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Wachstum bis zum nächsten Crash

Durch einen Artikel in der Jungle World bin ich auf dieses unfreiwillig ehrliche Wahlplakat der FDP aufmerksam gemacht worden. FDP-WahlplakatWachstum macht Morgen möglich. Wir halten Deutschland auf Wachstumskurs“ erklärt die FDP darin. Was den Parteistrategen entgangen zu sein scheint: Der kleine Junge grinst voller Vorfreude, weil er weiß, dass die gewagte Konstruktion des Großvaters gleich von sich aus zusammenkrachen wird oder er sie andernfalls durch Herausziehen eines der unteren Steine zum Einsturz bringen kann.

So zeigt das Bild, was die Partei selbst nicht kapieren kann: das Wachstum von heute ist stets die Grundlage für den Crash von morgen.

Kategorien: Feindbeobachtung

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14. September 2013, 18:00 Uhr   11 Kommentare

1 Andreas (15.09.2013, 01:04 Uhr)

…darum wäre es besser, wenn nichts entstünde? Langeweile bis zum Tod!

2 tante ösi (15.09.2013, 10:42 Uhr)

wachstum am (angeblichen oder wirklichen) scheitern zu blamieren, verfehlt die brutalität des wachstumsregimes. das könnte auch auf alle ewigkeiten wachsen, es bliebe trotzdem zu bekämpfen, da das „mehr“ aus den lohnabhängigen herausgepresst wird. das problem am wachstum ist zuallererst sein funktionieren. dass dann in zeiten der krise noch mehr lohnabhängige über die klinge springen müssen – um das wachstum wieder in die gänge zu bringen – , gehört ja wohl nur zum wachstumsbusiness as usual. 

3 tante ösi (15.09.2013, 10:45 Uhr)

ps: will sagen: es kann ja wohl nicht die kritik des wachstums sein, sein nicht-funktionieren zu bemängeln. so kommt das im beitrag aber raus ^. 

4 Hermann Wick (15.09.2013, 14:01 Uhr)

Gegen das Wachsen ist ja nichts einzuwenden – aber gegen das Wachstum schon: Wachstum á la FDP oder in der Wirtschaft fast allgemein meint ja immer das Mehr gegenüber dem vorigen Jahr. Wachsen in der Natur ist immer mit dem Sterben verbunden – wenn nicht im Jahresrhythmus so doch in Lebenszyklen.

Gemessen wird das Wachstum immer in Geld. Geld will/muss immer mehr Geld werden. Wäre das Geldsystem ein natürliches würden die „Früchte“ die es hervorbringt bei „Nichtgebrauch“ faulen (absterben).

5 Timo Ollech (15.09.2013, 18:53 Uhr)

Das ist nicht das einzige Wahlplakat, das die FDP noch mal überdenken sollte: http://www.iromeister.de/die-partei-der-besserverdienenden-will-verm%C3%B6gen-begrenzen 😉

6 Christian Siefkes (17.09.2013, 13:21 Uhr)

@Andreas, tante ösi:

Ihr solltet den kleinen Artikel nicht überstrapazieren, mich amüsierte nur, wie schön die FDP hier unfreiwillig Marx‘ Erkenntnis über die zyklischen Natur des Kapitalismus illustriert, in der Crash/Krise, Entspannung, Auf- und schließlich Überschwung und nächster Crash zwangsläufig aufeinander folgen:

Durch diesen eine Reihe von Jahren umfassenden Zyklus von zusammenhängenden Umschlägen […] ergibt sich eine materielle Grundlage der periodischen Krisen, worin das Geschäft aufeinanderfolgende Perioden der Abspannung, mittleren Lebendigkeit, Überstürzung, Krise durchmacht. […] Indessen bildet die Krise immer den Ausgangspunkt einer großen Neuanlage [und umgekehrt]. (MEW 24)

Das heißt weder, dass mit dem kapitalistischen Wachstumsregime ohne sein gelegentliches Scheitern alles in Butter wäre (@tante ösi). Dem ist natürlich nicht so.

Noch heißt es, dass die Alternative zum Wachstumsdrang bzw. -zwang (den die FDP ja selbst schön überspitzt formuliert: „Wachstum macht Morgen möglich“, sprich: kein Wachstum, keine Zukunft!) eine statische Gesellschaft wäre (@Andreas). Veränderung und Neues wird es selbstverständlich immer geben, das gehört zum Leben dazu.

Ohne Kapitalismus gäbe es aber nicht den Zwang zum (wie Hermann zurecht feststellt) rein mechanischen Mehr, das sich einfach als Zunahme der Wirtschaftsleistung (Bruttonationaleinkommen) messen lässt. Zum Wachstum trägt z.B. bei, wenn mehr Menschen krank werden und deshalb im Krankenhaus behandelt werden müssen, oder wenn Produkte rasch kaputt gehen und deshalb ersetzt werden müssen. Ginge es um die Bedürfnisse, wäre hier weniger besser.

@Hermann: Ein „natürliches Geldsystem“ kann es nicht geben, Geld ist immer ein soziales Verhältnis. Die Frage ist vielmehr, ob wir unsere sozialen Verhältnisse über Geld gestalten (und damit uns selbst und alle anderen auf ihre Zahlungsfähigkeit und -willigkeit reduzieren) wollen oder lieber anders.

7 Rica (17.09.2013, 13:22 Uhr)

Ich finde das gut wenn ein Opa mit seinem Enkel spielt. Der Turm ist halt statisch ne ziemlich wackelige Nummer. Die Pyramide ist einfach zu steil!

8 Christian Siefkes (17.09.2013, 13:35 Uhr)

@Timo: Versteh ich nicht, der Erwerb von Staatsanleihen ist doch nicht der einzige Weg zur Vermögens-/Kapitalvermehrung. Tatsächlich liegen die Zinsen für selbst langjährige deutsche Staatsanleihen, wenn ich mich nicht irre, tendenziell immer noch unterhalb der Inflationsrate, dienen also eher der Vermögensverminderung.

Dass sie trotzdem fleißig gekauft werden, liegt daran, dass das Risiko, bei alternativen Anlagemöglichkeiten einen noch größeren Teil seines Geldes zu verlieren, wohl nicht zu unrecht als hoch eingeschätzt wird. Was darauf hindeutet, dass die 2007/08 ausgebrochene Krise der Kapitalverwertung auch in Deutschland keineswegs vorbei ist, auch wenn sich die FDP einbildet, hierzulande sei derzeit alles in Butter.

9 Timo Ollech (17.09.2013, 20:48 Uhr)

@Christian: Es läuft weniger so, dass Privatpersonen selber direkt Staatsanleihen kaufen. Aber wenn sie ihr Geld für sagen wir 10 Jahre bei ihrer Bank fest „anlegen“ wie es so schön heißt, dann muss die Bank dafür entsprechend der goldenen Bilanzregel ihrerseits Geld für einen entsprechenden Zeitraum „anlegen“. Und was bietet sich da an? 10jährige Staatsanleihen…
Die Details stehen ansonsten im verlinkten Artikel zur Saldenmechanik.

10 Hermann Wick (19.09.2013, 17:33 Uhr)

@ Christian: Schon klar dass Geld oder Geldsysteme gemacht sind, meist sogar eher asozial als sozial. Aber wenn man schon ein Geldsystem benutzt, wäre es m.E. sinnvoller von der Natur zu lernen (in anderen Dingen tun wir dies ja auch) Und in der Natur gibt es keine grenzenlose Anhäufung von Früchten diese würden sehr schnell anfangen zu vergammeln.

Im derzeitigen Geldsystem will Geld aber immer mehr Geld werden, sei es durch Zins, Mehrwertabschöpfung oder was auch immer – eben bis zum Crash. In einem von der Natur abgekupferten Geldsystem würde Geld, das nur „faul“ auf irgend welch Konten herumliegt eben faulen, sprich es würde mit eienm negativen Zins belastet.

Gleichzeitig könnte in einem solchen System jedem aber auch wirklich jedem Menschen ein bedingungsloses Grundeinkommen bezahlt werden. Dieses Grundeinkommen würde für jeden monatlich neu geschöpft. Die gesammte Geldmenge würde zunächst also anwachsen – aber nur soweit bis die monatlich geschöpfte Menge genau der Menge entspricht die durch Vergänglichkeit (dem negativen Zins) verschwindet. Ab dann ist die Geldmenge pro Person stabil. Wie hoch die Geldmenge pro Person sein soll kann bei Einführung des Systems festgelegt werden.

Das System ist durchgerechnet und durchdacht einschließlich einer Übergangsphase aus dem derzeitigen Geldsystem heraus. Wer näheres wissen will – bitte nachfragen.

11 Christian Siefkes (20.09.2013, 18:45 Uhr)

@Hermann:

Für eine Kritik der Schrumpfgeld/Geldreform-Theorien ist hier nicht der Platz, nur soviel:

  1. Mit der Natur lässt sich alles und nichts begründen, weil man, wo man hin gut, völlig unterschiedliche Phänomene findet. Du redest von Früchten, die vergammeln, aber zu Marx‘ Zeiten gab es ja noch als quasi „natürliche“ Geldware nicht etwa die Himbeere, sondern das Gold. Auch das ein Naturprodukt, das aber die Eigenschaft hat, seine stofflichen Eigenschaften quasi bis in alle Ewigkeit unverändert beizubehalten.
  2. Geld das nur faul herumliegt (etwa unterm Kopfkissen), schrumpft ja auch heute schon — das nennt sich Inflation. Bringt man es zur Bank, ist es nicht mehr faul, sondern wird von der Bank an andere weiterverliehen, die dann irgendwas damit machen. Nur deshalb kann es, mit Glück, Zinsen tragen und scheinbar „von sich aus“ mehr werden. Heute gehen die Zinsen, die man da kriegen kann, allerdings in den wenigsten Fällen über die Inflationsrate hinaus.
  3. Wer sein Geld tatsächlich vermehren will, kann es heute nicht mehr einfach zur Bank tragen, sondern muss ein deutliches unternehmerisches Risiko eingehen — sei’s durch Kauf von Aktien, anderen Formen von Unternehmensbeteiligungen, durch Spekulation auf künftige Preisentwicklungen (die dann eintreten können oder nicht) oder durch Kauf von „riskanten“ Anleihen (mit höherem Bankrottrisiko). Das hat die Weltwirtschaft zwar volatiler gemacht, aber wohl kaum besser oder gerechter.

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