Auf der Suche nach dem Neuen im Alten
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Kein Form!

Streifzüge Nr. 60/2014[Alle »Keimformen«-Artikel in Streifzüge 60/2014]

Wir haben nichts zu erfüllen, außer uns selbst

Von Franz Schandl

Form? Was ist das? Und muss alles, was sich gestaltet, einer Form und, mit ihr eng verbunden, einer Norm entsprechen? Wenn auch einer gänzlich anderen? So hege ich Skepsis gegenüber der Darstellung der freien Assoziation als Form oder Logik, Ordnung oder Produktionsweise. Umwälzung meint Entstrukturierung, nicht die Installation neuer Formgesetze. Transformation ist kein Formierungskonzept, sondern eine Entformierung. Auch der Begriff Normalität verweist doch nur darauf, dass Lebensäußerungen sich innerhalb bestimmter Normen zu vollziehen haben. Selbst wenn es weiterhin Gewöhnliches, Ungewöhnliches und Außergewöhnliches geben wird, heißt das doch nicht, dass Norm und Form konstituierend sind, dass gar ein neues Gesellschaftssystem vorliegt.

Form als Formprinzip habe ich immer als eine inhaltliche Vorgabe gesehen, deren spezifischer Inhalt aber als allgemeine unhintergehbare und selbstverständliche Realkategorie auftritt. Wir sind hier nun auf philosophischem Terrain und gefragt werden muss, ob die Trennung von Form und Inhalt mehr ist als eine theoretische Hypothese. Die Form ist verdichteter Inhalt und der Inhalt auseinander-gelegte Form. So ist es wohl in Zeiten des Kapitals. Doch von ewiger Gültigkeit und Dauer möchte ich nicht reden. Indes ist nicht auszuschließen, dass, solange wir im Kapitalismus leben, Emanzipation stets auch als Form auftreten muss, will sie auf dem feindlichen Terrain Bestand haben. So gibt es keine Antipolitik ohne Politik, keine Antiökonomie ohne Ökonomie, keine Antiideologie ohne Ideologie. Das ist nun keineswegs zu affirmieren, sondern lediglich zu konstatieren. Dieser dialektische Widerspruch war trotz seines transzendentalen Anspruchs bis dato im Käfig der Immanenz gefangen, und doch ist jener einer, der nach Auflösung schreit, nicht nach seliger oder gar ewiger Betätigung.

Meinem Unbehagen habe ich zumindest auf der terminologischen Ebene Luft gemacht, indem ich den Transformationsbegriff durch den der Transvolution bereicherte. Diese ist ja ganz anders als die selige Revolution (ein Terminus, der vieldeutiger nicht sein könnte) nicht an einem Wiederkehren interessiert, sondern benennt eindeutig ein jenseitiges Gestalten. Damit ist freilich auch noch nichts gelöst, aber zumindest angedeutet, wo die Probleme liegen. Eine weiter Ausgestaltung der Kategorie wäre wohl vorteilhaft.

Vielleicht ist es auch nur ein sprachliches Problem, aber eigentlich vermute ich mehr dahinter, wenn ich ganz streng auf die Wortwahl achte, die verschiedene Ansätze so mit sich transportieren. So stellt sich für mich die Frage, ob es nicht besser wäre, von Elementen oder Enormitäten statt von Keimformen zu reden. Auch diese bilden Neues im Alten oder Gutes im Schlechten, Richtiges im Falschen ab, allerdings vermitteln sie nicht diese Gewissheit, die der Keimformbegriff nahelegt. Wenn sich die Keime entfalten, hört man ja mitunter das Gras wachsen. Das Pflanzliche und das Natürliche, es schwingt hier zweifellos mit und es hat mich schon bei „Antiökonomie und Antipolitik“, Robert Kurzens programmatischem Artikel in krisis 19 unruhig gemacht. Es geht aufwärts und voran und die neue Zeit zieht auch gleich mit.

Zugegeben, das sind alles verlockende Gedanken, und doch bin ich mir nicht sicher, ob die Lockung nicht eine Blendung ist, der geschichtsphilosophische Impetus samt Hegelschem Faszinosum (sei es positiv oder negativ) sich nicht selbst als Motivation setzt und so meint, die Mankos der Wertkritik, die vielfach korrekt beschrieben werden, in einem geschichtsphilosophischen Turbohegel-Vollwaschgang überwinden zu können. Der alte Fortschritt, ja die Entwicklung selbst kommen sodann wieder zu Ehren. Bestimmte Akzente des Daseins werden hurtig als Aspekte des Neuen inauguriert. Die Defizite der klassischen Wertkritik sind nicht verschwunden, wenn man sie teleologisch auf einen Zeitpfeil setzt und somit aufheizt.

Der Kommunismus kann sich aus dem Kapitalismus entwickeln, was aber nicht heißt, dass dieser dessen unbedingt notwendiger Vorgänger zu sein hat, dass jener sich aus diesem entwickeln muss. Diese Dialektik ist keine zwingende, im Gegenteil, sie entpuppte sich stets als Avantgarde desselben, nicht als Alternative dazu. Geschichte kennt keine Naturgesetze, ihr Verlauf ist nicht vorherbestimmt. Und selbstverständlich ist dieser Verlauf nur ein Vorlauf, also Vorgeschichte gewesen zu dem, was einmal erst Geschichte werden soll. Keineswegs muss der Kommunismus dem Kapitalismus folgen, selbst wenn dieser zusammenbricht, nicht. Dass aber die Herrschaft des Kapitals (wie jede Herrschaft) weg muss, darüber diskutieren wir nicht. Indes liegt mir inzwischen doch mehr an den Vorstellungen und Handlungen; Intervention und Experiment sind mir näher. Die Perspektiven der Kritik stehen in meinem Fokus.

Geschichte hingegen gibt es immer nur a posteriori, nie a priori. Was einmal wird, wird sich erst weisen, es ist nicht bereits ausgewiesen. Keimformen geben Hinweise, aber sie liefern keine Gründe. Also auch keine Begründungen, sie sind lediglich Hilfsmittel. Geschichtsphilosophie erscheint mir, wenn überhaupt, nur sinnvoll als eine retrospektive Veranstaltung. Problematisch ist die Geschichte nicht nur als Automatismus, sondern auch bereits als die Konstruktion einer Logik des Aufstiegs. Es ist nicht ganz einfach, denn stets können Momente der Verbesserung und der Verschlechterung benannt werden. Diese wären freilich jeweils zu relativieren und zu gewichten.

Aufzupassen gilt es, dass man mit geschichtsphilosophischen Mutmaßungen nicht implizit das ehemals Durchgesetzte legitimiert, sei es als notwendig oder auch bloß als möglich. Das erscheint mir ein recht immanenter und schon gar kein fröhlicher Gedanke. Was gewesen ist, hat nicht sein müssen!

Selbstverständlich ist das Vergangene nicht zu ändern, aber daraus ist nicht zu schließen, dass es oft oder immer unmöglich gewesen wäre, auch andere Verhältnisse zu etablieren, die mehr als Variationen gewesen wären. Wir haben nichts zu erfüllen, außer uns selbst.

Kategorien: Theorie

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5. Mai 2014, 06:01 Uhr   3 Kommentare

1 Hans-Hermann Hirschelmann (05.05.2014, 09:28 Uhr)

Und muss alles, was sich gestaltet, einer Form und, mit ihr eng verbunden, einer Norm entsprechen?

Es gibt nichts ohne Form. Kommunistische Transformationslust würde auf Formen des Miteinanders abzielen, die den Globalisierten dieser Erde erlauben,  über die Herstellung und Beachtung von Grenzen und Möglichkeiten menschlicher Produktivkräfte (deren Entwicklung und Anwendung) gemeinsam (d.h. u.a. weltgemeinschaftlich) entscheiden zu können.

„Keinform“ als soziale Utopie ist wohl als ein Krisensymptom zu sehen = Anzeichen einer grundlegenden Überforderung angesichts der imensen Herausforderungen unserer Zeit.   Es klingt, als sei die Empfehlung, statt kommunistische Problemlösungskompetenz aufzubauen ins philosophische bzw. soziale Nirvana zu flüchten.

2 Helmut Leitner (05.05.2014, 10:52 Uhr)

Die Wahrnehmung der Welt als Formen ist eine Leistung unserer kognitiven Systems. Wir erkennen Formen wieder, auch wenn sie sich – wie das Gesicht eines durch Jahrzehnte gealterten Freundes – verändert haben, oder in Vielfalt auftreten, wie ein Vogel, eine Schlange oder ein Einfamilienhaus. Mit den Formen verbinden wir Bedeutungen. Diese Formen und Bedeutungen SIND unsere Welt. Wir sind ohne sie nicht lebensfähig.

Die Form als Norm zu diskreditieren ist deshalb intellektueller Selbstmord, oder – wie Hans-Hermann schön sagt: „Flucht ins philosophische Nirwana“. Man möchte dem Originalautor zurufen: „Dann verzichte doch auf die Formen der Sprache und des intellektuellen Diskurses!“.

Die Form enthält übrigens die Norm nicht, wie leicht an einem Beispiel zu zeigen ist: Hinter der erkennbaren Form BUCH steht keine Norm, wie ein Buch auszusehen, was in dem Buch zu stehen hat, welchem Zweck es dient oder wie es zu entstehen hat.

Der anderen Aussage dieses Artikel – der Kontingenz lebendiger Systeme – stimme ich zu. Es ist zwar noch unklar, wie physikalische Kontingenz zur Freiheit unseres Bewusstsein führt, aber dass im allgemeinen Fall (ausreichend komplexer Systeme oder ausreichend langer Zeiträume) die Zukunft nicht vorbestimmt ist, ist nicht nur eine Erkenntnis der (modernen) Physik, sondern deckt sich auch mit der Erfahrung jedes Menschen Tag für Tag. Karl Popper, der hier nicht populär ist, hat es mit „Die Zukunft ist offen“ schön und kompakt formuliert und den Bogen zur daraus ableitbaren besonderen Verantwortung des Menschen für die Zukunft gespannt.

Man sollte die intellektuelle Schwierigkeiten nicht unterschätzen, die aus einem „Glauben an Kausalität“ kommen. Im Mittelalter schien es klar, dass die Juden oder Hexen die Pest verursacht hatten, denn irgendeine Ursache musste es ja geben. Und „Heerführer aller Coleur“ haben immer schon den unausweichlichen Endsieg beschworen, da die Kausalität (Gott oder Historizismus) auf ihrer gerechten Seite sei. Dabei ist es ein „Treppenwitz der Philosophiegeschichte“, dass das was wir heute schlechthin als „Kausalität“ bezeichnen, als mechanistische oder physikalische Kausalität verstehen, in den Tiefwurzeln abendländischer Kultur, bei Aristoteles (in lateinischen Termini) nur eine von vier Formen von Kausalität war, bekannt wie bunte Hunde: „causa materialis, causa formalis, causa efficiens und causa finalis“. Hier schließen sich Kreise: Mit der Formursache „causa formalis“ zur Form, und mit der Zweckursache „causa finalis“ zur vorgestellten Zukunft.

3 Annette (18.05.2014, 20:47 Uhr)

Von mir gibts gegen die Ablehnung des Formbegriffs einen Blogbeitrag: http://philosophenstuebchen.wordpress.com/2014/04/12/formlos-glucklich/

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