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Commons und Care

pragerfruehling19[Repost aus dem Magazin prager frühling zum Schwerpunktthema der Commons]

Anmerkungen zu Commons-Debatten aus feministischer Perspektive

von Daniela Gottschlich

„Commonsbasierte Produktion begegnet uns in ganz alltäglichen Praktiken. Nehmen wir Jan als Beispiel: Er studiert Wirtschaftsinformatik und arbeitet nebenher unentgeltlich an Wikipedia-Artikeln. Zusätzlich zu den Unterhaltszahlungen seiner Eltern erhält er einen Zuverdienst für die Betreuung der Webseite einer Rechtsanwältin. Er hat dafür ein Open-Source-Programm angepasst, das von einer globalen Entwicklercommunity unter Creative Commons-Lizenz entwickelt wird. Verschiedene Module hat er selbst geschrieben. Scripte und Programmcodes teilt er in Entwicklerforen mit anderen, so dass sie weiterentwickelt und nach Schwachstellen durchsucht werden können. Er ist somit Prosument – gleichermaßen Produzent und Konsument.“

So oder ähnlich könnte ein optimistischer Text, der Commoning im Alltag junger WesteuropäerInnen illustrieren soll, beginnen. Leicht geschieht es, dass dabei die gängige Unterscheidung zwischen Produktion und Reproduktion wiederholt und die reproduktive Seite unsichtbar gemacht wird. Dabei haben feministische Autorinnen wie Silvia Federici[1] oder die Subsistenztheoretikerinnen Veronika Bennhold-Thomsen, Maria Mies und Claudia von Werlhof[2], die hier stellvertretend für viele andere genannt sind, immer wieder betont, dass Reproduktionsarbeiten – gemeinsam mit den natürlichen Ressourcen – die Grundlage ALLEN Wirtschaftens bilden. Sie bilden mithin auch die Voraussetzung commonsbasierter Produktion. Reproduktionsarbeiten und damit all jene unbezahlten Ver-, Vor- und Fürsorgearbeiten (die auch als Care-Arbeiten bezeichnet werden) waren dennoch lange ein blinder Fleck in der Debatte um Commons.

Bleiben wir bei unserem Beispiel. In Jans WG kommt es öfter vor, dass der Kühlschrank leer ist. Seine MitbewohnerInnen sind viel unterwegs und so kann es passieren, dass niemand eine Mahlzeit gekocht und keineR eingekauft hat. Jan wählt dann meist die Nummer eines chinesischen Restaurants in der Innenstadt und bestellt das billigste Gericht: Ente süß-sauer.

Hier kommt ein anderer Mann ins Spiel, Hung Shung. Er begegnet Jan für nicht einmal zwei Minuten. Shung kassiert 5,50 €, er selbst bekommt 3 € in der Stunde. Für die Vermittlung nach Deutschland hat er in China 10.000 € bezahlt und ist hoch verschuldet. Für sein Visum ist er offiziell als Koch in einem Spezialitätenrestaurant beschäftigt. Laut seines deutschen Arbeitsvertrags erhält er 1.433 € sowie Unterkunft und Verpflegung. Neben seinem offiziellen deutschen Vertrag, den er selbst nicht lesen kann, gibt es einen chinesischen, der sich deutlich unterscheidet. Shung schläft auf einer Matratze im Keller. Einen Streit mit dem Chef kann er sich nicht leisten, weil sein Visum von der Arbeit im Restaurant abhängt.

Anders als Jan ist Hung Shung keine fiktive Person.[3] Die kurze Geschichte über das Verhältnis von Jan und Hung wirft meines Erachtens wichtige Fragen auf. Was sind die biographischen Voraussetzungen von Menschen um Commoner zu werden? Muss man wie Jan jung und kinderlos sein und darf keine Verwandten oder FreundInnen haben, die auf Sorge angewiesen sind? Auf welches kulturelle und finanzielle Kapital muss man zurückgreifen können? Welche Widersprüche treten auf, wenn Märkte und Commoning zusammentreffen? Schließlich sind reproduktive Tätigkeiten wie die Zubereitung von Mahlzeiten auf Märkten meist niedrig entlohnte Dienstleistungen. Wer übernimmt also die – unbezahlten oder schlecht bezahlten – reproduktiven Arbeiten, die die Voraussetzung für Commoning sind? Friederike Habermann hat darauf verweisen, dass Frauen noch nie aus Leidenschaft oder natürlicher Berufung den Kaffee kochten: „Es ist die unüberwindbar begrenzte Verwertbarkeit, die bei Reproduktionsarbeiten bestehen bleibt, welche immer wieder dazu führt, dass sie an unterprivilegierte Menschen ausgelagert wird, seien es Frauen, schwarze SklavInnen oder, heute MigrantInnen in internationalen Sorgearbeitsketten.“[4]

Langsam beginnt die Commonsdebatte sich mit Diskursen um Gender und Nachhaltigkeit und der gendersensiblen sozial-ökologischen Ökonomik zu verschränken.[5] Doch dabei werden die jeweils spezifischen Rationalitäten und Prinzipien der verschiedenen Zugänge bislang kaum zueinander ins Verhältnis gesetzt. Wie z.B. verhalten sich die von Elinor Ostrom[6] formulierten Prinzipien eines erfolgreichen Commoning zu den Prinzipien des Vorsorgenden Wirtschaftens (Vorsorge, Kooperation und Orientierung am für das gute Leben Notwendigen), wie sie vom gleichnamigen feministischen Netzwerk formuliert worden sind?[7]

Als Verbindungen stiftende Kategorie erscheint Caring als zentrale Kategorie der Care-Economy, die viel mit Commoning gemeinsam hat. Beide kritisieren die herrschende ökonomische Rationalität (wie Profitmaximierung, Konkurrenz), beide stellen „die Versorgung aller Menschen mit dem zum Leben Notwendigen in den Mittelpunkt“[8], beide gründen auf Kooperation und Verantwortung, beide sind relational, denn sie entstehen nur durch unser permanentes Tun. Und schließlich weisen beide durch ihre Ethik (Ethik der Gegenseitigkeit im Fall von Commoning, Fürsorgeethik im Fall von Care-Economy) vielfältige Wege aus den sozial-ökologischen Krisen auf[9] und bergen darüber enormes Potenzial für nachhaltiges Wirtschaften.

Es geht beispielsweise bei Entwürfen für eine Neugestaltung der Arbeit in und für nachhaltige Gesellschaften nicht länger und nicht vorrangig um die Vereinbarkeit widersprechender Rationalitäten von Marktlogik versus Sorgelogik. Es geht vielmehr um die Frage, wie können wir die gesellschaftliche Reproduktion ohne soziale und ökologische Zerstörungen ermöglichen? Die Antwort: Nur durch einen Perspektivwechsel, nur wenn Ökonomie durch Care-ökonomische Prinzipien und Prinzipien des Commoning insgesamt transformiert wird. Denn diese Arbeiten tragen dazu bei, soziale und ökologische Qualitäten zu erhalten[10]. Je weniger von ihnen geleistet wird, desto größer die sozial-ökologische Krise. Es braucht als neue gesellschaftliche Norm für einen Transformationsprozess in Richtung Nachhaltigkeit daher mehr caring und mehr commoning und eine Orientierung an Vorsorge (statt Nachsorge), Kooperation (statt Konkurrenz) sowie eine Ausrichtung auf das für ein gutes Leben Notwendige (statt auf Wachstumsraten).

Gleichzeitig werden Unterschiede deutlich: Während beim Commoning gleichberechtigte Individuen in eine freie und symmetrische Kooperation eintreten, herrschen in einigen Sorge/Caring-Beziehungen asymmetrische Sorgebeziehungen (zu Kindern, älteren und kranken Menschen), aus denen Menschen nicht „aussteigen“ können.[11] Aber wer übernimmt diese Arbeiten unter welchen Bedingungen?

Gerade aufgrund dieser Unterschiede ist es wichtig, danach zu fragen, wie sich Caring und Commoning verbinden lassen, um die Reproduktion von Gesellschaft als Ganzes und damit der sozialen und ökologischen Lebensgrundlagen sicherzustellen.

Die bereits eingangs zitierten Autorinnen Silvia Federici und die Subistenztheoretikerinnen haben auch darauf hingewiesen, dass Reproduktionsarbeiten eine erhebliche Rolle bei der Suche nach Alternativen zum Kapitalismus spielen. In ihnen steckt ein visionäres, eigensinniges und widerständiges Potenzial. Menschen wollen sich schließlich der Reproduktionsmittel bemächtigen, die der Kapitalismus enteignet oder eingehegt hat. Dafür darf aber der große Bereich des Sorgens für sich und andere auch in den neuen Ökonomien des Gemeinsamen nicht ausgeklammert werden. Care darf nicht — wie häufig auch in Commons-Debatten — ins Private abgeschoben werden. Die Trennung zwischen vermeintlich Produktiven und Reproduktiven muss grundsätzlich in Frage gestellt werden. Für das „Ganze des Lebens“[12] kann auf Erwerbsarbeit/Lohnarbeit verzichtet werden – auf Carearbeit nicht. Damit kommen wir dann u.a. zur Vision von (Re)Prosumption und (Re)Produktion[13]. Es muss perspektivisch um die Neuorganisation von Arbeit, von Tätigsein entlang dieser Vision gehen. Für die Arbeit an der Vision und der Neubestimmung (re)produktiver Tätigkeit in alternativen Ökonomien des Gemeinsamen stellt sich damit die Frage nach der gerechten Verteilung von Verantwortung: zwischen individueller Verantwortung und kollektiver Verantwortung, zwischen den Geschlechtern, Menschen unterschiedlicher Herkunft und Zugehörigkeit, globalem Norden und globalem Süden.

Eine Herausforderung für alle, die für ein gutes Leben jenseits des Zwangs nach immer mehr Wachstum kämpfen, wird also künftig sein, die (Re)Produktionsarbeit von Mensch und Natur als integralen Bestandteil jeden Commonings zu begreifen und zu verinnerlichen. Nur so kann der nötige Kulturwandel gelingen, nur so kann die derzeit dominierende Wirtschaftslogik schrittweise überwunden und eines Tages abgelöst werden.

Daniela Gottschlich arbeitet zu Theorien Internationaler Politik, nachhaltiger Entwicklung und feministischen Theorien. Im Rahmen sozial-ökologischer Forschungen beschäftigt sie sich mit u. A. mit Agro-Gentechnik und untersucht, inwiefern Politiken nachhaltiger Naturgestaltung einen Beitrag zur Demokratisierung der Demokratie liefern können. Sie hat in zahlreichen lokalen, nationalen und transnationalen Nachhaltigkeits-Projekten gearbeitet.

Literatur

[1] Federici, Silvia (2012): Caliban und die Hexe. Frauen, der Körper und die ursprüngliche Akkumulation. Übersetzt v. Max Henninger, hrsg. v. Martin Birkner, Wien: Mandelbaum.

[2] Bennholdt-Thomsen, Veronika; Mies, Maria; Werlhof, Claudia von [1983] (1992): Frauen, die letzte Kolonie. Zur Hausfrauisierung der Arbeit, Zürich: Rotpunktverlag.

[3] Cyrus, Norbert; Vogel, Dita; de Boer, Katrin (2010): Menschenhandel zum Zweck der Arbeitsausbeutung. Eine explorative Untersuchung zu Erscheinungsformen, Ursachen und Umfang in ausgewählten Branchen in Berlin und Brandenburg im Auftrag des Berliner Bündnisses gegen Menschenhandel zum Zweck der Arbeitsausbeutung.

[4] Habermann, Friederike (2014): Keine glatten Wege, in: Seitenwechsel. Die Ökonomien des Gemeinsamen, Böll.Thema 1/2014, S. 38.

[5] Biesecker, Adelheid (2012): Impulsreferat zu Geschlecht und Commons. Auftakt zum interdisziplinären Salon „Zeit für Allmende“: Tätigsein in den Commons – Jenseits von Lohnarbeit und Geschlechterhierarchie, am 18. Oktober 2012; Biesecker, Adelheid; Gottschlich, Daniela (2013): Wirtschaften und Arbeiten in feministischer Perspektive – geschlechtergerecht und nachhaltig?, in: Hofmeister, Sabine; Katz, Christine; Mölders, Tanja (Hrsg.): Geschlechterverhältnisse und Nachhaltigkeit. Die Kategorie ‚Geschlecht‘ in den Nachhaltigkeitswissenschaften, Opladen: Barbara Budrich, S. 178-190;Gottschlich, Daniela (2013): Doing away with ‘labour’: working and caring in a world of commons. Expeditions into (re)thinking the role of human (re)productive activity and its inherent nature in a generative commons network; Wichterich, Christa (2013): Gemeinschaftlich Sorge tragen, Impulsreferat für den politischen Salon der Heinrich-Böll-Stiftung: „(Ver-)Pflegen und (Ver-) Kümmern. Sorgearbeit und Commons”, Donnerstag, 18. März 2013, Berlin; Habermann, Friederike; Kirschenmann, Lena (Hrsg.) (2014): Zeitwohlstand. Wie wir anders arbeiten, nachhaltig wirtschaften und besser leben. 1. Aufl. München: oekom-Verl.

[6] Ostrom, Elinor (1990): Governing the Commons. The Evolution of Institutions for Collective Action. Cambridge: Cambridge University Press.

[7] Biesecker, Adelheid; Matthes, Maite; Schön, Susanne und Scurrell, Babette (Hrsg.) (2000): Vorsorgendes Wirtschaften. Auf dem Weg zu einer Ökonomie des guten Lebens. Bielefeld: Kleine Verlag;; Netzwerk Vorsorgendes Wirtschaften (Hrsg.) (2013): Wege vorsorgenden Wirtschaftens. Marburg: Metropolis-Verl.

[8] Knobloch, Ulrike (2013): Versorgen – Fürsorgen – Vorsorgen. Normative Grundlagen einer Sorgeökonomie als allgemeine Wirtschaftstheorie und die Ethik des Vorsorgenden Wirtschaftens. In: Netzwerk Vorsorgendes Wirtschaften (Hrsg.): a.a.O, S. 21-42.

[9] Gottschlich, Daniela (2013):. a.a.O.

[10] Biesecker, Adelheid (2012), a.a.O.

[11] Jochimsen, Maren (2003): Careful Economics. Integration Caring Activities and Economic Science, Boston/ Dordrecht/ London: Kluwer Academic Publishers; Jochimsen, Maren (2013): To care is to relate – and to embed. Konzept und Analyse personenbezogener Sorgesituationen als Bausteine einer Theorie Vorsorgenden Wirtschaftens, in: Netzwerk Vorsorgendes Wirtschaften (Hrsg.): Wege Vorsorgende Wirtschaftens, Marburg: Metropolis, S. 63-83.

[12] Dieser Begriff wurde von Brigitte Kratzwald geprägt: Kratzwald, Brigitte (2014): Das Ganze des Lebens: Selbstorganisation zwischen Lust und Notwendigkeit, Sulzbach/Taunus: Ulrike Helmer Verlag.

[13] Biesecker, Adelheid; Hofmeister, Sabine (2010): Focus: (Re)Productivity. Sustainable relations both between society and nature and between the genders. In: Ecological Economics, Vol. 69 (2010), No.8, pp. 1703-1711; Biesecker, Adelheid/ Hofmeister, Sabine (2009): Starke Nachhaltigkeit fordert eine Ökonomie der (Re)Produktivität. In: Egan-Krieger, Tanja et al. (Hrsg.): Die Greifswalder Theorie starker Nachhaltigkeit. Ausbau, Anwendung und Kritik, Marburg, S.169-192.; Biesecker, Adelheid/ Hofmeister, Sabine (2006): Die Neuerfindung des Ökonomischen. Ein (re)produktionstheoretischer Beitrag zur Sozial-ökologischen Forschung, München.

Kategorien: Commons, Gender, Praxis-Reflexionen

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27. Juli 2014, 06:26 Uhr   0 Kommentare

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