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Netzwerke und Stigmergie

neues-deutschland[Erschienen in der Kolumne »Krisenstab« im Neuen Deutschland vom 3.2.2014]

Stefan Meretz über die Prinzipien einer neuen Gesellschaft

Commons sind gemeinschaftlich hergestellte oder gepflegte Güter. Weltweit gibt es zahlreiche erstaunliche Projekte, vom bekannten Wikipedia online bis zum Landmaschinenbau offline. Die Nobelpreisträgerin Elinor Ostrom hat ihre Erfolgsbedingungen analysiert. Dazu gehört, dass die Commons jenseits von Markt und Staat operieren. Für Ostrom waren Commons stets nur eine Ergänzung neben Markt und Staat. Weitergehende Ansätze sehen in ihnen hingegen Keimformen einer neuen Produktionsweise, die verallgemeinerbar ist.

Kann man mit Commons eine ganze, eine freie Gesellschaft machen? Ohne Markt und Staat und Zentralplanung? Um eine freie Gesellschaft konzeptionell denken zu können, sind drei jeweils für sich gut erforschte Zutaten erforderlich: Netzwerke, polyzentrische Selbstorganisation und Stigmergie.

Ein Netzwerk ist eine alternative Metapher zu Markt und Plan. Beim Markt wissen die einzelnen Akteure nicht, was die anderen tun. Erst im Nachhinein stellt sich heraus, ob die Produktion auch Abnehmer findet. Der Plan basiert auf Annahmen über Bedürfnisse, die sich allerdings permanent ändern. Seine hierarchische Struktur ist unflexibel. Ein Netzwerk hingegen ist dann fehlertolerant und flexibel, wenn die einzelnen Knoten (die Akteure) eigenständig agieren können. Das passt zu den Commons, die auf der Selbstorganisation basieren.

Am Anfang wachsen Netzwerke langsam. Jeder neue Akteur steckt zunächst mehr Aufwand rein, als er vom Netzwerk an Nutzen zurückbekommt. Doch der Netzwerkeffekt sorgt dafür, dass ab einer bestimmten Schwelle der Nutzen den Aufwand übersteigt, das Netzwerk sich also selbst trägt und sich mit hoher Geschwindigkeit ausdehnt.

Das Netzwerk wächst jedoch nicht gleichförmig, sondern es bildet polyzentrische Strukturen aus. Es gibt einige Knoten, die besonders viele Verbindungen haben und wichtige Funktionen übernehmen. Das hat auch Elinor Ostrom bei großen Commons-Systemen beobachtet und festgestellt: Viele organisierende Zentren in einem Netzwerk sind für die Gesamtleistung besser als eine hierarchische Struktur. Hinzu kommt die lokale Selbstorganisation, die dafür sorgt, dass sich das Netzwerk an veränderte Anforderungen anpassen kann.

Bleibt als dritte Zutat die Stigmergie. Ihr kommt eine Schlüsselstellung zu, sorgt sie doch für die Verbindungen zwischen den Akteuren im Netzwerk. Im Begriff Stigmergie steckt das Wort Stigmata, das Zeichen. Lokale Zeichen werden genutzt, um die globale Funktion eines Systems zu organisieren. Untersucht wurden stigmergische Effekte zuerst für Termiten. Diese relativ einfachen Insekten erstellen große Bauwerke völlig ohne zentralen Plan. Allein die lokalen Duftzeichen erzeugen eine Kollektivaktivität, die in der Summe die faszinierenden Bauwerke ergibt.

Welche Leistungen können erst Menschen hervorbringen, wenn sie ihre lokalen Zeichen bewusst setzen! Bei Wikipedia etwa gibt es die roten Links, die signalisieren: Hinter diesem Link gibt es noch keinen Artikel. Wer zum genannten Begriff Bescheid weiß, klickt auf den Link und schreibt den Artikel. Auf diese Weise ist eine ganze freie Enzyklopädie entstanden.

Das grundlegende Prinzip der Stigmergie ist die Selbstauswahl. Aufgaben werden nicht zugewiesen wie etwa in einem hierarchischen System, sondern jede/r assoziiert sich selbst zu einer Gruppe, die sich eine bestimmte Aufgabe vorgenommen hat. So finden im Mittel die richtigen Menschen zu den passenden Aufgaben. Die untersuchten Beispiele zeigen, dass das außergewöhnlich gut funktioniert. Eine zentrale Einsicht ist: Stigmergie wirkt als Mechanismus der lokalen Selbstzuordnung mit dem Ziel der übergreifenden Selbstorganisation dann besonders gut, wenn sowohl Aufgaben wie Akteure ausreichend unterschiedlich und in großer Zahl vorhanden sind. Stigmergie funktioniert vor allem für sehr große Systeme – wie etwa eine Gesellschaft.

Netzwerke als geeignetes topologisches Prinzip der gesellschaftlichen Aufgabenteilung, polyzentrische Strukturierung als Prinzip adaptiver Selbstorganisation und Stigmergie als Prinzip bedürfnisbasierter Vergesellschaftung – so kann eine freie Gesellschaft auf der Grundlage von Commons und ohne Kapitalismus gehen.

Übrigens: Polyzentrische stigmergische Netzwerke sind resilient, also besonders krisenfest. Etwas, das wir angesichts der bevorstehenden Krisen durchaus gebrauchen können.

Kategorien: Commons, Theorie

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3. Februar 2014, 06:06 Uhr   0 Kommentare

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