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Arbeitsteilung, aber wie?

Rinder auf der Al(l)m(ende) (Foto von MadeleineSchäfer, CC-BY-SA, URL: https://commons.wikimedia.org/wiki/File:Weidende_Rinder_auf_der_Alm.JPG – zum Vergrößern klicken)(Voriger Artikel: Was ist Arbeit?)

Die kapitalistische Realität: Arbeit als schwer zu erfüllende Pflicht

Eine Möglichkeit der Arbeitsteilung kennen wir aus dem Kapitalismus: individuelle Arbeit als gesellschaftliche Existenzbedingung bei gleichzeitiger Konkurrenz um Arbeitsmöglichkeiten. Die meisten Menschen müssen heute arbeiten, um volle gesellschaftliche Teilhabemöglichkeiten zu erhalten und „Arbeitslosigkeit“ kann sogar existenzbedrohend werden (je nach Umfang der gesellschaftlichen Sicherungssysteme in dem Land, in dem man lebt). Gleichzeitig findet man Arbeitsmöglichkeiten nicht einfach wie Beeren im Wald, sondern muss sich um jede erst einmal „bewerben“ und sich dabei gegen andere durchsetzen, die sie ebenfalls wollen. Ähnlich wie beim Spiel „Reise nach Jerusalem“ ist es üblicherweise so, dass einige auf der Strecke bleiben und keinen „Arbeitsplatz“ bekommen. Schließlich können bei Konkurrenz definitionsgemäß nicht alle gewinnen und keinerlei gesellschaftliche Mechanismen sorgen dafür, dass es genug Arbeitsmöglichkeiten für alle gibt, die arbeiten wollen bzw. müssen.

Man kann hier von „Arbeit als schwer zu erfüllender Pflicht“ reden – einerseits ist Arbeit Pflicht, da man ohne kaum überleben (oder jedenfalls nicht gut leben) kann, andererseits „darf“ nur arbeiten, wer es schafft, andere im gesellschaftlichen Konkurrenzkampf auszustechen.

Reine Freiwilligkeit und ihre Tücken

Eine radikal anderer Ansatz ist, beim Aufteilen der Arbeit völlig auf Regeln zu verzichten und stattdessen auf reine Freiwilligkeit zu setzen, wie ich es in meinem utopischen Text Freie Quellen oder wie die Produktion zur Nebensache wurde (Siefkes 2013) jedenfalls weitgehend annehme. Alle nützliche Arbeit/N findet hier entweder nach dem Lustprinzip, aus Verantwortungsgefühl oder als (gemeinsame) Eigenarbeit statt.

Eigenarbeit ist Arbeit, die man macht, weil ihre Ergebnisse einer mindestens zum Teil selbst zugute kommen – etwa das Klo in der eigenen WG putzen, die eigene Wohnung streichen, sich mithilfe einer öffentlichen CNC-Werkstatt ein Bett zusammenbauen oder einen Bug (Fehler) in einem Programm beheben, der die eigene Nutzung des Programms behindert. Eric Raymond (2001) nennt dies „scratching an itch“ – sich da kratzen, wo es eine juckt. Die Ergebnisse der Eigenarbeit können dabei durchaus auch anderen zugute kommen: die Mitbewohner freuen sich über das geputzte Klo; der Bugfix nutzt auch anderen, die unter dem Fehler gelitten haben.

Arbeit nach dem Lustprinzip ist nützliche Arbeit/N, die zugleich auch Selbstzweck (Arbeit/S) ist – man macht sie um ihrer selbst willen, aus Freude an der Tätigkeit, nicht nur als Mittel zum Zweck. Schließlich kann man auch aus Verantwortungsgefühl einen Teil der nötigen Arbeit/N übernehmen: man hat vielleicht keine Lust darauf und sie kommt einer auch nicht direkt selbst zugute, aber man macht sie trotzdem, weil man sie für nötig hält. Weil man nicht möchte, dass Kranke ohne Pflege bleiben, das Getreide auf dem Feld verrottet oder die Post wochenlang liegen bleibt.

Arbeit/N aus Verantwortungsgefühl zeigt, dass reine Freiwilligkeit, selbst wenn sie gesellschaftlich funktioniert (alles Wesentliches wird erledigt), nicht unproblematisch ist. Wenn einige ständig Dinge tun, auf die sie eigentlich keine Lust haben, um so den Laden am Laufen zu halten, während andere nur das tun, worauf sie Lust haben oder wonach es sie „juckt“, wären die Lasten sehr ungleich verteilt. Ein gesellschaftliches Ideal kann dies kaum sein.

Auch das Moment der Eigenarbeit hat seine Probleme. Wenn ich etwas möchte, warum soll ich mich erst damit beschäftigen müssen, wie es gemacht wird? Was, wenn ich etwas brauche, aber nicht die nötigen Fähigkeiten habe, mich um seine Herstellung zu kümmern? Funktionierende Strukturen für gemeinsame Eigenarbeit, die die Hürden soweit senken, dass niemand daran scheitert, setzen zumindest äußerst hoch entwickelte Produktivkräfte voraus, bei denen nahezu vollautomatisch arbeitende Maschinen dezentral allen zur Verfügung stehen und quasi auf Knopfdruck die unterschiedlichsten nützlichen Dinge herstellen können. Wie ich in Dank Produktivkraftentwicklung zur neuen Gesellschaft? erörtert habe, ist die Hoffnung auf die „richtige“ Produktivkraftentwicklung als Voraussetzung für eine bessere Gesellschaft aber problematisch, da eine Entwicklung in die richtige Richtung keineswegs garantiert ist.

Und selbst wo gemeinsame Eigenarbeit möglich ist, ist sie nicht unbedingt die beste Lösung. Vielleicht braucht eine zentralisierte Produktion weniger Rohstoffe und bindet weniger Zeit, in der die Menschen stattdessen lieber anderes tun würden? „Was du auch machst, mach es nicht selbst / […] Eigenbau [stiehlt] dir deine schöne Zeit / […] Wer zu viel selber macht, der macht sich krumm“, singt die Band Tocotronic (2010).

Das sind keine zwingenden Argumente gegen reine Freiwilligkeit, allerdings müssen die Rahmenbedingungen stimmen. Zunächst sollte der Modus der Freiwilligkeit nicht zu solchen Reibungsverlusten führen, wie in dem Tocotronic-Song angedeutet – Zeitverschwendung, unnötige Härten oder erzwungender Verzicht für diejenigen, die etwas selber machen müssen, weil niemand anders es für sie erledigt.

Und natürlich muss die Freiwilligkeit auch erst einmal funktionieren, sprich es müssen sich genug Freiwillige zumindest für alle essenziellen Tätigkeiten finden. Eine Gesellschaft, deren Bewohnerinnen hungern, weil die Ernte auf den Feldern verrottet, frieren, weil die Energieversorgung nicht sichergestellt ist, oder mangels funktionierender medizinischer Versorgung an eigentlich leicht heilbaren Krankheiten zu sterben drohen, wird sich zwangsläufig etwas anderes überlegen.

Aber selbst wenn äußerlich alles zu funktionieren scheint, ist nicht unbedingt alles in Butter. Die Frage ist auch, wer sich warum und unter welchen Umständen freiwillig betätigt. Gibt es einige, die bis zur Erschöpfung ackern, weil sie verhindern wollen, dass ein bestimmter Bereich zusammenbricht? Oder die ständig Dinge tun, auf die die eigentlich keine Lust haben, weil sie nicht wollen, dass sie liegen bleiben? Gibt es einige, die nur machen, wozu sie Lust haben, und andere, die aus Verantwortungsgefühl der Gesellschaft und den anderen gegenüber den auch für sie unliebsamen Rest erledigen? In solchen Fällen wäre die gesellschaftliche Arbeitsaufteilung ganz und gar nicht in Ordnung, auch wenn nominell alle freiwillig handeln.

Reine Freiwilligkeit ist dann der ideale Modus, wenn es wirklich keine Arbeit/M (Arbeit als Mittel zum Zweck) mehr gibt, sondern alles, was gesellschaftlich nötig ist, zugleich auch etwas ist, das jemand gerne und mit Vergnügen tut. Sie kann auch dann gut funktionieren, wenn die gesellschaftliche Aufgabenverteilung so eingespielt ist, dass sich alle oder viele die noch verbleibende Arbeit/M (die „unangenehmen Aufgaben“) spontan oder nach Absprache auf faire Weise aufteilen, so dass sie nicht Einzelne besonders belastet.

Das sind keine unerfüllbaren Voraussetzungen, aber sie sind auch nicht gerade klein. Ein Sprung direkt aus dem Kapitalismus mit seinem Modell der Arbeit als schwer erfüllbarer Pflicht in eine Gesellschaft, die die reine Freiwilligkeit erfolgreich praktiziert und dabei auch unfaire Belastungen und Härten für Einzelne vermeidet, scheint daher wenig plausibel. Wäre das nicht gesellschaftlich ein ähnlich radikaler Sprung wie technologisch die Vorstellung, eine Gesellschaft, die bislang nur das manuelle Abschreiben von Manuskripten kannte, hätte auf einen Schlag den Transistor, den Heimcomputer und die dadurch ermöglichte verlustfreie Digitalkopie erfinden können, ohne sich zunächst mit „Übergangstechniken“ wie dem Buchdruck herumschlagen zu müssen?

Arbeitsaufteilung in traditionellen Commons

Als Modell zwischen der tristen kapitalistischen Realität und der kühnen Vision reiner Freiwilligkeit kann man die Arbeitsaufteilung in traditionellen Commonsprojekten betrachten. Hier werden die Lasten, also insbesondere die anfallende Arbeit, unter den Commoners aufgeteilt. Und zwar typischerweise ungefähr proportional zum jeweiligen Nutzen, den diese aus dem Commons ziehen. (Also gleichmäßig wenn alle dieselben Nutzungsmöglichkeiten haben.)

So darf auf den von Elinor Ostrom (1990: 62ff) betrachteten Schweizer Almen keine Bauernfamilie mehr Tiere auf der Alm weiden lassen als sie im Winter füttern kann. Die notwendigen Unterhaltungsarbeiten werden proportional auf Anzahl der auf die Weide geschickten Tiere geteilt.

Bei der Nutzung von Holz aus den kommunalen Wäldern werden Kosten und Nutzen per Losverfahren verteilt. Die nutzungsberechtigten Haushalte setzen sich zusammen und definieren zunächst möglichst gleichmäßige Arbeitspakete in Bezug auf das Fällen der Bäume und den Abtransport des Holzes. Dann wird gelost, welcher Haushalt welches Arbeitspaket übernimmt (Ostrom 1990: 65).

In japanischen Allmendeländerei wurden die für die Pflege der Bestände notwendigen Arbeiten gleichmäßig unter allen nutzungsberechtigten Haushalten aufgeteilt. An den für die kommunale Arbeit festgelegten Tagen musste jeder Haushalt eine arbeitsfähige Person entsenden. Auch hier kam das Losverfahren bei der Zuteilung unterschiedlicher Arbeitsgebiete an Gruppen von Haushalten zum Tragen. Eine Entbindung von der Arbeitspflicht war nur in Ausnahmefällen möglich, z.B. bei Krankheit oder Unglücksfällen in der Familie oder wenn es im Haushalt keine arbeitsfähigen Erwachsenen gab. Die Einhaltung der vereinbarten Regeln wurde von den Commoners selbst überwacht – in manchen Orten rotierten die Kontrolleursposten ebenfalls per Los unter den beteiligten Männern (Ostrom 1990: 66ff).

In einem philippinischen Allmende-Bewässerungssystem erhält jeder Beteiligte einen proportionalen Anteil (atar genannt) an dem bewirtschafteten Land; Gruppen von Beteiligten sind in zanjeras zusammengeschlossen. Für die zu erledigenden Arbeiten (insbesondere Reparatur und Erneuerung von Dämmen sowie Wartungsarbeiten) stellen die fünf größten zanjeras je ein Arbeitsteam, die vier kleineren je ein halbes. Die Arbeit wird unter diesen sieben Teams aufgeteilt. Die zanjeras teilen die Arbeiten ihrerseits gleichmäßig auf die atars auf – im Schnitt hat jeder von ihnen 53 Arbeitstage pro Jahr für größere Renovierungs- und kleinere Wartungsarbeiten zu erbringen. Die Aufteilung von Kosten und Nutzen auf die zanjeras ist weitgehend proportional: die drei größten tragen 48% an Arbeit und Material bei und erhalten 55% des Wassers, die drei mittleren tragen 30% bei und erhalten 25%, die drei kleinsten tragen 22% bei und erhalten 20% (Ostrom 1990: 82).

Auf den ersten Blick mag diese commonale Arbeitsaufteilung dem kapitalistischen Modell ähnlich erscheinen, da man ebenfalls arbeiten muss, um teilhaben zu können, und da Geben (Beiträge) und Nehmen (Nutzung) ungefähr proportional zueinander sind. Letzteres entspricht nicht der kapitalistischen Realität, wohl aber ein Stück weit der Ideologie, wonach die „Leistungsfähigsten“ und “-willigsten” am weitesten kommen. Neben dem Auseinanderklaffen von Realität und Ideologie gibt es aber noch weitere wesentliche Unterschiede, zum einen den, dass es keine Konkurrenz um Arbeit gibt. Arbeit ist in den Commons keine schwer, sondern eine relativ leicht zu erfüllende Pflicht, da die zu erledigenden Aufgaben aufgeteilt werden (oft per Los, um Willkür zu verhindern), so dass sich niemand erst mit ungewissem Ausgang gegen andere durchsetzen muss. Niemand muss also fürchten, auf der Strecke zu bleiben – einerseits arbeiten zu müssen, andererseits aber keine Gelegenheit dazu zu finden.

Das bedeutet auch ein sehr anderes Verhältnis der Produzenten zueinander. Firmen stellen in den meisten Fällen erst im Nachhinein fest, ob sie die produzierten Waren verkaufen können und damit einen Beitrag zur gesellschaftlichen Bedürfnisbefriedigung geleistet haben (wenn nicht, droht der Firma die Pleite und ihren Beschäftigten die Arbeitslosigkeit mit entsprechendem Einkommensverlust). Dagegen wissen Commoners von Anfang an, dass ihre Arbeit gebraucht wird.

Ein weiterer wichtiger Unterschied ist, dass die Commoners – die die Arbeit machen und zugleich das dadurch reproduzierte Commons nutzen – selbst die Regeln festlegen, die ihre Rechte und Pflichten festschreiben. Sie entscheiden also selbst darüber, ob es eine Beteiligungspflicht gibt, wie genau diese aussieht, wie Arbeitspakete gebildet und aufgeteilt werden, wer was in welchem Umfang nutzen darf etc. Im Gegensatz dazu ist der Markt im Kapitalismus eine scheinbar fremde und effektiv unerbittliche Macht, der die Einzelnen gegenüberstehen, ohne die hier herrschenden Regeln gewählt zu haben oder beeinflussen zu können.

Andererseits fehlt dem traditionellen Commonsmodell im Vergleich zur kapitalistischen Arbeitsaufteilung – und erst recht zur reinen Freiwilligkeit – das Moment der „freien Berufswahl“. Im Kapitalismus sind alle relativ frei, sich um eine Ausbildung und anschließende Beschäftigung in einer Tätigkeit zu bemühen, die sie besonders interessiert oder ihnen besonders liegt (wenn auch beschränkt durch die Unsicherheiten der Konkurrenz sowie hohe Kosten oder harte Selektionskriterien bei manchen Ausbildungen). Dagegen sind bei den traditionellen Commons die Tätigkeiten weitgehend vorgegeben und können von den Einzelnen kaum frei ausgewählt werden.

Keines dieser Arbeitsteilungsmodelle kann also rundherum überzeugen. Im nächsten Artikel werde ich ein Modell vorschlagen, das positive Elemente der commonalen Arbeitsteilung und der reinen Freiwilligkeit aufgreift und ihre jeweiligen Schwachpunkte zu vermeiden versucht.

(Fortsetzung: Das Freiwilligenspiel)

Literatur

  • Ostrom, Elinor (1990): Governing the Commons. New York: Cambridge University Press. Deutsche Übersetzung: Die Verfassung der Allmende. Tübingen: Mohr, 1999.
  • Raymond, Eric S. (2001): The Cathedral & the Bazaar. 2. Aufl. Sebastopol: O’Reilly.
  • Siefkes, Christian (2013): Freie Quellen oder wie die Produktion zur Nebensache wurde. In jour fixe initiative berlin (Hg.): „Etwas fehlt“ – Utopie, Kritik und Glücksversprechen. Münster: edition assemblage. URL: keimform.de/2013/freie-quellen-1/
  • Tocotronic (2010): Macht es nicht selbst. Album: Schall & Wahn.

Kategorien: Arbeit & Freiheit, Commons, Theorie

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23. April 2014, 07:22 Uhr   10 Kommentare

1 Was ist Arbeit? — keimform.de (23.04.2014, 18:18 Uhr)

[…] (Fortsetzung: Arbeitsteilung, aber wie?) […]

2 Holger Roloff (01.05.2014, 13:42 Uhr)

Ich vermute, dass unter „Arbeit“ das Ausführen von Tätigkeiten verstanden wird, oder?

Wie steht es dann um die „Freiwilligkeit der Arbeit“? Ist das Gegenteil dann der „Zwang zur Arbeit“?

Ich vermute, die Lösung liegt darin, auch in einer postkapitalistischen Gesellschaft bei allen notwendigen Tätigkeiten eine klare Verbindlichkeit herzustellen. 

Es wird ebenso Regeln, Vorgaben, Gesetze usw. geben, wie heute auch.

Das als sachlich sinnvoll anzusehen erfordert dann tatsächlich „Freiwilligkeit“ und Verantwortungsbewusstsein. 

Ist eines davon nicht gewollt, passieren die Dinge eben nicht. Wenn z.B. niemand nachts aufstehen möchte, damit um 5 Uhr Brötchen gebacken werden, dann gibt es eben um 7:oo Uhr keine. Na und? Dann backen die, die trotzdem welche möchten, sie dezentral – nämlich zu Hause, was energetisch und ökologisch ohnehin besser wäre (Transportkosten fallen weg usw.)

Das ist auf jeden Fall besser, als etwas zu wollen aber nicht zu dürfen, wie heute, wenn Krisensituationen Massen zur Untätigkeit verdammen oder etwas einfach als „ökonomisch nicht sinnvoll“ erscheint – sprich es rechnet sich kaufmännisch nicht, obwohl es sachlich sinnvoll wäre.

Zu Verbindlichkeit wird es zukünftig analog zu heutigen Arbeitsverträgen Tätigkeitsverträge geben usw. 

„Arbeit“ als gesellschaftlich notwendiger Aufwand verschwindet ja nicht einfach. Wir sollten aber grundsätzlich und neu überlegen, welcher Aufwand überhaupt sinnvoll wäre.

Es ist übrigens auch bekannt, dass eigentlich 5 – 10 h pro Woche als „Arbeitszeit“ ausreichen würden, wenn alle produktive, sinnvolle „Arbeit“ machen würden, anstatt sich um das Aufrechterhalten des Geldkreislaufes und das Bearbeiten seiner Folgen  zu kümmern (Kriminalität, Umweltzerstörung/-vergiftung, Krankheiten durch Gift in der Nahrung, rbeitsstress usw.) Das wären also durchschnittlich etwa 2 Stunden pro Tag!

Die würde ich nur zu gerne leisten, wenn ich sie gegen den heutigen Schwachsinn der „Marktwirtschaft“ eintauschen dürfte.

Und das Beste: es würde uns nicht nur besser gehen, sondern plötzlich würden jede Menge Synergieeffekte entstehen und alte Probleme verschwinden, sich quasi in Luft auflösen…und das alles nur, weil wir plötzlich über unser Handeln anders denken.

3 Annette (01.05.2014, 14:44 Uhr)

Ich bin mir noch nicht sicher, wie ich diese Arbeit 😉 von Christian einschätzen soll. Wird sie ein Wunschkonzept? Ich meine: Hätte man so, wie es Christian vorstellen wird, eigentlich schon immer leben und arbeiten können? Warum sollte es dann diesmal gelingen und nicht wie andere Wunsch-Vorstellungen scheitern?

Ich wünsche 😉 mir deshalb, dass in die weiteren Überlegungen immer wieder die Analyse hineingebracht wird, welche Bedingungen erstens vorliegen und zweitens wie wir dazu beitragen können, bestimmte Bedingungen zu verändern, um aus nur Möglichem (Denkbaren) etwas Existierendes zu machen.

4 Christian Siefkes (02.05.2014, 17:06 Uhr)

@Holger:

Ich vermute, dass unter “Arbeit” das Ausführen von Tätigkeiten verstanden wird, oder?

Siehe den vorigen Artikel: Was ist Arbeit? Hier gehe ich vom Begriff der nützlichen Arbeit/N aus.

Wie steht es dann um die “Freiwilligkeit der Arbeit”? Ist das Gegenteil dann der “Zwang zur Arbeit”?

Das direkte Gegenteil, ja, aber dazwischen gibt es noch ein recht weites Feld. Im Kapitalismus ist z.B. niemand gezwungen, zu arbeiten, wenn man es schafft, anderweitig über die Runden zu kommen, nur ist das den meisten eben nicht möglich. Das ist dann der „stumme Zwang der ökonomischen Verhältnisse“.

Im oben beschriebenen Arbeitsteilungsmodell der traditionellen Commons muss man zwar einen Arbeitsbeitrag erbringen, wenn man das Commons nutzen will, aber natürlich ist man nicht dazu gezwungen — man könnte auch auf die Nutzung des Commons verzichten. Das ist also ein Zwischending, nicht direkt freiwillig (denn in der Regel will oder muss man das Commons ja nutzen), aber auch kein strikter Zwang.

Ist eines davon nicht gewollt, passieren die Dinge eben nicht. Wenn z.B. niemand nachts aufstehen möchte, damit um 5 Uhr Brötchen gebacken werden, dann gibt es eben um 7:oo Uhr keine. Na und?

Ja.

Dann backen die, die trotzdem welche möchten, sie dezentral – nämlich zu Hause, was energetisch und ökologisch ohnehin besser wäre (Transportkosten fallen weg usw.)

Transportkosten fallen weg (die allerdings, wenn ich Fuß oder mit dem Fahrrad zum Bäcker komme, ökologisch unbedenklich sind), allerdings wird für die dezentrale Herstellung wahrscheinlich eher mehr Energie verbraucht als bei zentralerer Herstellung in der Großbäckerei. Und Unmassen an Energie und Materialien würden für die Herstellung all der Backautomaten aufgewendet, die dann in vielen Wohnungen stehen würden. Also ob dezentrale Eigenproduktion ökologisch besser ist, halte ich in vielen Fällen für fraglich.

Und wo es keine Automaten gibt, die die Eigenproduktion erledigen können, wird sie noch problematischer, das habe ich ja oben schon diskutiert.

Es ist übrigens auch bekannt, dass eigentlich 5 – 10 h pro Woche als “Arbeitszeit” ausreichen würden, wenn alle produktive, sinnvolle “Arbeit” machen würden, anstatt sich um das Aufrechterhalten des Geldkreislaufes und das Bearbeiten seiner Folgen zu kümmern (Kriminalität, Umweltzerstörung/-vergiftung, Krankheiten durch Gift in der Nahrung, rbeitsstress usw.) Das wären also durchschnittlich etwa 2 Stunden pro Tag!

Ja, eine derartige Größenordnung würde ich auch erwarten.

5 Helmut Leitner (03.05.2014, 07:17 Uhr)

Wenn man sich eine zukünftige Arbeit vorstellt, eine Arbeit die man mit Freude und freiwillig macht, dann sollte man sich jene Menschen ansehen, die das heute für sich schon realisiert haben. Solche Menschen, die es „geschafft haben“, die soviel Geld oder andere materielle Sicherheit haben, dass sie in ihrem Leben nicht mehr arbeiten müssen, sind nicht 2 Stunden am Tag tätig, sondern trennen nicht zwischen Arbeit und Freizeit, sondern sind soviel wie möglich für das tätig, wofür sie brennen, ob das der Pianist ist, der übt oder neue Partituren erarbeitet. Ob das der Artist oder Sportler ist, der Perfektion in seiner Profession anstrebt. Auch ein Entwicklungshelfer im Busch wird nicht nach 2 Stunden seine Beine hochlagern, und die Kranken oder Hungernden auf den nächsten Tag vertrösten. Der milliardenschwere IT-Tykoon, am Prototyp des Steve Jobs, verfolgt seinen Traum einer das Leben neu organisierenden Technologie. Der Nobelpreis-Forscher sucht mit Hartnäckigkeit und Neugier, das Geheimnis der Materie oder des Lebens oder des Bewusstsein zu ergründen. Nichts deutet darauf hin dass eine Arbeit, die man gerne tut, nach 2 Stunden pro Tag beendet sein soll. D. h. kurz gesagt, diese Vorstellung ist inkonsistent mit einem positiven Bild von gerne getaner Arbeit.

Hinter der Vorstellung eines 2-Stunden-Arbeitstages, oder eines Lebens ohne Arbeit, hinter dem „gelösten Problem“, lauert ein neues Problem, nämlich das des gelangweilten und sinnlosen Lebens. Es ist schwer vorstellbar, alle Zeit mit Shoppen, Essen, Trinken, Sonneliegen oder Koppulieren zu verbringen, auch wenn das manchmal als erstrebenswertes Schlaraffenland erscheinen mag. Der Psychoanalytiker Viktor Frankl hat das Bedürfnis des Menschen nach Sinn eingehend untersucht und dargestellt.  

Wir alle können nur das als Wohlstand und Lebensqualität konsumieren, das wir alle gemeinsam als Wohlstand und Lebensqualität erarbeiten. Deswegen ist eine Arbeitszeitreduktion immer auch eine Reduktion des gemeinsamen Wohlstandes. Arbeitszeitreduktion gibt nur Sinn als Maßnahme der Verteilungsgerechtigkeit von Arbeit, aber das ist nur ein Teilaspekt des Problems.

Auch die Vorstellung, sich das Brot selbst zu backen, wenn es niemand als Bäcker für alle tun will, ist nicht verallgemeinerbar. Wenn niemand Lehrer sein will, können sich die Kinder nicht selber lehren. Wenn niemand für mich Zahnarzt spielen will, kann ich mir nicht selbst den Zahn ziehen. Und wenn niemand Lust hat, Katastrophenhelfer zu sein, können sich die Betroffenen nicht selber retten.

Mir scheint, dass sich – in der berechtigten Kritik an den bestehenden Verhältnissen – Fantasmen entwickelt haben, die der Logik widersprechen. Diese sind intellektuell gefährlich, weil sie Unmögliches idealisieren. Annette weist zart darauf hin, wenn sie meint, dass das Erkennen des Möglichen und die Transformation von Möglichem in Exstierendes wichtig wäre.

6 Christian Siefkes (03.05.2014, 19:52 Uhr)

@Annette:

Ich bin mir noch nicht sicher, wie ich diese Arbeit 😉 von Christian einschätzen soll. Wird sie ein Wunschkonzept?

Ich würde es eher als pragmatisches Konzept verstehen, das allzu hochfliegendem Wunschdenken eine Absage erteilt. Etwa der Hoffnung, durch die Weiterentwicklung der Produktivkräfte würde der Kapitalismus seine eigene Abschaffung vorbereiten (die ich in Dank Produktivkraftentwicklung zur neuen Gesellschaft? kritisiere) oder wenn ich oben schreibe, dass ein Sprung direkt in eine Gesellschaft der reinen Freiwilligkeit wenig plausibel scheint.

Ich meine: Hätte man so, wie es Christian vorstellen wird, eigentlich schon immer leben und arbeiten können? Warum sollte es dann diesmal gelingen und nicht wie andere Wunsch-Vorstellungen scheitern?

Das ist eine interessante Frage. Die erwartete Umkehrung wäre ja, zu sagen: „Nein, das wäre früher nicht möglich gewesen, weil erst der Kapitalismus den Weg dafür bereitet hat.“ Einer solchen Vorstellung, dass verschiedene Gesellschaften nicht nur eine historische, sondern auch eine logische Abfolge bilden, wobei jede die Grundlagen für die nächste legt und sie damit erst möglich macht, habe ich früher auch ein gutes Stück weit angehangen.

Seid ich das Buch von Ellen Wood über die Kapitalismusentstehung gelesen habe, bin ich von solchen geschichtsphilosophischen Vorstellungen abgekommen. Wood betont sehr entschieden und überzeugend die Kontingenz der geschichtlichen Entwicklung — dass der Kapitalismus entstanden ist, hing von ganz bestimmten Bedingungen ab, und wenn die Geschichte etwas anders verlaufen wäre (z.B. die englischen Feudalherren den Machtkampf gegen die Krone gewonnen hätten), würden wir heute stattdessen vielleicht in einer ganz anderen (z.B. neoabsolutistischen) Gesellschaft leben.

Ähnliches dürfte auch für die Entwicklung aus dem Kapitalismus gelten, weshalb ich mich selbstverständlich nicht hinstellen und erklären kann: „so oder ähnlich wird es kommen, da bin ich mir sicher!“ Mir geht’s erstmal tatsächlich nur um eine Möglichkeit, eine mögliche positive Zukunft der Menschheit aus dem Kapitalismus hinaus. Dass Ähnliches auch in der Vergangenheit womöglich schon hätte passieren können, aber nicht passiert ist — dass etwa die Europäer schon nach dem Feudalismus oder vor dem Feudalismus „Richtung Kommunismus“ hätten abbiegen können –, ist denkbar (man müsste da die genauen Umstände untersuchen), aber aus meiner Sicht kein relevanter Einwand.

Die Vergangenheit können wir nicht mehr ändern, die Zukunft aber sehr wohl. Und der (womöglich Hegel’schen?) Vorstellung, dass das Mögliche auch wirklich werden muss und also das, was (noch) nicht wirklich ist, auch gar nicht möglich ist oder jedenfalls bislang nicht möglich war, wird mit der Wood’schen Zurückweisung der Geschichtsphilosophie der Boden entzogen.

Ein Punkt, wo ich allerdings vermute, dass tatsächlich die Moderne (insbesondere die Aufklärung) womöglich erst die unabdingbaren Grundlagen gelegt hat, betrifft die Kooperation auf Augenhöhe. Die setzt, um überhaupt denkbar zu sein, ja die Idee der Gleichheit/Gleichberechtigung aller Menschen voraus, also eine der wesentlichen Ideen der Aufklärung. Ich will nicht behaupten, dass es solche Ideen nicht auch früher und anderswo gegeben hätte, aber zumindest in Europa waren sie vor der Aufklärung wohl höchstens marginal. (Und auch nach der Aufklärung hat es gedauert, bis sie wirklich auf alle Menschen und nicht nur auf alle wohlhabenden weißen Männer bezogen wurden, aber das ist wieder eine andere Geschichte…)

7 Christian Siefkes (07.05.2014, 21:20 Uhr)

@Helmut:

Wenn man sich eine zukünftige Arbeit vorstellt, eine Arbeit die man mit Freude und freiwillig macht, dann sollte man sich jene Menschen ansehen, die das heute für sich schon realisiert haben. Solche Menschen, die es “geschafft haben”, die soviel Geld oder andere materielle Sicherheit haben, dass sie in ihrem Leben nicht mehr arbeiten müssen, sind nicht 2 Stunden am Tag tätig, sondern trennen nicht zwischen Arbeit und Freizeit, sondern sind soviel wie möglich für das tätig, wofür sie brennen, ob das der Pianist ist, der übt oder neue Partituren erarbeitet. Ob das der Artist oder Sportler ist, der Perfektion in seiner Profession anstrebt.

Sicher, bei selbstentfalteter Arbeit braucht man sich um Arbeitszeitreduktion wenig Gedanken zu machen. Allerdings bin ich bei den von dir genannten Beispielen skeptisch, ob es sich da wirklich um Selbstentfaltung handelt oder ob es nicht eher die Härten der Konkurrenz sind, die den Konzertpianisten, die Profisportlerin, den Existenzgründer und die auf Preise hoffende Forscherin dazu bringen, fast über die Grenzen des physisch Möglichen zu arbeiten und ihre ganze Freizeit zu opfern. Gerade diese Tätigkeiten sind im Kapitalismus wahnsinnig kompetitiv und nur die Allerbesten (was auch heißt: die bereit sind, am meisten persönliche Opfer zu bringen) haben eine Chance.

Ich denke, in einer kooperativ statt kompetitiv angelegten Gesellschaft würden die Menschen auch diese Tätigkeiten deutlich entspannter angehen und sich deutlich mehr Zeit für Freunde, (andere) Hobbys und Entspannung nehmen — und immer noch Großes leisten.

Hinter der Vorstellung eines 2-Stunden-Arbeitstages, oder eines Lebens ohne Arbeit, hinter dem “gelösten Problem”, lauert ein neues Problem, nämlich das des gelangweilten und sinnlosen Lebens. Es ist schwer vorstellbar, alle Zeit mit Shoppen, Essen, Trinken, Sonneliegen oder Koppulieren zu verbringen, auch wenn das manchmal als erstrebenswertes Schlaraffenland erscheinen mag.

Die Sorge teile ich nicht. Das ist eher Teil der kapitalistischen Ideologie, dass ein Leben ohne Arbeit (bzw. mit wenig Arbeit) langweilig und unerfüllt wäre — was dann auch die langweiligste, sinnloseste und schlechtbezahlteste Arbeit noch als Segen erscheinen lassen soll, denn „ohne wäre es ja noch schlimmer“. Frag mal die Menschen früherer Zeiten, was die unter „Muße“ verstanden und ob sie sie nicht zu schätzen wussten.

Wir alle können nur das als Wohlstand und Lebensqualität konsumieren, das wir alle gemeinsam als Wohlstand und Lebensqualität erarbeiten. Deswegen ist eine Arbeitszeitreduktion immer auch eine Reduktion des gemeinsamen Wohlstandes.

Ja, sofern sie bedeutet, dass auf die Herstellung nützlicher und von den Menschen gewünschter Dinge verzichtet wird. Aber schon der Wegfall der kapitalistischen Dysfunktionalitäten — Vielfacharbeit, weil jede Firma ihre Ergebnisse den Konkurrenten vorzuenthalten versucht, geplante Obsoleszenz und rasche Produktzyklen zur Ankurbelung des Geschäfts, Finanzsphäre, Schutz des Eigentums, Arbeitsämter und -vermittler etc. — würde die gesellschaftlich nötige Arbeit ganz erheblich reduzieren, ohne dass jemand auf irgendetwas verzichten müsste.

Auch die Vorstellung, sich das Brot selbst zu backen, wenn es niemand als Bäcker für alle tun will, ist nicht verallgemeinerbar. Wenn niemand Lehrer sein will, können sich die Kinder nicht selber lehren. Wenn niemand für mich Zahnarzt spielen will, kann ich mir nicht selbst den Zahn ziehen.

Klar, das hatte ich oben ja auch schon geschrieben. („Was, wenn ich etwas brauche, aber nicht die nötigen Fähigkeiten habe, mich um seine Herstellung zu kümmern?“)

8 Christian Siefkes (07.05.2014, 21:45 Uhr)

Via Google+ kam noch folgende Frage rein:

Warum wird in den zitierten Commonsmodellen die Arbeitsverpflichtung nicht gehandelt (so dass sich kapitalistische Arbeitsteilung von selbst neu erfinden würde)? Weil es verboten ist, oder weil niemand es will? Oder wird sie?

Ich bin mir ganz nicht sicher, was damit gemeint ist — eine Verpflichtung ist ja nichts Positives, wer würde sie kaufen wollen? Vielleicht dass einzelne Commoners Lohnarbeiter anheuern, die die von ihnen erwartete Arbeit gegen Geld ableisten? Das gibt bzw. gab es dort, wo es Lohnarbeit gibt (also wo andere Menschen gezwungen sind, ihre Arbeitszeit zu verkaufen) sicher, aber es ändert nichts am Verhältnis der Commoners untereinander. Aus Sicht der anderen ist ja nur wichtig, dass die von jedem Commoner/Haushalt erbrachte Arbeit gut erledigt wird, ob das eine Person aus dem Haushalt macht oder jemand von ihnen Delegiertes, dürfte den anderen egal sein.

9 Das Freiwilligenspiel — keimform.de (11.05.2014, 08:54 Uhr)

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10 Vorzüge und Abwandlungen des Freiwilligenspiels — keimform.de (14.06.2014, 03:01 Uhr)

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