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Commons und Freiwilligkeit

neues-deutschland[Erschienen in der Kolumne »Krisenstab« im Neuen Deutschland vom 6.1.2014]

Stefan Meretz über Formen von Kooperation und Selbstorganisation jenseits der Warenform

Eine Leserin fragte mich nach der ersten Kolumne: »Wenn jeder nur soviel arbeitet, wozu er Lust hat, wie soll eine Gesellschaft insgesamt ausgewogen funktionieren?« Gute Frage: Kann eine Gesellschaft auf Freiwilligkeit gründen? Oder braucht es nicht doch einen gewissen Zwang, um auch unattraktive Aufgaben erledigt zu wissen? Hier hilft ein Blick in eine wieder entdeckte Form der Kooperation: Commons.

Mit diesem englischen Begriff sind gemeinschaftlich hergestellte oder gepflegte Güter gemeint. Es geht dabei nicht um die Güter als solche, wie die deutsche Übersetzung »Gemeingüter« nahelegt, sondern es geht um die soziale Praxis. Wasser ist nur Wasser und wird erst dann zum Gemeingut, zu einem Commons, wenn sich eine Gemeinschaft um die Ressource kümmert. Das Kümmern, also das Herstellen und Erhalten, wird oft auch mit dem englischen Begriff Commoning bezeichnet. Wesentlicher Bestandteil des Commoning ist die Möglichkeit der Commoners, also der Mitglieder im Commons-Projekt, sich selbst zu organisieren. Selbstorganisation wiederum bedeutet, die Regeln selbst festzulegen. Und das alles aus freien Stücken.

Nun gut, es mag sein, dass freiwillige Bereiche in einer Gesellschaft existieren. Aber kann eine ganze Gesellschaft ausschließlich auf Freiwilligkeit basieren? Es ist erstaunlich, dass Linke diese Frage fast immer verneinen und sich dabei nicht von ihrem Gegenpart unterscheiden. Der alltägliche Kapitalismus hat die Überzeugung in unser Bewusstsein eingebrannt, dass nur essen solle, wer auch arbeite. Kein Nehmen ohne gekoppeltes Geben. Ohne Zwang, ohne drohenden Existenzentzug, scheint es nicht zu gehen.

Neue Commons zeigen, dass es auch anders geht: Die Online-Enzyklopädie Wikipedia ist Ergebnis der freiwilligen Beteiligung vieler Tausend Menschen. Ihre Qualität ist der traditioneller Enzyklopädien ebenbürtig, ihre Aktualität unschlagbar. Der Brockhaus und die Encyclopedia Britannica mussten ihre Buchausgaben einstellen. Sie wurden von der Wikipedia quasi auskooperiert.

Aber nicht nur Wissensgüter, die in digitaler Form leicht kopierbar sind, werden auf diese Weise geschaffen, auch Verbrauchsgüter gehen aus Commons-Projekten hervor. Von Gemüse und Bier über 3D-Drucker und Gemeinschaftshäuser bis hin zu Autos und Elektronik findet sich fast alles. Sicherlich existieren diese erstaunlichen Projekte in Nischen und haben mit einer feindlichen Umgebung zu kämpfen. Doch sie zeigen auch die Kraft und die Möglichkeiten, die entstehen, wenn sich Menschen freiwillig zusammentun.

Untersuchungen haben gezeigt, dass die Motivation, sich ganz einer Aufgabe hinzugeben, maximal ist, wenn die Existenz grundsätzlich gesichert ist und der eigene Beitrag ohne Zwang und aus Freude an der Sache erfolgt. Die Motivation sinkt beträchtlich, wenn eine freiwillige Tätigkeit monetär vergolten wird – es wirkt wie eine Abwertung. Aber funktioniert das auch bei unattraktiven Tätigkeiten? Es kommt darauf an, in welchem Kontext diese stehen. Sind sie eingebettet in einen Rahmen befriedigender Tätigkeiten, dann werden sie meist mit erledigt. Stellen sie eine Voraussetzung für eine angestrebte Folgeaufgabe dar, so gibt es auch kein Problem. Ebenso wird ihre Erledigung gar zum Vergnügen, wenn sie selbstbestimmt umdefiniert und so etwa Grundlage von Erfindungen werden kann.

Nun ist die Hingabe für eine Aufgabe von den besonderen Vorlieben der unterschiedlichen Menschen abhängig. Wie kommen also Aufgabe und hingebungsbereite Person zusammen? Voraussetzung sind freie Menschen, die sich nicht aus Existenzgründen zu einer Arbeit genötigt sehen. Befragungen zeigen, dass aber genau diese Nötigung heute überwiegend auch genauso empfunden wird. Zwang ist also die Normalform, die uns veranlasst zu denken, es müsse immer so sein. Muss es aber nicht, das zeigen die Commons. Freiwilligkeit als Prinzip ist nicht nur möglich, sondern ist sogar die Voraussetzung dafür, dass eine freie Gesellschaft funktionieren kann.

Nun gut, Commons mögen im lokalen Rahmen jenseits von Markt und Staat machbar sein. Aber kann das Mikroprinzip der Commons – verallgemeinert gedacht – die Makrokohärenz einer ganzen Gesellschaft ergeben? Ohne Markt und Staat? Wo bleibt da die Planung? Das sind die spannenden Fragen, um die es in der nächsten Kolumne in vier Wochen gehen wird.

Kategorien: Commons, Theorie

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7. Januar 2014, 06:51 Uhr   11 Kommentare

1 wogipogi (17.01.2014, 08:55 Uhr)

So schön die Theorie. Gandhi wird auch immer als Beispiel für eine friedliche und erfolgreiche Revolution angenommen. Die unzähligen Beispiele in der friedlicher Protest durch Gewalt niedergeworfen wurde, werden dabei immer gerne vergessen.

Wenn ich in meinen warmen Wohnzimmer sitze und auf das flimmernde Display schaue, dabei einen Tee trinke und an einem wikipedia Artikel arbeite ist das sehr schön.

Ich möchte aber den sehen, der mit einem lächeln vorbeikommt und mir dabei hilft (vollkommen selbstlos) meine verstopfte Abwasserleitung von einer Verstopfung zu befreien.

Wer am eigenen Leib erleben musste wie schwer (und kräftezehrend) es ist die eigenen Eltern auf ihrem letzten weg zu begleiten und zu pflegen, der wird es sich 2-mal überlegen in wie weit er seinen Nachbarn dabei unterstützen kann.

Bei all diesen Dingen zählt am Ende eins: Der Bauch muss leider gefüllt werden.

Meiner Meinung nach funktioniert Freiwilligkeit nur dann wenn die Lebensgrundlage Aller gesichert ist.

Ich habe schon mehrmals an einem alternativen und freien Wohnprojekt teilgenommen. Leider ist es am Ende immer daran gescheitert das einige (sehr wenige) die Gemeinschaft regelrecht ausgenutzt haben. Am Ende sind diese Wohnprojekte meist zerfallen. Erst mit einer „Verpflichtung“ etwas für das Gemeinwohl zu machen (im Rahmen seiner Möglichkeiten) konnten diese Probleme beseitigt werden.

2 libertär (18.01.2014, 15:32 Uhr)

wogipogi: „Ich habe schon mehrmals an einem alternativen und freien Wohnprojekt teilgenommen. Leider ist es am Ende immer daran gescheitert das einige (sehr wenige) die Gemeinschaft regelrecht ausgenutzt haben. Am Ende sind diese Wohnprojekte meist zerfallen. Erst mit einer „Verpflichtung“ etwas für das Gemeinwohl zu machen (im Rahmen seiner Möglichkeiten) konnten diese Probleme beseitigt werden.“

Hast du dir mal die Vision einer commonsbasierten Peerproduktion von Christian Siefkes angesehen? (siehe sein Buch „Beitragen statt tauschen“: http://peerconomy.org/wiki/Deutsch) Gerade auch für kleinere (Wohn-)projekte halte ich die Verfahren der freien Arbeits- und Produktzuteilung für geeignet. Wenn dich nicht die Anwendung auf eine ganze Gesellschaft interessiert mit allen notwendigen Abstimmungs- und Verwaltungsaufgaben für Millionen Menschen, sondern nur der mathematische Kern der Aufgabenverteilung, so sollte es genügen, den Anhang zu lesen. Das Besondere an dem Modell ist, dass es heute schon problemlos anwendbar ist, sofern alle Beteiligten einverstanden sind, was ja bei einem kleinen Wohnprojekt von Gleichgesinnten leicht zu haben ist. Man hat nicht mehr die Ausrede, man müsse erst warten, bis der Kapitalismus zusammengebrochen sei, ehe man seine WG ohne Ausbeutung Einzelner organisieren könne. Man kann direkt loslegen.

Das Modell ist selbstverständlich auch zur Organisation größerer Produktionszusammenhänge geeignet, z.B. Betriebe oder ganze Konzerne. Davor wäre „nur“ die Inbesitznahme der Produktionsmittel und die Abwehr der staatlichen Gewalt zu bewerkstelligen. Das ist jetzt meine These. Siefkes schweigt sich dazu aus, wie der Übergang trotz Eigentum und Staat gesamtgesellschaftlich gelingen könnte. Friedlich dürfte er m.E. nicht unbedingt ablaufen.

Die Lebensgrundlagen aller ließen sich übrigens bei der heutigen Produktivität mit Leichtigkeit sichern. Weniger als fünf Arbeitsstunden pro Woche pro Person reichen, um Reichtum für alle zu garantieren. Alle zusätzliche Arbeit ist nur Verschleiß, den uns der Kapitalismus aufbürdet. Der Reichtum einiger weniger im Kapitalismus verursacht eben sehr hohe Kosten für den verarmten Rest.

Schon innerhalb der kapitalistischen Produktionsverhältnisse ist ein Großteil der Arbeit überflüssig. 2013 betrug das Bruttonationaleinkommen 2799 Mrd. €. Die Arbeiterklasse hat davon als Lohn nur 1417 Mrd. € erhalten. D.h. die Arbeiter haben ungefähr doppelt so viel gearbeitet, wie für ihren Konsum unter einer tauschwertbasierten Produktion nötig gewesen wäre. Die Hälfte ihrer Arbeit war überflüssig, verschwendet, für den Müll. Der Kapitalismus ist damit vermutlich die ineffizienteste Produktionsweise aller Zeiten.

3 wogipogi (20.01.2014, 08:40 Uhr)

@libertär Ich habe mir den Artikel noch nicht durchgelsen werde es aber tun, Versprochen. Hier mal zwei Zitate aus den Texten oben:

„Untersuchungen haben gezeigt, dass die Motivation, sich ganz einer
Aufgabe hinzugeben, maximal ist, wenn die Existenz grundsätzlich
gesichert ist und der eigene Beitrag ohne Zwang und aus Freude an der
Sache erfolgt.“

„Die Lebensgrundlagen aller ließen sich übrigens bei der heutigen
Produktivität mit Leichtigkeit sichern. Weniger als fünf Arbeitsstunden
pro Woche pro Person reichen, um Reichtum für alle zu garantieren. Alle
zusätzliche Arbeit ist nur Verschleiß, den uns der Kapitalismus
aufbürdet. Der Reichtum einiger weniger im Kapitalismus verursacht eben
sehr hohe Kosten für den verarmten Rest.“

Hier kann man es erkennen: Der einen redet von Arbeit mit weniger als 5 Stunden (ich glaube es geht sogar mit noch weniger Arbeit), der Andere Text redet von Beiträgen „ohne Zwang“. Ich kenne viele alternative Wohn (Lebens/Arbeitsprojekte). Bei den Projekten wo sich einige (sehr wenige) einfach auf die Faule Haut legen (plakativ gesprochen), es bestht ja kein Zwang, sind die anderen gezwungen für ihn mitzuwirken. solche Projekte zerfallen sehr schnell. Bei den Projekten wo es eine gewisse Pflicht gibt (in Rahmen seiner Möglichkeiten) am Gemeinwohl mitzuwirken, haben länger bestand.

Ich kritisiere nicht das wir alle mit weniger Arbeit auskommen würden (und kein Mensch auf der ganzen welt wirklich auf etwas verzichten müsste), ich kritisiere die Freiwlligikeit an. Freiwilligkeit geht bei sehr vielen Menschen einfach nicht.

4 Franz Nahrada (20.01.2014, 14:57 Uhr)

Das mit der Freiwilligkeit ist in der Tat so eine Sache. Wie an anderer Stelle ausgeführt (siehe Diskussionsthread zu PsyAllmende) haben sich Commons durchaus historisch auch so entwickelt, dass ein gemeinschaftlich lanciertes Projekt zu einem Staatsprojekt wurde. Es geht um Verlässlichkeit, Langfristigkeit, Professionalität.

Und alle Untersuchungen zur Freiwilligenarbeit bestätigen: Existenz muss gesichert sein, sonst leidet schlichtweg jeder einzelne Aspekt, Begeisterung, Liebe zur Sache, Professionalität und Verlässlichkeit.
Eine Gesellschaft, die dieses Organisationsprinzip in den Mittelpunkt stellt, gab es noch nicht. Höchste Zeit, ein experimentelles Projekt zu fordern.

5 Christian Siefkes (22.01.2014, 19:52 Uhr)

@wogipogi:

Der einen redet von Arbeit mit weniger als 5 Stunden (ich glaube es geht sogar mit noch weniger Arbeit), der Andere Text redet von Beiträgen “ohne Zwang”. Ich kenne viele alternative Wohn (Lebens/Arbeitsprojekte). Bei den Projekten wo sich einige (sehr wenige) einfach auf die Faule Haut legen (plakativ gesprochen), es bestht ja kein Zwang, sind die anderen gezwungen für ihn mitzuwirken. solche Projekte zerfallen sehr schnell.

Aber warum zerfallen die Projekte? Vermutlich hat das ja damit zu tun, dass die Beteiligten insgesamt (nicht nur für das Projekt) sehr viel arbeiten müssen. So ist das nun mal im Kapitalismus, der Arbeitszwang ist Teil des Programms. Wenn man eh schon überarbeitet ist, nervt es natürlich, wenn andere „auf der faulen Haut liegen“ und so die eigene Arbeitsbelastung noch weiter erhöhen.

Aber angenommen, die Gesellschaft wäre schon so organisiert, dass fünf Stunden Arbeit (oder weniger) im Durchschnitt reichen? Angenommen dass dann einige wenige (sagen wir bis zu 10 Prozent) gar nichts machen? Dann würde sich die Arbeitszeit der anderen entsprechend erhöhen, also von fünf auf ungefähr fünfeinhalb Stunden. Würde das so einen Unterschied machen?

6 wogipogi (23.01.2014, 08:23 Uhr)

@ Christian Siefkes Ja alles ist immer die Gessellschaft und der Böse Kaptialismus schuld. Wenn du mit 5 leuten in einem Wohnprojekt zusammen leben willst und nach einen halben Jahr meinte einer: OK ich habe halt einfach keine lust das Bad zu putzen (ist ja alles Freiwillig) und der nächste ha warum soll ich arbeiten gehen und helfen die Miete aufzubringen (ist ja nur Freiwillig), dann zerfallen solche Projekte von ganz alleine. Da braucht der böse Kapitalismus nichts beizutragen.

ach ja … nun kommt die Ausrede der Kapitalismus sorgat dafür das die Menschen so sind wie sie sind…. Hmm stimmt … dann hat er aber im Umkehrschluss auch dafür gesorgt das du so denkst wie du denkst.

Ich kannn dieses Gerede kaum noch ertragen, was habe ich schon alles auf Bauwagenplätzen, in wohngemeinschaften und kollektiven Bauernhöfen erlebt. Merkwürdigerweise überleben zumsiet solche Projekte wo sich alle selber VERPLICHTEN für sich und die Gemeinschaft  zu arbeiten.

Nicht das hier jemand denkt ich wäre ein fan vom Kapitalismus, nö ganz im Gegenteil…. ich ärgere mich halt nur gerne über solche schöne Theorien wie man das zusammenleben / arbeiten organisieren kann. Die Umsetzung scheitert oft daran das der Mensch zu den Worten nicht passt.

Es wär doch alles so einfach ohne dieses veile Gefasel: Liebe deinen nächsten wie dich selbst. Damit wäre alles gesagt und alle können sich hinter diese Worte stellen … es klappt aber (leider) nicht.

woran das liegt ? Ganz einfach es wird immer Menschen geben die andere Menschen ausnutzen. Das war schon so ohne den Kapitalismus. Es geht nicht daraum ob man 5 oder 5,5 Stunden arbeitet. Es kommt sofort die Frage: wenn der nichts macht … warum soll ich die arbeit mitmachen. Schau dir doch die Fabel mit der Grille und der Ameise an … im Winter gibt die Ameise nichts ab.

7 Ryan (25.01.2014, 13:04 Uhr)

Auch ich würde eine „Freiwilligkeit“ in der Diskussion nicht zu hoch hängen. Nicht weil an sie geglaubt oder sie angezweifelt wird, sondern weil sie als Kategorie nicht taugt.
Aus der Uni kenne ich den folgenden Gesprächsverlauf: „Ich muss noch eine Hausarbeit schreiben..“ – „Wieso musst? Du bist doch freiwillig hier.“Und das bringts auf den Punkt. Freiwilligkeit im Sinne eines ‚jeder macht was er will, wie er lustig ist und je nach Laune‘ muss angezweifelt werden, wie es wogipodi ja auch tut.
Wenn nichtkapitalistische Formen der Vergesellschaften funktionieren,m dann geht es dabei immer um eine freiwillige Verpflichtung. Paradox? Ja. Genau deshalb würde ich gerne davon absehen, von Freiwilligkeit zu reden.
Menschen in einer gemeinsamen Wohnung, vielleicht sogar in einer Partnerschaft, oder Vereine, die kulturelle Veranstaltungen organisieren und durchführen – immer ordnet der Einzelne sich der Gesamtheit unter, sonst klappt das Zusammenleben nicht, sonst laufen kulturelle Veranstaltungen schief.

8 Neumensch (28.01.2014, 18:55 Uhr)

Ja, man muss halt den Neuen Menschen schaffen. Einmal geschaffen, wird der von Natur aus edel, hilfreich und gut sein! Und wenn nicht: Dann müssen harte disziplinierende Maßnahmen ergriffen werden!

9 Stefan Meretz (30.01.2014, 14:56 Uhr)

Ohne Freiwilligkeit keine freie Gesellschaft. Mir scheint, viele verwechseln Freiwilligkeit mit Beliebigkeit. In den Kommentaren gibt’s viele Beobachtungen, was passiert, wenn man den Druck auf die Menschen mal etwas reduziert: Sie tun nix, oder tun, was alle tun: sich auf Kosten anderer durchwinden. Unter unseren Strukturbedingungen geht das auch sehr gut, weil diejenigen unsichtbar sind, die am Ende die Hauptarbeit tun: die Prekarisierten der Welt. Die sehe ich nicht, wenn ich billig bei Aldi einkaufen gehe. Ich lebe auf ihre Kosten. Und der WG ist es ekelig dreckig, weil es alle so machen. Das ist auch kein Wunder unter Bedingungen, unter denen die die Doofen sind, die was machen. In dieser allgemeinen Exklusionslogik ist das „faule“ Verhalten völlig funktional und nachvollziehbar. Wer etwas anderes erwartet, ist naiv.

Erschreckend finde ich, dass häufig (so auch hier) die gesellschaftlichen Strukturvorausetzungen des Handelns ausgeblendet und alle Probleme personalisiert werden: Der Mensch passt halt nicht. So ein Denken landet schließlich bei den reaktionärsten und autoritärsten Konzepten, deren Kern ist: Man muss die Leute zwingen, sonst passiert nichts. Ich zitiere mich:

Es ist erstaunlich, dass Linke … sich dabei nicht von ihrem Gegenpart unterscheiden. Der alltägliche Kapitalismus hat die Überzeugung in unser Bewusstsein eingebrannt, das nur essen solle, wer auch arbeite. Kein Nehmen ohne gekoppeltes Geben. Ohne Zwang, ohne drohenden Existenzentzug, scheint es nicht zu gehen.

Es ist kein Wunder, wenn diese „Linken“ irgendwann ins rechte Lager abdriften.

Die „Personalisierungsfalle“ kann nur überwinden, wer sich strukturelle Bedingungen überlegt und vorstellen kann, unter deren Bedingungen sich alle entfalten, so dass es auf niemandes Kosten geht, wo Arschloch sein nicht nur nicht belohnt wird, sondern ein selbstschädigendes Verhalten ist. Zu diesen Bedingungen gehört sicher auch, aber nicht nur, das die Existenz aller grundsätzlich gesichert ist. Eine solche Inklusionslogik ist kein Ergebnis moralischen Geklingels oder von Altruismus, sondern strukturell verankert.

Bis zu einer freien Gesellschaft bleibt uns nix, als uns mit unseren Konflikten und unser blinden Reproduktion des exkludierenden Verhaltens möglichst bewusst auseinanderzusetzen. Das geht nicht ohne Streit. Dazu gehört nicht hinzunehmen, wenn sich die einen im Namen der Freiwilligkeit auf Kosten von anderen durchsetzen. Nichthinnehmen ist nämlich die andere Seite der Freiwilligkeit. Freiwilligkeit ist kein Fetisch. Und sich zu verständigen über gemeinsame Ziele, Regeln für’s Putzen oder was auch immer zu finden, hat nichts mit Unterordnung zu tun.

10 Christian Siefkes (03.02.2014, 20:09 Uhr)

@Stefan:

Zu diesen Bedingungen gehört sicher auch, aber nicht nur, das die Existenz aller grundsätzlich gesichert ist.

Die Schwierigkeit ist aber doch, dass das nicht einfach so vorausgesetzt werden kann, sondern selbst nur Ergebnis menschlichen Tätigkeitseins sein kann. Ob und unter welchen Bedingungen das ganz ohne Zwang, ohne Beteiligungspflicht gehen kann, ist erst noch herauszufinden.

Ich bin ja auch optimistisch, dass das gehen kann, aufgrund einerseits des bereits erreichten hohen Produktivitätsniveaus und andererseits des menschlichen Bedürfnisses, etwas Sinnvolles zu tun. Trotzdem finde ich es falsch, es a priori zu postulieren. Meiner Ansicht nach ist es sinnvoller, zu sagen, dass sich die Leute eben Regeln überlegen müssen für die Situation, dass es nicht genug Freiwillige gibt. In meinen Texten der letzten Jahre schlägt sich das typischerweise in einem „Pool unangenehmer Aufgaben“ nieder, von denen alle einen Teil übernehmen. Komplett freiwillig ist das nicht, komplett erzwungen auch nicht. Aber absoluten Zwang gibt es nicht mal im Kapitalismus — nichts tun und dann eben verhungern ist ja auch eine Option, die eigentlich immer bleibt.

Daher würde ich die Freiwilligkeit auch nicht allzu hoch hängen und sie eher als gesellschaftliche Zielsetzung ansehen, die man erreichen möchte, denn als absolute Voraussetzung, um überhaupt etwas zu verändern.

11 Stefan Meretz (06.02.2014, 17:13 Uhr)

@Christian: Da widersprechen wir uns nicht. Das Zitat der grundsätzlich gesicherten Existenz bezieht sich auf eine freie Gesellschaft, da ist das, was vorher nicht vorausgesetzt werden kann, erreicht. In dem Sinne hänge ich die Freiwilligkeit sehr hoch, keine freie Gesellschaft ohne Freiwilligkeit.

Ich schrieb dann in #9 „Bis zu einer freien Gesellschaft…“, und da kommen dann die Mühen des Alltags.

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