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Das motivierte Leben

streifzuege61[Kolumne Immaterial World in der Wiener Zeitschrift Streifzüge]

Ein gutes Leben ist eines, dass wir voller Energie und Schöpfungskraft führen können, eines, das uns die Entfaltung unserer Individualität ermöglicht. Ein Leben voller Motivation. Doch wie geht ein „Leben voller Motivation“? Ist Motivation eine Individualtechnik, die jede und jeder erlernen kann? Wie kann ich mich selbst motivieren? So oder ähnlich fragt es uns aus den Ratgeber-Büchern und bunten Blättern heraus, so grundfalsch und so ideologisch.

Traditionell wird Motivation als individueller Antrieb zur Erreichung von Zielen gefasst. In dieser Sicht steht das Individuum der von ihm getrennten Gesellschaft gegenüber, und bei der Frage, wo die Ziele herkommen, wird bestenfalls unterschieden zwischen „von innen“ („intrinsisch“) und „von außen“ („extrinsisch“). Doch als gesellschaftliche Wesen leben Menschen nicht in zwei Welten, sondern die Trennung in „privat“ und „öffentlich“, in „individuell“ und „gesellschaftlich“ ist eine historische Besonderheit der Sphärenspaltung der bürgerlichen Gesellschaft. Vermeintlich bloß individuelle Antriebe sind tatsächlich stets gesellschaftlich vermittelt. Die gesellschaftliche Art und Weise der vorsorgenden Herstellung der Lebensbedingungen setzt die allgemeinen Ziele des Handelns, dessen Teilziele die individuellen Ziele sind.

Für einen angemesseneren Begriff der Motivation sind drei Ebenen der Vermittlung in den Blick zu nehmen. Auf der allgemeinsten Ebene geht es erstens um die Frage, ob und wie die gesellschaftliche Vorsorge und die eigene Existenzsicherung zusammenhängen. Zwar ist die Gesellschaft grundsätzlich nichts anderes als eine Vorsorge-Einrichtung zur Absicherung der je individuellen Existenz, doch die aktuelle gesellschaftliche Form schließt durchaus Menschen aus diesem Zusammenhang mehr oder minder aus.

Zweitens muss dieser Zusammenhang auch prinzipiell gedacht werden können, muss also in den gesellschaftlichen Denkformen enthalten sein. Das ist nicht so trivial, wie es sich anhören mag. Als historisch der gesellschaftliche Vorsorgemodus von der Abgabe des Zehnten bei herrschaftlich gewährtem Schutz zum Verkauf von Produkten und Arbeitskraft auf dem Markt wechselte, musste diese neue Form auch allgemein denkbar werden, sprich ideologisch gerechtfertigt und praktisch durchgesetzt werden.

Drittens muss diese prinzipielle Denk- und Machbarkeit auch individuell nachvollzogen werden. Die gesellschaftlichen Denkformen und ideologischen Angebote müssen durch jede und jeden hindurch, und mehr noch: Sie müssen aktiv im Handeln reproduziert werden. Das Kaufen und Verkaufen erscheint heute als das Selbstverständlichste von der Welt, kaum jemand kann Abweichendes denken und tun.

Fallen also Praxis und Denken zusammen und sind die individuellen Handlungen Teil des gesellschaftlichen Handelns, dann können sie auch motiviert ausgeführt werden. In den Boomzeiten des Kapitalismus Mitte des letzten Jahrhunderts zeigte sich dies etwa als Aufbruchs- und Aufbaustimmung.

Mit der Multi-Krise des Kapitalismus ist der beschriebene Vermittlungszusammenhang auf allen drei Ebenen prekär geworden. Der Kapitalismus verspricht heute nicht mehr, die gesellschaftliche Vorsorge leisten zu können. So verweisen die innere Auszehrung der Verwertung von Arbeit wie auch die Ressourcenkrisen („Peak-Everything“) auf prinzipielle Schranken der systemischen Selbsterhaltung des Kapitalismus. Es könnte auch alles zusammenbrechen – so ein verbreitetes Gefühl, das nicht trügt.

Die immanenten Probleme werden zwar auch gesehen, doch es gibt (fast) keine gesellschaftlichen Denkformen, die einen Ausweg versprechen. Die Standardantworten sind nicht haltbar: Mehr Wachstum zur Kompensation des Effekts der Auszehrung der Arbeit konterkariert die Notwendigkeit der Minimierung des Ressourcenverbrauchs, und tatsächlich reduzierter Ressourcenverbrauch ist nur während einer Krise beobachtbar, die für die Menschen gravierende soziale Folgen hat. Kurz: Der Kapitalismus hat für seine eigene langfristige Reproduktion keine Perspektive.

Dies hat individuell zur Folge, dass die Abspaltung des individuellen vom gesellschaftlichen Handeln noch weiter zugespitzt werden muss. Zwar gibt es gesellschaftlich kaum Hoffnung auf Besserung, aber individuell brauche ich etwa einen Job, um über die Runden zu kommen. Solche Tätigkeiten kann ich dann aber häufig nicht mehr motiviert ausführen, sondern muss mich dazu zwingen. Die Ratgeber-Literatur handelt also nicht vom Sich-selbst-Motivieren, sondern vom Sich-selbst-Zwingen – mit der perfiden Konsequenz, dass jeder Misserfolg des Selbstzwangs ausschließlich sich selbst anzulasten ist. Eine Falle mit nicht selten pathologischen Folgen.

Kann es dann überhaupt noch motiviertes Handeln geben? Anders gefragt: Wie können die drei Vermittlungsebenen der gesellschaftlich-individuellen Motivation wieder greifen? Dies ist dann möglich, wenn erstens eine gesellschaftliche Form die individuelle Vorsorge für alle Menschen auf Dauer gewährleistet, zweitens diese Gesellschaft auch allgemein denkbar wird und drittens diese prinzipielle Denkmöglichkeit auch individuell nachvollziehbar und zur Grundlage des individuellen Handeln gemacht werden kann. Die zugespitzte These lautet also: Motiviert kann sein, wer die freie Gesellschaft antizipieren kann und sich dafür einsetzt. Damit wird auch verständlich, warum jede Anti-Haltung so unattraktiv ist. Ein „so nicht“ hat schlicht keine motivierende Kraft. Es ist zwar notwendig, fühlt sich aber nicht wirklich gut oder ausreichend an.

Wenn gesellschaftliche Ziele und individuelle Existenz auseinanderfallen und eine produktive Teilhabe damit motivational problematisch wird, dann kann es motivierend sein, eben jene gesellschaftlichen Ziele so zu verändern, dass eine neue Weise der gesellschaftlichen Vorsorge etabliert wird. Die Veränderung muss sowohl denkbar wie auch machbar sein, und sie muss heute beginnen. Dies geht gewiss nur ansatzweise, keimförmig (vgl. die letzte Ausgabe der Streifzüge), doch die Ziele der Veränderung bestimmen wir selbst. Die lebensbejahende Motivation eines guten Lebens erwächst aus dem Leben für ein gutes Leben.

Kategorien: Theorie

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9. Juli 2014, 07:18 Uhr   2 Kommentare

1 Hans-Hermann Hirschelmann (09.07.2014, 08:53 Uhr)

Ein gutes Leben ist eines, dass wir voller Energie und Schöpfungskraft führen können, eines, das uns die Entfaltung unserer Individualität ermöglicht.

Klingt erst einmal wie eine liberale Bestimmung des „guten Lebens“, die noch hinter der Perspektive einer nachhaltigen Entwicklung zurückfällt die immerhin als Bedingung nennt, dass die menschliche Energie und Schöpfungskraft nicht die sozio-ökologischen Grundlagen des guten Lebens aller untergraben sollen.Die Frage ist, wie aus einer liberalen Bestimmung eine (öko-) kommunistische wird.

2 Hans-Hermann Hirschelmann (23.07.2014, 12:50 Uhr)

Auch interessant wären gesellschaftliche Hintergründe der Motivation, „einen angemesseneren Begriff der Motivation“ finden zu wollen statt mit danach zu suchen, was gesamtgesellschaftlich bzw. ökologisch wünschenswerte Ziele sein könnten und  getan bzw. verändert werden müsste, damit diese zum (welt- bzw. ökokommunistischen) Herzenswunsch aller werden können.  

Wenn gesellschaftliche Ziele und individuelle Existenz auseinanderfallen und eine produktive Teilhabe damit motivational problematisch wird, dann kann es motivierend sein, eben jene gesellschaftlichen Ziele so zu verändern, dass eine neue Weise der gesellschaftlichen Vorsorge etabliert wird. Die Veränderung muss sowohl denkbar wie auch machbar sein, und sie muss heute beginnen.

Das ist natürlich richtig. „Keimformen“ des heute anscheinend noch Undenkbaren könnten  aber auch – beispielsweise – die derzeitigen Bemühungenm der UN um die Formulierung von Nachhaltigkeitszielen sein. 

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