Auf der Suche nach dem Neuen im Alten
Artikel drucken

Vergebliche Suche nach Keimformen

Streifzüge Nr. 60/2014[Alle »Keimformen«-Artikel in Streifzüge 60/2014]

Kann der Bruch zwischen der kapitalistischen Gesellschaftsformation und der Gesellschaft der allgemeinmenschlichen Emanzipation zugleich als Übergang gedacht werden? Seinen weitestgehenden Versuch in diese Richtung unternahm Robert Kurz in Antiökonomie und Antipolitik (1997). Er spricht von Keimformen einer neuen Vergesellschaftung – innerhalb der heutigen kapitalistischen Gesellschaft noch marginalen, aber prinzipiell verallgemeinerbaren Entkopplungen von der herrschenden Warenproduktion. Kurz gab diesen Versuch wieder auf, ohne die eigenen Vorstellungen und die angewandte Methode ausdrücklich zu kritisieren. Für die heutige Suche nach Wegen aus dem Kapitalismus ist es sinnvoll, das nachzuholen.

Einverständnisse

Zum sozialökonomischen Charakter des Realsozialismus und zum historischen Materialismus schreibt Kurz: „Das Marx’sche Schema von der Rolle der Produktivkräfte wurde … nur hinsichtlich der Binnengeschichte des warenproduzierenden Systems mobilisiert, nicht jedoch bezüglich der Aufhebung dieses Systems selbst.“ Es sei der „Widerspruch von Produktivkräften und Produktionsverhältnissen … von Anfang an der innere Motor der kapitalistischen Entwicklung selbst, … ohne dessen basale Form selber antasten zu können“. Dieser Widerspruch führe „erst am Ende der systemischen Entwicklungsgeschichte zur absoluten Systemkrise und an die Schwelle der Aufhebung“. Der Marxismus verstand „den Marx’schen Begriff der Transformation“ nur in einer „schwachen“ Version und blieb „in der unausgeschöpften Entwicklungsgeschichte der Moderne gefangen“ (59). Der Arbeiterbewegung und dem realen Sozialismus entsprach „keine nicht-bürgerliche, nicht-warenförmige soziale Existenzform“ (55).

Eine Kapitalismuskritik führe nicht an sozialökonomische Keimformen einer Transformation heran, wenn sie sich positiv auf folgende historische Bewegungen bzw. Denkweisen beziehe:

  • Genossenschaftsbewegung des 19. Jahrhunderts bzw. Alternativbewegung der frühen 1980er Jahre;
  • Annahme einer Polarität von staatsökonomischem Politizismus und kleinbürgerlichem Klitschensozialismus;
  • Linker Scheinradikalismus, der nicht nach Keimform einer Vergesellschaftung jenseits der Warenproduktion fragt;
  • Linksradikale, die die basale Formbestimmtheit ignorieren, auf die aufklärerische Subjekt-Emphase „der Klasse“ bzw. „des Klassenkampfs“ oder jakobinisch-bürgerlichen Revolutions-Politizismus ausweichen;
  • Anarchisten, die an unaufgehobenen Vermittlungsformen des warenproduzierenden Systems kleben, an bürgerlicher Subjektivität, an Proudhon mit tendenziell antisemitischer Kritik des zinstragenden Kapitals;
  • Pariser Kommune von 1870 und Anarchisten des spanischen Bürgerkriegs ohne jegliche Idee einer nicht-warenförmigen Reproduktion;
  • Nachlaßverwalter der Kritischen Theorie, die in vermittlungsunfähiger Paralyse verharren und das Problem des Übergangs im Schwebezustand esoterischer Reflexion belassen (56f.).

Die Aufhebung der fetischistischen Wertform, so Kurz, schließe die Negationen sowohl der erscheinenden Verkehrsform des Geldes ein wie auch der erscheinenden Form des kapitalistischen Gebrauchswerts. Erst Theorie und Praxis der Keimformen setzten „einen formulierbaren Anfang der sozialen Emanzipation“ (53). Eine angenommene Aufhebung des Kapitalismus bei gleichzeitiger Ablehnung einer Keimform sozialökonomischer Reproduktion jenseits des Werts sei dagegen „zwangsläufig mit einem etatistischen Verständnis der Umwälzung ‚von oben‘ verbunden, d.h. vom zentralen archimedischen Punkt der Macht aus“ (63).

Eine Keimform sei kein äußerer territorialer, sondern ein innerer sozialer Raum, in dem Menschen mitten im kapitalistischen Territorium einen Teil ihrer Reproduktion den kapitalistischen Zumutungen entreißen. Kapitalistisch produzierte Mikroelektronik und Solartechnik würden für nichtkapitalistische Reproduktionsformen eingesetzt. Es gehe nicht um „romantisches“ Aussteigertum der 70er/80er Jahre. In die kapitalistische Vergesellschaftungsform werde von innen her eine Bresche geschlagen. Die Keimformen hätten die Potenz zur Verallgemeinerung, zum Überwinden der kapitalistische Reproduktion überhaupt. Diese „starke“ Transformation benötige keinen zentralen, unmittelbar gesamtgesellschaftlichen Hebel. Es handele sich hinsichtlich der Gesamtgesellschaft um eine Bewegungsform und nicht um einen zentralen Akt der Umwälzung (65).

Die Verwertung von Wert, tendenziell nicht mehr fähig, die Gesellschaft materiell zu tragen, bringt v.a. durch den Zwang zur Produktion relativen Mehrwertes die Mikroelektronik hervor. Diese ist Kurz’ zentrale Kategorie der heutigen Revolution der Produktivkräfte.

Kritik

Es gelte, „die Partei der mikroelektronischen Produktivkräfte gegen die kapitalistischen Produktionsverhältnisse zu ergreifen“. Allerdings sei die „konkrete Erscheinung der mikroelektronischen Produktivkräfte … auch der stofflichen Gestalt nach eine kapitalistische, die zusammen mit ihrer gesellschaftlichen Form aufzuheben“ (62) sei. Im Gegensatz zu dieser Aussage wird der mikroelektronischen (sachlichen) Produktivkraft selbst eine emanzipatorische Kraft unterstellt. Er zeigt nicht, welche Umformung sie in den Keimformen erfährt bzw. wie sie in diesen in neuer sozialer und gegenständlicher Qualität geschaffen wird. Die Produktivkräfte werden gefasst als den agierenden Individuen gegenüberstehende sachliche Gegebenheiten. Die Mikroelektronik selbst hat quasi den Kommunismus im Leib. Das „Wesen dieser neuen Produktivkräfte“ sei „um ihrer selbst willen“ gegen die kapitalistisch geprägte „konkrete Erscheinung der mikroelektronischen Produktivkräfte“ zur Geltung zu bringen. Wesen vs. Erscheinung! So sei der „destruktive Gebrauchswert der kapitalistischen Produktions- und Konsumstruktur aufzuheben, … die kapitalistischen Artefakte auszusortieren“ (62f.). Mit dieser Art, eine Aufhebungsperspektive zu erkennen, gerät Kurz in eine subjektlose mechanistische Logik und zugleich in ein voluntaristisches Sollen und Müssen.

Subjektlose Aufhebung des Kapitalismus

Kurz’ Stärke ist die wertkritische Darstellung der Schranken der kapitalistischen Produktionsweise und deren Zumutungen für die Individuen als Folgen der „fetischistischen Reproduktions- und Verkehrsform selber“ (69). So weit – so richtig. Wie aber die Reproduktion jeglicher gesellschaftlicher Verhältnisse so ist auch die Konstitution von Keimformen aktives Handeln, getragen von subjektiven Entscheidungen jener Menschen, deren auch geistige Einbindung in die alte Reproduktions- und Verkehrsform die Wertkritik ansonsten nachweist. Wie ist aber prokommunistisches Handeln vereinbar mit der totalen kapitalistischen Einbindung? Kann das erstere aus letzterem hervorgehen, kann die Bildung von Keimformen tatsächlich als „Konkretisierung der Wertkritik“ (58) verstanden werden?

In Kurz’ Keimformtext kommen handelnde Individuen zunächst nicht vor oder nur in der von der Gegenständlichkeit getrennten Figur der leidenden Menschen bzw. derjenigen, die entsprechend einem Sollen und Müssen die ihnen sozusagen äußerliche Mikroelektronik zu ihrer eigentlichen kommunistischen Bestimmung verhelfen.

Über das dementsprechende Können der Individuen – offenkundig eine neue Erscheinung – wird nichts gesagt. Die Motive, solche Wege aus dem Kapitalismus zu beschreiten, werden nur aus der Grundsituation der geknechteten, lohnarbeitenden Individuen hergeleitet, dem Leiden, das die gesamte bürgerliche Epoche durchzieht, also aus der allgemeinen, von der Wertkritik dargestellten innerkapitalistischen Logik. Diese führt aber nur in den Kapitalismus hinein und nicht hinaus. Das Reich der Freiheit wird von der Wertkritik, wenn überhaupt, nur als das abstrakte Andere des Kapitalismus behandelt, als etwas, über das man nur sagen könne, dass es eben Nicht-Kapitalismus ist – eine einfache, eine abstrakte Negation. Woher also kommt ein Handeln, das wertfreie Räume begründet, woher die Keimformen?

Die immer schon geknechteten, erniedrigten Individuen treffen endlich auf die mikroelektronischen Produktivkräfte. Diese sind bei Kurz das einzige neue innerkapitalistisch-historische Element. Es ist keine Rede von einer Entwicklung der agierenden Individuen selbst, die diese sachlichen Produktivkräfte hervorbringen. Kommunismus ist so nur zu „denken“, indem man den sachlichen Produktivkräften selbst einen kommunistischen Charakter, einen Heiligen Geist zurechnet.

Noch einmal: Kritisiert wird nicht die richtige Einsicht, dass im Zusammenhang mit der mikroelektronischen Revolution die Lohnarbeit, die unverzichtbare Grundlage der kapitalistischen Produktion, „abgeschmolzen“ und die Wertverwertung zusammenbrechen wird. Thema ist das positive Setzen einer möglichen Alternative, wie es sich aus dem Alten heraus entwickelt. Kurz schreibt das dem Wesen einer Technik zu, nicht der Entwicklung der handelnden Individuen.

Kapitalismus – ein schwarzes Loch

Kurz’ Bestimmungen von Keimformen ergeben sich zunächst logisch aus der Wertkritik: Es könnten nur solche sozialen Räume sein, die sich jenseits der Warenförmigkeit konstituieren. Demzufolge stellte auch die sozialistische Warenproduktion keinen Weg aus dem Kapitalismus dar. Es gehe um solche Assoziationen, in denen entsprechend den Bedürfnissen der beteiligten Akteure nützliche Dinge produziert werden. Das ist richtig, doch nicht hinreichend. Sonst könnten auch vormoderne Selbstversorgungsgemeinschaften Keimformen des Kommunismus sein. Das schließt Kurz aus. Der erreichte Grad der Vergesellschaftung kann in Keimformen nicht zurückgenommen, er muss in einer anderen Form aufgehoben werden. Wenn aber Kurz’ Gemeinschaften zunächst nur für sich selbst produzieren und nicht zur allgemeinen Verfügung, sind sie zum Produktentausch mit anderen Assoziationen gezwungen. Sie müssten letztlich – der Wertkritiker weiß das eigentlich – für den Tausch arbeiten und damit die „ganze Scheiße“ wieder herstellen: nützliche Dinge als Waren produzieren, arbeiten für Äquivalent, Geld, Kapitalismus. Diese Keimformen sind keine.

Davon abgesehen, wie kommen nun bei Kurz die Menschen zum Keimform-Handeln? Im Gegensatz zu Marx’ Revolutionstheorie weiß die Wertkritik, dass die Menschen sich diese Fähigkeiten nicht in den innerkapitalistischen gewerkschaftlichen und politischen Kämpfen aneignen. Wie und wo bewirken dann Menschen, dass „die mikroelektronische Revolution [nicht nur – UW] zur Produktivkraft der Krise für das warenproduzierende System, … [sondern] auch zur Produktivkraft der sozialen Emanzipation von den fetischistischen Formen des Werts“ (59f.) wird? Wie eignen sie sich die Fähigkeiten dazu an? Kein Wort dazu. Wie auch, ist für Kurz doch die ganze bürgerliche Epoche nichts weiter als eine geschlossene Veranstaltung zur Verunmöglichung der Aufhebung des Kapitalismus.

Marx machte etwa mit den Kategorien formelle und reelle Subsumtion der Arbeit unter das Kapital die Verbindung zwischen den Entwicklungen der Arbeitsmittel und der Maschinerie, dem Charakter der Arbeit und den subjektiven Fähigkeiten der Produzenten (Verarmung/Entfaltung) erkennbar. Hier ist im Zusammenhang mit der Entwicklung mikroelektronischer Produktivkräfte tatsächlich etwas zu entdecken, nicht aber das An-Sich-Kommunistische von Gegenständen. Der Marx des Maschinenkapitels der Grundrisse sagt Kurz nichts. Wie zu Maria der Herr, so kommt in Kurz’ Text der Kommunismus plötzlich zum Menschen in Gestalt der Mikroelektronik.

Kurz kann sich auch 1997 mittels der Keimform-Idee nicht über die totale Bezogenheit seines kritischen Denkens auf die innerkapitalistische Logik erheben und stürzt sich schließlich wieder in sein unwiderstehliches kapitalistisch-schwarzes Loch.

Methodenkritik

Von welcher entfalteten sozialen Formation kann etwas eine Keimform sein? Soll die Keimform-Kategorie nicht leer bleiben, muss man über eine solche Bestimmung des sogenannten Reichs der Freiheit verfügen, die über die Aussage hinausgeht, dass es kein kapitalistisches ist. Solchen Bezug stellt Kurz auch in seinem Anti-Artikel nicht her. Er bleibt bei der einfachen Negation hängen, damit beim Alten, und gibt die Frage nach Keimformen auf.

Es ist schon ein kühnes Unterfangen, etwas Bestimmtes über eine Gesellschaft zu sagen, die es noch nicht gibt. Dies nicht zu tun, bedeutet selbst genau das zu tun, was Kurz über die „‚orthodoxen‘ Nachlaßverwalter der Kritischen Theorie“ schreibt, hinsichtlich der Aufhebung des Kapitalismus, „im Zustand einer vermittlungsunfähigen Paralyse [zu] verharren, … das Problem im Schwebezustand … zu belassen und jeden anzupinkeln, der darüber hinausgehen will“ (57).

Keine Geschichtsphilosophie?

Man kann über die nicht vorhandene, aber mögliche Gesellschaft nur dann begründet sprechen, wenn man die Begrenzung auf die innerkapitalistische Logik zugunsten einer weltgeschichtlichen Sicht aufhebt. Marx behauptete, er verfüge über keine Geschichtsphilosophie, habe nur die innere Logik der kapitalistischen Produktionsweise aufgedeckt. Und doch spricht er auch als reifer Theoretiker von progressiven Gesellschaftsformationen (1859, 9). Friedrich Engels sah dessen Geschichtsmaterialismus als zweite große Entdeckung an (1883, 335f.).

Marx interessierte an der Binnengeschichte einer Formation wie an formationsübergreifenden Entwicklungen die geschichtliche Entfaltung der allgemeinen menschlichen Potenz. Es geht um die allgemeine Fähigkeit der Menschen, ihre eigenen Existenzvoraussetzungen – materiell-natürliche, soziale, entsprechende individuelle Fähigkeiten – zu schaffen und damit sich selbst. Hinsichtlich der Form, in der das geschieht, unterscheidet er die menschliche Vorgeschichte von der eigentlich menschlichen Geschichte. Im sogenannten Reich der Notwendigkeit – den Kapitalismus eingeschlossen – ist die Entwicklung der Zivilisation, die sich ausweitende allgemeine Handlungsfähigkeit unvermeidbar mit ihrem Gegenteil behaftet: Geschlechter- und Klassenspaltungen, Unterdrückung, Vernichtung. Die Menschen sind hier den Mitteln ihrer eigenen Vergesellschaftung wie einer äußeren natürlichen Macht unterworfen. Auf einem bestimmten Entwicklungsniveau ist der Übergang ins sogenannte Reich der Freiheit möglich. Dies könnte die Not der bisherigen Gegensätzlichkeit der Entwicklung wenden. Marx’ Geschichtsmaterialismus macht jene Ereignisse und Entwicklungen sozialer Räume, Stände, Klassen, Institutionen, sachlicher Produktivkräfte und menschlicher Fähigkeiten erkennbar, die durch alle Brüche hindurch in Richtung dieser eigentlichen Geschichte wirken. In dieser Geschichtsphilosophie wird die innerkapitalistische Entwicklung zum Moment der weltgeschichtlichen. Es wird erkennbar, wie in diesem die unverzichtbaren Voraussetzungen für das Reich der Freiheit und eben dessen Keimformen entstehen.

Im Bestreben, mittels der Wertkritik die Besonderheit der kapitalistischen Formation zu erfassen, deren innere Logik sowohl als eine nicht vor- als auch als eine nicht nachkapitalistische zu bestimmen, reißt Kurz die Formationen auseinander. Sie stehen bezugslos nebeneinander, gehen nicht auseinander hervor, nicht ineinander über. Wie neugeboren „erben“ die Menschen allenfalls das Katastrophale der vorhergehenden Epoche. Wetternd gegen die Marx’sche angeblich „deterministische Abfolge von ‚immer fortschrittlicheren‘ Gesellschaftsformationen“, bleibt als übergreifendes Band nur, dass „der menschliche Geist nie stillsteht“ (58) – ein Idealismus, der, will er wirklich mal Geschichte denken, grober Materialismus wird.

Kapitalismus ist für Kurz eine immer schon lässliche Erscheinung ohne jeglichen zivilisatorischen Fortschritt. Durch Gewalt und Willkür installiert, reihen sich in ihm nur Katastrophen aneinander. Einzig die Mikroelektronik kommt aus der kommunistischen Zukunft daher und sammelt auf unerklärliche Weise die Leute in Keimformen. Konsequent folgt Kurz’ gescheitertem Keimform-Ausflug das Schwarzbuch des Kapitalismus (1999), eine kapitalistische Sintflut ohne mikroelektronische Arche. Der Versuch, eine den Kapitalismus überschreitende Entwicklung zu denken, ist beendet.

Das Ende als möglichen Anfang denken?

In Marx’Grundrissen durchdringen sich eine tief begründete Geschichtsphilosophie und die Kritik der Politischen Ökonomie. In (vorzeitiger) Erwartung einer Revolution stellt er Fragen, die heute relevant sind: Wie sind Bruch und Kontinuität beim Übergang in eine freie Gesellschaft zu fassen? Welche Elemente der neuen Gesellschaft entstehen schon in der alten, sind in dieser zwar funktional, stehen aber zugleich in unauflösbarem Gegensatz zu ihr? Er antizipiert heute erlebbare Entwicklungen. Zwei Dinge fallen im Spätkapitalismus zusammen:

  1. Die auf die Verwertung von Wert gegründete Produktionsweise wird zur miserablen Grundlage der Gesellschaft. Mit dem Übergang zur automatisierten Produktion vernichtet diese ihre eigene Grundlage – die Lohnarbeit. Der Kapitalismus verliert seine transitorische Notwendigkeit, gerät in seine Endkrise. Letzteres Argument macht auch die Wertkritik stark. Eine Idee von einer Transformation hat sie nicht.
  2. Durch diese Entwicklung muss und kann schließlich der gesellschaftliche Reichtum nicht mehr an der Masse verausgabter menschlicher Arbeitskraft gemessen werden, können ProduzentInnen nicht mehr gemäß des Wertes ihrer verausgabten Arbeitskraft daran teilhaben. Erstmalig kann die Entfaltung der schöpferischen menschlichen Fähigkeiten zum Kriterium menschlichen Reichtums werden, zum unmittelbaren Ziel und Inhalt der Produktion.

In Marx’ sonstiger Revolutionstheorie eignen sich die Proletarier im Klassenkampf die Fähigkeit und die Macht an, die bourgeoise Herrschaft zu stürzen und mittels ihrer Diktatur die neue Produktions- und Lebensweise zu etablieren. In den Grundrissen fällt die Entwicklung der Wert- und Mehrwertproduktion, die mit der eigenen Grundlage auch die innerkapitalistische Geschichtsmächtigkeit des Proletariats zerstört, direkt mit einer solchen Entfaltung von menschlichen Bedürfnissen und Fähigkeiten zusammen, die die Menschen dazu befähigen, eine neue Form von Produktion und Vergesellschaftung zu konstituieren. Durch spätkapitalistische Änderungen im Charakter der Arbeit werden die bürgerlichen Individuen zu potentiellen Akteuren einer neuen Vergesellschaftungsform. Die kapitalistische Produktionsweise, richtiger: die Kritik daran vom geschichtsphilosophisch begründeten Standpunkt ihrer Aufhebung, treibt nun an einen Bruch heran: Das wissenschaftlich, kooperativ, künstlerisch und spielerisch fähige und zugleich durch die Erwerbstätigkeit beständig begrenzte, erniedrigte bürgerliche Individuum kann nunmehr mit der alten Produktionsweise brechen und eine neue Entwicklung in Gang setzen. Die Menschheit ist inzwischen sozusagen dieser von Marx logisch begründeten Möglichkeit des Kommunismus entgegengewachsen.

Produktion muss nicht mehr durch offenen oder stummen Zwang der Ökonomie vorangetrieben werden. Sie kann getragen werden vom Bedürfnis nach schöpferischer Tätigkeit von Individuen, die sich frei assoziieren. Die sich in den Keimformen schon zeigende freie Tätigkeit ist eben zugleich gerichtet auf die Herstellung nützlicher Produkte zum allgemeinen Gebrauch wie auf die Entfaltung der je eigenen Individualität der Akteure selbst. Deren Verallgemeinerung wäre die Konstitution einer Gesellschaft, in der gilt: „Jeder nach seinen [produktiven Bedürfnissen und] Fähigkeiten, jedem nach seinen [konsumtiven] Bedürfnissen.“ (Marx 1875, 21, Einfügungen: UW)

Grober Materialismus

Bei Kurz haben Gegenstände, die Mikroelektronik, ein kommunistisches Wesen. Diese müssten durch einen äußerlichen Akt von ihrer kapitalistischen Erscheinung befreit werden. Genau das ist eine Variante des „grobe[n] Materialismus der Ökonomen, die gesellschaftlichen Produktionsverhältnisse der Menschen und die Bestimmungen, die die Sachen erhalten, als unter diese Verhältnisse subsumiert, als natürliche Eigenschaften der Dinge zu betrachten, [es] ist ein ebenso grober Idealismus, ja Fetischismus, der den Dingen gesellschaftliche Beziehungen als ihnen immanente Bestimmungen zuschreibt und sie so mystifiziert“ (Marx 1858, 588).

Marx verfiel auch in solches Denken, so wenn er etwa schreibt: Auf einer gewissen Entwicklungsstufe „schleudert der Sozialismus die politische Hülle weg“ (1844, 409). Allerdings wird bei Marx nicht einer kommunistischen Gegenständlichkeit die kapitalistische Äußerlichkeit, sondern auf einer bestimmten Stufe der Entwicklung der menschlichen Produktivkräfte wird etwa die „letzte Knechtsgestalt, die die menschliche Tätigkeit annimmt, die der Lohnarbeit auf der einen, des Kapitals auf der andren Seite, … abgehäutet, und diese Abhäutung selbst ist das Resultat der dem Kapital entsprechenden Produktionsweise; die materiellen und geistigen Bedingungen der Negation der Lohnarbeit und des Kapitals“ (1858, 641f.).

Wer „häutet“ wen ab? Die agierenden Individuen sich selbst, und zwar indem sie sich in einer neuen sozialen Form assoziieren und in einem Prozess sich selbst als gesellschaftliche Individuen neu konstituierend auch die ihren Bedürfnissen entsprechenden Produkte, Produktionsmittel und Produktionsverhältnisse neu schaffen.

Die kapitalistisch produzierte Mikroelektronik ist nicht in ihrem nur unter kapitalistischer Erscheinung versteckten Wesen kommunistisch, sondern unter den herrschenden Verhältnissen „auch der stofflichen Gestalt nach eine kapitalistische“ Technik, die nur „zusammen mit ihrer gesellschaftlichen Form aufzuheben“ ist (62). Marx leitet in der Deutschen Ideologie (1846) die Lohnarbeit nicht aus dem Privateigentum ab, sondern das Privateigentum aus der entfremdeten Arbeit. So ist auch nicht eine Gegenständlichkeit von der kapitalistischen sozialen Form in dem Sinne zu befreien, dass „abgehäutet“ das Kommunistische übrig bliebe. Die neuen sachlichen Produktivkräfte sind vielmehr in und mit neuen Formen der Tätigkeit neu zu schaffen. Der Kommunismus ist auch logisch so zu entwickeln, wie er auch in der Wirklichkeit nur entstehen kann – als Bewegung und Resultat freier Tätigkeiten.

Keimformen und ihre Voraussetzungen

Wir unterscheiden zwischen den historisch entstehenden Voraussetzungen für die Aufhebung des Kapitalismus und den Keimformen der neuen Vergesellschaftung. Zu den Voraussetzungen des Entstehens von Keimformen gehören jene von Marx antizipierten und heute erlebbaren schöpferischen Eigenschaften von Individuen, die das Kapital unter den Bedingungen der mikroelektronischen Revolution in seiner Jagd nach relativem Mehrwert unbedingt benötigt – dies auch um den Preis seiner eigenen Auszehrung.

Auf dieser Grundlage können sich Individuen Keimformen einer neuen Vergesellschaftung schaffen und sich selbst neue soziale Räume. In diesen stellen sie in einer Tätigkeit, die ihnen selbst Bedürfnis ist und die ihre Individualität frei entfaltet, die von ihnen gewollten Produkte und sozialen Beziehungen her. In solch bewusster Tätigkeit, und nicht vermittelt etwa durch einen staatlichen Plan und/oder gar durch Geld, antizipieren sie eine neue Gesellschaftlichkeit.

Eine solche Bestimmung von Keimformen entwickelt Kurz nicht. Ähnlich dem ML bleibt auch er im groben Materialismus, in der Hoffnung auf einen prokommunistischen Fetisch, stecken. Das von Marx in den Grundrissen charakterisierte spätbürgerliche Individuum – die genannten historischen Bedingungen vorausgesetzt – das ist der menschliche „Punkt“, in dem sich der Kampf zwischen der innerkapitalistischen Logik und der des Reichs der Freiheit abspielt. Dieses bürgerliche Individuum ist sowohl der historische wie logische Endpunkt der progressiven Zeit und der Elendsgeschichte der kapitalistischen Formation als auch zugleich der nunmehr gewonnene Ausgangspunkt des Reichs der Freiheit.

Es sind die Modifikationen der Arbeit, der Produktionsmittel und der Formverhältnisse der Reichtumsproduktion in der spätkapitalistischen mikroelektronischen industriellen Revolution zu befragen: Inwiefern entstehen hier Voraussetzungen einer Produktionsweise, die die „Aufhebung … des unmittelbaren Charakters der lebendigen Arbeit als bloß einzelner oder als bloß innerlich oder bloß äußerlich allgemeiner“ bedeutet, einer Produktionsweise, in der durch das „Setzen der Tätigkeit der Individuen als unmittelbar allgemeiner oder gesellschaftlicher, …“ nicht, wie Marx weiter schreibt, „den gegenständlichen Momenten der Produktion diese Form der Entfremdung abgestreift“ wird (1858, 722f.), sondern in der mit dieser Tätigkeit auch die gegenständlichen Momente der Produktion in neuer Form neu geschaffen werden. Die Individuen werden im zerstörerischen Spätkapitalismus nicht nur vor die Herausforderung gestellt, dass sie, um die eigene Existenz und damit die menschliche Zivilisation zu erhalten, diese Momente der Produktion nicht nur neu setzen müssen, und zwar „als Eigentum, als der organische gesellschaftliche Leib, worin die Individuen sich reproduzieren als Einzelne, aber als gesellschaftliche Einzelne“ (ebd., 723) – sie entwickeln dazu auch die Fähigkeiten und die entsprechenden Bedürfnisse und bringen diese bereits in Keimformen zur Geltung.

Kurz’ Abgesang

Die widersprüchliche Existenz und die emanzipatorischen Potenzen des spätbürgerlichen Individuums macht Kurz nicht zum Ausgangspunkt seiner Entwicklungen, sondern den Fetisch eines An-sich-Kommunismus der Mikroelektronik. Um aber doch vom Handeln zu reden, beschwört er am Ende des Textes solche soziale Aktivitäten, die er anfangs als innerkapitalistische bestimmt hat. Er kommt zu einem einzigen Anti, Müssen, Sollen und Lob des Avantgardismus. Um allen möglichen Widerständen, die immer vom Negierten geprägt sind, doch einen potentiellen Antikapitalismus zuzusprechen, verfällt er in Voluntarismus, in Zukunftskonstruktionen und in theoriefernen Eklektizismus: Eine Elite braucht einen gesamtgesellschaftlichen Plan; es müsse die „Theorie der Planung … der realen Entkoppelungsbewegung vorausgreifen, weil diese möglicherweise sehr schnell in die Zwangslage versetzt werde, die Transformation nicht in kleinen Schritten, sondern in großen Schüben organisieren zu müssen. (…) Erst die Einheit von Krisentheorie, Entkoppelungstheorie und Planungstheorie“ könne „eine kohärente anti-ökonomische Begriffsbildung entwickeln“ (95); es gelte, bei deren Neubestimmung „mit grundsätzlich veränderten Inhalten und Formen das zu leisten, was die alte Arbeiterbewegung … auf ihre Weise auch geleistet hat“ (96f.). Die Übergangsgesellschaft des alten Marxismus ist wieder da.

Kurz setzt nun auf die Kämpfe innerhalb der Lohnarbeit: „Wir dürfen nicht vergessen, wie schwierig einst die Vermittlung des ‚Marxismus‘ als kritische Theorie mit den … sozialen Bewegungsformen der Lohnarbeiter … seit der Mitte des 19. Jahrhunderts war … wie reichhaltig in diesem Kontext auch die Debatte um die ‚Übergänge‘, um das ‚Herankommen‘ an die soziale Umwälzung.“ (97) Es sei „eine der Schwächen der bisherigen Alternativbewegung und der Ansätze des ‚Dritten Sektors‘, dass sie sich kaum oder gar nicht auf die weiterlaufenden Kämpfe innerhalb der Lohnarbeit beziehen können“ (97). Wenn dagegen „Sektoren einer autonomen, emanzipatorischen Reproduktion greifbar sind, ist es möglich, den system-immanenten sozialen Kampf völlig rücksichtslos und in Bezug auf das Schicksal der famosen Marktwirtschaft nihilistisch zu führen“ (98).

Er hofft auf Grundeinkommen, einen notwendigen „gesellschaftlichen Zeitfonds für die Tätigkeit in entkoppelten, autonomen Sektoren der Reproduktion“ (98). So werde das angeblich „neue Paradigma gesellschaftlich herausgearbeitet und in der gewerkschaftlichen Debatte ebenso präsent sein wie in den Arbeitslosen- und Selbsthilfebewegungen“ (99). Nötig sei eine systematische sozialökologische Enthüllungs- und Aufhebungs-Politik (101) und als das „soziale Kampfmittel der Zukunft … die kybernetische Subversion“ (104).

In einem Keimformtext Anbiederung an Bewegungen, die der Wertkritiker Kurz als inner- und prokapitalistische kennt! Das wurde nicht honoriert. Kurz bekämpfte von nun an jeden Keimformgedanken. Schade. Die Wertkritik, wenn sie sich der Transformationsfrage wirklich stellte, könnte zum kritischen Selbstverständnis nicht nur der Commons-Bewegung beitragen, sondern zur Einsicht der in sich zerrissenen spätbürgerlichen Individuen in ihre gegensätzlichen Rollen als Re-ProduzentInnen der kapitalistischen Verhältnisse und zugleich als potentielle BegründerInnen einer neuen freien Gesellschaft.

Literatur

Engels, Friedrich (1883): Das Begräbnis von Karl Marx, in: MEW 19 (1973), Berlin: Dietz.

Hegel, Georg Wilhelm Friedrich (1969): Wissenschaft der Logik I, Werke Bd. 6, Frankfurt/Main: Suhrkamp.

Kurz, Robert (1997): Antiökonomie und Antipolitik, in: krisis, Beiträge zur Kritik der Warengesellschaft 19, Bad Honnef: Horlemann, S. 51–105.

Kurz, Robert (1999): Schwarzbuch Kapitalismus. Ein Abgesang auf die Marktwirtschaft, Frankfurt/Main: Eichborn.

Marx, Karl (1844): Kritische Randglossen zu dem Artikel „Der König von Preußen und die Sozialreform. Von einem Preußen“, in: MEW 1 (1976), Berlin: Dietz.

Marx, Karl (1858): Grundrisse der Kritik der politischen Ökonomie, in: MEW 42 (1983), Berlin: Dietz.

Marx, Karl (1859): Zur Kritik der Politischen Ökonomie, in: MEW 13 (1971), Berlin: Dietz.

Marx, Karl (1875): Kritik des Gothaer Programms, in: MEW 19 (1973), Berlin: Dietz.

Marx, Karl/Engels, Friedrich (1846): Die deutsche Ideologie, in: MEW 3 (1969), Berlin: Dietz.

Kategorien: Theorie

Tags: , , , , , , , , , , ,

20. April 2014, 06:56 Uhr   2 Kommentare

1 Hans-Hermann Hirschelmann (20.04.2014, 21:55 Uhr)

Kann der Bruch zwischen der kapitalistischen Gesellschaftsformation und der Gesellschaft der allgemeinmenschlichen Emanzipation zugleich als Übergang gedacht werden?

Für Marx war Kapitalismus noch eine Etappe auf dem Weg zur Formierung einer tatsächlichen Menschheitsgeschichte, d.h. zu einem (globalen) Miteinander, das die Verfolgung gemeinsamer (und in so fern allgemeinmenschlicher) Menschheitsziele erlaubt. Er hielt das nur in dem Maße für möglich, wie die (als weltkollektive Selbstbefreiung gedachte) Emanzipation aus der Nötigung zur Lohnarbeit gelingt, d.h. die Auflösung privilegierter, privater Verfügung über die wesentlichen Produktionsmittel/Produktivkräfte.

(Welt-) Kommunistische Emanzipation war für ihn die vom Bestehenden ausgehende reale (d.h. soziale) Bewegung , die den alten Zustand tatsächlich aufhebt. Es wird allerdings eine („sozialistische“) Etappe als eine Überghangsphase notwendig werden, in der die Überwindung der beschränkten kapitalistischen Formen der Arbeitsteilung der weltweit vorherrschende Prozess ist.

Wer bisher gedacht hatte, die Streifzüge wären ein Forum, in dem im Prinzip in diesem Rahmen gedacht und lediglich darüber gestritten wird, wie die Übergänge gestaltet werden können, wo etwa vor dem Hintergrund der schlechten Erfahrungen mit dem so genannten „Realsozialismus“ eine Debatte über Marx/Engels fromm fröhliches Versprechen einer „Diktatur des Proletariats“ geführt oder die Frage diskutiert wird, inwieweit man heute von der Notwendigkeit einer ökokapitalistischen Etappe sprechen müsste, der reibt sich bei Ulrich Weiß Ausgangsfrage (!) verwundert die Augen. 

Kann heiter werden.

2 Hans-Hermann Hirschelmann (21.04.2014, 17:21 Uhr)

Robert Kurz hier vorgestellte „Not-to-Follow“ Liste zeigt das Problem hilfoser Kapitalismuskritik die deshalb hilflos ist, weil sie einerseits moralistisch daher kommt, d.h. einseitig auf – wenig nachhaltigen – Delegitimierungsgewinn ausgerichtet ist, und andererseits auf fragwürdige Zusammenbruchserwartungen aufbaut. 

Mit viel Polemik umwickelte Pauschalabgrenzungen von allen möglichen Ansätzen, die zu kurz greifen, (die, wie wir wissen sollten, immer auch strukturbedingt, also notwendigerweise zu kurz greifen müssen), scheint mir oft mehr einer „Warenlogik“ zu folgen, als es den jeweiligen Akreuren bewusst ist. Es sieht oft wie Sucht nach einem Alleinstellungsmerkmal aus, das ja als wesentliche Vorraussetzung  jeder erfolgreichen Verkaufsstrategie gilt.

Kommunistische Kritik sollte aber Bemühungen um das Herausarbeiten auch der im eigenen Sinne womöglich voran treibenden Potenziale des Kritisierten erkennen lassen. Das dies nicht immer leicht ist, ist mir natürlich klar.

Also: Potenziell fruchtbar finde ich folgende Frage von Uli Weiß:

Von welcher entfalteten sozialen Formation kann etwas eine Keimform sein? Soll die Keimform-Kategorie nicht leer bleiben, muss man über einesolche Bestimmung des sogenannten Reichs der Freiheit verfügen, die
über die Aussage hinausgeht, dass es kein kapitalistisches ist

Hilfreich würde ich es allerdings finden, wenn er näher erläutern könnte, was er unter einem „Reich der Freiheit“ nun tatsächlich versteht, d.h. welche Formen und welche Inhalte des menschlichen Füreinanders seiner Meinung auf welche Weise komunistisch entfaltet gehörten. Uli möchte, dass in den entfalteten Zuständen Individuen Tätigkeit ausüben, …

…die ihnen selbst Bedürfnis ist und die ihre Individualität frei entfaltet, die von ihnen gewollten Produkte und sozialen Beziehungen her.

Das trifft nicht im Entfertesten das, was m.E. kommunistische Perspektiven ausmache würde. Individualität und Bedürfnisse von Individuen sind keine fraglos zu akzeptierenden Dinge, die nur noch „frei“ (?!!!)  entfaltet gehören. Das ist in meinen Augen eine altliberale Schlaraffenlandphantasie. Die Frage nach einer kommunistischen Perspektive individueller Entfaltungsmöglichkeiten ist damit nur Freiheitssirenen hupend umschifft.

Keimformen und Übergänge zu kommunistischen Vergesellschaftungsformen müssten m.E. im Wesentlichen auf die Möglichkeit bzw. Notwendigkeit eines (globalen) Füreinanders zielen, das auf Übereinkommen aufbaut, mit denen die Globalisierten dieser Erde die Erfüllung, Entfaltung bzw. Weiterentwicklung ihrer unterschiedlichen (individuellen) Bedürfnisse und Fähigkeiten mit den sozialen Kosten ihrer Befriedigung / Entfaltung ins Benehmen setzen.

Die wohlklingende Phrase „freie Gesellschaft“ umnebelt eine solche Perspektive nur noch zusätzlich.

In solch bewusster Tätigkeit, und nicht vermittelt etwa durch einen staatlichen Plan und/oder gar durch Geld, antizipieren sie eine neue Gesellschaftlichkeit.

Hier ist unklar, ob es Uli bezüglich Geld um eine entferntere Zukunft geht, oder ob er meint, dass eine (vom Geldverkehr) freie Gesellschaft einfach so herbeitransformiert werden könnte. Es müsste doch einzusehen sein, dass innnerhalb langwieriger historischer Prozesse (stets von den jeweils bestehenden Verhältnissen ausgehend), um eine gesamtgesellschaftlich bzw. ökologisch vernünftigere Abstimmung bzw. Weiterentwicklung unterschiedlicher Bedürfnissen, Möglichkeiten und Kosten gerungen werden muss.

Erst am Ende solch langwieriger historischer Entwicklungsprozesse können bessere Mittel der Abstimmung und Weiterentwicklung von Bedürfnissen, Möglichkeiten und Kosten entwickelt sein.  Wie soll das übergangslos bewerketslligt werden?

Das gleiche gilt für die Idee so mir nichts dir nichts „den Staat“ also Gesetzgebung und -gararantie und staatich regulierte Möglichkeiten bzw. Unmöglichkeiten der Gewaltandrohung abschaffen  zu können.  (Wobei ich mir nicht vorstellen kann, dass die Gesellschaft jeweils ganz und gar ohne dessen auskommen wird)  

Die Vorstellung von Planlosigkeit als postkapitalistische Utopie richtet sich selbst.  Meint Uli Weiß, dass wir auf globale Ziele hinsichtlich ökologischer und sozialer Standards verzichten könnten?  Und dass alles einem planlosen Freiheitsdrang überlassen werden kann?

Schreibe einen Kommentar