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Home Stories: Manchmal hinke ich mir selbst hinterher

Streifzüge Nr. 60/2014[Dieser Artikel erschien nicht in der Printausgabe. Alle »Keimformen«-Artikel in Streifzüge 60/2014]

Von Birte Friebel

Erlebe ich gerade einen Funktionswechsel in mir selbst? Diese Frage habe ich mir gestellt, als ich nach Begriffen für den Wandel gesucht habe, den ich gerade durchmache. Natürlich lässt sich das erst rückblickend beurteilen. Dieser Text hier wird also vielleicht irgendwann mal ein Text über einen Funktionswechsel gewesen sein.

Stell dir vor, du kommst in dein Zimmer, so wie du es mehrmals am Tag tust. Doch heute ist etwas anders. du fühlst dich unruhig und unzufrieden und weißt nicht weshalb. Und so schaust du dich zum ersten Mal seit langer Zeit wieder aufmerksam und bewusst in deinem Raum um. Er ist eigentlich gar nicht mal so klein, er wirkt nur sehr beengt. Ringsum stehen Regale und Schränke an den Wänden, die vollgestopft sind mit allem möglichen Zeug. Teilweise quillt es heraus oder liegt herum, notdürftig gestapelt und zu wackeligen Bergen auf Regalen und Schränken aufgetürmt. Sogar die Fenster sind so zugestellt, dass kaum noch Licht ungehindert eindringen kann, geschweige denn ein bisschen Luft! Als du das so siehst, bist du kurz froh, dass noch nichts eingestürzt ist – du musst dir allerdings auch eingestehen, dass du nicht abschätzen kannst, wie lange dieser Zustand noch halten wird.

Auf jeden Fall wird es Zeit aufzuräumen. Nein, eigentlich musst du radikal ausmisten! Mal wieder eine neue Ordnung reinbringen und dich von all dem alten Tand befreien. Plötzlich hältst du diesen Zustand keine Sekunde länger aus. Weg damit! Voller Tatendrang legst du gleich los.

Das Teil da zum Beispiel, das fandest du eigentlich schon furchtbar, als du es damals geschenkt bekommen hast! Angenommen und behalten hast du es trotzdem, sogar dich bedankt und ein bisschen so getan, als würdest du dich freuen. Weg damit!

Es kommen auch Kisten zum Vorschein, die du nicht ohne Grund irgendwann mal in der hintersten Ecke hast verschwinden lassen und die du seitdem vergessen hast. Sie sind dick eingestaubt und verströmen den Hauch einer dunklen Ahnung. Du nimmst sie zögernd zur Hand, legst sie dann aber lieber schnell zur Seite und mit einem unguten Gefühl in der Magengegend setzt du sie auf deine imaginäre, viel zu lange To-Do-Liste.

Und dann sind da ein paar Dinge, die du mal angefangen hast zu lesen oder zu bauen, oder die Skizze einer Idee, die du nie umgesetzt hast. Du nimmst sie in die Hand und fragst dich, wie du das nur konntest. Auf einmal erscheinen sie dir vertraut und gleichzeitig aufregend, so als hätten sie nur auf dich gewartet. Oder ist es umgekehrt? Am liebsten würdest du sofort dort weitermachen, wo du aufgehört hattest, denn die Entdeckungen scheinen gerade perfekt zu deiner Lebenssituation zu passen. Aber kurz bevor du dich endgültig verzettelst, legst du sie auf den Stapel der Dinge, die du definitiv behalten willst, und du kannst es kaum erwarten, dich weiter mit ihnen zu beschäftigen.

Immerhin kommst du jetzt an den Punkt, dass die wirklich unnötigen und veralteten Sachen bereit sind, weggeworfen zu werden, was du auch unverzüglich tust. So räumst du nach und nach alles aus, wirfst weg, sortierst. Wenn du allerdings mal wieder kurz aus der nahen Betrachtung der einzelnen Objekte auftauchst und dich umblickst, musst du feststellen, dass dich mittlerweile ein unfassbares Chaos umgibt. Eingeklemmt zwischen Stapeln, Kisten und wahllos ungeordnetem Zeug kannst du kaum noch den Raum durchqueren. Kurz spürst du, wie dich ein Anflug von Verzweiflung erfasst, aber du reißt dich am Riemen. Ein Schritt nach dem anderen!

Jetzt könntest du im Grunde anfangen, die Regale und Schränke wieder einzuräumen. Aber während du noch kurz alle abwischen willst, musst du feststellen, dass das eine oder andere Regal nicht mehr brauchbar ist. Du schaust sie dir mit wachsendem Unbehagen nacheinander mal genauer an:

Da ist zum einen der große Einbauschrank: Auf einer metallenen Plakette, die daran angebracht ist, steht in großen Lettern: BILDUNG. Dieser Einbauschrank war standardmäßig Teil der Einrichtung – ihn rauszureißen wäre dir nie in den Sinn gekommen, und ist darüber hinaus laut Vertrag verboten. Die Ordner und Kisten darin gehörten zum Schrank, sie passen scheinbar perfekt in die dafür vorgesehenen Schubfächer und du hast sie, ohne groß darüber nachzudenken, genutzt.

Aber in letzter Zeit ist hier immer mehr dazugekommen, das eigentlich gar keinen Platz darin findet, Bücher von Form und Inhalt, für die der Schrank nicht vorgesehen wurde – du bist dir nicht einmal sicher, ob es überhaupt erlaubt ist, diese Bücher in diesen Schrank zu stellen. Teilweise haben sie jedenfalls die Bretter aus den Angeln gehebelt, was das ganze Konstrukt reichlich wackelig wirken lässt.

Du überlegst noch kurz, diese unnormierten Bücher, die querulierenden Gedankenblöcke und rasant wachsende Wissenssaat irgendwie in den Einbauschrank zu integrieren, aber du musst schnell feststellen: Die Form des Schrankes lässt nichts zu, was von dem Standardmaß der Schubfächer abweicht. Und auf einmal spürst du, wie sehr dich dieser Koloss Zeit deines Lebens eingeschränkt hat: Wie viel Lebensenergie es dich gekostet hat, dich in sein Ordnungssystem einzufügen! Welche deiner Gedanken und Bedürfnisse in diesem Schrank nie Raum greifen durften! Du bist einen Moment lang fassungslos darüber, dass dir das vorher nie bewusst geworden war, und darüber, dass du all deine latenten Widerstände gegen die Nutzung dieses Schrankes immer als dein persönliches Versagen gedeutet hast.

Was willst du nun tun? Die Schubfächer und Bretter umnutzen oder den Einbauschrank ganz umgestalten? Kannst du ihn weiter nutzen, ohne dass er dir seine Form aufzwingt?

Du lässt dich auf den Boden sinken, nur kurz ausruhen. Mal wieder Luft holen.

Du lässt den Blick durch den Raum schweifen und betrachtest die umliegenden Regale.

Da steht Soziale Beziehungen, ein altes Familienerbstück, das deine Eltern dir zu deiner Geburt geschenkt haben. Seit deiner Pubertät hat es von dir ab und zu einen anderen Anstrich erhalten – alles in allem ist es aber noch dasselbe Stück geblieben. Direkt neben der Tür hat das klapprige, etwas vergilbte, schmierige Regal Krankheit seinen Platz. Von deinen Eltern wurdest du diesbezüglich immer mit einem vorwurfsvollen Blick bedacht, und auch dir bereitet dieses merkwürdige Mobiliar Unbehagen. Trotzdem hast du es in der Vergangenheit immer wieder dazu genutzt, damit deine Tür zu blockieren, wenn dir mal wieder alles zu viel wurde und du dir nicht anders zu helfen wusstest.

Da sind Möbelstücke, die mangels besseren Wissens falsch zusammengebaut wurden. Manche sind morsch und feucht, sie riechen nicht besonders gut, und weshalb du sie nicht bereits entsorgt hast, kannst du dir nicht erklären. Einige, eigentlich viel zu viele Schränke und Kommoden sind billige Massenprodukte, die deine Freunde auch alle haben – von ihnen hast du erfahren, dass sie nicht nur bei dir bereits nach kurzer Zeit Verschleißerscheinungen zeigten und unter der schicken Oberfläche Material von schlechter Qualität zum Vorschein kam. Manches hast du dir nur angeschafft, um damit vor anderen angeben zu können – Hauptsache höher, belastbarer, effizienter. Andere Regale wiederum erscheinen dir heute klobig, altmodisch und ohne Persönlichkeit.

Du bist ratlos. Du spürst deine wachsende Ungeduld und Unsicherheit, und du wirst von einer Achterbahn der Gefühle mitgerissen. Du wolltest doch nur kurz ein bisschen ausmisten! Du wirst wütend. Am liebsten würdest du die Regale einfach zerschlagen und zerstören! Aber liegt das in deiner Macht? Vielleicht wäre es besser, einfach wieder alles schön ordentlich zurückzuräumen und so zu tun, als wäre nichts passiert. Einfach so weitermachen wie bisher. Aber das geht nicht. Nein, du kannst und willst nicht mehr zurück. Was willst du nun tun? Du schließt die Augen. Atmest tief durch, und hörst in dich hinein… Wie hast du dich entschieden?

Kategorien: Praxis-Reflexionen

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19. Juni 2014, 06:27 Uhr   1 Kommentar

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