen Seite hin tatsächlich Wert darstellt, zur anderen aber nur im Preis existiert. Das ganze Verhältnis führt selbst zu einer Entzweiung von Wert- und Preisdarstellung und führt daher selbst zu einem höheren Geldbedarf, ohne dass Geld dabei einen höheren Wert haben könnte.“

18 Wert und produktive Arbeit — keimform.de (22.05.2015, 03:10 Uhr)

[…] meinen Artikeln zur Verwertungskrise (1, 2) habe ich Feedback und Kritik erhalten. Ein besonders umstrittener Punkt, zu dem es Zustimmung, […]

19 Die Arbeit hängt am Tropf des fiktiven Kapitals (Krisis 1/2016) | Krisis (02.03.2016, 10:51 Uhr)

[…] zweiteiligen Artikelfolge von Christian Siefkes (Geht dem Kapitalismus die Arbeit aus?, Teil 1 und Teil 2) dar, welche den Versuch unternimmt, diese Aussage empirisch zu überprüfen. Siefkes wertet darin […]

20 Die Arbeit und der fiktive Tropf — keimform.de (28.03.2016, 19:36 Uhr)

[…] Krisis einen Antwortartikel auf meine Untersuchung Geht dem Kapitalismus die Arbeit aus? (1, 2) geschrieben: Die Arbeit hängt am Tropf des fiktiven […]

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