Auf der Suche nach dem Neuen im Alten
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Freie Software für die Dieselsteuerung

VW liegt am Boden wegen einer Mogelsoftware für die Motorsteuerung. Der alte Slogan „… und läuft und läuft und läuft …“ wurde schon damals vor 50 Jahren mit „… und säuft und säuft und säuft …“ karikiert. Man könnte es wiederholen. Die täglichen Pegelstände über die Zahl der Blechkisten mit mangelhaften Abgaswerten sind eigentlich nur Rankenwerk in dieser kapitalistischen Posse.

Es kömmt nicht darauf an, dies alles immer wieder neu zu kommentieren. Es kommt darauf an, einiges zu verändern. Unter dem alten Stichwort „Transparenz“ läßt sich heute locker etwas fordern, was vor einem halben Jahrhundert noch undenkbar war: Nur noch freie Software unter die Motorhaube! Aber nicht nur locker fordern ließe sich das, freie Software ließe sich auch locker für die Motorsteuerung entwickeln. Input wäre vorhanden. VW müßte nur mal die Mogelpackung samt Dokumentation ins Web stellen. Technisch heute kein Problem. Den Herrschaften bei VW darf man den kleinen Hinweis geben: Wäre die Software der Motorsteuerung freie Software gewesen, dann hätte es die bekannte Mogelei nicht geben können.

Angst vor der Konkurrenz? Da lachen ja, salopp gesagt, die Hühner. Was will die Konkurrenz bei VW abkupfern?! VW und die Autobranche insgesamt müssen wieder Vertrauen herstellen, heißt es. Na, denn mal loslegen und zeigen, daß man nichts zu verbergen hat. Raus mit der Software aus den engsten Zirkeln irgendwelcher Intranets, hinein ins Web. Selbstredend gehören technische Daten der Motoren dazu, Kennlinien usw.

Manager, die sich solcher Aufklärung verweigern, gehören aus meiner Sicht aufs Altenteil.

Kategorien: Freie Software

25. September 2015, 17:02 Uhr   8 Kommentare

1 Commons als Zukunftsprojekt – eine Strategieerklärung | CommonsBlog (25.09.2015, 17:12 Uhr)

[…] gefordert wird). Vielleicht braucht einfach nur Freie Software in der Autoindustrie (siehe auch hier und hier). Dann wäre solchen großflächigen und umweltschädigenden, systematischen Korruptionen […]

2 Christian Siefkes (26.09.2015, 17:08 Uhr)

Gute Idee 🙂

Andererseits gehören Diesel- und auch Benzinautos vielleicht ganz generell aufs Altenteil…

3 Wal Buchenberg (30.09.2015, 10:54 Uhr)

VW ist ein Betrügerchen. Hat das irgend jemand von uns überrascht? Siemens zahlte Bestechungsgelder. FIFA ist korrupt. Das sind Meldungen ohne Nachrichtenwert.

Wen hat denn VW betrogen? Die Autokäufer kaum.

Oder ist irgendein Käufer zum VW-Händler gekommen und hat verlangt: Ich möchte einen 2-Liter-Diesel, der weniger als 180 mg NOx pro Kilometer ausstößt? Solch einen Käufer hätte VW tatsächlich hinters Licht geführt.

Strengere Abgasnormen erlassen staatliche Behörden – von Kalifornien bis Niedersachsen. Und diese staatlichen Behörden hat VW betrogen. VW ging mit den Autokäufern dabei eine stillschweigende Komplizenschaft ein: VW lieferte immer größere und immer stärkere Autos und drückte seinen Kunden für jedes Auto eine gültige Zulassung einschließlich der neuesten Normen in die Hand.

Dieselbe Komplizenschaft vereinte Schweizer Banken mit ihren betuchten Kunden aus Deutschland, denen lukrative Verzinsungen angeboten und dabei versprochen wurde, sie vor der deutschen Steuerfahndung zu schützen. So hat VW die VW-Käufer vor dem Abgas-TÜV geschützt.

VW wird die Aufdeckung seines Betruges überstehen. Genauso wie Siemens die Korruptionsvorwürfe hinter sich gelassen hat. Und es wird auch ohne Blatter & Co. weiter Fußball in der Welt gespielt werden.

Wer durch den Abgasskandal wirklich blamiert ist, ist der linke Staatsoptimismus, der glaubt, man könne die Welt vor Naturzerstörung retten – und nebenbei noch die Armut beseitigen, wenn nur die richtigen Gesetze auf den Weg gebracht würden, meint Wal Buchenberg.

4 Christian Siefkes (01.10.2015, 19:37 Uhr)

@Wal:

VW ist ein Betrügerchen. Hat das irgend jemand von uns überrascht?

Nein, Firmen im Kapitalismus tun, was immer ihrer Einschätzung nach ihre Position im Konkurrenzkampf verbessert, das ist alles andere als überraschend. Aber in dem Artikel ging es ja darum, wie man den Firmen das Betrügen erschweren könnte, indem man sie zu Transparenz zwingt (hier durch Offenlegung der verwenden Software).

Natürlich kann man da nun sagen: „Ist doch alles egal, selbst wenn man Firmen das Betrügen und andere faule Tricks erschwert — versuchen werden sie es weiterhin.“ Letzteres ist zwar richtig, aber dass „alles egal“ ist, ist trotzdem falsch. Natürlich kann der Staat nicht qua Gesetz einen „guten Kapitalismus“ herbeiführen, aber daraus folgt noch lange nicht, dass Gesetze und staatliche Regeln nun völlig irrelevant wären für die Lebensqualität unter kapitalistischen Umständen.

Würdest du statt heute im Laissez-faire-Kapitalismus Mitte des 19. Jahrhunderts leben — wo Staaten wie England wirklich noch versucht haben, sich komplett aus dem Wirtschaftsgeschehen rauszuhalten –, würdest du wohl doch einen deutlichen Unterschied zum heutigen, zwar nicht wirklich gezähmten, aber doch einigermaßen regulierten Kapitalismus bemerken.

VW ging mit den Autokäufern dabei eine stillschweigende Komplizenschaft ein…

Also 11 Millionen VW-Käufer_innen sollen schlauer gewesen sein als alle anderen und gewusst haben, dass die von VW veröffentlichten und von den Behörden bestätigten Messwerte vollkommen falsch sind? Wie das, und warum hat nicht einer von denen etwas „geleakt“?

Natürlich kaufen Leute ein Auto nicht nur oder in erster Linie aufgrund seiner vermeintlichen Umweltfreundlichkeit. Aber dass das für diejenigen, die es sich leisten können, einer von mehreren Faktoren ist, die in die Kaufentscheidung einfließen, dürfte auf der Hand liegen. Nicht allen ist die Umwelt völlig egal. Insofern hat VW selbstverständlich auch seine Käufer_innen betrügt, von denen sich einige sicherlich für ein anderes Auto entschieden hätten, hätten sie die echten Werte gekannt.

5 Wal Buchenberg (02.10.2015, 07:10 Uhr)

Hallo Christian,

mir lag nichts daran, den Vorschlag, dass Unternehmen
OpenSource-Software verwenden sollen, schlecht zu machen. Es gäbe am Kapitalismus vieles zu verbessern. Und manches wurde ja auch verbessert. Das musst du mir nicht erklären.

Meine Fragestellung zielte auf etwas anderes:
Gibt es einen Zusammenhang zwischen FIFA, Gammelfleisch, geschönten Arbeitslosenzahlen und Dieselmotoren von VW?

Ich vermute da eine Gemeinsamkeit, die womöglich mit dem
verschlechterten „wirtschaftlichen Umfeld“ mindestens seit der
Dot.com-Krise zusammenhängt. Damals platzten in allen Vorstandsetagen Träume von einem IT-gestützten langanhaltenden Boom. Je mehr die Profitmargen schrumpfen, desto größer der Anreiz (Zwang?) zum Betrug.
Es heißt, bei VW liege die Profitmarge bei 2 Prozent.

Falls dieser Trend zum Gammelkapitalismus zutrifft, dann werden auch gutgemeinte Verbesserungsvorschläge und Gesetzestexte zunehmend obsolet.
Darauf wollte ich hingewiesen haben.
Gruß Wal

6 Rolf Todesco (02.10.2015, 10:24 Uhr)

„Es heißt, bei VW liege die Profitmarge bei 2 Prozent.“
@Wal“Es heisst“ heisst, dass ich eine Geschichte erzähle, die erzählt wird, ohne dass ein Erzähler genannt wird. Wenn ich diese Geschichte erzähle, bin ich ein Erzähler, der vorgibt, nicht der Erzähler zu sein ..

Und wenn ich diese spezielle Geschichte beobachte, scheint mir, dass darin ein konkreter Kapitalist, so etwa wie ein Herr Müller auftritt, und erzählt,, wie hoch seine je eigene Profitmarge liege.

Bei K. Marx spielte der einzelne Herr Müller noch keine Rolle, er war eine Charaktermaske mit seinem je eigenen zufälligen Glück auf mehr oder weniger Anteil am Profit.
Das Kapital aber macht seine Mehrwertabschöpfung gerade jenseits solcher Masken, die kommen und gehen, indem sie sich einverleiben. Die Geschichte eines einzelnen Herrn Müllers aka Inhaber der VW-Aktien zu erzählen, entspricht der politischen Oekonomie. Es sind – wo sie gut erzählt werden – ergreifende Dramen: Der Herr VW, was macht er alles in seiner so grossen Not seines furchtbaren Schicksals und was machen die andern, die auch ihre Interessen verfolgen … Das sind die Dramen, der Bildzeitung seit Goethe damit angefangen hat.

Und die Differenz liegt darin, ob ich auch solche Geschichten erzähle, oder ob ich sie beobachte, etwa als Märchen, in welchem mit so kleinen Profitmargen (was immer das sein soll) für Verständnis plädiert wird (wie bei den Grimms für die schliessch doch so guten Könige).

7 libertär (02.10.2015, 19:18 Uhr)

Sehe ich genau so, wie Christian geantwortet hat. Darüber hinaus scheint es mir eher fragwürdig, einen linken Staatsoptimismus erkennen zu wollen. Regulierung ist im heutigen Kapitalismus notwendig, nicht als Luxus, sondern als Überlebensnotwendigkeit für die Konsumenten, aber auch für die Kapitalisten, auch wenn Letztere sich nur zähneknirschend fügen und sich oft durch Betrug der Regeln zu entziehen versuchen. Solche Regelverstöße bleiben meistens folgenlos, da Corporate Crime (= von juristischen Personen begangenes Verbrechen) entweder legal ist oder praktisch nicht verfolgt wird. Der Staat vergrätzt eben seine wertvollsten Bürger nicht gerne.

Der Vorwurf des Staatsoptimismus bei Linken greift auch insofern nicht, als es eine ganz andere linke Perspektive gibt, die u.a. auf Transparenz und umfassenden Konsumentenschutz abzielt, ohne dafür auf einen Staat angewiesen sein zu wollen, nämlich die Perspektive der Commonsgesellschaft. Bei immer komplexer werdenden Produkten wird es nötig werden, die gesamte Produktion offenzulegen, allein um den sicheren Konsum dieser Produkte zu gewährleisten. Ich denke da an Lebensmittel, besonders industriell gefertigte mit ungewisser Herkunft der Zutaten, aber auch an die verschiedensten Maschinen, Hardware, Software und Elektronik. Einem Chip kann man nicht ansehen, ob er wirklich genau das tut, was sein Hersteller behauptet. Absolut offene und freie Produktion ohne jede Geheimhaltung wird sich in Zukunft weiter ausbreiten. Man sieht im Softwarebereich, wie sich Freie Software für immer mehr Anwendungen durchsetzt und proprietäre Software und Services als immer größeres Risiko erkannt werden.

Zur Notwendigkeit einer transparenten Produktion siehe auch meinen Artikel dazu hier auf keimform.de.

8 lupus (08.10.2015, 16:34 Uhr)

Die Frankfurter Rundschau hat heute, 8.10.2015 unter der überschrift „Transparenz ist eine frage der freiheit, nicht des preises“ meinen nachfolgenden leserbrief neben zwei anderen veröffentlicht:

„Sie berichteten über einen autoritären Führungsstil bei VW. Dem läßt sich aus meiner Sicht auf einfache Art zumindest ein Stück weit
abhelfen. Zugleich könnte man bei VW etwas von dem verlorenen Vertrauen wieder gewinnen.

VW sollte die Software in den Steuerungen der dirty-Diesel als freie Software veröffentlichen und für die Weiterentwicklung freigeben. Zur
Bedeutung freier Software zitiere ich: „Freie Software bedeutet, dass Nutzer die Freiheit haben, Software auszuführen, zu kopieren, zu
untersuchen und anzupassen, neu zu distribuieren und dass sie sie verbessern können. Freie Software ist eine Frage der Freiheit, nicht des
Preises.“ (http://www.gnu.org/home.de.html)

Unter den Software-Leuten bei VW sollten sich genügend Personen finden, die sich mit freier Software auskennen und die nötigen technischen Rahmenbedingungen festlegen können, damit eine in
die Motorregelung aufgespielte und allgemein für gut befundene Software nicht mutwillig verändert werden kann.

VW würde mit einem solchen Schritt der Weltöffentlichkeit signalisieren, dass man nichts zu verbergen hat. Andere Hersteller von Autos
müßten dieses Spiel letztendlich mitspielen. Die Debatte um die Qualität von Verbrennungsmotoren käme aus den abgeschotteten Zirkeln der
Entwicklungsabteilungen in eine größere Öffentlichkeit.

Die IG-Metall und das Land Niedersachsen könnten und sollten ihren Einfluß nutzen, um VW zu einem solchen Schritt zu bewegen.“

Kann jemand dem Thema noch ein bißchen mehr Öffentlichkeit geben?!

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