Auf der Suche nach dem Neuen im Alten
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Solidarische Ökonomie der Commons

Ausweg aus dem Wachstumsgetriebe der Marktwirtschaft

Beitrag für den Tagungsband zum Kongress “Solidarische Ökonomie” 2013 zu meinem Workshop. Der hervorragend gestaltete und inhaltlich spannende Band ist sehr zu empfehlen. [Repost]

Weltweit dominiert die kapitalistische Produktionsweise das Leben der Menschen. Sie unterliegt einem Drang und Zwang zum Wachstum, der sozial und ökologisch verheerend ist. Anders als historisch ältere Formen von Wirtschaft, die zum Teil Märkte inkludierten, ist die kapitalistische Produktionsweise wesentlich Marktwirtschaft. Sogar die Lebenszeit wird zur Ware.

In einer Marktwirtschaft haben die Produkte zweifache Gestalt: Sie sind Gebrauchswerte mit konkretem Nutzen und zugleich abstrakter ökonomischer Wert, der sich im Geld ausdrückt. Reichtum erscheint also in doppelter Form. Abstrakter Reichtum ist eine allgemeine Form des Reichtums, Geld verkörpert pure soziale Macht. Als solche dominiert Geld die Gebrauchswerte. Die Produktion hat daher die Erzielung von Geldgewinn zum Zweck, nicht die Befriedigung konkreter Bedürfnisse. Diese ist notwendige Bedingung, nicht aber zureichender Zweck der kapitalistischen Produktion.

Drang und Zwang zum Wachstum

Daraus resultiert (1) ein Drang zum Wachstum. Geld als solches hat keinen Gebrauchswert, es unterscheidet sich von sich selbst nur der Menge nach. Wenn alles gekauft und verkauft werden muss, Ausgaben mit Einnahmen verglichen werden, dann wird Geldgewinn zum Produktionszweck. Weil Geld abstrakten Wert verkörpert, man es „nicht essen kann“, gibt es keine objektivierbare Grenze der Gewinnproduktion, Geld macht niemals „satt“. Die Produktion von Geldgewinn und die Herstellung von Gebrauchswerten, die gesamtgesellschaftlich dafür notwendig ist, sind daher maßlos.

Es resultiert aus der Existenz einer Marktwirtschaft (2) ein Zwang zum Wachstum. Geld verkörpert allgemeinen Reichtum und bildet deshalb auch den Zusammenhang der Menschen mit der Gesellschaft. Ohne Geld sind wir nicht vollwertig anerkannt. Deshalb konkurrieren alle um Geld und versuchen, sich möglichst viel davon anzueignen. Geldgewinn muss maximiert werden.

Von der Nische in die Breite: Demonetarisierung als soziale Basisinnovation

Die Voraussetzung einer Postwachstumsgesellschaft ist folglich eine Demonetarisierung. Direkte menschliche Beziehungen müssen den Markt ersetzen. Demonetarisierung ist eine soziale Basisinnovation, die sich in Nischen entwickelt. Beispiele sind Solidarische Ökonomien und Gemeingüter (Commons) im Bereich der Landnutzung oder der digitalen Information. Es gibt dort keine Lohnarbeit, Märkte verlieren an Bedeutung und der Staat spielt keine tragende Rolle. Herrschaftsverhältnisse und Ausschlussmechanismen können reflektiert und zurückgedrängt werden.

Die weitere Verbreitung dieser Basisinnovationen erfordert Meta-Innovationen. Eine Vielzahl solidarökonomischer Einheiten oder von Gemeingütern macht noch keine solidarische Postwachstumsökonomie. Bewusste Steuerungsmechanismen müssen entwickelt werden. Die Groß-Kooperative Mondragón oder die Kibbuzim der 1960er Jahre zeigen, wie das möglich sein kann, illustrieren aber auch, dass Alternativen problematisch bleiben, solange die kapitalistische Produktionsweise ihr Umfeld ist.

Die Alternative: Gleichheit ohne Geld

Eine Alternative muss das Geld und damit auch den Markt überwinden, und zwar in Richtung von erheblich mehr soziale Gleichheit. Zugleich würde ein hohes Ausmaß sozialer Gleichheit die Bedeutung von Geldverhältnissen minimieren und diese letztlich überflüssig machen.

Regionalwährungen sind kein Ausweg aus Markt, Ausbeutung und Konkurrenz. Ebenso wenig hilft zinsloses Geld. Der Zins ist nicht die Ursache von Wachstum, sondern würgt es im Extremfall ab. Fragwürdig ist auch die Perspektive einer staatlichen Steuerung. Denn der Staat ist ein Herrschaftsapparat, kein neutrales Werkzeug schöner Ideen.

Es gilt vielmehr anzuerkennen: Der Markt parasitiert immer schon an dem, was wir in direkter Kooperation, lokal, regional und global machen, im Haushalt, im Betrieb, in sozialen Netzwerken, Bewegungen und im Ehrenamt. Die Alternative ist schon im Hier-und-Jetzt vorhanden. Wir müssen sie entfalten. Und das geht nicht mit, sondern nur gegen Kapital und Staat.

In einer solchen Perspektive machen Forderungen nach Globalen Sozialen Rechten, dem Ausbau öffentlicher Güter, einem bedingungslosen Grundeinkommen und Erleichterungen für solidarische Ökonomien Sinn. Der Knackpunkt liegt jedoch darin, dem Markt fortschreitend Ressourcen zu entziehen und den Staat zugunsten einer freien und gleichberechtigten gesellschaftlichen Koordination über gestaffelte Gremien abzubauen.

Kategorien: Commons, Theorie

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15. Juli 2014, 07:02 Uhr   7 Kommentare

1 Wolfram Pfreundschuh (16.07.2014, 14:32 Uhr)

@ Stefan:
„Geld als solches hat keinen Gebrauchswert, es unterscheidet sich von sich selbst nur der Menge nach. Wenn alles gekauft und verkauft werden muss, Ausgaben mit Einnahmen verglichen werden, dann wird Geldgewinn zum Produktionszweck. Weil Geld abstrakten Wert verkörpert, man es „nicht essen kann“, gibt es keine objektivierbare Grenze der Gewinnproduktion, Geld macht niemals „satt“. Die Produktion von Geldgewinn und die Herstellung von Gebrauchswerten, die gesamtgesellschaftlich dafür notwendig ist, sind daher maßlos.“

Ich werd es wohl nicht mehr erleben, dass dieser uralte Fehler der
Wertkritik und auch vieler anderer linken Gruppierungen, der so
folgenreich ist, einmal neu bedacht wird

1. Natürlich hat Geld einen Gebrauchswert, wenn auch erst durch
den Markt selbst als dessen allgemeine Äquivalentform. Das aber ist
entscheidend, für das Verständnis von Geld und dafür, dass es
schon durch den Abkauf von Gebrauchswerten wertlos wird und aus
diesem Grund immer wieder neue Produktion für seinen Wert fällig
ist.
2. Es entsteht kein „Geldgewinn“ durch eine eigens hierauf
gerichtete Produktion. Geld als solches kann nicht einfach mehr Geld
werden. Es ist die Produktion von Gebrauchswerten für den Markt,
die den Mehrwert erzeugt, die Nutzung der Arbeitskraft zu einer
unbezahlten Mehrarbeit, der sich erst im Nachhinein der Produktion,
nach dem Produktabsatz herausstellt.
3. „Die Produktion von Geldgewinn“ kann nicht maßlos sein,
weil Geld immer nur durch die Gebrauchswerte auf dem Markt oder
durch Beschleunigung der Warenzirkulation Mehrwert darstellen kann.
Der Trieb des Kapitals ist zwar maßlos, nicht aber seine
Realisierungsmöglichkeiten in Geldform, die von den Bedürfnissen
der Menschen und ihren Löhnen, also von bezahlter Arbeit zu einem
Preis im Wert von durchschnittlicher Produktionszeit abhängig ist.

Dieser Fehler ist ja der Grund dafür, dass man dem Glauben
verfällt, dass der „menschliche Gebrauchswert“ dem
„unmenschlichen Geld“ entgegen zu halten, und damit das
Verwertungssystem durch „direkte Kooperation“ auf der Basis einer
unmittelbaren Gebrauchswertproduktion zu kippen sei. Dagegen hat sich
Marx in vielen Facetten ausgesprochen.
Siehe hierzu auch
http://kulturkritik.net/lexex.php?lex=gebrauchswert
oder

http://kulturkritik.net/zit.php?zit=mew_13,016_d

Die Schlussfolgerungen in deinem Text gründen darauf, z.B. dass
du den Gebrauchswert aus seiner relativen Wertform entfernst und
dadurch wertlos und das Geld unendlich wertvoll machst („Als pure soziale Macht … dominiert Geld die Gebrauchswerte“).

Der nächste Fehler entsteht in deinem Verständnis vom
Wachstumszwang:
„Es resultiert aus der Existenz einer Marktwirtschaft ein Zwang
zum Wachstum. Geld verkörpert allgemeinen Reichtum und bildet
deshalb auch den Zusammenhang der Menschen mit der Gesellschaft. Ohne
Geld sind wir nicht vollwertig anerkannt. Deshalb konkurrieren alle
um Geld und versuchen, sich möglichst viel davon anzueignen.
Geldgewinn muss maximiert werden.“

Konkurrieren „wir“ etwa um Geld, um „vollwertig anerkannt“ zu sein? Das
ist ein Hohn gegen jeden, der zur Arbeit gezwungen ist, nur um
existieren zu können. Immerhin beruht darauf der ewige Glaube, dass
man nur schön und ohne Geld füreinander da sein muss, und schon ist
die ganze Scheiße behoben.

Da fehlt allerdings dann alles, was überhaupt Gesellschaft ausmacht
und warum die heutige Gesellschaftsform bisher noch nicht überwunden
ist. Was da besser sein soll, ist die längst schon und jenseits des
Kapitals jederzeit mögliche „Zwischenmenschlichkeit“ der
Beziehungen, der großen und kleinen Familien, den Vereinen und
Produktionsgemeinschaften. Warum überhaupt soll das dann „gegen
Kapital und Staat“ gehen?

(mehr dazu auch in: Der Algorithmus, der die Welt beherrscht 
http://kulturkritik.net/index_allgem.php?code=pfrwol127)

2 Andreas Exner (16.07.2014, 15:21 Uhr)

Danke für den ausführlichen, kritischen Kommentar!Dass das Geld einen spezifischen Gebrauchswert hat, stimmt in dem Sinn, wie du ihn formulierst, allerdings nicht in dem Sinn, dass damit ein konkret-physisches Bedürfnis befriedigt würde. Ich glaube, es handelt sich hier nicht um eine theoretische, sondern nur um eine terminologische Schwierigkeit. Auch die Ware Arbeitskraft hat nach Marx einen Gebrauchswert, nämlich den, Wert zu schaffen.Wenn die Produktion, die auf Geldgewinn gerichtet ist, ihrer Tendenz nach maßlos ist, heißt dies nicht, dass diese Maßlosigkeit auch ohne jedes Maß realisiert werden kann. Das ist – unter anderem – ein Umstand, der zur ökologischen Problematik führt.

Was den Ursprung des Mehrwerts angeht, so habe ich, denke ich, keine von dir abweichende Argumentation formuliert.

Wo wir abweichen ist die Frage der Rolle der Realisierung des Mehrwerts. Der Mehrwert kann nicht allein durch Verkauf der Waren für den Konsum realisiert werden, denn der Mehrwert bezeichnet gerade den Teil des gesamten Wertprodukts, der über den Konsum hinausgeht. Empirisch gesagt: wären die Löhne gleich der Summe aller Preise der Waren einer Produktionsperiode, gäbe es keinen Profit. Entscheidend ist hier die Nachfrage nach Produktionsmitteln, und die wird, wie schon Marx argumentiert hat, durch die Erwartung eines Profits angetrieben, und mittels Kredit – also Vorgriff auf künftig zu produzierenden Mehrwert – finanziert.

Mir scheint, es ist kein Widerspruch, den Zwang zur Lohnarbeit festzustellen und den ebenso wirksamen Zwang, der damit ja verbunden ist, die Anerkennung als Teil der Gesellschaft (des Werts) über eben einen Anteil am Wertprodukt zu erlangen.

Ich denke, ein wichtiger Grund, warum die heutige Gesellschaftsform bislang nicht überwunden wurde, besteht eben in der Konkurrenz.Mir scheint, ganz „jenseits des Kapitals“ ist kein Lebensbereich. Das heißt aber nicht, dass alle Verhältnisse (vollständig) unter das Kapital subsumiert sind. Ja, ich denke auch, dass „zwischenmenschliche Beziehungen“ der Schlüssel für Wege aus dem Kapitalismus darstellen. Diese sind nicht notwendigerweise gegen das Kapital und den Staat gerichtet, sondern grundsätzlich einmal das Substrat, das vom Kapital genutzt und vom Staat verwaltet wird. Von daher denke ich, dass es darauf ankommt, Punkte zu identifizieren, an denen diese „Beziehungen“ tatsächlich auch Umschlagspunkte markieren, die aus der Funktionalisierung (und Kontrolle) durch Staat und Kapital hinausführen.

Ich hoffe, ich habe deine Bemerkungen alle richtig aufgefasst.

3 Wolfram Pfreundschuh (16.07.2014, 16:29 Uhr)

@Andreas:
Entschuldige meine Adressierung, ich hatte durch irgendeinen
Hinweis in der Mail Stefan als Autor vermutet. Das Thema geht in
vieles ein. Deshalb erst mal nur zu dem einen Punkt:
„Wo wir abweichen ist die Frage der Rolle der Realisierung des Mehrwerts.
Der Mehrwert kann nicht allein durch Verkauf der Waren für den
Konsum realisiert werden, denn der Mehrwert bezeichnet gerade den
Teil des gesamten Wertprodukts, der über den Konsum hinausgeht.
Empirisch gesagt: wären die Löhne gleich der Summe aller Preise der
Waren einer Produktionsperiode, gäbe es keinen Profit. Entscheidend
ist hier die Nachfrage nach Produktionsmitteln, und die wird, wie
schon Marx argumentiert hat, durch die Erwartung eines Profits
angetrieben, und mittels Kredit – also Vorgriff auf künftig zu
produzierenden Mehrwert – finanziert.“

Wie der Begriff Mehrwert schon bedeutet, handelt es sich – wie du auch schreibst – um einen Wertüberschuss des Gesamtwerts der Produktion über das hinaus, was an Wert zur Reproduktion der arbeitenden Bevölkerung und der
Produktionsmittel aus der Arbeit entspringt, also Arbeit, die einen
Wert bildet, die vorübergehend auch in die Investition für neue
Produktionsmittel einfließt, aber sich mit der Produktion in den
Laufzeiten der Maschinerie amortisiert, also letztlich in den
Produktwert stückchenweise eingeht und nur in anderen
Zeitdimensionen wieder abgetragen (reproduziert) wird. Eigentlich ist das deshalb kein wirklicher Mehrwert, weil er der Produktion nur vorübergehend
entzogen ist und mit dem Fortschritt der Technologie von den Käufern
der nachfolgenden Produkte wieder bezahlt wird, also auch in die
Löhne auf Dauer wieder einfließen muss, um das Geld in Wert zu
halten. Der Verwertungszwang entsteht durch die reale Bedrohung der Geldbesitzer durch eine Geldentwertung, die der Mehrwert nach erfolgreich amortisierter Investition, sprich: Wirtschaftswachstum durch gesteigerte Produktivität, sie um ihren Bestand fürchten lässt. Der Grund für den relativen Fall der Profitrate steckt hierin. Die Konkurrenz treibt das lediglich voran.
Der Mehrwert als Resultat der Geldverwertung durch dauerhaft unbezahlte
Arbeit geht in die Eigentumstitel ein, die durch Geld jenseits der
Arbeit verhandelt und ermächtigt werden. Im Finanzkapital realisiert
sich nicht der Mehrwert einer sachlichen Mehrproduktion, sondern das
wirkliche Wertwachstum als Kreditverhältnis, das im Konflikt zum
Warenhandelskapital zunehmend sich gegen die „Realwirtschaft“
entwickelt, weil es das Risiko, das die Wertproduktion beherrscht,
durch Besitz an Eigentumstitel mindert – z.B. durch Grundrente
(Grund und Boden, Immobilien), Bankkapital und Produktionsmittel.
Hier verschwindet zunehmend die Konkurrenz durch unmittelbare
Kapitalmacht und geht letztendlich vor allem über die Spekulation
des fiktiven Kapitals auf den Finanzmärkten in der
Staatsverschuldung auf, welche die letztliche Realisation der
„Geldschöpfung“ ist.
Zwischenmenschliche Beziehungen mögen da zwar menschlicher
erscheinen, aber sie haben bestenfalls vermittelt durch ihre
Kommunikationsformen und Interaktionen ein Potenzial zur
Bewusstseinsbildung und zur Gestaltung von Schutzräumen (Nischen)
und Lebensburgen (Familie etc.), stellen aber keinen wirksamen
„Schlüssel für Wege aus dem Kapitalismus“ dar.

Der Schlüssel bleibt nach meiner Auffassung die Rechtsform des Kapitalismus, die durch Widerstand und Subversion unhaltbar gemacht werden muss und
durch Enteignung der abstrakten Eigentumstitel sozialisiert werden
kann. Da bleibe ich ganz „beim Alten“. Schon wenn nur noch die
Menschen Häuser besitzen dürften, die sie auch bewohnen, wäre der
gesamte Kapitalmarkt kaputt. Und da kann es dann auch weitergehen,
Landwirtschaft, Bodenschätze usw.. Aber es wird ein harter Kampf
sein – und der wird nur durch kommunale und gewerkschaftliche Kraft
und Organisation erfolgreich sein können.

4 Andreas Exner (16.07.2014, 23:23 Uhr)

Danke, lieber Wolfgang.

Was die Realisation des Mehrwerts angeht, so sind wir entweder einer Meinung, oder du hast dich nicht konkret zu meiner Formulierung des Problems bzw. seiner Lösung geäußert.

Was das „Zwischenmenschliche“ anlangt, so denke ich, dass dies die wesentlich Produktions- bzw. Reproduktionsbedingung des Kapitalismus darstellt, und zugleich die notwendige Voraussetzung einer Alternative.

Also auch der Enteignung der Enteigner.

Darauf muss es ja hinauslaufen. Allerdings auch auf eine Veränderung der Subjektivitäten. Zudem gilt meines Erachtens: Solange sich die Subjektivitäten nicht entsprechend ändern, wird es auch keine Enteignung der Enteigner geben – und damit eine Auflösung des Privateigentums überhaupt. Das bedeutet für mich indes nicht, die Subjektivität zum archimedischen Punkt zu erklären. Meinem Dafürhalten nach gibt es den nicht in engerer Bedeutung. Wenn man schon davon sprechen möchte, in dem eingeschränkten Sinn, nur eine allgemeine Voraussetzung einer anti-kapitalistischen Umwälzung zu bestimmen, und also vielmehr ein „archimedisches Feld“ denn einen „Punkt“, dann eben müsste man das „Zwischenmenschliche“ nach seinen Ansatzpunkten dafür in den Blick nehmen.

In welcher besonderen Form oder in welchen besonderen Formen die Enteignung der Enteigner verlaufen kann, soll oder muss, das ist ein eigenes Thema und wohl entweder eher spekulativ zu behandeln bzw. wieder nur recht allgemein.

5 Wolfram Pfreundschuh (17.07.2014, 08:06 Uhr)

„Was das “Zwischenmenschliche” anlangt, so denke ich, dass dies die
wesentlich Produktions- bzw. Reproduktionsbedingung des Kapitalismus
darstellt, und zugleich die notwendige Voraussetzung einer
Alternative.

Also auch der Enteignung der Enteigner.
Darauf muss es ja hinauslaufen. Allerdings auch auf eine Veränderung der
Subjektivitäten. Zudem gilt meines Erachtens: Solange sich die
Subjektivitäten nicht entsprechend ändern, wird es auch keine
Enteignung der Enteigner geben – und damit eine Auflösung des
Privateigentums überhaupt.“

Das „Zwischenmenschliche“ ist ja selbst schon ein widersinniger
Begriff. Ich denke, das gibt es gar nicht. Es ist die Fantasie von
einer Gemeinschaft, die sich aus der Flucht aus einer Gesellschaft
begründet. Du setzt es mit Subjektivität gleich. ok.

Subjektiv sind wir aber doch immer schon und zwar vor allem in Bezug auf das,
was unsere Lebensverhältnisse, unsere Objektivität betrifft. Die
von dir angestrebte „Veränderung der Subjektivitäten“ ergeben
sich daher selbst schon aus der Auseinandersetzung um diese, um die
Gegenständlichkeiten unseres Lebens. Was sonst?

Ich habe in den 70ger Jahren als Psychologe in der antipsychiatrische
Bewegung viele Diskussionen um den sogenannte „subjektiven Faktor“
mitgemacht und selbst einen „Therapeutischen Club“ mit Insassen
der Psychiatrie mit begründet und die Antipsychiatrie-Zeitschrift
„Türspalt“ herausgegeben, worin vor allem der individualpsychologische und privatrechtliche Charakter dieser Anstalten und Berufe thematisiert wurde. Jede dieser Diskussionen wurde aber erst dort emanzipativ, wo die subjektiven Erfahrungsweisen an den Lebensbedingungen der Betroffenen ankamen und sich auch erst hieraus wirklich verstehen ließen und bewusst werden konnten, aus dem „unglücklichen Bewusstsein eine Bewusstsein des Unglücks“ (Marx) wurde.

Richtig ist, dass solche Formen der Auseinandersetzung unbedingt nötig sind, um sich darin mit anderen zusammen selbst abzuklären und einen menschlichen Kontakt zu finden, der sich von den Selbstverstrickungen emanzipiert und sich im Bewusstsein über deren Objektivität dem eigenen Leben und seiner Wirklichkeit wieder zuwenden kann. Ich habe diese Form angesichts der daraus folgenden Kraftaufwändungen gerne als „Basislager“ bezeichnet.

Was das Thema der „Realisation des Mehrwerts“ betrifft, so ist doch
entscheidend, was aus den unterschiedlichen Auffassungen sich ergibt.
Aus meiner Auffassung resuliert, dass Mehrwert im Wesentlichen ein
Diebstahl an Lebenszeit und Lebenskraft darstellt, der für jeden Menschen erfahrbar ist. Doch Lebenszeit selbst lässt sich nicht wieder aneignen, nicht
durch Gemeinschaften (oder „Commons“) ausgleichen und Kraft lässt sich nicht durch den Glauben an einen Gemeinsinn ersetzen. Man muss gegen die institutionalisierten Formen dieses Diebstahls angehen, sie
umkehren, unterwandern und sie als das entlarven, was sie sind und
betreiben, indem sie sich, auch wenn sie ganz „sozial“ oder
„zwischenmenschlich“ auftreten und hier und da gesellschaftliche
Nischen zur Verfügung stellen, letztlich immer für das einsetzen
müssen, was finanzierbar und marktfähig gemacht werden muss. Die
Diskussion um diese Nischen auf diesem Forum
(http://keimform.de/2014/wo-faengt-transformation-an/#comment-72387) ist da sehr erhellend.

Wir brauchen das alles dennoch als Ort der Entwicklung unseres
Widerstands, dem Austausch von Erfahrung und Erkenntissen, und als
Erleichterung für den Alltag in knapper Zeit und mit knappen Mitteln –
und auch als Versuchslabor für Expertisen im Kleinen (z.B.
permakulturelles Gärtnern, Stadtimkerei, informelle und kulturelle
Veranstaltungen). Sobald dies aber mit einer Transformationstheorie
unterlegt wird, kehrt sich der Versuch in seine Gegenteil: Zu einer
Veranstaltung des Ausgleichs und der Versöhnung mit den
Gegebenheiten. (siehe hierzu auch „Transformation
in eine „bessere Welt“ – oder die Permakultur der
Reaktion?
“)

6 Andreas Exner (17.07.2014, 11:42 Uhr)

Lieber Wolfram (bitte zuerst um Entschuldigung, dass ich dich für einen Wolfgang gehalten hatte),

Ich verstehe Subjektivität nicht als etwas Subjektives, im Sinn eines Willkürlichen oder allein bewusst Beeinflussbaren, sondern als eine Objektivität an Haltungen, Selbst- und Fremdkonstruktionen, Emotionen.

Von daher sehe ich da gar nicht so einen großen Widerspruch zwischen unseren Positionen.

Der liegt vielleicht eher darin, dass ich Subjektivität eben als die subjektive Seite der gesellschaftlichen Objektivität verstehen würde und also das Subjektive und das Objektive nicht substanziell trennen würde.

Wichtig scheint in jedem Fall, sich nicht von einer Systemoptik blenden zu lassen. Damit meine ich, dass in den sozialen Formen weder die Subjektivitäten (und deren gibt es mehrere) noch die Objektivität des gesellschaftlichen Zusammenhangs der Individuen aufgeht. Der Widerspruch zwischen Form und Inhalt ist unaufhebbar, und muss gerade deshalb von Kapital und Staat beständig bearbeitet werden.

Die Inhalte, die diesen sozialen Formen nicht genügen, sie überfließen, unterminieren und durchbrechen oder widerstreben, sind nicht per se emanzipatorisch, jedoch ein Ausgangspunkt für emanzipatorische Perspektiven und Bewegungen (oder Gegen-Bewegungen).

Was nun die Mehrwert-Debatte anlangt. Ich denke, es macht einen Unterschied, wenn man sie auf die Diskussion um das Wachstum bezieht. Gemeinhin wird doch angenommen, der Endkonsum sei die treibende Kraft des Wachstums, ergo würde ein reduzierter Endkonsum das Wachstum abschwächen oder sogar lahmlegen können.

Wenn man jedoch die Realisation des Mehrwerts an die (profiterwartungs-getriebene) Nachfrage nach Investitionsgütern gebunden sieht, so ergibt sich gerade aus einer Einschränkung des Endkonsums keine Perspektive in ökologischer Hinsicht. Daraus ein quasi maßloses Höherschrauben des Endkonsums via Lohnsteigerungen zu fordern, ist indes auch zwiespältig, wenngleich strategisch vielleicht je nach Bedingungen sinnvoll (siehe operaistische Strategien der bewussten Zuspitzung von Krise durch Expansion des Massenkonsums und von Lohnforderungen), denn ungeachtet der Mechanismen kapitalistischen Wachstums muss dieser ja in der Tat im globalen Norden erheblich reduziert (und gleichmäßiger ermöglicht) werden.

Zurückkommend zum Begriff eines Zwischenmenschlichen. Den hast ja du hier eingeführt, ich würde den so nicht unbedingt verwenden. Genauer scheint mir der Begriff der Reziprozität, was die Interaktionsform anlangt. Hier gibt es aber unterschiedliche Verständnisse, ich beziehe mich auf eine bestimmte französische Tradition, die mit den Namen Eric Sabourin verbunden ist, nebst anderen. Das Zwischenmenschliche als Begriff trifft vielleicht dort etwas Richtiges, wo man anerkennt, dass in jeder Beziehung (und das ist das Gegenteil eines Marktverhältnisses, das auf Beziehungen aufruht, sie aber nicht reproduzieren kann, sondern tendenziell zerstört) ein gefühlsmäßig Ergreifendes eine Rolle spielt oder spielen kann – das also, was der Philosoph Hermann Schmitz das Atmosphärische nennt, etwas das uns ergreift und also nicht in eine phantasierte „Seele“ verlegt werden kann. Ich glaube aber nicht, dass diese Überlegungen in dem von meinem Text vorgegebenen Zusammenhang eine besondere Rolle spielen.

Was allerdings eine Rolle spielt, ist die Frage des Verhältnisses von Gemeinschaft und Gesellschaft, das gerade in der Commonsdebatte eine schwelende offen Frage darstellt, wie ich finde.

Die klassische linke Opposition gegen das Gemeinschaftliche müsste man, so denke ich, mal aufrollen. Die rechte Gemeinschaft bezieht sich ironischerweise zumeist ja eigentlich auf eine Nicht-Gemeinschaft, nämlich die nationale Gesellschaft. Nimm her die Idee eines öffentlichen Raums. Meinem bisherigen, sich erst entwickelnden Verständnis davon ist das eigentlich eine der bürgerlichen Fiktionen. Der öffentliche Raum ist zum einen eine allgemeine Produktionsbedingung für das Kapital, zum anderen ein staatlicher Raum, ein Raum zur Repräsentation des Staates. Beides widerspricht analytisch dem ihm von linker Seite zugeschriebenen normativen Sinn. Faktisch konstitutiert sich der öffentliche Raum über Gemeinschaften, vielleicht über Commons, wenn man so will; und bleibt immer porös, nicht klar vom privaten Raum abgrenzbar.

Wenn man von Commons spricht, kommt man der Gemeinschaftsdebatte vermutlich kaum aus. Das sehen einige hier aber wohl etwas anders.

Mir scheint, dass zum Begriff der Gemeinschaft etwas gehört, das man eine affektive Bindung nennen könnte. Und ja, hier kommt dann doch wieder die Frage des Zwischenmenschlichen oder des Atmosphärischen herein.Vielleicht haben wir uns mit diesem Strang an Überlegungen zu weit vom Artikel wegbewegt.

7 Wolfram Pfreundschuh (17.07.2014, 14:03 Uhr)

„Ich verstehe Subjektivität nicht als etwas Subjektives, im Sinn eines Willkürlichen oder allein bewusst Beeinflussbaren, sondern als eine Objektivität an Haltungen, Selbst- und Fremdkonstruktionen, Emotionen.

Von daher sehe ich da gar nicht so einen großen Widerspruch zwischen unseren Positionen.

Der liegt vielleicht eher darin, dass ich Subjektivität eben als die subjektive Seite der gesellschaftlichen Objektivität verstehen würde und also das Subjektive und das Objektive nicht substanziell trennen würde.“

Das ist ja ein altes Thema und da wäre noch viel drüber zu diskutieren. Für mich wäre das die Diskussion um den Dialektischen Materialismus überhaupt. Aber ich glaube, wir lassen es jetzt erst mal. Die Anregungen, die wir uns gegeben haben sind ja auch schon genug. Vielleicht ein ander Mal. Ich wünsch dir jedenfalls alles Gute.

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