Auf der Suche nach dem Neuen im Alten
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Diskurse über Transformation

TransformationsdiskurseVor ein paar Tagen war ich auf der 4. Transformationskonferenz der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Berlin. Der für mich bei Weitem interessanteste Beitrag kam von Dr. Jan Turowski. In seinem Vortrag „Diskurs über Transformation – Transformation als Diskurs“ beschäftigte er sich mit Diskursen über Transformation.

Jans Einsichten und Kategorisierungen halte ich für ein Projekt wie Keimform und ähnlich gelagerte Projekte für höchst relevant, denn letztendlich wird in solchen Projekten ja ein Diskurs über eine mehr oder weniger tiefgreifende gesellschaftliche Transformation organisiert. Ich werde im Beitrag auch immer mal das abgeschlossene Projekt Oekonux gegen die Begriffe halten, die Jan Turowski bildet.

Eigentlich selbstverständlich, aber dennoch einer Erwähnung wert, ist dabei die Einsicht, dass ein Diskurs über Transformation nicht die ablaufende Transformation selbst ist. Dennoch steht ein Diskurs über eine Transformation in einem Wechselverhältnis zur Transformation selbst: Der Diskurs kann die Transformation beeinflussen und die Transformation beeinflusst den Diskurs – jedenfalls dann, wenn der Diskurs an real ablaufenden Prozessen interessiert ist.

Transformationsdiskurs und transformativer Diskurs

Jan unterscheidet zwischen zwei Typen von Diskursen über Transformation. Ein Transformationsdiskurs ist analytisch angelegt und spricht über Transformationen, die in der Vergangenheit stattgefunden haben. Große und bekannte Diskurse sind solche Transformationsdiskurse – wie z.B. der von Marx geführte über den Kapitalismus. Einfach gesagt ist das Verstehen und Einordnen einer bereits stattgefundenen Transformation das Ziel eines Transformationsdiskurses.

Oekonux war in gewisser Hinsicht in diesem Sinne ein Transformationsdiskurs: Wir haben damals die real ablaufenden Vorgänge rund um Freie Software und andere Peer-Production-Ansätze betrachtet und in einem politischen Kontext interpretiert. Die Erkenntnis, dass es sich bei diesen Ansätzen um einen neuen Schritt in der Produktivkraftentwicklung handelt, der wahrscheinlich historisch erstmals das Potential zur Überwindung des Kapitalismus hat, wurde bei Oekonux analysiert. Damit haben wir die anstehende tiefgreifende gesellschaftliche Transformation in einer frühen Phase als solche diskursiv erkannt und analysiert.

Wie der Diskurs sich von der realen Transformation unterscheidet war daran zu bemerken, dass die eigentlichen Akteure der Transformation – also z.B. Freie-Software-EntwicklerInnen – unsere Einschätzung nur ausnahmsweise teilten. Ich verstehe das so, dass in einer solchen tiefgreifenden Transformation die Akteure nicht unbedingt über ein Bewusstsein darüber verfügen müssen, was sie da – aus der Perspektive des Transformationsdiskurses – tun. Was sie aber nicht daran hindert, auch im Sinne des Transformationsdiskurses Bahnbrechendes zu leisten.

Den anderen Typ Diskurs nennt Jan einen transformativen Diskurs. Ein transformativer Diskurs antizipiert eine zukünftige Transformation und wirkt normativ auf diese ein. Als einen bekannten Diskurs von diesem Typ nannte er den Diskurs, der durch „Die Grenzen des Wachstums“ begonnen wurde. Bei einem transformativen Diskurs geht es einfach gesagt darum, eine ablaufende Transformation zu beeinflussen.

Die Erkenntnis, dass es sich bei den Vorgängen um einen neuen Schritt in der Produktivkraftentwicklung handelt, hat in Oekonux natürlich auch einen transformativen Diskurs in diesem Sinne evoziert. Immer wieder haben wir darüber nachgedacht, wie die Transformation weiter gehen könnte und wie ein Endstadium der Transformation aussehen könnte. Immer wieder sind wir dabei auf bestimmte Schwierigkeiten gestoßen, die ich dank Jans Kategorien und Erkenntnissen heute als prinzipielle Schwierigkeiten solcher Diskurse erkennen kann.

Jan hat betont, dass ein transformativer Diskurs auch neue Narrative für die real ablaufende Transformation liefern kann, die dann den neuen Überbau bilden. Dies sei sogar essentiell, da die real ablaufende Transformation diese Narrative nicht selbst erzeugen kann. Betrachten wir die letzte epochale gesellschaftliche Transformation – den Übergang vom Feudalsystem zum Kapitalismus -, so können wir einen Wechselschritt erkennen, in dem die real ablaufende Transformation z.B. der Industrialisierung mit neuen Narrativen wie z.B. dem Nationalstaat hinterlegt wurde. Das neue Narrativ hat dann seinerseits dazu geführt, dass die Voraussetzungen für den nächsten Schritt der ablaufenden Transformation geschaffen wurden. M.E. wird hier wunderbar deutlich wie die Akteure der Transformation – also die frühen Kapitalisten – nicht dazu in der Lage waren, einen neuen Überbau zu schaffen, dies aber durch einen begleitenden transformativen Diskurs mit durchaus anderen Akteuren erledigt wurde. So hat sich die Keimform Kapitalismus Schritt für Schritt entfalten können.

Vier Ebenen von Diskursen über Transformation

Neben der Unterscheidung zwischen Transformationsdiskursen und transformativen Diskursen hat Jan eine zweite wichtige Kategorisierung von Diskursen über Transformation vorgestellt. Er unterscheidet nämlich zwischen vier Diskursebenen:

  1. Policy-Ebene

    Auf der Policy-Ebene befasst sich ein Diskurs mit konkreten Lösungen aktueller Probleme.

    Nehmen wir beispielsweise den Diskurs über den Klimawandel, dann ist eine Policy-Frage, wie der Kohlendioxidausstoß bei Verbrennungsmotoren konkret reduziert werden kann.

  2. Paradigmen-Ebene

    Auf der Paradigmen-Ebene befasst sich ein Diskurs mit grundlegenden Paradigmen des betrachteten Gegenstands. Paradigmenwechsel kommen auch auf dieser Ebene vor.

    Wieder bezogen auf den Klimawandel könnte ein Diskurs auf der Paradigmen-Ebene darin bestehen, Mobilität als solche als Paradigma in den Blick zu nehmen und nicht Mobilität mittels Verbrennungsmotoren einfach als gegeben zu nehmen.

  3. Narrativ-Ebene

    Auf der Narrativ-Ebene bettet ein Diskurs eine Transformation in eine (neue) Erzählung ein.

    Wenn ich das Beispiel Klimawandel fortführe, so könnte ein neues Narrativ darin bestehen, dass nicht das Eigentum an einem Auto individuelle Freiheit und Lebensqualität verspricht, sondern der Besitz einer BahnCard 100.

  4. Epistemologische Ebene

    Auf der epistemologischen Ebene nimmt ein Diskurs die ganz grundlegenden Kategorien in den Blick.

    Für den Übergang zum Kapitalismus könnte hier der Übergang von einem zyklischen Bild der Zeit zum linearen Zeitpfeil genannt werden.

Ein Diskurs, der nur auf der Policy-Ebene statt findet, ist nicht überwindend, sondern bleibt im Bestehenden gefangen. Erst auf der Paradigmen-Ebene wird es möglich, das bestehende Paradigma zu hinterfragen und ggf. durch ein neues Paradigma zu ersetzen. Transformative Diskurse wiederum haben Schwächen auf der Policy-Ebene. In einem späteren Gespräch mit Jan konnte ich herausarbeiten, dass bei einem transformativen Diskurs, der ein neues Paradigma etabliert, es prinzipiell unmöglich sein kann, auf der Policy-Ebene Antworten zu geben. Wenn ich beispielsweise analysiere, dass der Kapitalismus als gesellschaftliches System Verursacher des Klimawandels ist, wie soll ich auf Basis dieser Analyse Vorschläge für Policies innerhalb des Kapitalismus machen können?

Diese Problematik erinnert mich auch sehr an die Oekonux-Diskussion. Dort kam immer wieder die Frage auf, was denn nun auf der Policy-Ebene getan werden könne, um die neue Produktivkraftentwicklung zu unterstützen. Öfters kam auch die Frage, was denn eine einzelne Person hier und heute nun tun könnte. Die Antworten, die damals gefunden wurden, waren oft unbefriedigend und blutleer. Heute verstehe ich, dass dies eine prinzipielle Schwäche transformativer Diskurse ist.

Auch eine weitere Schwäche des Oekonux-Diskussion hat Jan auf den Punkt gebracht: Der genaue Verlauf einer Transformation ist immer offen. Bekannt sind lediglich der Ausgangspunkt und das Ziel – aber was dazwischen passiert ist nicht seriös vorhersagbar. In der Oekonux-Diskussion haben wir dies immer wieder erlebt. Zwar konnten wir aus der Extrapolation des Paradigmenwechsels Ziele und Endzustände der Transformation einigermaßen angeben, aber der konkrete Verlauf der Transformation – und also auch was wohl der nächste konkrete Schritt sei – konnte nicht belastbar beantwortet werden. Ich denke nach wie vor, dass solche Transformationen generell chaotisch ablaufen und schon deswegen nicht seriös vorherzusagen sind.

Daraus folgt auch eine wichtige Erkenntnis. Wenn ein transformativer Diskurs weder den konkreten Verlauf einer Transformation vorhersagen kann, noch dazu in der Lage ist nennenswerte Beiträge auf der Policy-Ebene zu liefen, dann bleibt die Wirkungsmacht eines transformativen Diskurses heute sehr beschränkt.

Nichtsdestotrotz ist es wichtig, welcher Diskurs eine Transformation begleitet. Am Beispiel des Klimawandels nannte Jan zwei Diskurspole. Der eine Diskurspol verdrängt oder leugnet die Ökokatastrophe gar. Der andere Diskurspol vertritt, dass (radikal) gehandelt werden muss. Welcher Diskurspol mächtig ist, bestimmt den Verlauf der Transformation durchaus wesentlich.

Auf die Narrativ-Ebene hat es die Oekonux-Diskussion nie so richtig geschafft. Ich kann mich aber noch gut daran erinnern, dass es Ansätze dazu sehr wohl gab: Es müsse einfach schick werden Freie Software zu verwenden war einmal eine Forderung. Genau solch eine Forderung müsste mit einem Narrativ hinterlegt werden – was wir aber nie ernsthaft versucht haben.

Eine wunderbare Aufbereitung des Wechsels der Narrative im Übergang zum Kapitalismus hat im Übrigen Eske Bockelmann mit seinem Werk „Im Takt des Geldes“ vorgelegt. Hier wird deutlich, wie entscheidend nicht nur der Paradigmenwechsel auf der konkreten Ebene sondern auch die Erzeugung neuer Narrative im Überbau ist.

Fazit

Ich fand die Kategorien, die Jan gebildet hat, äußerst hilfreich um Diskurse über Transformation zunächst mal einzuordnen. Die Chancen und Schwierigkeiten, die mit diesen Kategorien verbunden sind helfen mir zu verstehen, wo Möglichkeiten und – teils prinzipielle – Grenzen solcher Diskurse liegen. Das wiederum hilft mir, meine diskursive Energie künftig an solchen Stellen einzusetzen, an denen sie eine maximale Wirkung entfalten kann.

Kategorien: Theorie

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23. Oktober 2015, 23:34 Uhr   5 Kommentare

1 Bericht von der Trafo-Konferenz auf keimform.de | Mehring1 (26.10.2015, 15:51 Uhr)

[…] Vor ein paar Tagen war Stefan Merten auf der 4. Transformationskonferenz der Rosa-Luxemburg-Stiftung in Berlin. Der für ihn bei Weitem interessanteste Beitrag kam von Dr. Jan Turowski. In seinem Vortrag „Diskurs über Transformation – Transformation als Diskurs“ beschäftigte er sich mit Diskursen über Transformation. Stefan schreibt eine ausführlichen Bericht entlang des Zusammenhangs zwischen Transformations- und Keimformdebatten. Weiterlesen […]

2 Christian Siefkes (29.10.2015, 22:02 Uhr)

Interessanter Artikel, der Unterschied zwischen Transformationsdiskursen und transformativen Diskursen war mir neu, leuchtet aber ein.

Der genaue Verlauf einer Transformation ist immer offen. Bekannt sind lediglich der Ausgangspunkt und das Ziel – aber was dazwischen passiert ist nicht seriös vorhersagbar.

Tatsächlich bekannt ist nur der Ausgangspunkt, über das Ziel kann nur mehr oder weniger seriös spekuliert werden.

Jan hat betont, dass ein transformativer Diskurs auch neue Narrative für die real ablaufende Transformation liefern kann, die dann den neuen Überbau bilden.

Tatsächlich würde ich die Konstruktion und Verbreitung neuer Narrative als den entscheidenden Beitrag transformativer Diskurse zur gerade stattfindenden Transformation ansehen. Wobei „Überbau“ hier so klingt, als ob diese neuen Narrative eigentlich gar nicht nötig wären und die Transformation ohne sie genauso vonstatten gehen würde. Aber tatsächlich ist die Basis/Überbau-Unterscheidung ja eine vereinfachende Lesart, die im realsozialistischen Marxismus üblich war, aber der Komplexität von Marx‘ Theorie nicht gerecht wird.

Schließlich werden gesellschaftliche Transformationen nicht von Automaten oder gesellschaftlichen Automatismen vollzogen, sondern von denkenden, wünschenden und handelnden Menschen, und deshalb sind diese neuen Narrative IMHO ein unentbehrliches Moment jeder Transformation. Es gibt zwar Näherliegendes, Fernerliegendes und Unmögliches, aber dadurch sind mögliche Transformationen niemals schon hundertprozentig bestimmt — welchen Ablauf die Transformation nimmt und zu welcher Gesellschaft sie schließlich führt, hängt auch davon ob, welche Narrative den Menschen einleuchten und sich verbreiten.

Deshalb finde ich die Aussage „dann bleibt die Wirkungsmacht eines transformativen Diskurses heute sehr beschränkt“ falsch, weil sie eben nur die Policy-Ebene betrachtet, aber die für die Transformation entscheidende narrative Ebene vergisst.

3 Stefan Merten (02.11.2015, 21:32 Uhr)

Tatsächlich würde ich die Konstruktion und Verbreitung neuer Narrative
als den entscheidenden Beitrag transformativer Diskurse zur gerade
stattfindenden Transformation ansehen.

Nun ja. Erstens finde ich schon die Paradigmenebene schon auch wichtig um einfach mal zu verstehen was da abläuft. Und die ist schon erst mal vor den Narrativen und auch ganz anders strukturiert.

Zweitens muss ich bei den Narrativen eben auch immer an das denken, was zu Beginn des Kapitalismus so erzeugt wurde. Mir scheint es immer so, dass da von transformativem Diskurs im Sinne einer bewussten Steuerung keine Rede sein kann. Die Nation fiel als Idee ja quasi vom Himmel – dass der Kapitalismus das Konstrukt gerade gebraucht hat, scheint bei den Verläufen dieser Diskurse ja eher zufällig gewesen zu sein.

Man könnte auch sagen: Da war eben das Narrativangebot zur rechten Zeit am rechten Ort. Zu anderer Zeit oder an anderem Ort hätte die Idee einfach nicht verfangen.

Dabei bitte auch bedenken, dass wir i.A. immer nur die Siegernarrative kennen, weil damals konkurrierende Narrative einfach verdrängt wurden und heute bestenfalls bei spezialisierten HistorikerInnen bekannt sind.

zu welcher Gesellschaft sie [die Transformation] schließlich führt, hängt auch davon ob,
welche Narrative den Menschen einleuchten und sich verbreiten.

Da habe ich wohl einfach mehr historische Gewissheit 😉 . Ich glaube nicht, dass es da so unendlich viele Möglichkeiten gibt – jedenfalls nicht auf einem eher hohen Abstraktionsniveau. Das Geld wird unwichtig / überflüssig werden und Selbstentfaltung der dominierende Lebensmodus. Nur das Ende der Zivilisation z.B. in Form der Klimakatastrophe kann das verhindern. Davon bin ich immer noch überzeugt.

Deshalb finde ich die Aussage „dann bleibt die Wirkungsmacht eines
transformativen Diskurses heute sehr beschränkt“ falsch, weil sie eben
nur die Policy-Ebene betrachtet, aber die für die Transformation
entscheidende narrative Ebene vergisst.

Kannst du das nochmal ausführen? Ich sehe das Problem, dass eine ernstzunehmende Transformation ja zunächst mal einen Paradigmenwechsel installieren müsste. Und auf den setzt sich dann das Narrativ drauf. Wie kann dann die Wirkungsmacht heute schon groß sein?

Um es zu verdeutlichen: (Mindestens) ein Keimform-Narrativ müsste ja die Selbstentfaltung in dem Mittelpunkt stellen, die heute ja nicht als verwirklicht gelten kann. Wo wäre also die Wirkungsmacht? Oder meinst du die Sehnsucht, die ein solches Narrativ in den Menschen auslösen könnte? Wie weiland die Sehnsucht nach einer Nation?

Gruß
Stefan

4 Rolf Todesco (03.11.2015, 09:40 Uhr)

mich würden Narrative (Plural) sehr interessieren. Nicht so sehr, ob und wie sie sich durchsetzen usw, sondern als konkrete, denkbare Geschichten.

Dass hier „Nation“ als Narrativ bezeichnet wird, hilft mir nicht, weil ich keine GeschichteN zu Nation habe. Wo kann ich denn Geschichten finden, die hier Gemeint sind?

5 Christian Siefkes (08.11.2015, 20:08 Uhr)

@Stefan:

Erstens finde ich schon die Paradigmenebene schon auch wichtig um einfach mal zu verstehen was da abläuft.

Ja, die Analyse des Neuen ist zweifellos auch sehr interessant, aber die kann notfalls auch noch einige Jahrzehnte oder Jahrhunderte warten. Die Verbreitung neuer Narrative würde ich hingegen als notwendigen Bestandteil jeder Transformation ansehen – ohne Narrativ keine Transformation.

Zweitens muss ich bei den Narrativen eben auch immer an das denken, was zu Beginn des Kapitalismus so erzeugt wurde. Mir scheint es immer so, dass da von transformativem Diskurs im Sinne einer bewussten Steuerung keine Rede sein kann. Die Nation fiel als Idee ja quasi vom Himmel – dass der Kapitalismus das Konstrukt gerade gebraucht hat, scheint bei den Verläufen dieser Diskurse ja eher zufällig gewesen zu sein.

Naja, der Nationalstaat ist zweifellos ein mit dem Kapitalismus in Verbindung stehendes Narrativ, aber ja nicht sein zentrales. Und „fiel vom Himmel“ ist eigentlich nur ein anderer Ausdruck für „ich weiß nicht, wo das herkam“. Für die Entstehung des Kapitalismus siehe meinen Artikel Wie der Kapitalismus entstand bzw. ausführlicher das dort besprochene Buch von Ellen Wood. Ein damals ganz wesentliches neues Narrativ war die Idee des improvement, womit Effizienzsteigerungen und letztlich Profitmaximierung gemeint waren. Diese Idee verbreitete sich zusammen mit dem Kapitalismus und der Kapitalismus verbreitete sich zusammen mit dieser Idee oder Ideologie – das lässt sich nicht trennen.

Wood hat auch noch ein anderes Buch geschrieben, A Trumpet of Sedition, das sich ganz der frühen Ideengeschichte des Kapitalismus widmet – diesem improvement-Konzept, Lockes Eigentumstheorie, Hobbes’ Leviathan als (Mit-)Begründer der Nationalstaatsidee etc. Das wurde damals alles intensiv diskutiert und verhandelt, vom Himmel fiel da nichts. Klar waren diese Ideen nicht der Anlass und die Antriebskraft für die Transformation (ich bin ja kein Idealist) und wenn es Locke nicht gegeben hätte, hätte jemand anderes die passende Eigentumstheorie gefunden – aber unter Verzicht auf diese ideelle/ideologische Rechtfertigung hätte sich der Kapitalismus auch nicht durchsetzen können.

Ich glaube nicht, dass es da so unendlich viele Möglichkeiten gibt – jedenfalls nicht auf einem eher hohen Abstraktionsniveau. Das Geld wird unwichtig / überflüssig werden und Selbstentfaltung der dominierende Lebensmodus. Nur das Ende der Zivilisation z.B. in Form der Klimakatastrophe kann das verhindern.

So viele gibt es nicht, aber mehr als zwei (Selbstentfaltungs-Kommunismus oder Weltuntergang) dürften es schon sein. Und selbst wenn es ultimativ nur diese Alternativen gäbe, spielt es ja eine große Rolle, ob sich das kapitalistische Elend noch einige Jahrzehnte oder Jahrhunderte länger hinzieht oder nicht, sprich wie schnell sich die hoffentlich bessere Alternative durchsetzen kann. Und dafür spielen wiederum Narrative eine Rolle, die Menschen dazu bewegen, sich auf diese oder jene Weise zu verhalten.

Ich sehe das Problem, dass eine ernstzunehmende Transformation ja zunächst mal einen Paradigmenwechsel installieren müsste. Und auf den setzt sich dann das Narrativ drauf.

Da scheint mir wieder das falsche Basis/Überbau-Dogma durchzukommen – erst die neue Praxis, dann die neue Theorie. So geht das aber nicht, Praxis („Basis“) und Theorie („Überbau“) können sich nur Hand in Hand entwickeln.

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